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Katja Kullmann


Satzgranaten & Gerüchte

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    • Küti: nicht dass es hier korinthenkackerei ausartet, aber wie die dame höchstselbst bei amtsantritt des gatten verkündete, wolle die familie gar nicht ins...
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    • ulrike fischer: ach kullmann, diese ganze rücktreterei ist so was von verlogen! können die jungs keinen glanz mehr ernten, wandern sie ab. in die wirtschaft,...
  • December 2009


    Katastrophe

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    ♫ The Silver Fleet: Look out world

    Das Schlimmstmögliche, das in der Webseitenbetreiberinnenwelt geschehen kann, ist eingetreten: Bei einem Routine-System-Update von Level X auf  Y sind so gut wie alle Daten verloren gegangen, gestalterische Details  inklusive. Alle Verlinkungen, Kommentare und mein millionenschwerer Klick-Konto-Stand: futsch! Ausgerechnet jetzt, da so viele andere Angelegenheiten meine Tage ausfüllen und ich für Reparaturarbeiten keine Zeit habe, ausgerechnet jetzt schmiert meine digitale Nebenexistenz ab – obschon ich sie für komplett etabliert hielt. Ausgerechnet jetzt, da die Bloggerin des Jahres gewählt wird, ausgerechnet jetzt sieht mein Internetgarten aus wie eine halbangefrorene Pfütze. Und nichts steht drin! (Weitere lauwarme Betrachtungen zu dieser Universalkatastrophe lesen Sie hier.) Was ich erst seit knapp zwei Wochen weiß: Für die Initialen “KK” gibt es einen eigenen Wikipediaeintrag. Eine sehr begabte Person gab mir den Tipp. So musste ich dort lesen: “KK” steht unter anderem für Kaltlichtkathode, Kampfkraft und Kartoffelkanone, für Kernkraft, Kreditkarte und Korvettenkapitän, außerdem für den Kreis Kempen-Krefeld, alle Arten von Kleinkalibern und: die Konnektivitätskoordination. Ha! Wir sehen uns 2010.

    Euphorie im Alltag | Stichworte: Alltag, Computer, Katastrophen, Sisyphus, Technik, Verzweiflung

    Singles, Schweiß und Pirouetten

    Erschienen 2009 im ROLLING STONE

    northernsoulMit dem Soul ist es einfach: Entweder man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Der Soul heult und jubelt, ohne Rücksicht auf Verluste, er verhandelt Gefühle, ganz ohne Tarnung, ganz ohne Ironie. Motown ist für die meisten die Einstiegsdroge. So auch für mich: Herbst 1990, ich bin nach England gereist, zum „2nd Magic of Motown and Northern Soul Weekender“ in Great Yarmouth, einer Kleinstadt im mittleren Osten Englands, ein Wuppertal am Meer, das Festivalgelände liegt in einem Campingpark für die Mitarbeiter des Autokonzerns Vauxhall. Ringsum sehe ich kahl rasierte, polternde britische Männer in Trainingsjacken, Verkaufsstände mit Platten, der Geruch von Fish&Chips hängt in der Luft.

    Punkt 22 Uhr geht in der Bingohalle kurz das Licht aus, für zwei Sekunden, dann flackert es wieder auf, die ersten Töne von Smokey Robinsons „Tears of a Clown“ erklingen – und Dutzende Menschen strömen auf einen Schlag von allen Seiten aufs Tanzparkett, als ob es eine Abmachung gegeben, als ob die das einstudiert hätten. Die grobschlächtigen Engländer tanzen, wie ich noch nie Leute tanzen sah, alle in ähnlichem Rhythmus, wiegend, gleitend, elegant, leicht, machen Ausfallschritte, holen Schwung mit den Armen, drehen sich präzise wie Eiskunstläufer, die Oberkörper aufrecht, aber die Beine, was die Beine machen, das ist der helle Wahnsinn.

    Man kann es nicht deutlich genug sagen: Northern Soul ist eine Subkultur, deren Musik zwar aus den USA kommt, die im Kern aber zutiefst britisch ist. Fred Perry-Shirts, Sporttaschen, Schweißbänder, die erhobene linke Arbeiterfaust als Zugehörigkeits-Emblem („badge“), bequeme Schuhe, klare Regeln fürs Benehmen auf dem Tanzboden, ein ausgefeiltes Plattensammel- und Listenwesen und nicht zuletzt die altehrwürdige Idee des „Respekts“ für einzelne DJ- oder Tänzerleistungen: All dies ist tief im Working Class-Duktus verwurzelt.

