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So, hallo dann also in 2018! Ich begrüße Sie pünktlich zum 1.1. 2018 freundlich, flach und episch vor mich hin plappernd – ganz wie zuletzt gewohnt. ABER: Wir wollen das Niveau hier im neuen Jahr wieder deutlich heben, so, wie es früher mal war – versprochen (und das: ernsthaft). Steilere Thesen – schärfere Pointen – Pipapo & DoingDoing!

Bevor 2018 begann, ließ ich noch schnell ein paar Federn, also Haare, ich habe sogar dafür bezahlt. Merita lautet der hübsche Vorname meiner Stammfriseurin. Die Lust auf eine markante Silhouette, auf einen Haarschnitt, der den Namen verdient, auf eine gewisse Frische nicht nur im, sondern auch auf dem Kopf, war mächtig. Hier das, was Merita wegsäbelte:

Und hier unten das Ergebnis. Manche sagen Pagen– oder Bubikopf dazu, eigentlich heißt die Frisur aber Bob, der britische Friseur Vidal Sassoon erfand, prägte und variierte den Schnitt in den 1960ern, und seit ich 17 bin, kehre ich alle paar Jahre zu ihm zurück. Meritas Kunst ist eine, die ich sehr schätze. Sie ist vor einigen Jahren vor dem Krieg in Kosovo nach Berlin geflüchtet, und sie arbeitet nicht in einem Luxussalon oder so was, mais non, sie ist im Erdgeschoss eines gänzlich unprätentiösen Weddinger Einkaufszentrums tätig und versteht sich so gut auf ihr Handwerk, dass ich ihr seit bald vier Jahren komplett treu bin.

Und nun zu zwei halbwegs ernsteren Themen:

1.) Meine Verbraucherinnen-Ehre

Britzelbienen, Wunderkerzen und Knatterblitze wurden an Silvester bei Kullmanns gezündet, logisch, a weng Schaumwein wurde getrunken, Blei wurde auch wieder gegossen, claro – und das heuer wohl zum vorletzten Mal. Mit Bedauern las ich, dass das Bleigießen, der Verkauf entsprechender, äh, Sets, künftig verboten ist. Weil es halt schon auch giftig ist, das Blei, zumal, wenn man es sich direkt zuführt. Ja ja, das sehe ich gewissermaßen ein. Es kommen in der Doku-Serie Medical Detectives, die ich manchmal heimlich zum Einschlafen schaue, was mir recht peinlich ist, weshalb ich es nie öffentlich verraten würde, immer wieder Fälle von Bleivegiftungen vor, das ist überhaupt nicht witzig. Außerdem gibt es weltweit hunderttausende Menschen, die in einer bleivergifteten Umgebung leben und daran viel zu früh und schwer krank sterben – no need for jokes about this, not at all.

Andererseits … fühlte ich mich nun wieder einmal ganz direkt angesprochen, so von der Verwaltung aus, angesprochen in meiner Rolle als Endverbraucherin. Diese, nun ja, vorauseilende Fürsorge, von amtlicher Seite – sie umzingelt einen mittlerweile ganz schön arg – kann man das so sagen? Sie zwingt einen in ein überaus unangenehmes Eltern-Kind-Gefühl, meine ich gelegentlich. Nun bin ich gespannt, ob ich den Tag noch erlebe, an dem dann endlich auch das Autofahren, das Alkoholtrinken, das Übergewicht, das Zuviel an Tablettennehmen, das Sonnenbaden, das laute Musikhören, der Extremsport und … was noch? … gibt bestimmt noch etwas … ach so ja: das Rauchen, natürlich! – verboten werden. Denn all das ist bekanntermaßen mittel bis sehr tödlich. (William S. Burroughs goss ja einmal die Formel: LIFE IS A KILLER. Aber so weit, es generell abzuschaffen, so weit ist bisher noch keine Behörde gegangen, glaub’ ich.)

Anyway: Zufällig habe ich jetzt noch so ein lebensgefährliches Gießset übrig, originalverpackt, es lagert im Kruschelschrank im Flur, da, wo auch das Schuhputzzeug, die Kerzen, die Batterien, die Glühbirnen (halt! Die sind ja auch längst verboten, es heißt ja jetzt … wie noch mal … Leuchtkörper oder so, und war da in der allerersten Generation neuer Leuchtkörper, die vor drei, vier Jahren noch als grandioses Zukunftstool verkauft wurden, nicht ganz viel Quecksilber drin?), na, im Flurschrank, wo solches Zeug halt lagert, da liegt mein Restblei. Ich weiß, es ist riskant, diesen nunmehr illegalen Besitz hier öffentlich zu machen. Für den Fall, dass mir jemand die Polizei auf den Hals hetzt: Ich habe eine Rechtsschutzversicherung, da sind Silvesterschäden mit drin, so weit ich weiß.

