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Grüezi.

Der dieswöchige BEIFANG ist flüchtig, er kommt aus dem Trans-, äh, Dings-, dem Internet. Dem ersten Fund widme ich ein paar mehr Zeilen – dem zweiten viel weniger – und beim dritten fasse ich mich dann besonders kurz.

1.) DETROIT WIRD WEIß (hoffen womöglich manche?)

In regelmäßigen Abständen schaue ich von fern, was sich in Detroit so tut, logisch. Dabei stieß ich jetzt auf diese Webseite: J’adore Detroit. “J’ adore” ist französisch und bedeutet so viel wie Ich verehre oder Ich liebe, ein Dior-Parfum trägt diesen Namen – und nun eben auch jene Webseite, deren Startmotiv Sie hier sehen, es zeigt die Seiten-Gründerin und -Betreiberin Candice Simons, die sich selbst als Besitzerin der Agentur “Brooklyn Outdoor Advertising” zu erkennen gibt, außerdem als Liebhaberin “von Luxusmode, einzigartigem Stil, eklektischer Kunst, Musik-, Feinschmecker- und Wein-Kultur”.

Luxusmode, einzigartiger Stil, eklektische Kunst, Musik-, Feinschmecker- und Wein-Kultur sind in der westlichen Welt ja – glücklicherweise! – nicht verboten. Die selbstbewusste Verbindung all dessen mit Detroit … erschien mir nun allerdings … sagen wir: rar.

Ich scrollte die Seite rauf und runter und lernte dabei auch Candice Simons’ J’adore Detroit-Kollegin Samantha Robinson kennen, ebenfalls eine blonde, weiße, sehr gepflegt wirkende Frau, die über ein massives Maß an Selbstironie zu verfügen scheint, stellt sie sich doch als “zarte kleine Dame mit einer explosiven Persönlichkeit” vor und als – well, well – “Boho Barbie”.

Für eine Tausendstelsekunde überlegte ich: “Es könnte Satire sein.” Je weiter ich dann scrollte und klickte, desto klarer indes der Eindruck: “Nix Satire – this seems to be the real world.” Schließlich aber wieder: “Oder doch nicht?”

Der Gehalt jener Webseite lässt sich so skizzieren: Es werden Ernährungstipps ge-shared (“Wie Sie im Winter gesund bleiben” – also: gerade im eiskalten und schneeverwehten Detroiter Winter, unter dem noch immer Tausende von Obdachlosen leiden –, u.a. mit diversen Smoothie-Rezepten und der Wunderkraft der Acai-Beere nämlich) – die “12 coolest Businesses” in Detroit werden vorgestellt (darunter die Pension Honor & Folly, geeignet für diejenigen, die “in need of a cool staycation” fürs Städte-Hopping sind) – die Papier-Design-Firma Worthwile Paper, die “reizend bedruckte Papierwaren herstellt, die alle eine Botschaft des Positiven vermitteln” und die Kunst eines blassen Hairstylisten namens David Schutzler werden gewürdigt – es folgen diverse Yoga-Tipps (wo man in Detroit am besten “Die verrenkte Katze” turnt) – na, und noch viel viel mehr consume-and-enjoy-Gebröckel.

Auffällig ist, dass man auf den Fotos fast ausschließlich weiße Menschen sieht. Es scheint ein gänzlich anderes Detroit zu sein, als jenes, welches man kennt / ich kenne. Als ich (Stand Mittwoch, 10. Januar) mir zuletzt alles ziemlich genau ansah, entdeckte ich bis auf zwei schwarze TanzlehrerInnen im Schatten (sie bringen weißen dance students ein paar moves bei), bis auf ein historisches Foto des Motown-Gründers Berry Gordy und ein Foto, das, sehr klein, zwei schwarze Wachmänner vor einem, äh, offenbar angesagten “Craft-Beer”-Lokal zeigt, keine Aufnahme einer nichtweißen Person.

Auch als “typische Vertreter” des weltberühmten Detroit-Sounds werden dann ausschließlich weiße KünstlerInnen gezeigt: MC5 – Iggy Pop – und die, hahaha, White (zwinker zwinker) Stripes.

Gleich darunter: ein Foodie-Rezept und eine Großaufnahme einer Süßigkeit – sie heißt: “Chocolate & a Brownie”.

Woah.

Dachte ich.

Das ist deutlich.

Jetzt erstrahlen die Machtverhältnisse zwischen Vanilla Suburbs und Chocolate City doch tatsächlich ganz schön neu und ganz schön grell wieder auf.

Oben, als Aufmachermotiv dieses Blog-Beitrags, sehen Sie ein Foto, das ich vor mehr als sechs Jahren, im Herbst 2011, als noch nicht soooo viele Menschen freiwillig nach Detroit kamen, dort gemacht habe. Dazu zitiere ich ein paar Sätze aus den RASENDEN RUINEN – denn diese sechs Jahre alten Sätze haben nicht nur mit dem Foto, sondern auch mit J’adore Detroit viel zu tun, wie mir scheint.