    Schon beim Begriff „Northern“ fängt es mit den Briten an. Der Gedanke liegt nahe, das „Northern“ diene als Abgrenzung zum „Southern Soul“ und beziehe sich auf den Produktionsstandort innerhalb der USA: Da sind auf der einen Seite die „Stax-“, „Hi“- und „Goldwax“-Labels aus Memphis/Tennessee, mit Künstlern wie Otis Redding, James Carr oder Anne Peebles, deren Musik oft einen Hauch Schwermut enthält, alles ein Tick langsamer, dem Gospel nah –auf der anderen Seite der schnelle, verspielte, gut tanzbare Soul aus den urbanen Zentren im Norden der USA, etwa Philadelphia oder Detroit.

    Erfunden und geprägt hat den „Northern“-Begriff jedoch der britische Musikjournalist Dave Godin, und was er damit 1970 erstmals beschrieb, war die Kluft zwischen der überkandidelten Metropolen-Szene in London und der raueren Jugendkultur im industriell geprägten Norden Englands. Schon in den 60er Jahren hatten die Mods den Soul aus Amerika gehört. Doch mit der dekadenten Ära des Swinging London zerfaserte die Hauptstadtszene zusehends. Während die hippe Londoner Psychedelic-Fraktion ihr langes Haar nun zu Artrock wehen ließen, entdeckten die frühen Skinheads den Reggae; derweil schüttelte man in den Vorläufern der 70s-Diskotheken zu blutleer durchproduziertem Funk sein „Ding“.

    Die Industriekinder im Norden folgten einem anderen Rhythmus. Nach dem werktäglichen Stahlbad in den Auto- und Werftfabriken wollten sie am Wochenende vor allen Dingen eins: tanzen, schwitzen, vielleicht die Leichtigkeit des eigenen Körpers spüren, wegfliegen. Die treibenden Beats aus Berry Gordy’s „Motown“-Schmiede und von zahlreiche kleineren, unbekannten Labels trafen auf den jugendlichen Hunger nach Bewegung. Godin, der Journalist, sah damals im „Twisted Wheel“-Club in Manchester junge Männer in sportlicher Kleidung, die auf der Musik zu segeln schienen. Begeistert nannte er es „Northern Soul“, gründete die Tamla-Motown-Appreciation-Society und stiftete der Bewegung ihre Selbst-Definition. Noch heute lautet ein geflügeltes Wort in der Szene: „In Godin we trust“.

    George Orwell hatte in seinem dokumentarischen Roman „Road to Wigan Pier“ schon 1937 den Großraum Manchester als Höllenheimat des Proletariats beschrieben, und ausgerechnet dort lag in den 70er Jahren einer der wichtigsten Northern Soul-Clubs aller Zeiten: das Wigan Casino. Szene-Anhängern ist der 1981 geschlossene Ballsaal eine Legende wie anderen das Studio 54 in New York. Auch im „Mekka“ in Blackpool und im „Golden Torch“ in Turnstall fanden damals erste Allnighter und Weekender statt, die partytechnischen Vorläufer der 25 Jahre später erblühenden „Rave“-Euphorie rund um den Club „Hacienda“ in Manchester: ein eigenwilliger, ekstatischer Ausgehkodex jenseits der Weltstadt London. Trendige oder gar teure Kleidung spielt dabei keine Rolle, es ging und geht ums Wohlfühlen, den „Loose fit“, das uneitel lässige Dabeisein, eine robuste Euphorie.

    Nie war die Northern Soul-Bewegung eine Oldie-Kultur, in dem Sinn, dass stets die dieselben alten Lieder aufgelegt wurden. Im Gegenteil: Nach seltenen Schallplatten auch kleiner Labels zu forschen, nach Vinyl-Raritäten wie nach Schätzen zu graben, hält die Szene bis heute lebendig. Nicht von ungefähr heißt einer der frühen bedeutenden Vertriebe für wiederveröffentlichte Soul-Raritäten „Goldmine“. Auch das 1982 gegründete „Kent“-Label wurde schnell zu einer wichtigen Bezugsquelle für Wiederauflagen seltener Stücke, so genannter Re-Issues. Szene-Insider schätzen das Potenzial des Genres auf rund 35.000 Songs.

