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Das obige Foto habe ich dem umfangreichen Online-Archiv punkfoto.org entliehen, es stammt von 1981, aus dem Ratinger Hof in Düsseldorf, einer der prägenden Punk-Kneipen in Deutschland in den 1980ern, und es zeigt Martina Weith, die Sängerin der Band Östro 430. Aufgenommen hat es Richard Gleim, der unter seinem Pseudonym ar/gee gleim damals zum wichtigsten Bild-Chronisten der Szene wurde, der also wirklich einen wahren Fotoschatz hinterlassen hat und heute hier bloggt.

Der Ratinger Hof in Düsseldorf in den 1980ern, hier fotografiert von der Wirtin Carmen Knoebel

Und nun gleich Momentchen mal – als ob ausgerechnet ich über Punk in Düsseldorf bloggen könnte!

Erstens wohnte ich damals in Hessen, im Großraum Rhein-Main, und habe den Ratinger Hof nie von innen gesehen. Zweitens war ich, als Punk passierte, erst zwischen 7 und 17 Jahre alt. Drittens wandte ich mich mit ca. 15, 16 Jahren einer anderen jugendlichen Subkultur zu, den Mods nämlich, deren Prinzipien ich kürzlich in einem Text über den Northern Soul so beschrieb:

Die „Modernists“, kurz „Mods“ genannt, stellten seit den späten 1950ern eine der einflussreichsten Jugendkulturen im Nachkriegseuropa, eine, die sich seither in Nischen hält. Es geht um ein formschönes Äußeres – auch oder gerade wenn man es sich eigentlich nicht leisten kann. Für junge Männer: Maßanzüge, wenn irgend möglich. Für junge Frauen: kastige Röcke, flache Schuhe, möglichst androgyn. „Clean living under difficult circumstances“: So umriss der Musikmanager Pete Meaden einmal das Prinzip. Man versucht(e), die prekäre Herkunft in einen provokant überhöhten „Aufsteiger“-Stil umzumünzen und hört(e) dazu die Musik der schwarzen US-working-class: Rhythm’n’Blues – und die Art Soul, die heute „Northern“ genannt wird.

Auch das Mod-Wesen hat durchaus seine punkigen Anteile, je nach Auslegung und Spielart – und das gerade auch mit bzw. wegen der adretten Kleidung! Was hier jetzt allerdings zu weit führt. Als Liebhaberin des schnellen und sozusagen proletarischen US-Soul der 1960er Jahre fand ich damals jedenfalls Gefallen an einer ganz bestimmten deutschen Band aus der Düsseldorfer Punk-Gesellschaft: an Family 5. Die hatten sich dort 1981 gegründet, und dank ihrer frühen Single Bring deinen Körper auf die Party galten sie sofort als Soul-Punk-Band. Die Family 5-Köpfe waren Peter Hein (u.a. auch Fehlfarben) und Xao Seffcheque (mit dem ich inzwischen lose, aber herzlich so gut wie befreundet bin).

Jetzt kommt im November eine schöne, dicke Box mit dem Komplettwerk von Family 5 heraus: WIR BLEIBEN. Alle Studioaufnahmen 1981-1991. Dank Xao Seffcheque ist das tolle Ding schon jetzt zu mir gelangt, sehen Sie hier die Opulenz, die sich in der knallroten Schachtel verbirgt:

Xao war es auch, der mich ermunterte, ein kleines Grußwort für das Booklet (Titel: Der Schaum der Tage) beizusteuern. In jenem kleinen Beitrag (siehe nächstes Foto) steht im Grunde alles drin, was mich als Adoleszente an Family 5 faszinierte – es war eben auch ganz stark mein Eindruck, dass es sich hier nicht um dröge Typen (Jungs, Jungs, Jungs, Sauf, Sauf, Sauf, Gröl, Gröl, Gröl) handelte, sondern um Typen, die explizit auch die neue Generation von Punk-Frauen einbezogen und würdigten. Darum auch das Östro 430-Foto zu Beginn dieses Blog-Eintrags: Die Punk-Frauen fand und finde ich letztlich viel interessanter als die Punk-Typen. Als junge Erwachsene kamen mir manche Punk- oder Post-Punk-Frauen durchaus als Große Schwestern im Geiste vor, ich experimentierte phasenweise auch mit mehr oder minder androgynen Haarschnitten, wie man hier sieht (damals stand ich kurz vor meinem 21. Geburtstag):

Übrigens – das wäre dann der zweite Werbeblock in diesem Beitrag – habe ich das Typen-Problem im Punk auch in einem Text für diesen ehrenwerten Band angerissen, der 2016 im Ventil Verlag erschien, hg. von Jonas Engelmann: DAMAGED GOODS. 150 Einträge in die Punk-Geschichte.

Und schließlich setze ich noch eine Fußnote zu Boris Vian, der seinerzeit, in den 1940er/50er Jahren, vielen als Skandalautor galt und den ich in meinen jungerwachsenen Jahren ziemlich gern las (wie so viele Vian gerade in jenem Alter schätz(t)en). Der Schaum der Tage von 1946 ist wohl sein bekanntester Roman – Der Schaum der Tage heißt auch ein Family-5-Song von 1985 und heißt jetzt also das Booklet in der Box. Boris Vians Bücher habe ich bestimmt seit 15, 20 Jahren nicht mehr aufgeschlagen. Die ersten drei Sätze tippe ich hier gerade mal fix hin.

Colin beendete seine Toilette. Nach dem Bad hatte er sich in ein riesiges, weiches Frottiertuch gewickelt, aus dem nur seine Beine und sein Oberkörper heraussahen. Er nahm den Zerstäuber von der Glasplatte und sprühte wohlriechendes Öl auf sein helles Haar.

Wie ich ja oft und gerne sage: Die Pop(ulär)-Kultur ist keinesfalls zu unterschätzen, sie ist ein ungeheuer großzügiges Einfallstor in Wissen & Welt, eine riesige Landschaft, ein ganzer Kanon kann sich von ihr aus erschließen, und als Elternteil muss man sich ja um sehr vieles Gedanken machen – eines scheint mir dabei ganz besonders wichtig: Ermuntern Sie Ihre Kinder, dass sie ernsthaft Fan von einer Musik werden – auch wenn dasjenigewelche, das ihre Kinder sich als Fans dann erst mal aussuchen, Ihnen selbst albern, dämlich oder billig vorkommt. Lassen Sie Ihre Kinder von da aus einfach eigenständig herumforschen – haben Sie Vertrauen.

Immer die Ihre: KK

September 19, 2017