Da sind sie: Junge Männer in schmalen Hosen, mit Jesus-Bärten, übergroßen T-Shirts, riesigen Brillengläsern und schlaffen Stofftaschen an ihren schmalen Schultern. Der universelle Hipster-Code unserer Tage – ein Wahnsinn, was das Internet bewirkt. Diese jungen Männer könnten in all ihrer demonstrativen Nachdenklichkeit genauso gut in Williamsburg/New York, Ehrenfeld/Köln, in Rom, Tokio, Antwerpen oder eben Berlin herumstehen. Für die jungen Frauen gilt dasselbe. Ihre langen Haare tragen sie offen, mit schwerem Pony, oder sie haben sie nachlässig zu einem lockeren Dutt auf dem Oberkopf geknäuelt, ihre Brillen sind noch größer als die der Jungs, und sie tragen Second-Hand-Kleider im AchtzigerJahre-Stil. Der global operierende sophisticated-middle-class-mainstream, Literaturstudenten und Design-Praktikanten, Social-Media-Spezialisten und Flickr-Fotografen, TV-Trainees, Edel-Kaffee-Baristas und andere Einser-Schüler: Shit, ich bin zu Hause. MOCAD heißt der Ort, Museum of Contemporary Art Detroit. (…) Heute Abend spielt hier (im) Vorprogramm eine lokale Band: Swimsuit, drei junge Frauen an Schlagzeug, Bass, Lead-Gitarre, ein Mann an der Rhythmusgitarre. (Die Swimsuit-Bassistin bleibt über den ganzen Abend der einzige schwarze Mensch, den ich im Saal sehe.) *)

*) Die Security- bzw. Einlass-Leute, das Mocad-Service Personal, das man oben im Hintergrund sieht, erwähnte ich im Buch gar nicht, weil die unerwartete und massive Weißheit im Saal mich so überrollt hatte.

Anmerkung, Eigen-Fantasie, Traum-Vorstellung: OH LEBTE ICH DOCH IN AMERIKA! Ich würde jetzt sofort versuchen, diese Frau, Candice Simons, zu treffen – sie aufmerksam und geduldig zu begleiten, auf ihren Streifzügen durch Brooklyn und eben vor allem: durch Detroit. Ich würde versuchen, ein Porträt über sie zu schreiben, mit hellem Blick auf alle Details des mit ihr Erlebten. Ein Porträt, das so empathisch wie möglich (empathisch auch mit Frau Simons, ich würde es versuchen!) die Geschichte einer brachialen Neo-Kolonisierung erzählt.

2.) Hannah Arendt als Youtube-Star

Eine charmante Youtube-Petitesse machte diese Woche die Runde: Ein rund 80-minütiges Fernsehgespräch zwischen Hannah Arendt und Günter Gaus aus dem Jahr 1964 sammelt aktuell erstaunlich hohe Besucherzahlen. Nimmt man die Klickzahlen aller bei Youtube vorhandener Versionen jenes Gesprächs zusammen, kommt man mittlerweile auf um die eine Million, wie zuerst wohl die Rheinische Post berichtete. Ich stieß erst jetzt darauf, durch eine bei taz.de gebrachte dpa-Geschichte, in der auch der Medienwissenschfaftler Manuel Menke und der Kulturwissenschaftler Götz Bachmann zu Wort kommen – sie verweisen u.a. auf die Subkultur der Philosophie-Nerds. Auch der “Arendt-Experte” Wolfgang Heuer ist zitiert:

„Es ist wie ein Theaterstück. Jedes Wort haut hin“, sagt der Arendt-Experte Wolfgang Heuer. Dabei habe das Gespräch unter keinem guten Stern gestanden. Arendt sei öffentlichkeitsscheu gewesen. Wegen einer technischen Panne musste man warten. Man sei dann zusammen raus, eine rauchen, berichtet Heuer. „Gaus hatte Angst, sie haut ab.“

Hier ist es:

Meine Lieblingsstellen: Etwa bei 51:00, als sie deutlich macht, dass sie eine “Liebe zum Kollektiv, zur Gruppe” niemals empfunden habe, dass ihr das gar nicht liege. “Darüber würden wir ein langes Kolloquium haben”, sagt sie zu Gaus. Wie wunderbar! Wie ich da mitgehe, mit Arendt! Und wie sie kurz darauf das Wort “Inter-est” ausspricht – wie sie beide Silben einzeln würdigt, wie sie dieses Wort also nachgerade original-lateinisch ausspricht – also sinn-voll – also ober-wunderbar! Außerdem bei ca. 56:40, als es um ihr Eichmann-Buch geht und um die Kritik, die Angriffe, die es gegen jenes Buch gab. Gaus und Arendt diskutieren, ob ein Streit um das Buch legitim sei – Gaus sagt irgendwann zu Arendt: „Wobei Sie, was legitim ist, der Debatte überlassen müssen.“ – und Arendt antwortet: „Ja, Sie haben Recht.” Sie wiederholt es mehrfach, “Sie haben Recht”, raucht, schaut – und lässt es so stehen. Das, meine Damen und Herren, können auf diese Art nur große Leute, davon, werte Mitbürgerinnen und Mitbürger, kann man sich was abschneiden (von vielem anderen bei Arendt ohnehin).

3.) BREITBART verliert seinen Herausgeber

Nachdem der Immobilienunternehmer Donald John Trump sich kürzlich von seinem früheren Berater Stephen “Steve” Bannon trennte, spielt besagter Bannon nun auch beim rechtspopulistischen Organ Breitbart nicht mehr mit. Er habe die Breitbart-Herausgeberschaft, seine dortige Galionsfigurentätigkeit, niedergelegt, hieß es jetzt, Knall auf Fall. Diese Meldung kreuzte sich auf aller-ulkigste Art mit weiteren Personalien, auch aus der hiesigen Medienbranche. Ja: Personell ging es hie und da wieder mal rund im Journalismus, diese Woche. Da ich nun aber schon wieder auf dem Sprung bin, neue packende Stories recherchieren, eh klar, beschränke ich mich hier nur fix auf die Eil-Meldung, die das Magazin Titanic am 9. Januar zu den Personalien herausgab:

Immer galant, immer die Ihre: KK

January 14, 2018