    Auch wenn einzelne, besonders gesuchte Scheiben mehrere Hundert oder gar Tausend Euro kosten: Für wahre Liebhaber kommen nur die Original-Singles in Frage, erst Recht beim Auflegen. Zu den international bekanntesten einheimischen DJs und Sammlern zählen Marc Forrest aus Berlin, der seit bald 20 Jahren zum Hip City Soul Club ins Hinterzimmer eines Hauptstadt-Pubs lädt, und Jörg Brenner aus München, der bis in die USA gebucht wird und einen kleinen Vinyl-Handel betreibt. „Es ist eine Frage des Stils und letztlich auch ein Ehrenkodex“, erklärt Brenner die Sache mit dem Vinyl. Altgediente DJs hätten die Musik in jahrelanger Arbeit zusammengetragen und anderen überhaupt erst zugänglich gemacht. „Klar kann man sich vieles heute auch in zwei Minuten als mp3 herunterladen. Die echten Soul-Fans zollen dem DJ und seiner Plattensammlung aber immer noch Respekt, die wissen, wo das alles herkommt.“ In der Tat ist es ein herrlich altmodischer Brauch in der Szene, dass die DJs einen besonders raren Song anmoderieren. Und wenn es eine gelungene Wahl war, bedanken sich die Tänzer schon mal mit Applaus. Bevor sie sich den Schweiß von der Stirn wischen, den Hosenbund hochziehen und sich weiter drehen und drehen und drehen.

    Das Ressort Jugendkultur (3) | Stichworte: Berry Gordy, Fred Perry, George Orwell, Goldmine, Goldwax, Großbritannien, Hip City Soul Club, Jugendkultur, Klassen, Motown, Northern Soul, Proletarier, Psychedelia, Sixties, Skinheads, Smokey Robinson, Soul, STAX, Subkulturen, Swinging London, Tanzen, USA, Wigan Casino

    Botox a go-go

    Erschienen in EMMA, 2008

    Brazil Plastic Surgery QueenPo-Backen aus Plastik, Botox im Abo, Beine brechen in Russland. Katja Kullmann hat sich in der Beauty-Branche umgesehen und stellt fest: Nie war so viel Selbst-Ekel wie heute.

    Berlin, Frühling 2008: Die Sonne scheint, die Frisur sitzt. Und die Brüste – sitzen die auch? Hüpfen sie beim Gehen sportlich wie Cheerleader-Pompons auf und ab – oder baumeln sie doch eher schlapp unter dem formlosen T-Shirt? Was ist mit den Augenlidern? Schlupfen die etwa? Sind die Pobacken stramm, die Hüften schmal, die Oberschenkel fest genug? Ein flüchtiger Blick auf das eigene Spiegelbild in einem Sonnen beschienenen Schaufenster – und die bange Frage: “Will ich so bleiben wie ich bin?”

    “Botox to go”, schreit es den Passanten in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms entgegen. Der Werbeslogan klebt in übergroßen Lettern an der Schaufensterfront eines Hightech-Kosmetiksalons. Zwischen Designer-Boutiquen und einer Filiale der Parfümerie Douglas, unweit des Salons von Prominenten-Friseur Udo Walz, bietet der Oberflächen-Dienstleister “Shape & Beauty” (zu Deutsch: “Form und Schönheit”) die Giftspritze im Vorbeigehen an. Sogar ein Botox- Abonnement ist zu haben: “Unsere Flatrate gegen Falten” verspricht ein Jahr lang die Behandlung mit dem Botox-Präparat Vistabel, “so oft Sie wollen”, und das für sagenhaft günstige 600 Euro.

    Rund fünf Jahre nachdem das Nervengift in Deutschland auf den Markt kam, wird es nun also wie ein Latte Macchiato im take away-Service angeboten, quasi für die kleine Pause vom Shoppingbummel, zwischen Pumps-Anprobe und Handtaschen-Vergleich. Brancheninternen Schätzungen zufolge wird bundesweit rund 15.000 Mal im Jahr Botox gespritzt. Der Shape & Beauty-Shop ist eine publikumsnahe Filiale der Potsdamer Privatklinik Sanssouci, als beratender Experte fungiert der medienbekannte Arzt Dr. Michael Krüger. Auch Laserbehandlungen und andere unblutige, so genannte minimal-invasive Eingriffe sind bei Shape&Beauty buchbar. Und wenn die frisch aufgepumpten Schlauchbootlippen später den Latte-Genuss in einer der umliegenden Kaffeebars behindern, muss der Milchschaum eben durch einen Strohhalm geschlürft werden.

