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… das eigene Leben unweigerlich mit den Leben anderer Leute, sozusagen mit den Leben von Fremden verbändelt ist – ob man will oder nicht.

Im Idealfall ist es eine angenehme Verbändelung, und man ist sich auch nicht komplett fremd, sondern hat den Eindruck, man kenne sich durchaus ganz gut.

In jedem Fall sind es aber immer auch: von einander getrennt laufende Leben. Leben, die sich nur an bestimmten Seiten, Stellen, Punkten berühren. Womöglich sind sie ganz dicht miteinander verwoben – aber darüber hinaus finden all diese Leben eben auch immer jenseits des Verhältnisses Familie statt, haben all diese Leben auch noch ganz andere Facetten.

Für eine Erwachsene ist das eine ganz schön banale Feststellung, jaja, das gebe ich zu. Als Kind aber fand ich es faszinierend, mir zu vergegenwärtigen, dass meine Eltern und Großeltern in gewisser Weise auch Fremde sind, von denen ich zwar einiges weiß – aber bei Weitem nicht alles. Vielleicht war ich 4, vielleicht auch schon 7, als ich erstmals darauf kam, und vermutlich war ich schon viel älter, vielleicht 14 oder auch schon 23, als ich es dann ganz an mich heranließ bzw. wirklich begriff. Die Fremdheit der eigenen Familienmitglieder, deren Vorleben oder außerfamiliäres Leben können für ein Kind, wenn es erstmals auf diese Spur kommt, ein bisschen unheimlich sein. Fotos spielten bei dieser Erkenntnis für mich eine große Rolle, vor allem eben Fotos, die meinen Vater und meine Mutter vor meiner Zeit zeigten. Da waren also diese zwei Menschen, die ich Mama und Papa nannte und die gefälligst für mich da zu sein hatten, so war doch der Deal, nicht wahr? Und sie hatten eine Vergangenheit! Sie waren auch selbst mal Kinder gewesen, dann Jugendliche, dann junge Erwachsene mit seltsamen Frisuren und Kleidern. Unfassbar! Was haben die da gemacht? Wieso war ich da nicht dabei? Ich erkenne sie gar nicht wieder. Verheimlicht man mir etwas? Kann ich diesen Menschen überhaupt trauen? All diese Überlegungen muss ein kleiner Mensch erst einmal verdauen, es geht so peu à peu, würde ich sagen.

Jener Gedankengang ist ja wirklich höchst aufregend – auch vielversprechend – wie eine Aussicht darauf, dass Menschen doch sehr eigenwillige Tiere sind – und dass man auch selbst so ein Tier ist – und dass es womöglich nie jemanden geben wird, der bei allem immer dabei ist. Dass man sozusagen ja frei ist, mehr oder weniger. Dass man sein Leben zuallerst mal als Einzelne lebt, in ganz verschiedenen Zusammenhängen, von denen die Familie nur einer ist – ja: Es gibt ein Leben vor, nach oder jenseits der Familie. Man nennt es zum Beispiel auch: Individualität.

Wie gesagt: Das ist eine Kinder-Überlegung, es ist lange her, dass es mir als Sensation aufschien – inzwischen weiß ich das ja einfach und habe mich sozusagen daran gewöhnt. Aber wenn ich mich anstrenge und konzentriere, gelingt es mir manchmal (so bilde ich es mir jedenfalls ein), mich wieder in diesen frühen Erkenntnisstand zurückzuversetzen, in das kindliche Panorama mit all seinen schier unbegreiflichen Schocks & Wundern.

Als nun meine geliebte Oma Irmgard mit 95einhalb Jahren starb (ich bloggte neulich ausführlich darüber) und als ich nun gerade zu ihrer Bestattung nach Hessen reiste, fragten meine Eltern mich, ob ich das eine oder andere Stück aus ihrem Nachlass noch zur Erinnerung behalten wollte. Bei diversen kleinen Dingen griff ich zu – vor allem bei den teils arg zerrupften Fotos, die meine Oma in verschiedenen Kistchen und Kästchen aufbewahrt hatte. Meine Eltern, mein Bruder und ich sahen uns die Fotos an, jedes einzelne, wir teilten Anekdoten und Erinnerungen an meine Oma, mehr als ein Dutzend der Fotografien nahm ich nun mit nach Berlin. Manche kannte ich schon von früher, andere waren mir jetzt ganz neu.

Und insgesamt ist da nun der Eindruck: Diese Fotos eines Lebens sind wie ein Film – wie einer, von dem ich grob den Inhalt kenne, einige Film Stills auch – aber: Den Film in Gänze habe ich nie gesehen. Er wirkt dennoch schlüssig auf mich, dieser Film. Manche der Film Stills, der Standbilder, kommen mir unfassbar glamourös, unfassbar fremd vor. Dennoch habe ich in gewisser Weise damit zu tun. Als Enkelin bin ich nun mal eine Art Nachfolgerin meiner Oma, sozusagen: die übernächste Staffel. Und ich finde diese junge Frau, dieses Mädchen, den Teenager, die junge Erwachsene Irmgard, die ich jetzt auf den alten Fotos entdeckte, reichlich sympathisch.

Was bleibt von einem Leben – das ist eine Frage, die mich in diesen Wochen jetzt erstmals in dieser Tiefe beschäftigt. Nicht schwermütig, nicht “depressiv” oder so was, überhaupt nicht! Nein – eher eben im oben skizzierten kindlichen Sinne – als Schock & Wunder der Individualität.

