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Die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin, unvergleichlich scharf, klar und elegant denkende Feministin Silvia Bovenschen ist gestorben. In ihrem Buch Verschwunden (2008) schrieb sie:

Warum speichern wir Menschen Geschichten oder denken sie uns aus? Weil wir schwach sind. Weil wir die Leere nicht ertragen und die absolute Stille nicht, deshalb all die Erzählungen, die mündlichen, schriftlichen, die filmischen, die televisionären, wir brauchen sie und erschaffen für sie immer neue Medien und Foren. Die Schrift, das Bild, den Höhlenfels, die Papyrusrolle, die Leinwand, das Buch, das Kino, das Fernsehen, und jetzt ergießen sich noch diese Buchstabenlawinen der Interneterzählungen und werden aufgefangen in virtuellen Tälern, weil der reale Platz nicht mehr reicht. Täglich neu errichtete Wortscheunen, in die sie jetzt alles stopfen und wieder abrufen, was sie sich und anderen mitteilen wollen, Erzählungen von dem, wie sie gerne wären, wie sie einmal waren, wie sie einmal sein werden, Stoffgaragen, in die die Jungen ihre verheuchelten Selbstanpreisungen, die Alten ihr biographischen Lügen einparken. Weil sie hoffen, daß schließlich aus dem Zeichenschwall, aus dem ganzen unsortierten Geblubber eine geheimnisvolle Botschaft zu ihnen dränge oder eine Wahrheit wunderbar aufstiege, eine Botschaft, das Heil.

Möge sie nun andernorts ihr intellektuelles Stroboskoplicht zünden.

October 28, 2017