    Zugegeben, der Witz über die Schlauchbootlippen ist nicht mehr taufrisch, könnte mal ein Lifting vertragen, auch wenn er doch immer wieder zieht. Zwei Sommer ist es her, dass Chiara Ohoven, die Tochter von Unesco-Botschafterin Ute Ohoven, mit ihrem ästhetischen Faux-pas durch die Boulevardpresse geisterte. Von einem Fernsehteam auf ihren markant angeschwollenen Labialbereich angesprochen, antwortete die ewig Um-die-20-Jährige, sie habe da nichts machen lassen – nur die Haare etwas aufgehellt, und der neue Haarton wirke sich auch auf ihren Gesichtausdruck aus. Armes Blondie. Ein Leben lang wird Chiara O. das Mädchen mit der dicken Lippe bleiben, gleich welche Charity-Leistungen sie noch erbringen mag. Eindringlich hat sich mit ihr das Zerrbild künstlicher Körper-Gestaltung ins öffentliche Bewusstsein eingegraben, als Karikatur einer verzweifelt überhöhten F***-mich-Ästhetik.

    Und doch ist die Sache mittlerweile nicht mehr gar so witzig, und längst kein reines Prominentenproblem mehr. In Deutschland geht die Angst um, und sie nimmt stetig zu. Angst, dem Standard nicht zu entsprechen, dem Image-Druck nicht zu genügen. Ein Rechercheblick über die aktuelle Markt- und Meinungslage zum Thema “Beauty” führt unweigerlich zum Eindruck: So viel Selbsthass war nie. Die Zahl so genannter Schönheits-Operationen hat sich binnen der vergangenen zehn Jahre beinahe verfünffacht. Zählte die Branche Mitte der Neunziger Jahre noch rund 150.000 “Beauty”-relevante Eingriffe jährlich, so wird mittlerweile rund 700.000 Mal im Jahr geschnippelt, geraspelt, gehobelt, gesaugt und wieder zugenäht.

    Etwa eine Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für Eingriffe und Behandlungen aus, die über das gewöhnliche Mimikry mit Schminke und Haarspray hinausgehen, heißt es in der ersten umfassenden staatlichen zum Thema, die das Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft vorgelegt hat. Als typische Berufsgruppen weiblicher Patientinnen werden etwa “Verkäuferin”, “Regierungsbeamtin” und “Psychologin” genannt, bei den Männern “Journalist”, “Elektriker” und “Versicherungskaufmann”. Es zeigt sich: Der Selbst-Ekel zieht sich, unabhängig von Einkommen und Bildung, durch alle Schichten.

    Eine Beauty-Studie, ausgerechnet aus dem Landwirtschaftsressort? Die Quelle mag verwundern, verweist aber anschaulich auf die rechtliche Grauzone, in der sich die Schönheits-Chirurgie noch immer bewegt. Trotz massiv steigender Kundenzahlen ist bislang weitgehend ungeklärt, ob die Behandelten als Patientinnen oder Verbraucherinnen zu sehen sind, ob es sich um medizinische oder rein kosmetische Dienstleistungen handelt. Spätestens bei Behandlungsfehlern ist dies von Bedeutung, es kommt darauf an, wer für Schäden an Leib und Leben haftet, nach welchen Maßgaben und in welchem Umfang. Ist ein Patientenanwalt der richtige Ansprechpartner? Oder doch eher die Stiftung Warentest? Besonders gefährlich ist die Absaugung von Körperfett, die so genannte Liposuktion. Internationalen Studien zufolge kommen zwei bis 20 Todesfälle auf je 100.000 Fettabsaugungen. In einer Entscheidung des Berliner Kammergerichts aus dem Jahr 2007 heißt es, dass “der Begriff ‘plastischästhetische Chirurgie’ zwar zu dem gewerblichen Bereich bloßer Schönheitschirurgie tendiert”, dass aber “eine Abgrenzung zur medizinisch indizierten ‘Wiederherstellungschirurgie’ nicht hinreichend deutlich” wird. Anders ausgedrückt: Der Titel “Schönheitschirurg” ist nicht geschützt, auch Zahnärzte können per Wochenend-Fortbildung zum Fett-Absauger oder Nasenhöckerzertrümmerer werden.

    Eine Handvoll Vereinigungen und Gesellschaften nehmen für sich in Anspruch, im Namen ihrer Zunft zu sprechen, etwa die Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen (DGPRÄC) und die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Fast ebenso viel Publicity erfährt aber auch der umstrittene Deutsche Ärzte Service (DÄS), der im Internet brachial mit Dumping-Preisen wirbt: Dank Mengenrabatten beim Einkauf von Implantaten seien Brustvergrößerungen zum halben Tarif möglich, kosteten statt der üblichen rund 6000 nur knapp 3000 Euro, heißt es da. Die konkurrierenden Chirurgen-Verbände beklagen hier eine “Aldisierung” des Marktes und haben, nach Angaben aus dem Bundesamt für Verbraucherfragen, die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs eingeschaltet. Für die Kundin ergibt sich aus all dem ein einziges Wirrwarr. An welches Gütesiegel soll sie sich halten? Im Zweifelsfall soll es natürlich auch günstig sein.

