AYN RAND: Kampfliberale Nuss, hart zu knacken

Foto by Leonard McCombe

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Ayn Rand (1905-1982): Selten war ich so genervt und zugleich so fasziniert von einem Autor oder einer Autorin. Eines Tages müsste mal ein richtiger Text über diese Frau geschrieben werden. Hier befinden wir uns ja aber im Blog – hier gibt es jetzt nur gestammelte Skizzen zu lesen – nichts als Splitterfetzen von Euphorie im Alltag.

Würde Ayn Rand so schreiben? Ich weiß es nicht. Ihre Texte sind jedenfalls schwer moralinsauer, und mit ihrer Moral macht sie mich aggressiv, oder sagen wir: feurig.

Ayn Rand (sprich: Ein Rend): Widersprüchlich war schon das Wenige, das ich über die Jahre über sie aufschnappte. (In bestimmter US-amerikanischer Literatur wird ihr Name recht häufig zitiert.) Das Substrat aus dem, was mit dem Namen “Ayn Rand” immer anklang, erschien mir, wie soll ich sagen, unsympathisch. Dubios. Außerdem: historisch. Erst neulich, zwischen den Jahren, nahm ich ihre Bücher dann endlich einmal in die Hand – und seither macht diese Frau mich ganz verrückt. Noch habe ich mich nicht entschieden: Schmeiße ich den Ayn-Rand-Brocken, den ich gerade lese (720 Seiten in supersadistischer 8-Pixel-Punkte-Schrift), demnächst an die Wand? Oder stalke ich diese Lady fortan durch sämtliche ihrer Schriften? Um zwar um etwas aus Ayn Rand herauszusaugen, was man heute gut verwenden kann, politisch, menschlich – um ihr also etwas zu klauen – und das dann aber nur, um sie letztlich doch ganz grandios zu widerlegen, diese anstrengende, kühle, grotesk sture Person.

In den USA gelten ihre Schriften als philosophische Klassiker des 20. Jhdts., sie hat jenseits des Ozeans in etwa den Bekanntheitsgrad von hierzulande … vielleicht … Jürgen Habermas, wenn er öfter mal bei Anne Will säße. (Inhaltlich stehen Rand und Habermas freilich für je etwas anderes!) Erstmals las ich ihren Namen im Zusammenhang mit der sogenannten Beat-Generation, wie hier in diesem kleinen, äh, Info-Kasten für die Zeitung 2014 mal formuliert:

Die Beat Generation umreißt eine letztlich sehr kleine Gruppe von Künstlern, Autoren und Musikern, die in den späten 40er und frühen 50er Jahren zunächst in New York ein Bohemeleben ausprobierten. Sie nannten sich „Beatniks“ oder auch „Hipster“. Drogenexperimente, Konzepte von „freier Liebe“ und fließenden Gender-Grenzen gehörten zu ihrem Lebensentwurf. Pflichtlektüre waren etwa die Bücher von Jean Genet, Wilhelm Reich und der kampfliberalen Individualisierungsverfechterin Ayn Rand. Gehört wurde Jazz. Das Wort „Beat“ hat mit der späteren Popmusik, etwa der Beatles, nichts zu tun. Das „Beat“ der Beatniks schillert zwischen „geschlagen“ (beaten) und „aufgekratzt“ (upbeat). Zu den berühmtesten Vertretern zählen Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs.

Ihre grundlegenden Werke schrieb Rand, eine Exil-Russin mit deutsch-jüdischen Wurzeln, in den 1940er Jahren – aber mit den Beats und dann noch einmal ums Jahr 1968 herum erlebte sie einen neuen Popularitätsschub. Rands Werke wurden im antibürgerlichen Milieu viel gelesen – weil Rand den absoluten, den totalen, den radikalst möglichen Individualismus verfocht. Sie schrieb vehement gegen jede Form des Kollektivismus an – und damit auch gegen das kleinbürgerliche Spießer-Kollektiv, die kollektive Mediocracy (Mittelmäßigkeit) der damaligen US-Gesellschaft. Das erzeugte einen starken Widerhall bei den Jüngeren. Just im Jahr 1968, als Rand 63 Jahre alt war, pflanzte sie in das Vorwort zu einer Wiederauflage ihres Romans The Fountainhead (von 1943) diese glasklaren Sätze – mitten in die Love-and-Peace-Revolution hinein:

I had to present the kind of social system that makes it possible for ideal men to exist and to function – a free, productive, rational system which demands and rewards the best in every man, and wich is, obviously, laissez-faire capitalism.

Die Hippies (bzw. Beatniks) und ihre Zuneigung zum Laissez-Faire-Kapitalismus – womöglich ein noch unterbeleuchtetes Phänomen!

