Menschen mit dem gewissen Extra
Heute: Blinky Palermo





♫ Spacemen 3: Feel so good
Warum oben vom “gewissen Extra” die Rede ist (statt vom “gewissen Etwas”), das ist hier erklärt. Und kaum habe ich das eingeführt, fallen mir Dutzende weiterer Fälle mit “gewissem Extra” ein. Zum Beispiel: Blinky Palermo. 1943 in Leipzig geboren, 1977 auf den Malediven gestorben (vermutlich an Herzversagen), Maler. Mehr über ihn erfahren Sie, natürlich, via Wikipedia oder kurz und knapp zum Beispiel bei art directory. Auch sollten Sie mal nach seinen Bildern googeln. Oben sehen Sie eines, das rotweiße Schachbrettmuster, es heißt “Flipper” (1970). Zu Blinky Palermos Kunst kann und möchte ich ansonsten nicht viel sagen. Denn mit Kunst kenne ich mich nicht aus. Oder: Es ist mir nahezu unmöglich, darüber zu schreiben. Klingt bescheuert, ist aber weder ein Witz, noch eine Koketterie, sondern mehr ein Rätsel (für mich). “Kunst” ist eines der wenigen Felder, zu denen ich nichts im Schrank habe. (Mit “Kunst” meine ich hier Bildende Kunst, Malerei, Bildhauerei, Grafiken, Installationen.) Dies bedeutet nicht, dass “Kunst” mir nicht gefällt oder mich nicht interessiert. Es ist schlicht so, dass mir zur “Kunst” die Worte fehlen. Sie sind so weit weg, dass ich erst gar nicht zu suchen anfange, es erscheint mit ungeheuer mühsam. Im Wesentlichen fußt die Wortlosigkeit auf zwei, nun ja, Erdhäufchen: 1.) Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich “Kunst” betrachte (oder wenn andere Menschen das tun). Ich kann den Prozess nicht beschreiben, nicht mal richtig begreifen – vom Betrachten eines “Kunstwerks” angefangen, wie es in den Kopf geht und im Idealfall dort etwas auslöst, bis zur Frage warum man sich an “Kunstwerke” unterschiedlich gut erinnern kann, später. Es ist ein Vorgang, der sich offenbar exakt zwischen Verstand und Empfinden abspielt, sagen wir: in einem beunruhigend mittig gelagerten kognitiven Graubereich. Alles, was ich zu einem “Kunstwerk” sagen könnte, wäre – ganz egal wie verschachtelt ich’s ausdrücken und wie weit ich ausholen würde – alles, was ich sagen könnte, wäre, unterm Strich: “Gefällt mir.” Oder: “Gefällt mir nicht.” Noch nie ist mir darüber hinaus zu einem “Kunstwerk” ein Satz eingefallen, der mich selbst überzeugt oder den ich auch nur verstehe. Sagenhaft beschränkt komme ich mir vor, wenn ich über “Kunst” spreche oder schreibe (also auch im Augenblick). Deshalb tue ich es so gut wie nie. (Über Architektur könnte ich eher.) 2.) Sowieso fehlt mir ganz grundsätzlich das Vokabular, eine wirklich breite Kenntnis, um überhaupt mitreden zu können, die Theorie fehlt mir, und es mangelt eben an einem adäquaten Vergleichsrepertoire, nichts zum Jonglieren da, ich fühle mich unsicher auf jenem Gebiet, anders als in der Musik. Nicht mal meinen (naturgemäß subjektiven) Geschmack kann ich erklären. Ich weiß nur: Mit Anfang 20 mochte ich zum Beispiel David Hockney (nicht so sehr Roy Lichtenstein), und heute mag ich Hockney noch immer (Lichtenstein gar nicht mehr). Otto Dix und Charles Sheeler mag ich auch, und von den bekannteren jüngeren Namen zum Beispiel manchmal Elizabeth Peyton. Aber was soll ich dazu sagen? Abgesehen davon, dass ich Kunstkritik oder Kunstberichterstattung per se als überwiegend schwierige Textgattung empfinde, ähnlich eigenwillig codiert wie etwa Fußballberichterstattung. Selten lese ich es gern.
Warum dann Blinky Palermo?