    “Ich habe schon einige Jahre über die Veränderung meines Körpers durch einen chirurgischen Eingriff nachgedacht und war auch fest entschlossen dieses zu tun, wenn ich einmal das Geld dafür habe. Sogar mein Verlobter wollte in absehbarer Zeit einen Kredit aufnehmen um mir solch eine Veränderung zu ermöglichen”, schreibt Patientin Felicitas D. an die private Schönheits-Klinik Dr. Kozlowski in München. Auf der Klinik-Homepage sind gut ein Dutzend solcher Dankesschreiben an Kozlowski nachzulesen, der in der märchenhaft klingenden Frau-Holle-Straße operiert, und der Herr Doktor kommentiert die Begeisterung seiner Schäfchen mit den warmen Worten: “Viele, viele Hunderte von Dankschreiben bereichern das Leben eines jeden Chirurgen.”

    Damit auch das weniger gut verdienende Schäfchen sich einen solchen Service erlauben kann, ist inzwischen ein ganzer Sekundärmarkt an Finanzdienstleistern entstanden – Kreditinstitute, die sich auf die Vergabe von Schönheits-Vorschüssen spezialisiert haben. Im Fachblatt “Beauty News” lesen sich einschlägige Werbeanzeigen etwa so: “Wir machen Schönheit bezahlbar. (Mit uns) können Sie jede Behandlung schon ab 99 / mtl. finanzieren. Bei einer Laufzeit von 72 Monaten, einem eff. Jahreszins von 9,9% und Behandlungskosten von ca. 5900 Euro.”

    Mitten in das Haftungs- und Finanzierungs-Wirrwarr hinein hat die Regierungskoalition aus SPD und CDU unlängst einen Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht, nach dem Schönheits-Operationen zumindest an Minderjährigen verboten werden sollen. “Wir möchten Jugendliche auch vor dem Gruppendruck schützen”, sagte Gesundheitssekretärin Marion Caspers-Merck (SPD). Der Kinder- und Jugendärzteverband (BVKJ) schloss sogleich die Forderung an, auch Piercings und Tätowierungen bei Jugendlichen zu verbieten, während die beiden einflussreichsten Chirurgen-Verbände darauf hinwiesen, dass Eingriffe bei Jugendlichen in “verschwindend geringer” Fallzahl aufträten. Je nach Schätzung, auch aus der Bundesbehörde, machen Minderjährige tatsächlich höchstens zehn Prozent der Behandelten aus, zudem handelt es sich bei den meisten Eingriffen lediglich um das Anlegen abstehender Ohren, was, wegen des anerkannten psychischen Leidensdrucks, überwiegend medizinisch indiziert ist. In der Studie des Bundesverbraucheramts heißt es explizit: “Es ist kein Trend zu einer sich ausweitenden Inanspruchnahme von ästhetischen Operationen bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu erkennen.”

    So ist der Gesetzesentwurf der Regierungsfraktionen vor allem als ethisch-moralischer Vorstoß zu werten – und die Fokussierung auf Jugendliche als (potenzielle) Opfer ist dabei besonders medienwirksam. Immerhin hat eine Repräsentativerhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2006 ergeben, dass fast zehn Prozent der Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren der Aussage zustimmen: “Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich eine Schönheitsoperation machen lassen.” Der aktuelle Gesetzesvorstoß bezieht sich unter anderem auf ebendiese Zahl, überhöht zwar die Faktenlage, verweist aber markant auf ein gesellschaftliches Dilemma, das weit tiefer liegt als die Risiken, die vom Skalpell als solchem ausgehen: Die Standardisierung des Menschen schreitet voran, trotz allen Individualisierungs-Gefasels der spätkapitalistischen Optimierungs-Gesellschaft, und so wie, nach einschlägigem Politik-Jargon, “die Lebensrisiken privatisiert” werden, so nimmt auch die Entfremdung von aller authentischer Körperlichkeit zu. Rund 17 Prozent der Befragten zeigten bedenkliche Tendenzen zu einer psychologisch auffälligen Körperbildstörung, Tendenz steigend, heißt es in der Bundesstudie. Die Menschen sind traurig und verwirrt, und die Entwicklung zum Baukasten-Body ist offenbar längst nicht mehr aufzuhalten.