Bei Ayn Rand geht es jedenfalls immer um Stolz, um Leistung (achievement) und Integrität, immer um die Verbesserung (und Überhöhung) des eigenverantwortlich handelnden Menschen. Und dies auf Dauer im Predigerinnenton. (Puh) Gegenwärtig wird Ayn Rand vor allem von US-Republikanern verehrt, speziell vom neoliberalen Flügel jenes Lagers. Und tatsächlich könnten manche ihrer Formulierungen auch von Donald Trump im Wahlkampfjahr 2016 stammen.

Andererseits: Etlichen emanzipatorischen Bewegungen der Moderne liegt die Sehnsucht nach mehr Liberalität zu Grunde, etwa der antirassistischen Bürger- und der Frauenrechtsbewegung. Und es ist bestechend, wie scharf und klar sich Ayn Rand zum Beispiel zum Rassismus äußert – wie sie ihn strikt rational auseinander nimmt und in die Tonne analysiert, als “primitivste, brutalste Form des Kollektivismus”. Hier sind 10 (lohnende!) Minuten Ayn Rand über den Rassismus zu hören (gelesen von einer akzentfreien US-Sprecherin).

Oder hier: Was sie über Homosexualität sagt (nur knappe 30 Sekunden, dafür mit Rands hartem russischem Akzent und spanischen Untertiteln) – das ist Liberalismus in seiner pursten Form, totally naked. Für manche heutige Ohren sicher irrtitierend dann, wie sie in diesen 3,5 Minuten den Feminismus bespricht. (Nein, die Quote und der Liberalismus vertragen sich nicht so gut.)

Oder, als kompakter 5-Minuten-Zusammenschnitt: Ein Interview zum Thema Liebe – u.a. über die Liebe zu ihrem Ehemann, dem Künstler Frank O’Connor – sie ist bemerkenswerter Weise der bread winner in jener Partnerschaft und reflektiert kurz darüber. Im Grunde erklärt Ayn Rand hier auch schon die ganze Grundlage ihrer (im Kern unsolidarischen) Philosophie:

Nun schließen sich bei mir (wieder einmal) einige Überlegungen zum L-Wort an. Der Liberalismus ist für viele heute ja aus verständlichen Gründen ein Hasswort, vor allem für solche, die sich Pi mal Daumen links verorten. Es herrscht ja nun der Neo-Liberalismus – und der macht bekanntlich vieles platt – leider auch einen entscheidenden Ur-Pfeiler der liberalen Idee (einer Idee, die vor dem Neoliberalismus und auch ohne die FDP schon existierte): Individuelle Freiheit bedeutet eben nicht (nur) zwangsläufig Marktliberalismus – sondern wesentlich (auch) Humanliberalismus. Und ich denke: In die Zukunft (in eine gerechtere) geht es nur, wenn einige liberale Fäden ganz bewusst mit-weitergesponnen werden, etwa der anti-rassistische und der geschlechterliberale Faden. Dieses liberale Erbe ist wertvoll. Und Teile der heutigen Linken haben diese Ideen ja auch fest integriert.

Der Gedanke ist natürlich nicht neu, aber er drängte sich mir jetzt verstärkt noch mal auf, als ich über die sogenannte Visegrad-Gruppe las – über diesen kleinen Pulk von osteuropäischen Ländern, die ihre Grenzen jetzt gegen die Flüchtlinge bzw. die (markt-)liberale EU dicht machen – ein Bündel Länder mit sozialistisch/kommunistischer Kollektiv-Erfahrung, wie auch Russland – Länder, in denen liberale (vulgo: individualistische) Ideen über Jahrzehnte keine Chance hatten und wo heute etwa Homosexuelle herbe Repressalien erfahren – wohingegen der Nationalismus und der Katholizismus in diesen (Liberalismus-fremden) Ländern prächtig gedeihen. I am happy to live somewhere else – und bin, in diesem Sinne, also – hoppla – eine Liberale.

Ayn Rand – hat sie mich jetzt etwa umgedreht, infiltriert? Am I brainwashed? Nein! Aber gedanklich angeregt. Früher oder später werden ihre Texte fürchterlich (wobei der Architekten- & Großstadtroman The Fountainhead ungefähr bis Seite 320 durchaus spannend ist), und je ärger sie sich in ihre Kapitalismus-Verehrung hineinglüht, desto stalinistischer klingt es letztlich (kein Scherz). Alles in allem: ein Faszinosum, diese Frau. Auch weil sie eine der doch raren bekannteren Philosophinnen des 20. Jahrhunderts ist, eine der wenigen, die (zumindest im angloamerikanischen Raum) gehört wurden (wozu ihr beeindruckender russischer Akzent und ihre stoisch-sture Art des Auftritts sicher auch beigetragen haben).