Auch hier weiß ich wieder nicht, ob es wirklich in Ordnung ist, Fotos anderer Menschen ohne deren Einweilligung hier vorzuzeigen. Andererseits: Es sind halt ganz normale Leute – zufällig jetzt meine Leute. Und ich weiß ja nicht, wie Ihre Familiengeschichten und -Verhältnisse so laufen oder gelaufen sind (solche Geschichten können auch fürchterlich sein, ich weiß). Jedenfalls neige ich im Moment zu folgendem Ratschlag: Schauen Sie sich halt ab und an mal die Bilder der Alten an – lassen Sie die auf sich wirken – und spüren Sie ruhig wieder einmal dem Faktum nach, dass Sie selbst auch wieder nur ein Mensch sind – einer der ganz, ganz vielen – nicht weniger – aber auch ganz bestimmt nicht mehr.

Es folgen also ein paar Film Stills aus den Kistchen und Kästchen meiner Oma – Schnipsel aus einem von vielen möglichen Leben halt.

Ganz oben, als Startbild, übrigens: Meine Oma und ihr Mann Erwin Mitte der 1950er Jahre in einem holländischen Strandkorb, fotografiert von ihrem damals etwa 10-jährigen Sohn (meinem Vater).

Hier: der Vater meiner Oma, mein Uropa, er lebte noch bis in die 1990er Jahre – aufgenommen im März 1960 (so sagt es der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite des Fotos):

Die Mutter meiner Oma, meine Uroma, hier als ganz junge Frau, irgendwann zwischen 1918 und 1920 fotografiert, noch vor der Geburt ihres ersten von dann insgesamt 6 Kindern. Diese Uroma lebte noch bis 1999, und sie kam an einem 16. Juli zur Welt, genau wie etliche Jahrzehnte später dann auch ich:

Meine Oma (links) mit ihrer Mutter und einem ihrer Brüder, ca. 1926/1927:

Die kleine Irmgard mit vielleicht 5 (?) Jahren, ca. 1927/28:

Die Nazis waren schon voll da, dennoch (oder gerade deswegen?) ließ meine Oma sich konfirmieren; man ist dann ja ungefähr 13 oder 14 Jahre alt, das Foto wird also von 1935 oder 1936 stammen:

Bürofräuleins! Eine ganz neue, junge Generation von berufstätigen Frauen! Lesen Sie Siegfried Kracauers Die Angestellten! Hier meine Oma Irmgard (links) mit zwei Kolleginnen und einer hochmodernen Schreibmaschine des Fabrikats Torpedo in den Büroräumen der Nudelfabrik “Haller”, in den späten 1930er Jahren im Vordertaunus:

Eine lebenslustige junge Frau in Nazi-Deutschland (ca. 1940), ganz und gar nicht arisch aussehend, worüber ich mit meiner Oma nie sprach, wie mir erst jetzt auffällt: Ob sie wegen ihres dunklen krausen Haares und ihrer markanten Gesichtszüge blöd angemacht wurde, von blondbezopften Gleichaltrigen, von dämlichen BDM-Elsen, oder doch nicht?

Weltkrieg, Schulterpolster, Clutch und schicke Schuhe:

Mit dem Geliebten, dem Verlobten (oder waren sie da schon verheiratet?), jedenfalls mit Erwin, der Liebe ihres Lebens, in der Natur:

1946 oder 1947 mit dem noch recht frisch geborenen einzigen Kind, dem Sohn (meinem Vater) auf dem Arm:

Hier die Kette und das Armband aus Koralle, die meine Oma von meinem Opa geschenkt bekam, als sie noch ganz jung verliebt waren (siehe auch hier, ganz am Ende), und die ich nun von ihr geerbt und ihr zu Ehren zu ihrer Beisetzung getragen habe, kombiniert mit einer Jacke, die mit Zweiglein gemustert ist (weil meine Oma Zweiglein so gern mochte).

Und schließlich hier noch ein Buch, das schon seit gut über einem Jahr bei mir herumlag, das ich aber erst jetzt zu lesen begann: Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus – die Erinnerungen von Eva Sternheim-Peters, Jahrgang 1925 (also drei Jahre jünger als meine Oma) – ein wirklich lohnendes, sehr informatives, auch: ziemlich beunruhigendes Buch.

Im Klappentext heißt es:

Es ist eine verstörende, unbequeme Lektüre. Eva Sternheim-Peters lässt ihr Aufwachsen in einem Umfeld lebendig werden, das Militär, Waffen oder Krieg keineswegs als schrecklich, sondern als normal empfindet. Sie beschreibt, mit welchen Mythen, Vorbildern und Ressentiments die kleine Eva aufwächst, dabei politische Schlagworte und Feindbilder verinnerlicht, bevor sie selbst überhaupt ein Verständnis der Welt erlangt hat. Der Zeitzeugin geht es weder um Apologetik noch um Revisionismus, sondern um Selbstkritik und auch Selbstironie. Sie schottet sich nicht ab mit der Einstellung: »Ihr wart nicht dabei, was wisst ihr schon?!« – Im Gegenteil: Ihre Erinnerungen sind eine Einladung, als wolle sie sagen: »Schaut, so habe ich es erlebt.« Ihren Lesern bietet sie die Möglichkeit, Einblicke zu erhalten, die man von den eigenen Eltern oder Großeltern häufig vermisst hat.

Na – damit endet nun dieses kleine Panorama hier.

Beim nächsten Eintrag schauen wir wieder weit nach vorne, versprochen.

Immer die Ihre: KK

December 3, 2017