    Frauen, es dürfte kaum jemanden verwundern, stehen im Zentrum dieses Sogs. Was den Schönheitsdruck angeht, gilt noch ganz die klassische Geschlechterverteilung. Der Männeranteil liege konstant bei lediglich rund zwölf Prozent. Die auffälligste, weil eifrigste Patientinnengruppe sind demnach Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, und der am häufigsten nachgefragte Eingriff bleibt die Brustvergrößerung. Da Brust-Implantate höchstens 15 Jahre lang halten, was sie versprechen, müssten diese Frauen über kurz oder lang zur Nachbehandlung antreten und begännen somit eine absehbare lebenslange “Operationskarriere”, heißt es. Andere Quellen verzeichnen eine zunehmende Beliebtheit von Po-Aufpolsterungen mit Plastikkissen sowie eine erhöhte Nachfrage an – man möchte es sich nicht näher vorstellen – so genannter Schamlippenstraffung.

    Notfalls lässt man sich kostengünstig im Ausland behandeln. Der Beauty-Tourismus ist, neben dem Beauty-Kreditwesen, der am meisten florierende Sekundärmarkt der Branche, und der neueste Trend in diesem Segment heißt: Beine brechen lassen in Russland. Im sibirischen Kurgan zertrümmern Experten jährlich Hunderten junger Russinnen die Beine, auf dass die Unterschenkel verlängert wieder zusammenwachsen und die Kundin nachher bis zu fünfzehn Zentimeter größer ist als vorher. Seit der Öffnung Russlands steigt auch die Zahl westlicher Patientinnen, und mehrere deutsche Medien haben bereits mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken über die “Beine aus Kurgan” berichtet.

    Entwickelt wurde die martialische Methode vor einem halben Jahrhundert vom sibirischen Orthopäden Gavril Ilizarov. Demnach wird nach dem Beinbruch eine Metallkonstruktion aus Drähten, Schrauben und Schienen um die geschundene Extremität geschnallt. Dies soll verhindern, dass sich der Knochenspalt zu schnell schließt, so dass der Körper neue Knochenmasse produziert, die die entstandene, über Monate absichtlich immer wieder vergrößerte Lücke ausfüllt, auf dass die Patientin möglichst zur Modelhöhe aufschießt. Etwa 200 Tage Schmerzen seien, neben mehreren tausend Dollar, der Preis für diesen Eingriff, sagen die russischen Doktoren. Wer glaubt, dass solch ein mittelalterlich anmutender Horror nur im eiskalten Sibirien möglich ist, der irrt. Mittlerweile bietet auch das Zentrum für korrigierende und rekonstruktive Extremitäten-Chirurgie in München gebrochene Haxen auf freiwilliger Basis an. Rund 100.000 Euro schlügen für einen solchen Eingriff zu Buche, gab der ausführende Professor Dr. Rainer Baumgart dem STERN zu Protokoll. Bislang seien es aber nur “sehr wenige” der jährlich rund 100 Münchner Patienten, die sich ihre Beine aus rein kosmetischen Zwecken zertrümmern ließen.

    Von der künstlichen “Erzeugung von Bedürfnissen, Erwartungen und Nichtbefriedigungen” in der Schönheitsindustrie sprach der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) vorausschauend schon vor zwanzig Jahren. “Verkäufer von Diäterzeugnissen, Ärzte und Ernährungswissenschaftler, die kraft wissenschaftlicher Autorität ihre Definition von Normalität durchsetzen, Couturiers, die den unmöglichen Körpermaßen von Mannequins die Weihe des guten Geschmacks verleihen, Werbefachleute, die in den neuen Formen des Umgangs mit dem Körper Gelegenheit zu mannigfachen Ermahnungen sehen (’kontrollieren sie ihr Gewicht!’, etc.), Journalisten, die in einschlägigen Frauenzeitschriften und Magazinen für Jungmanager ihre eigene Lebensform exponieren und zur Geltung bringen“ – sie alle trügen dazu bei, “neue Formen des Umgangs mit dem Körper zur Norm zu erheben.” Der TV-erprobte Schönheits-Chirurg Dr. Afschim Fatemi und seine Kollegen von den S-Thetic-Kliniken in Düsseldorf, Hamburg, Unna und München, veranstalten auf der dazugehörigen Webseite ganz unverhohlen ein Patientinnen-Casting: “Bei uns bietet sich Ihnen die Möglichkeit in einer Magazin- oder Reportagesendung über Ihre Beweggründe zu einer Schönheitsoperation zu sprechen. (Es) werden immer wieder Patienten gesucht, die bereit sind, ihre OP von einem Kamerateam begleiten zulassen.”