Es handelt sich um reine Ikonografie, und sie funktioniert, auch in diesem Fall, via Fotografie. Der junge Mann oben: Irgendwo, irgendwann hatte ich mal ein Foto von ihm gesehen, eines, das ich im Internet nun leider nicht wiederfand. “Wer ist das?” “Blinky Palermo.” “Aha.” Ich mochte die Pose, mochte den Mann. Ich dachte mir: “Wäre ich ein Mann, ich glaube, ich wäre so einer.” Später habe ich “Blinky Palermo” dann nachgeschlagen (das war in der Gegend des Jahres 2000, es gab also schon Internet). Seitdem kenne ich auch einige seiner Arbeiten. Palermo hat seine Bilder selbst “gehängt”, habe ich gelesen. Die “Hängung”, wie alles angeordnet ist, ist ziemlich entscheidend für seine Sachen. (Ich sagte es bereits: Es klingt nach Fußball.) Worauf es ankommt: auf die 31-Jährigkeit auf den Fotos und den 31-jährigen Mann in einem selbst. Ich frage Sie: Kennen Sie den 31-jährigen Mann in sich?
Blinky Palermo. Vor zwei oder drei Jahren suchte ich ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund. Ich suchte auch in einer der angenehmsten Kunstbücherhandlungen, die ich kenne, im “Bücherbogen” am Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Und stieß dort auf ein gelbes Taschenbuch von einem Kleinstverlag, es enthielt viele Schwarzweißaufnahmen, und es erzählte von: Blinky Palermo. Als der Freund es ausgepackt hatte, sagte er: “Oh. Blinky Palermo? Aha.” “Ja, also, das ist ein Künstler.” “Hm, aha.” “So’n bisschen wie Kippenberger. Glaube ich jedenfalls. Ehrlich gesagt, habe ich von Kunst keine Ahnung.” “Haha, ja, also, macht doch nichts, hm, ich meine: danke.” “Bitte. Ich finde den toll. Wie gesagt: Ich kenne mich überhaupt nicht aus, und ein bisschen blöd ist es schon, dass die Bilder hier alle in Schwarzweiß abgedruckt sind, denn sie sind eigentlich in Farbe. Also, die meisten.” “Soso. Ja, ähm, macht doch nichts ….” “Naja. Ich finde eben den Typen gut, so als Typen, als Zuschnitt. Sozusagen. Und: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!” Im Grunde hatte ich dem Freund eines meiner Mosaiksteinchen geschenkt. Eines jener Bauklötzchen, aus denen eine Psyche sich zusammensetzt. Bei den meisten Menschen sind es ja sehr viele Klötzchen und Steinchen. Und dieses hier ist zufällig eins von meinen. Es ist männlich, so um die 30, und heißt Palermo, Blinky.
(P.S.: Der Song passt weder in historischer, noch in stilistischer Hinsicht, denn er stammt aus den 80ern. Na und?)
Foto-Credits von oben nach unten: (1) Gerhard Richter via faz.net (2) faz.net (3) Jürgen Wesseler via art-magazin.de (4) Moma, NYC (5) Lothar Wolleh
Euphorie im Alltag | Stichworte: 31-Jährigkeit, Blinky Palermo, das gewisse Extra, Ikonografie, Kunst, Malerei, Persönlichkeit, Psychologie ♥ 3 Leserbriefe »
Ich glaube, daß der ganz überwiegende Teil der Menschheit die gleichen Probleme mit der “Kunst”, nur wenige geben es zu und plappern vieles nach. Geholfen hat mir immer direkte Information über den Künstler selbst, was ist er für ein Mensch, wie und wann hat er das Werk erschaffen usw. Nur in der Verbindung Subjekt/objekt kann man der Sache näherkommen. Pervers finde ich übrigens die zum Teil völlig überdrehten Preise von Kunstwerken, kein Bild, keine Plastik kann 100 Mio oder mehr wert sein. Der Künstler soll gut, sogar sehr gut verdienen, aber genauso wie kein Fußballer oder kein Autorennfahrer 50 Mio. wert sein kann, so gilt dasselbe auch im Kunstmarkt.
Könnte es sein, daß Rocko Schamoni seinen Namen von Blinky Palermo geborgt hat?
Ich denke: Ja. Es wäre möglich.
Dass Ramoni sich von Pinky inspirieren ließ.