web analytics

Salut und Salve, werte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

für 2018 habe ich mir eine neue Rubrik für diesen Blog ausgedacht: BEIFANG. Der (momentane) Plan: In fast jeder Kalenderwoche Dinge hier aufleuchten zu lassen, die zwar nicht mein eigentliches Fangziel waren, auf die ich aber dennoch gestoßen bin, etwa durch glückliche Zufälle, und deren Erwähnung mir sinnvoll erscheint – weil man etwas aus oder von ihnen lernen kann, weil sie das Zeug zu vernünftiger Irritation haben, mich beeindrucken oder mir schlicht gefallen. Privat-Feuilleton für zwischendurch, schnell skizziert, statt episch ausgeführt. Sozusagen.

Das Magazin AM STRAND aus Leipzig

Die zweite Ausgabe ist mittlerweile erschienen, ihr editorial ist hier zu lesen – und sie ist ein wahres Prachtstück geworden. Bild und Text zur Zukunft lautet der Untertitel, der claim des Magazins Am Strand, und dieses Versprechen ist vollends eingelöst. Etwa mit verschiedenen Kunst- und Fotostrecken wie dieser hier von Caro Eibl, die sich mit der Bilderschleuder Instagram (IG) beschäftigt.

Alle Texte habe ich (noch) nicht gelesen – durchaus angetan, mehr als das, nämlich angeregt, bin ich bislang aber etwa von dem Eröffnungs-Beitrag des Soziologen Manfred Faßler, der unter der Überschrift Das Soziale nach der Gesellschaft über einen gewissen Update-Bedarf seiner akademischen Disziplin nachdenkt. Auch Caspar-Fridolin Lorenz’ Überlegungen zu Kryptowährungen, Titel: Mehr Gelder, las ich mit Gewinn, so wie auch den (ins Deutsche übersetzten) Beitrag Infinite Game of Mirrors von Simon Waskow, der sich mit Emily Segals Essay Mercury Retrograde auseinandersetzt – also mit einer der Astrologie entnommenen Metapher für einen “Krisenzustand der Informationsökonomie”.

Die Texte sind recht theoriestark, was ich immer hübsch und erfrischend finde. Ja, hier spricht also eine potenzielle Stammleserin – was sicher nicht in Stress ausartet, denn die Erscheinungsweise ist bislang höchst gemächlicher Natur,  zwischen Ausgabe 1 und Ausgabe 2 lagen drei Jahre (damals, 2014, schrieb ich über die Erfinder und Produzenten  ein leichtes Porträt).  Zugeneigtes Fazit: Von mir aus könnte der Erscheinungstakt von Am Strand nun gern Fahrt aufnehmen, sollte es Ihnen einmal im ausgewählten Fachhandel begegnen: Greifen Sie unbesorgt zu oder bestellen Sie’s ruhig mal.

Der Film EIN DEUTSCHES LEBEN (2016)

Gerade erst, im November und Dezember, habe ich mich aus privatem Anlass mit der nunmehr wegsterbenden Nazi-Deutschland-Generation ziemlich intensiv beschäftigt, u.a. mit dem (wirklich empfehlenswerten) Buch HABE ICH DENN ALLEIN GEJUBELT? Eine Jugend im Nationalsozialismus, den Erinnerungen des über-90-jährigen früheren “BDM-Mädels” Eva Sternheim-Peters. Nun bekam ich von einem  mir eng vertrauten, liebevoll aufmerksamen Menschen diesen Film zu Weihnachten geschenkt. Die Protagonistin / Erzählerin: Brunhilde Pomsel (1911 – 2017), einst Sekretärin des Nazi-Propaganda-Ministers Joseph Goebbels.

Screenshot entnommen der Filmwebseite eindeutschesleben.de

Eine intensive, bewegende, über 100minütige Begegnung – wenn man sich wirklich darauf einlassen will. Der Trailer gibt einen guten Eindruck von der, wie soll ich’s sagen, der kristallinen Darkness dieses Films bzw. seines Stoffs. Brunhilde Pomsel äußert immer wieder nur schwer aushaltbare Sätze. Eben das ist ein wesentlicher Teil des (Erkenntnis-)Gewinns dieses Films, der vom Regie-Kollektiv Blackbox produziert und bereits dutzendfach mit Preisen ausgezeichnet wurde.