    Auch der amerikanische Stylist Bruce Darnell, bekannt als Jury-Mitglied aus der Casting-Show “Germanys Next Top Model”, ist ein Vertreter der sich selbst generierenden Lifestyle-Zunft. In diesem Frühjahr verhalf Darnell in seiner Typ-Beratungs-Sendung “Bruce” im ARD-Vorabendprogramm Kandidatinnen vom “Vorher” zum “Nachher”. Der Sender beschreibt das Konzept wie folgt: “Als Moderator einer eigenen Show bekommt Bruce Darnell die Gelegenheit, seine Vorstellung von Selbstbewusstsein, Ausstrahlung und Authentizität den Kandidatinnen und Kandidaten in seiner Sendung nahe zu bringen.” Bruces “Vorstellungen” treffen also auf die Durchschnittsnachbarin von nebenan, und so wird aus der unscheinbaren “Raupe” Madeleine, 30, Kurierfahrerin, flugs ein “schöner Schmetterling”, während Stefanie, 40, einige Folgen später die Metamorphose von der “Bäuerin zur Ballkönigin” druchläuft – mit fast demselben Haarschnitt, den zuvor Madeleine verpasst bekam.

    Unterdessen wagt sich auf so genannten Kennenlern-Portalen im Internet wie Facebook, Myspace, Parship kaum noch ein User mit unbearbeiteten Privatfotos in die Öffentlichkeit. “Photoshop” heißt das Zauberwort, ein Softwareprogramm, mit dem sich der Teint aufhellen, die Falten und Augenringe wegretuschieren lassen. Obwohl alle wissen, dass Fotografie heute mit “Dokumentation” praktisch nichts mehr zu tun hat, obwohl alle wissen, dass die Bilder, erst Recht in der Mode- und Werbefotografie, durchweg bearbeitet, geschönt, computerisiert sind, obwohl oder weil also jeder weiß, dass jedes Bild eine Lüge ist, kann niemand sich diesem Sog entziehen, so scheint es.

    Längst hat eine Digitalisierung der Wahrnehmung eingesetzt, unter der das reale Leben, der reale Körper nur noch als minderwertig empfunden werden kann. Im Online-Magazin Technology Review beschreibt der Schriftsteller Peter Glaser in seiner Kolumne “Verriss des Monats” ein amerikanisches Computerprogramm namens “LiftMagic”: Die Benutzerin kann ihr eigenes Konterfeit einscannen und vom Computer eine Vorschau, im Internet-Jargon “Preview” genannt, erstellen lassen, wie sie nach einem Schönheits-Eingriff aussehen könnte. “Software, Software an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?”, fragt Glaser voller Grusel sich und seine Leser.

    Derweil stellt “Tatort”-Kommissarin Maria Furtwängler in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ihrem Publikum eine ganz andere Frage: “Operieren – warum nicht?” Gerade hat die 41-Jährige einen Werbevertrag mit einem Kosmetikkonzern unterschrieben, und aus diesem Grund, und auch weil Schauspielerinnen einem besonders hohen Attraktivitätsdruck unterliegen, ist es schlicht naheliegend, wenn Furtwängler Sätze wie diesen sagt: “Wenn man Tränensäcke hat, dann finde ich das hochgradig legitim und gut.” So ist es nun mal: Die Frau hat nicht nur Tränensäcke, sondern auch einen Marktwert zu verlieren. Wie wir alle.

    Nach vorne mag man da eigentlich kaum noch schauen, nicht in eine Zukunft, in der die Tränensäcke naturgemäß tatsä¤chlich sackiger werden, die Implantate renovierungsbedürftig und in der womöglich auch die Schamlippen noch an Spannkraft verlieren. Wer den Zukunftsblick dennoch wagt, der sieht einige neue Züge im Schönheits-Terror sich abzeichnen. Eine vorsichtige Prognose könnte lauten: Skalpell ist out, Tinktur ist in. Von der Milliarde Euro, die die Bundesbüger jährlich für forcierte Schönheitsmaßnahmen ausgeben, entfallen bislang nur 30 Prozent auf so genannte Anti-Aging-Produkte, auf Kosmetika, die mit allerlei Wirkstoffen über den dekorativen oder bloß pflegenden Faktor hinausgehen. In der Studie heißt es: “noch”. Zaghaft deutet sich ein Umschwingen weg vom blutigen OP-Geschäft, hin zu schonenderen und appetitlicheren Bio- und Chemo-Tech-Verfahren an. Offenbar reagiert die Branche damit auch auf ein Image-Problem.

