Eine letzte Pirouette beim FREITAG – und, wie jedes Jahr im Juli: der Start der allsommerlichen digitalen Betriebsferien

1975: Tänzerinnen und Tänzer im nordenglischen “Wigan Casino”, dem legendärsten Northern-Soul-Club überhaupt (Es handelt sich um ein tausendfach ohne credit im Internet verwendetes Foto, dessen exakte Quelle ich leider auch nicht herausgefunden habe. Hinweise werden gern entgegengenommen.)

Hallihallo, werte Mitbürgerinnen & Mitbürger – einen fröhlichen 1. Juli alle miteinander!

Bevor die Belegschaft dieser sympathischen Webseite sich, wie jeden Sommer, in die digitalen Betriebsferien begibt, möchte ich Sie ein letztes Mal auf die Wochenzeitung Der Freitag aufmerksam machen – konkret auf eine soeben dort erschienene ganze Seite über den Northern Soul. Stammleserinnen und –Leser dieses Blogs kennen diesen Begriff ja vermutlich schon. Beim Northern Soul handelt es sich um eine vor allem britische Musik-Subkultur mit proletarischen Wurzeln – eine, der ich seit über 30 Jahren als Fan anhänge – und eine, mit der sich auch der Journalist und Sachbuchautor Paul Mason schon auseinandergesetzt hat (wie z.B. hier nachzulesen):

“Northern Soul was not some isolated cultural quirk,” writes Paul Mason, who posits northern soul as an act of youth-orientated resistance against the ascendant racism and sexism of the National Front-sympathising 1970s Britain. “It was the crest of a wave of working-class culture: rising literacy, social mobility and solidarity. We had no idea all this was about to be destroyed – by mass unemployment, the criminalisation of poor communities and industrial decline. But I think we sensed we were at the high point of something.

Für den Freitag habe ich jetzt ein A-Z, eine Art Grundlagen-Glossar über den Northern Soul verfasst. Sie können es online auf der Zeitungswebseite oder hier bei uns im Archiv nachlesen. Meine persönlichen Lieblingssätze daraus:

Ian hatte sehr schlechte Zähne – und sehr viele Schallplatten (➝ Vinyl). Hunderte von Singles lagerten in seinem schmalen Jungszimmer. Dabei besaß er gar keinen Plattenspieler.

Mit dem Northern Soul drehe ich jetzt meine letzte Pirouette beim Freitag, sozusagen meinen Abschieds-Spin. Nach 3,5 Jahren insgesamt, davon zuletzt knapp eineinhalb Jahre in der Chefredaktion, habe ich die Zeitung zum 30.6. verlassen. Es waren pralle, aufregende, fachlich wie menschlich höchst lehrreiche, gelegentlich anstrengende, überwiegend beglückende und – ja – auch das: ziemlich erfolgreiche Jahre. Während die meisten anderen Tages- und Wochenzeitungen seit einer Weile konstant an Auflage verlieren, haben wir (damit meine ich die vielen hoch geschätzten Kollleginnen und Kollegen unmittelbar in der Redaktion und mich) übers vergangene Jahr einen schier spektakulären Zuwachs von 13 % hinbekommen (wie auch den einschlägigen Branchendiensten zu entnehmen ist). Ja, das Blattmachen dort hat mir wirklich ungeheuer viel Spaß gemacht. Und, nun ja, es scheint auch gewirkt zu haben, in gewisser Weise.

