Altona zum Anfassen (1)
Knapp elf Monate wohne ich nun in Hamburg-Altona, genauer gesagt im umstrittenen Ortsteil Ottensen, und bereits zum dritten Mal werde ich als Staatsbürgerin zur örtlichen Urne gerufen. Da war die Bundestagswahl im vergangenen September; ich habe mich beteiligt und verloren. Dann ging es um die Abholzung eines bestimmten Waldstücks, doch nämliche Abstimmung habe ich wegen verstärkter Reisetätigkeit verpasst. Nun ein weiterer Bürgerentscheid: für oder gegen den Abriss des so genannten Frappant-Gebäudes in der Großen Bergstraße, downtown Altona – und vor allem: für oder gegen den damit vermutlich verbundenen Neubau eines IKEA-Kaufhauses an der selben Stelle. Auf dem Informationsfaltblatt, das zeitgleich mit den amtlichen Abstimmungsunterlagen in den Briefkästen lag und das in den IKEA-Farben Schweden-Blau und Schweden-Gelb gehalten ist, gibt die gegnerische Bürgerinitiative eine Entscheidungshilfe: „IKEA in Altona. Ja oder NEIN“, steht da. (Sie können es oben auf dem Foto sehen.) Und innen drin zehn Thesen beziehungsweise Hintergrundinformationen: Warum das IKEA dem Altona nicht bekommen werde. Die Befürworter des IKEA-Neubaus hingegen behaupten, dass etwa die Hälfte jener Hintergrundinformationen nicht ganz der Wahrheit entspreche.
Als (noch Neu-)Altonaerin bin ich nun also aufgerufen zu entscheiden: Das alte Frappant-Gebäude bewahren, einen Kaufhausbau aus dem Jahre 1973, in dem einige sympathische Künstler(innen) seit einer Weile arbeiten, ausstellen und gelegentlich alkoholische Getränke ausschenken? Oder den zugigen Klotz abreißen und einen nagelneuen Sweden-Design-Store da hinstellen? Die Straße, in der jener Abstimmungs-Showdown ansteht, die Große Bergstraße, ist eine heruntergewirtschaftete, teils verwaiste Fußgängerzoneneinkaufsmeile. Man müsste sich die Frankfurter Zeil oder die Kölner Schildergasse nach gerüttelt 33 Jahren Wirtschaftskrise vorstellen: So in etwa ist es dort. Der Teil Altonas, in dem die Große Bergstraße liegt, gilt als „Arme Leute-Viertel“. Ottensen, die gegenüberliegende Altonaer Ecke, in der ich wohne, wird hingegen meist guten Gewissens als Fieberherd des Hamburger “Gentrifizierungs-” bzw. “Yuppisierungszugs” beschrieben. (Veddel und Wilhelmsburg im Osten der Stadt stehen als nächstes auf der Liste, so weit ich weiß.) „Gentrifizierung“ und „Yuppisierung“ wiederum sind Begriffe, mit denen ich mich unendlich gern beschäftige. Und vielleicht sollte ich nun einmal ganz, ganz deutlich anmerken: Die „Gentrifzierungsdebatte“ verfolge ich höchst parteilos, zu 100% neutral, zumal in Hamburg, zumal ich hier ja wirklich noch verhältnismäßig neu bin. Die Debatte an sich ist so überaus aufschlussreich – wie sie geführt wird, wer wie oft spricht und worüber -, dass ich vor lauter Mitschreiben einfach nicht dazu komme, mich grundsätzlich, eindeutig und für immer auf eine Seite zu schlagen. Künstler finden die meisten sympathisch, so viel ist klar. Kapitalisten kommen hingegen nicht so gut an. So verbreiten es jedenfalls die Apparate der Aufmerksamkeitsökonomie, etwa der SPIEGEL, der in seiner aktuellen Print-Ausgabe ausführlich über die Hamburger Lage berichtet. Der optimistisch stimmende Ausgang der Gängeviertel-Besetzung, die Stadtmarketing-Kampagne Marke Hamburg und der breite Protest dagegen, das ewige Gezacker um die Rote Flora am Schulterblatt: Themen gibt es schon.
Bis zum 19. Januar habe ich Zeit, mich zu entscheiden. Doch habe ich die Entscheidung in diesem speziellen, lokalen Fall überraschend eindeutig längst gefällt. Preisgeben werde ich sie nicht. (Es dürfte auch niemanden weiter interessieren, immer schön realistisch bleiben.) Und eigentlich wollte ich sowieso nur eines anmerken: Dass es, nach vier Jahren Berlin, durchaus extrem interessant ist, wieder in einer „alten“, „gewachsenen“, „substanziellen“, meinetwegen auch: „westdeutschen“ Großstadt zu leben. Vieles ist ähnlich wie in Berlin, Autos brennen hier und dort; und doch läuft hier in Hamburg, im so genannten alten Westen, manches anders. „Anders“ heißt nicht zwingend „besser“ oder „schlechter“. Aber das wissen Sie sicherlich längst.
Euphorie im Alltag | Stichworte: Altona, Aufmerksamkeitsökonomie, Der SPIEGEL, Gentrifizierung, Hamburg, Hausbesetzung, IKEA, Investoren, Kapitalismus, Lokalpolitik, Marketing, Ottensen, Politik, Protest, Volksbegehren, Wahlen, Yuppisierung ♥ Schreiben Sie einen Leserbrief »