documenta 14

Nun war ich gerade bei der documenta 14 in Kassel. Nicht allein, sondern zu mehreren, mit ein paar Leuten, denen ich eng verbunden bin. Es war also ein schönes Wochenend-Erlebnis. In anderer Hinsicht war es indes eine Enttäuschung. Oder, nein – falsch – keine Enttäuschung – viel eher das Gegenteil – eine Bestätigung nämlich – die Bestätigung einer Vorab-Vermutung: Dass es einfach zu viel ist, außerdem zu voll für die Kunst. Genau so war es. Viel & voll. Was letztlich dazu führte, dass ich im Grunde gar nichts gesehen habe. Nichts von all dem Gezeigten, Installierten und Perfome-ten hatte eine Chance, in meinem Gedächtnis hängen zu bleiben (wie man so sagt). Für ein paar Stunden kam ich mir wahnsinnig oberflächlich vor (wie man auch manchmal, ganz unbeholfen, so sagt). Schließlich machte ich aber doch noch meinen Frieden damit. Es gab so viele packende soziale Situationen, rund um die Kunst, dass es durchaus interessant war – aber eben so, dass die Kunst letztlich die blasse Staffage abgab. Da war wirklich sehr viel zu sehen: Menschen, die Schlange standen, Menschen, die Kunst-Lagepläne studierten, Menschen, die Menschen fotografierten, die Menschen fotografierten, die Kunst fotografierten. Jedenfalls gelang es mir nicht, das, hm, Ruder herumzureißen. Ich kam aus diesem Modus nicht mehr heraus. Ich gab mich dem flow hin. Und bin letztlich da durchgegangen, durch dieses documenta-Kassel, wie durch ein übergroßes Einkaufszentrum, in welchem mir die Warenauslagen völlig schnurz sind, in welchem ich aber die Gips-griechischen Springbrunnenanlagen und Eisdielenstühle, die ganze Piazza-Mimicry, die man in einem amtlichen Shopping-Center heutzutage antrifft, halbaufmerksam bis socially totally fascinated studiere. Es tut mir ein klein wenig leid, es nicht anders festhalten zu können. Einerseits. Andererseits – und das ist WICHTIG: Es ist keinerlei Kritik an der Masse oder so was! Ich verwehre mich gegen den Verdacht des Kulturpessimismus! (Ich halte ü-ber-haupt nichts von Kulturpessimismus! Er ist antimodern und im Kern bourgeois – BÄH!) Zum einen war ich dort ja selbst wieder mal Teil einer Masse, der Kasseler documenta-Masse eben. Zum anderen ist ein solches soziales Ereignis eben auch ein Ereignis. Es ist nicht nichts! Es ist sehr viel! Es ist nur … nicht direkt ein Kunstgenuss, sondern eine gänzlich andere Art von Genuss. Kassel ist augenblicklich eine wirklich farbenfrohe, fröhliche Stadt, man kann es kaum anders sagen (und falls Sie eine Spur von Ironie in diesem Satz suchen: Es steckt keine drin, ich meine es wirklich so.) Oben sehen Sie übrigens ein documenta-Kunstwerk. Aufgenommen im Hauptausstellungssaal, der documenta-Halle. In einem dortigen Durchgang, nicht gerade an einem Premiumplatz, hängt dieser Flachbildschirm. Eine, nun, eine Videoinstallation ist darauf zu sehen. Eine, von der ich glaubte, dass ich sie kurz zuvor gerade schon einmal gesehen hatte, sogar mehrfach, an etwa vier verschiedenen vorherigen Orten, bzw gab es einfach so viele Bildschirme mit, nun, Video-Installationen, überall, dass alle zusammen binnen weniger Stunden zu einer einzigen großen Gesamt-Video-Installation zerflossen. Ich hatte in dem Moment, in dem ich dieses Foto machte, in gewisser Weise Mitleid mit diesem Flachbildschirm und seiner Installation. Ich hatte Verständnis für ihn, für seine Ernüchterung, dass nämlich niemand ihn so richtig beachtet, ich wollte ihn gern vor etwaiger Verbitterung bewahren und ihm, indem ich dieses Foto von ihm machte, ein bisschen Freundlichkeit signalisieren und ihn besänftigen, ich wollte ihm, durch den Akt des Fokussierens und Abdrückens, sagen: “I hear you. Ich verstehe dich, aber weißt du, lieber Flachbildschirm, du darfst es nicht persönlich nehmen, den meisten anderen Flachbildschirmen hier ergeht es sicher ähnlich, ihr fühlt euch alle etwas übersehen oder missachtet, aber die Wahrheit ist: Ihr seid ein großes Team, ihr alle zusammen macht es, wie ihr alle zusammen hier rund um die Uhr eure Installationen herausflackert, in all den Hallen, Sälen und Foren – das ist toll – das ist die documenta, daran werden die Leute sich erinnern, du bist Teil einer ungeheuer großen sozialen Skulptur, und ich finde, du machst das wirklich gut!” Dann wurde ich auch schon wieder weitergerissen, so dass ich ganz vergaß, noch auf das Schildchen zu schauen, das am Ende des Durchgangs hing und den Namen des Flachbildschirms bzw. seiner Installation preisgab. Sagen wir so: Es hat mich in dem Moment auch schon gar nicht mehr interessiert, ich war da schon einen halben Tag zu lange auf der documenta. Und das ist auch nicht schlimm! Ebendies habe ich dem Flachbildschirm zu erklären versucht.

Vielleicht nicht your favourite art critic – aber hoffentlich noch immer your favourite DJ – in jedem Fall stets die Ihre: KK