Als Zeitungsmacherin, als Teil der Chefredaktion, kommt man selbst deutlich weniger zum Schreiben – prägt das Blatt im Idealfall aber trotzdem – etwa mit den Themen, die man auswählt, oder mit den freien Autorinnen und Autoren, deren Texte, Tonfälle, Perspektiven man ins Blatt holt. Ich habe noch mal gezählt: Etwa 20 waren es, die ich über die vergangenen 3,5 Jahre “ganz neu” oder “wieder neu” für den Freitag gewinnen konnte, indem ich sie um Beiträge bat; manche schrieben nur einmal, andere deutlich öfter, und sie alle haben ganz wesentlich zum Sound des Freitag beigetragen, wie er mir vorschwebte. (Bei der Gelegenheit: Gracias! natürlich auch an die Leserinnen & Leser, denen es offenbar ganz gut gefiel. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen!) Da ich selbst tief im Freie-Autorin-Sein verwurzelt bin (die Freien kommen immer und überall zu kurz!), möchte ich hier – stellvertretend für die vielen – einige dieser Autorinnen und Autoren noch einmal nennen – und mich bei ihnen bedanken, denn ohne sie wäre jede Zeitung, wäre auch ich als Vize-Chefredakteurin beim Freitag jetzt, aufgeschmissen gewesen. Ein herzliches merci! also an Sarah Khan und Christoph Twickel, Jürgen Ziemer und Nina Scholz, Wolfgang Müller und Simone MeierKlaus Walter und Linus Volkmann, Mark Terkessidis und Tom Schimmeck, Arlette-Louise Ndakoze und Marc Peschke, Stefan Laurin und Elke Wittich, außerdem einen Extra-Dank an den tollen langjährigen Freitag-Zeichner Frank Nikol und den schwer geschätzten Vielschreiber Georg Seeßlen (der ebenfalls schon vorher öfters für jene Zeitung geschrieben hatte und mit dem ich jetzt eigentlich gern noch eine große Abschieds-Geschichte gemacht hätte).

Manche dieser und andere freie Autorinnen und Autoren (beileibe nicht alle!) schreiben inzwischen nicht mehr für den Freitag, einige wenige haben öffentlich in Blogs oder bei facebook erklärt, warum nicht mehr. Der Grund, den sie nannten oder nennen, ist der gleiche, aus dem auch ich die Zeitung nun verlassen habe. Ich habe lange überlegt, ob ich dazu quasi öffentlich noch etwas sagen – oder ob ich es besser lassen soll. Tatsächlich wurde (nicht nur) ich in den vergangenen Monaten ein paar Mal gefragt, was sich beim Freitag gerade tut, es entstehen in dieser Branche leicht Spekulationen, manche dämlich, manche erstaunlich, manche falsch, manche richtig. Solange ich dort noch tätig war, habe ich mich selbstverständlich an die vertraglichen, mithin professionellen Abmachungen gehalten und mich nicht dazu geäußert. Das ist auch eine Frage des Stils, da bin ich ja durchaus etwas eigen, wie Sie vielleicht wissen, Stilfragen nehme ich ernst. Nein. Ich habe mir den Freitag in den vergangenen Monaten lieber ganz in Ruhe, sehr genau noch einmal angesehen. Und meine Arbeit erledigt wie eh und je, und im Wesentlichen eben: gern. Und nun, “danach”, da der faktische Abstand zu dieser Zeitung hergestellt ist, nutze ich die Ruhe auf dieser bescheidenen eigenen Webseite für ein paar unaufgeregte Worte zur Erklärung. (Auch, um danach hoffentlich nicht mehr zum Freitag befragt zu werden – mehr als hier in diesem Blog-Beitrag steht, habe ich nicht dazu zu sagen, und ich möchte mich dann auch nicht mehr damit beschäftigen, ich bin gedanklich ja schon beim nächsten und bitte um Verständnis.)

It’s that ole devil called “Haltung” again.

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich mich seit jeher recht intensiv, einmal sogar ganz ausführlich (im Buch ECHTLEBEN) mit dem schönen altmodischen Wort Haltung beschäftigt. Die Idee einer Haltung ist gewissermaßen mein Material, ein ganz wichtiger Stoff (nicht nur in der Arbeit, auch im sonstigen Leben). Wie schwierig es sein kann, sie erst einmal zu entwickeln, sie freizulegen, zu erhalten, zu verfeinern, sie gelegentlich, in Notlagen-Situationen, unter Schmerzen beiseite zu legen oder brutal kompromittieren zu müssen, vielleicht, sie aber dann, wenn irgend möglich, wieder aus der Pfütze zu holen, trocken zu föhnen, zu entknittern und wieder anzulegen, manchmal sie vielleicht auch zu bejubeln, sie sich leisten zu können – oder eben nicht, sie jedenfalls tatsächlich anzuwenden zu versuchen: Diese Haltungs-Fragen sind bekanntlich ein großes Menschheitsthema. Und eben auch: intellektuell ein wichtiges Thema.