Klassismus auf Chinesisch: EINWOHNER NIEDRIGER QUALITÄT

Dass Bürger und Bürgerinnen in China mittlerweile über sogenannte soziale Netzwerke und ein neugeschaffenes “Amt für Ehrlichkeit” nach ihrem allgemeinen Wohlverhalten mit einer Art Punktesystem gerated und gerankt werden, präziser und umfassender, als irgendein Orwell es sich je hätte ausdenken können, haben Sie vielleicht mitbekommen. Kai Strittmatter schrieb in der Süddeutschen Zeitung als einer der ersten darüber: Chinas digitaler Plan für den besseren Menschen.

Nun stieß ich in einem aktuellen taz-Artikel von Felix Lee aus Peking auf das oben genannte Zitat – auf die Formel der Einwohner niedriger Qualität. Der Streit um Wohnraum in den sich rasend füllenden und gentrifzierenden Metropolen Chinas nimmt zu, so liest und hört man. Prekär bezahlte Wanderarbeiter und -Arbeiterinnen werden nicht mehr nur diskret und en passant, sondern nunmehr offensiv aus den Städten vertrieben – obwohl sie für den reibungslosen Neu-Wohlstands-Betrieb dringend benötigt werden. Der örtliche Parteichef Cai Qi sprach in diesem Zusammenhang jetzt also von Einwohnern niedriger Qualität. So schockierend diese Wendung auf den ersten Blick ist (und zu Recht!), so … wie sagt man’s am besten … so wertvoll ist sie in gewisser Weise auch. Deutlicher, also: unverhohlener habe ich den Klassismus lange nicht mehr sprechen hören, klarer hat’s der Kapitalismus, in diesem Fall der nicht-westliche Staatskapitalismus, selten ausgespuckt. Das ist ein sehr gutes Beispiel für einen Stoff oder für ein Vokabular, das man direkt aus der Wirklichkeit schöpfen kann – als Beifang eben –, und das man etwa für literarische Zwecke verwenden kann, auch für philosophische, politische, wissenschaftliche.

Ich wog die Dinge für einen Moment hin und her, kam zur Vermutung, dass ich, bezogen auf Berlin, wohl eine Einwohnerin mittlerer Qualität bin, und erinnerte mich dann wieder an diesen Roman:

Er erschien 2011 als eines der letzten Hardcover-Bücher im Original-Eichborn Verlag (der mittlerweile von Bastei/Lübbe übernommen ist), just in der Zeit, in der auch das ECHTLEBEN dort noch erschien. (Es war kein schlechter Verlag!) Heute sind Chan Koonchungs DIE FETTEN JAHRE als Taschenbuch bei Fischer erhältlich. Der Roman zeichnet die sozialen Verschiebungen, die neuen Lebensweisen im autoritär geführten, turbostaatskapitalistischen China der Jetzzeit, wo das Buch 2011 verboten war (und auch heute noch ist?). Leider erinnere ich mich nur noch schemenhaft an Inhalt und Sound, schlecht fand ich es damals jedenfalls nicht, sonst stünde es nicht mehr im Regal. Hier, als Tonprobe (auch für mich noch mal), der erste Absatz des Romans:

Ein Monat fehlt. Ich meine, ein ganzer Monat – weg, verschwunden, unauffindbar. Nach Januar kommt Februar, März, nach März April – sollte man meinen. Aber stell dir vor, nach Januar wäre auf einmal März oder nach Februar plötzlich April. Ein Monat wird einfach übersprungen, wenn du verstehst, was ich meine. Vergiss es einfach, habe ich zu Fang Caodi gesagt. Lass die Sucherei nach diesem Monat gut sein, das bringt doch eh nichts. Das Leben ist kurz, genieß es!

Mit diesen Worten grüße ich für heute, artig und immer die Ihre: Na, Sie wissen schon.

January 7, 2018