Ach, es ist wirklich recht enttäuschend: Nun weiß ich also schon, was ich Ende 2018 vermutlich zum letzten Mal in meinem Leben tun werde – das letzte Päckchen Gift aufreißen, um Aug’ in Aug’ mit dem Schicksal ins Gespräch zu kommen. Als ich es heuer, zum Übergang 2017>2018 wieder tat, kam etwas heraus, das, wenn man es sehr genau von allen Seiten betrachtet, im allerweitesten Sinne einem menschlichen Herz ähnelt, mit Aorta, allem Drum & Dran.

Außerdem befand sich im Punkt Mitternacht aufgeknackten Glückskeks wieder mal ein Spruch (ich warte auf den Tag, an dem ein solcher Keks sich als leer erweist, was das dann wohl bedeuten mag?). Ein, au weia, ziemlich lahmer Spruch, dieses Jahr. Von einem “Paul Steiner”, angeblich “Dichter und Kabarettist”. Bei Wikipedia finden sich unter diesem Namen u.a. ein Verwaltungsbeamter, ein Archäologe, ein Jurist, ein Fußballspieler, ein Chorleiter und … ja, auch besagter Paul Steiner, der von 1894 bis 1933 lebte, also nicht mal 40 Jahre alt wurde. Hm. Der Spruch ist gesamtpazifistisch gehalten, und wenn das Wort “Demut” auftaucht, springen bei mir inzwischen die Alarmglocken an, denn zu viele Menschen, die mir alles andere als “demütig” erscheinen, nehmen jenes Wort nach meinem Geschmack allzu oft in den Mund . Na – hier also das, was das Schicksal 2018 für Kullmanns vorgesehen hat. Glücklicherweise habe ich als aktives Mitglied da ja auch noch ein Wörtchen mitzureden, man kann aus solcherlei Prognosen ja sowas, aber auch sowas machen – wollen wir doch mal sehen!

2.) Meine Ehre als News-Konsumentin

Dass ein mutmaßlich 15-Jähriger in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Kandel nun zwischen den Jahren seine 15-jährige Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt erstach (womöglich, weil sie nicht mehr mit ihm zusammensein wollte, so scheint es), haben Sie sicherlich mitbekommen. Das ist fürchterlich, tragisch, schrecklich, brutal und muss ganz hart bestraft werden, daran besteht wohl nirgends Zweifel. Als nachgerade irre empfinde ich allerdings die Berichterstattung über diesen Fall – und das polit-rhetorische Flügelschlagen, das sich daran nun aufgehängt hat. Der junge Mann stammt aus Aufghanistan, kam als Geflüchteter ins Land – daran wird es wohl liegen.

Worauf ich all die Tage nun wartete: Dass ein zweiter Fall, ein nachgerade super-ultra-paralleler Fall, der sich nur ca. 16 Stunden später, also ebenfalls “kurz nach Weihnachten” zutrug, ebenso groß in die News gehängt wird: Ein 49-Jähriger erstach einen Tag darauf in einem Einkaufszentrum in Halle in Sachsen-Anhalt seine 40-jährige Ex-Frau – wohl auch hier, weil sie sich von ihm getrennt hatte. Also: eine für die Frau tödliche Beziehungstat, genau wie in Kandel auch in Halle “zwischen den Jahren” und in öffentlichen Shopping-Räumen verübt. Aber, hm: Außer ein paar kleineren Zeitungsmeldungen wie dieser nichts dazu. Woran liegt das? Daran, dass Täter und Opfer hier einfach älter waren? Daran, dass der Täter in Halle ein Russe war, kein Afghane? Ist es wirklich so übersichtlich, um nicht zu sagen billig? Scheint so. Und alle machen mit, denn das ist der Rhythmus, bei dem neuerdings jede(r) mit muss – offenbar.

Was ich mich daraufhin dann insbesondere noch fragte: Und wie sah es mit dem 52-jährigen autochthon Deutschen aus, der seine Ex-Freundin vier Wochen zuvor, also kurz vor Adventsbeginn, in Ingersheim bei Ludwigsburg mit einem Hammer erschlug (auch hier musste die Frau offenbar sterben, weil sie den Typen satt hatte)? Und wie mit dem ebenfalls autochthon deutschen “Marcel K.”, der seiner Ex-Freundin “Katharina” einen Monat vor Weihnachten bis nach Spanien nachreiste, um sie dort zu töten? Auch als ein weiterer 52-Jähriger seine frühere Lebensgefährtin und das gemeinsame kleine Kind einige Monate zuvor in Teningen bei Freiburg umbrachte, oder als eine 26-Jährige von ihrem 31-Jährigen Ex (“beide stammen aus Aschaffenburg”) mit mehreren Messerstichen hingerichtet wurde, und als kürzlich ein “46 Jahre alter Deutscher” in München vor Gericht stand, weil er seine Ex mit 18 Messerstichen und “absolutem Vernichtungswillen” gekillt hatte – bei all diesen Fällen gab es nicht ansatzweise einen solchen Aufruhr.