Nun ist es so, dass der Freitag-Verleger Jakob Augstein mit Wirkung zum 1. Januar 2017 Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber der Zeitung benannt hat, es gab mehrere offizielle Verkündungen und Verlautbarungen dazu. Sowohl als journalistisch, wie auch als politisch denkender Mensch halte ich das für eine schwerwiegende und bedauerliche Entscheidung für die Zeitung. “Unter dieser Flagge möchte ich nicht segeln”: Das war die Formulierung, die ich zum Beispiel in den Gesprächen mit Jakob Augstein zuletzt öfters verwendet habe. In der Position der stellvertretenden Chefredakteurin kann man sich nicht wegducken, man muss auch nach außen für die Linie des Blattes (gerade) stehen, sonst hat es für beide Seiten keinen Sinn. Das ist mir mit dem Herausgeber Jürgen Todenhöfer nicht möglich. Ein Herausgeber ist, qua Funktion, nicht unbedingt unmittelbar an der Produktion beteiligt, das verhält sich von Zeitung zu Zeitung ganz unterschiedlich. Er (oder sie) dient vor allem als Galionsfigur, als ideelle(r) Schirmherr(in), oder, wie Wikipedia es definiert:

Der Herausgeber nimmt eine besondere Stellung ein, da er durch seine Person beziehungsweise Persönlichkeit auch das Erscheinungsbild des jeweiligen Verlagsproduktes, sei es eine Zeitung, Zeitschrift oder ein wissenschaftliches Werk etc. prägen und repräsentieren soll.

Was die Person, den Namen Jürgen Todenhöfer angeht: Er pflegt, meinem Empfinden nach, einen zu engen, zu vertrauten Umgang mit dem, nun ja, sagen wir erdfarbenen Spektrum, als dass ich für eine Zeitung in leitender Position tätig sein möchte, die durch ihn repräsentiert wird. In jenes Spektrum möchte ich hier auf diesem Blog keine direkten Links setzen, man findet das alles recht leicht im Internet, etwa dass Jürgen Todenhöfer sich in den vergangenen Jahren als Gesprächspartner bzw. Berichterstatter für die Publikationen Junge Freiheit und Compact und den Sender RT Deutsch zur Verfügung gestellt hat, oder dass er auf seiner facebook-Seite Hunderte von User-Kommentaren unkommentiert stehen und mit “Gefällt mir”-Daumen versehen lässt, die sich etwa in “Illuminaten”-Theorien oder in der ReichsbürgerRhetorik ergehen (die Bundesrepublik Deutschland sei ein von fremden Mächten “besetztes Land”); auf ebenjener facebook-Seite hat Jürgen Todenhöfer, garniert mit einem ungeheuer eintönigen, einsilbigen Anti-Amerikanismus, schon für vieles geworben, etwa um Verständnis für die Erdogan-Administration in der Türkei, um Verständnis für Wladimir Putin, für Musik von Xavier Naidoo und für die Lektüre eines Schlüsselwerkes der einstigen “Rassentheoretikerin” zu SS-Zeiten und Stichwortgeberin der sogenannten Neuen Rechten, Sigrid Hunke. Dies sind nur ein paar Beispiele, alles wenig spektakulär – alles ja nichts Unbekanntes oder Geheimes – all das gehört ja wesensmäßig zur publizistischen Figur “Jürgen Todenhöfer”, aus all dem bezieht Jürgen Todenhöfer einen Teil seiner 700.000+-facebook-Anhängerschaft.

Nun sind die politischen Instinkte – die persönliche Sensorik, die persönlichen Grenzen– ja ganz unterschiedlich ausgeprägt, gefärbt, gelagert, und sie dürfen sich alle frei äußern, glücklicherweise, hier bei uns, im von manchen so verhassten liberalen Westen.  Allein schon rein technisch-logisch, rein fachlich-publizistisch, erscheint es mir schier unmöglich, unter einer solchen Herausgeberschaft eine Zeitung zu produzieren, die sich als “links” verstehen und vermarkten will. (Randbemerkung: Was mit diesem Begriff – links – auch sonst und anderswo seit einer Weile alles veranstaltet wird, ist ein eigenes, großes und höchst interessantes Thema. In gewisser Weise befindet sich der Freitag da jetzt mitten in einem neuen Mainstream, auch wenn ihm gerade dieses Wort so gar nicht passt.) Jürgen Todenhöfer wirbt unermüdlich und auf allen Kanälen für den Frieden. Und es würden ihm da sicher deutlich über 95 Prozent der Weltbevölkerung zustimmen: Frieden! Nur: Wie er es tut, mit welchem ideell-politischen Echoraum im Rücken, mit welchen Bündnissen und welchem Vokabular – das muss man sich als Journalist oder Journalistin, der oder die ihre Arbeit und die damit verbundene Verantwortung und darüber hinaus auch sich selbst ernst nimmt, genau ansehen. Zumal in politisch aufgewühlten und verworrenen Zeiten wie diesen. Ich halte es für mindestens fahrlässig, in jedem Fall billig, letztlich für gefährlich, auch nur den verdruckstesten Trippelschritt auf das (alte, neue, alt-neue) erdfarbene Spektrum zuzugehen. Das Gegenteil wäre aus meiner Sicht richtig: Gerade jetzt die Grenze so fein rasiert, so scharf und deutlich wie möglich zu ziehen, auch und gerade in der Publizistik. Zusammengefasst: Der Freitag und ich, wir passen da einfach nicht mehr zueinander.