    Patientinnen wie die anfangs genannte Chiara O. sind Teil dieses Image-Problems. Auch Victoria Beckham und US-Schauspielerin Lindsay Lohan machen den Doktoren Sorgen. Denn: Man sieht den Damen die Bearbeitung zu deutlich an. Boulevard-Bläter wie GALA oder OK machen sich längst einen Spaß daraus, mit dem Finger -  graphisch häufig als roter Pfeil auf einem Paparazo-Foto dargestellt – auf missglückte oder übertriebene Eingriffe zu deuten. “Seht mal, wie dellenhaft der Bauch von Courtney Love geliftet wurde!”

    Spontan mag sich bei der Leserin Schadenfreude einstellen, vielleicht ein sekundenlanger Trost, dass die da oben auf nur mit Wasser kochen. Aufklärung oder gar eine Absage an die Künstlichkeit ist jedoch weder Absicht, noch Effekt solch hämischer Berichte. Letztlich bedeutet diese Art von Denunziation nichts anderes als die Bestätigung des eigentlichen Standards – und der lautet: Es muss gut gemacht sein, darf aber nicht “gemacht” aussehen.

    Und so experimentiert die Beauty-Zunft zunehmend mit neuen, vermeintlich schonenderen Materialien wie Gold, Goretex und Polymilchsäuren, Falten werden seltener weg-geliftet sondern mit Wirkstoffen wie Kollagen oder Eigenfett aufgepolstert, und besonders en vogue ist der zeit das Thermo-Lifting, bei dem Radiofrequenzen die angeknitterter Haut mit “Tiefenwärme” versorgen und dessen Wirkung sich schleichend, erst mehrere Monate nach der Behandlung zeigt. Selbst in einfachen Drogeriemäkten sind heute High-Tech-Gels mit Kaviar-Extrakten oder Hyaluronsäure zu haben, Wirkstoffe, die vor kurzem nur den Experten zur Verfügung standen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Botox für den Hausgebrauch gibt.

    Ein ästhetisches Paradoxon vollzieht sich unterdessen am Rand des gesellschaftlichen Mainstreams, in der Subkultur des Porno-Geschäfts. Immer stärker wird die Nachfrage nach verwackelten Heimaufnahmen mit Schlüssellocheffekt, am besten mit Laien-Darstellern produziert, die eben nicht aussehen wie aus dem Labor gezüchtet. Und in den einschlägigen 0190-Werbespots im Nachtprogramm von Männerkanälen wie DSF oder Eurosport machen “normale Nachbarinnen”, “erfahrene Frauen über 40″ und “geile Omas” den “willigen Studentinnen” zunehmend Konkurrenz.

    Nicht, dass darin im Grundsatz ein Fortschritt läge. Aber es scheint so, als ob beim Porno-Konsumenten, wenn wir ihn für einen Moment ausnahmsweise einmal ganz emotionslos und unvoreingenommen als forciert glotzenden Rand-Akteur der Gesellschaft betrachten, als Zeitgenosse mit stark verengtem Gesichtsfeld, als routinierten Voyeur des Fleisches, wenn wir uns einmal seinen zugespitzten Tunnelblick für einen Moment ausborgen, als ob bei diesem speziellen Typus Mitbürger eine gewisse Sattheit eingesetzt hat, eine gewaltige Langeweile – als ob er, der aufs Glotzen spezialisiert ist, “pralle Titten” und â”dicke Lippen” einfach nicht mehr sehen kann – als ob er ihnen nicht mehr glaubt.

    Eine Gesellschaft verhandelt über “Schönheit”. Leistungsdruck und Optimierungs-Glaube schwirren durch die Seelen, Fantasien von “Individualität” korrelieren mit Standardisierungs-Wahn, Moral und Denunziation gehen Hand in Hand. Frühling 2008 in Deutschland – halten wir fest: Das eigene Gesicht ist stets zu hässlich, das Höchstmaß an Unfreiheit so gut wie erreicht.

    Das Foto stammt von AP und zeigt die brasilianische Samba-Tänzerin Angela Bismarchi, die bislang 41 Schönheits-Eingriffe an sich hat vornehmen lassen.

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