In dieser kleinen, selbstverständlich unvollständigen, einfach nur gerade ganz spontan herausgesuchten Sammmlung von tödlichen Beziehungstaten der vergangenen Monate haben wir es also mit 4 erwachsenen Deutschen sowie 1 erwachsenen Russen zu tun. Und all diese Meldungen wurden diskret so nebenbei versendet, im Lokalen oder in der Sex-&-Crime-Spalte im Vermischten, sozusagen auf den bunten Seiten, da, wo der Wetterbericht nicht weit ist. Nur bei dem adoleszenten Täter aus Kandel, der aus einem Kriegsgebiet nach Deutschland kam, wird jetzt ein ungeheurer Hallass veranstaltet, fühlen sich Chefredaktionen und PolitikerInnen augenscheinlich dazu verpflichtet (verführt?), es zu Top News zu machen. Hm. Hm hm hm. Was für eine übel gefärbte Bigotterie – es geht auf keine Kuhhaut, jedenfalls nicht auf meine.

Unterdessen hat meines Wissens niemand groß und breit die eigentliche Nachricht gebracht, das Moment, das all diese in kurzer Zeit sich gehäuft habenden Taten verbindet: Dass es in hieisgen Breitengraden schlicht lebensgefährlich für eine Frau sein kann, sich von ihrem Partner zu trennen. Dass Männer reihenweise ihre früheren Gefährtinnen oder Geliebten töten. Man könnte ins Grübeln kommen: Ob Hetereosexualität nicht doch vom Verfassungschutz beobachtet werden sollte oder so. In anderen Sprachräumen ist das Wort Femizid jedenfalls so gebräuchlich, wie hierzulande die Wörter Suizid oder Genozid. Nur knapp zwei Wochen vor “Kandel” (und: Halle) schrieb Alexandra Wischnewski darüber in der immer wieder geschätzten Zeitung Analyse & Kritik.

Naja – also – wissen Sie, ich arbeite ja auch im Journalismus. Und das seit einer ganzen Weile. Gelernt habe ich die Sache einst als Volontärin bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die einem strengen (Ehren-)Kodex folgt, u.a. gehört Neutralität in der Berichterstattung unabdingbar dazu (das haben die westlichen Alliierten den Deutschen 1949 mühsam beigebracht, die Geschichte der dpa ist wirklich eine spannende). Ja, ich habe sozusagen noch die alte Schule genossen, in meiner journalistischen Ausbildung, das prägt mich bis heute.

Und daher verlinke ich hier noch zu einem Statement der Tagesschau – die damit auf Angriffe reagierte, sie habe, anders als andere Medien, nicht ausreichend über “den Fall in Kandel” berichtet. Die Tagesschau ließ dazu u.a. das hier verlauten:

Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten – aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen.

Das ist sie: die gute alte Schule des Journalismus. So wie also der Aschaffenburger, Ingersheimer oder Teininger Beziehungstäter nicht fett in der Tagesschau gefeatured wurde, so hat sich diese Nachrichtensendung auch bei dem Afghanen zurückgehalten, und den Russen, der, wie gesagt, einen Tag später zustach, hat sie gar nicht erwähnt.

Als mündige News-Konsumentin empfinde ich das allgemeine Geifern und Fauchen, die Angstmacherei im “Fall Kandel” als beschämend und verlogen. Und ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen von der Tagesschau hiermit ganz herzlich, dass sie nicht weiter ins Straucheln kommen, sich nicht von Stimmungen anstecken lassen – sondern stolz und selbstbewusst bei ihrer kühlen Berichterstattungslinie (wie sie oben zitiert ist) bleiben.

(((Ergänzung – nach einer hitzigen Unterhaltung mit einem Leser: Selbstverständlich bin ich dafür, dass Femizide nicht weiter klein geredet oder gar verschwiegen werden! Nur geht es hier, sozusagen in einem Detailblick auf den Umgang mit solchen Morden, darum, dass ausgerechnet ein Fall – von einem “Fremden” verübt – so anders, so viel lauter behandelt wird als all die vielen anderen, von “Einheimischen” verübten. Wie faul das ist, erschließt sich hoffentlich aus den ca. 10.000 obigen Zeilen.)))

3. Ja – und – die Euphorie im Alltag? Wo bleibt denn bei dem ganzen Palaver jetzt die Euphorie im Alltag?

Hier kommt sie. Als Blog-Startsong 2018 kam ich auf das hier – einfach so und insgesamt – vom mood des sounds her – Tenderness, Lightness, Sweetness, Zuversicht und so weiter. Es herrschen hier an diesem Ende der Leitung ja mehrere sture Annahmen vor, u.a. die, dass sogenannte Liebe einem gelegentlich halt doch widerfahren kann – und dass sie meist zwar mindestens bescheuert endet, aber nicht zwangsläufig tödlich. (Das, meine Damen & Herren, wäre der Quatsch nämlich nicht wert, auf keinen Fall!).

In diesem Sinne,
man liest sich, n’est-ce pas?

Demnächst wieder kurz & knackig, dafür mit weniger Pausen zwischen den Einträgen – immer short, aber dafür ständig, haha – so mag man’s heute am liebsten – ich weiß ja, ich weiß – und werde mir Mühe geben – What’s app, folks , hihi – zwinker, zwinker & Kussi alle mitanand’!

In jedem Fall immer die Ihre: KK

January 1, 2018