!Wichtig!::: Es verbirgt sich hierin keinerlei Skandal-Potenzial. Die Gespräche, die ich mit Jakob Augstein über all jene Fragen führte, waren in keinem Moment aggressiv, hysterisch, beleidigend oder sind sonstwie “aus dem Ruder” gelaufen. Nein, ganz und gar nicht – wir haben uns ernsthaft, höflich und ausführlich darüber unterhalten, mehrfach. Und kamen dann irgendwann beide zu dem von mir ins Spiel gebrachten Schluss: Dass wir die Zusammenarbeit ordentlich und vertragsgemäß zuende bringen (bis zum Schluss auch mit 100%igem “Dabeisein” meinerseits, damit da kein falsches Bild entsteht) und dann getrennte Wege gehen. Gestern feierte ich, gemeinsam mit einer anderen Kollegin, die das Blatt jetzt zeitgleich mit mir verlassen hat, eine schöne und herzliche Ausstandsrunde im Kollegiumskreis, in der Kantine des Gorki-Theaters, die gegenüber der Redaktion liegt, und in der viele von uns immer mittwochs über all die Zeit sicherlich Hunderte von Mittagspausen-Schnitzeln genossen haben (oder noch genießen).

So – nun sind die Dinge hoffentlich geklärt.

In all dem oben Geschriebenen verbergen sich übrigens zwei sehr gute Nachrichten – hoffentlich haben Sie die nicht überlesen:

1.) Den Freitag wird es weiterhin geben! (Es arbeiten auch weiterhin etliche hochintelligente und vertrauenswürdige Kolleginnen und Kollegen dort, ich wünsche ihnen alles Beste, es wird spannend bleiben, wie diese Zeitung sich entwickelt,)

2.) Auch mich wird es weiterhin geben! Und zwar, wie sagt man da, wie heißt es noch – mit Schmackes. Zum Beispiel wird hier nun endlich mal wieder ein Buch geschrieben, es wäre das fünfte. Und auch journalistisch habe ich keineswegs vor, mich zur Ruhe zu setzen – ganz im Gegenteil. Wollte man an dieser Stelle unbedingt eine Klammer zum Beginn dieses Blogbeitrags setzen, könnte man sagen: “Der Vorrat an Pirouetten ist hier noch lange nicht erschöpft.” (<<< Eine solch miese Metaphorik würde ich aus jedem Zeitungstext allerdings sofort mit strenger Hand herausstreichen!)

Über die neuen großen & kleinen Unternehmungen von Katja Kullmann Enterprises werde ich Sie in gewohnt mittel-aufdringlicher Manier hier auf dieser Seite informieren.

Nun aber erst einmal: digitale Betriebsferien, wie in jedem Juli.

In verabschiede mich mit einem Angeberinnen-Bild in den Sommer – mit diesem Tweet nämlich, den die US-Wirtschaftswissenschaftlerin und -Soziologin Saskia Sassen vor gut einem Jahr in die Welt gesetzt hat. Er zählt zu meinen persönlichen beruflichen Highlights der vergangenen 3,5 Jahre:

Und schließlich spiele ich Ihnen, in meiner Eigenschaft als I am your favourite DJ, ganz unten noch eines meiner liebsten Northern-Soul-Lieder überhaupt vor – gesungen von Freda Payne, 1942 in Detroit/Michigan geboren. Beim Video bitte nicht erschrecken: Es beginnt ohne Ton – der Song fängt erst bei 0:15 an – und dann gleich mit einem Wumms.

Wir sehen uns hier gesund & munter im Spätsommer wieder!
Das würde mich jedenfalls ungemein freuen!

Immer die Ihre: KK