Jo Cox – und einige Überlegungen (in aller Aufgewühltheit angestellt) – Fazit: NOCH MEHR MODERNE! UND ZWAR SOFORT!



Jo Cox.

Porträts über die britische Labour-Politikerin und Brexit-Gegnerin, die am Donnerstag in ihrem Wahlkreis im nordenglischen Birstall von einem 52jährigen Mann ermordet wurde, der Verbindungen zur US-amerikanischen Naziszene und zu südafrikanischen Apartheidsbefürwortern gehabt und während der Tat “Britain first!” gerufen haben soll, gibt es derzeit viele zu lesen. Etwa dieses hier vom GUARDIAN, in dem u.a. Cox’ Position innerhalb der Labour Party knapp, aber anschaulich skizziert ist: Sie opponierte etwa deutlich gegen den Labourchef Jeremy Corbyn (der unlängst dann doch einmal das allzu offensichtliche Antisemitismus-Problem in seiner Partei etwas herunterdämmen musste, indem er sich von einigen, nun ja, Mitstreitern trennte). Cox widersprach Corbyn vor allem in der sogenannten Syrien-Frage (Militäreinsätze gegen den IS-Terror – ja oder nein? Cox sagte: Ja.)

Aufgewachsen in einer Kleinstadt namens Heckmondwike in West-Yorkshire, als Tochter “einfacher Leute” (ihre Mutter arbeitete als Sekretärin in einer Schule, ihr Vater in einer Zahnpasta- und Haarspray-Fabrik), sprach Cox einmal darüber, wie sie erst an der Universität ihr politisches Bewusstsein entdeckte, u.a. weil ihr dort ihre eigene Klassenlage im Vergleich zu den wohlhabenderern MitstudentInnen klar wurde. Mit ihrem brain hatte sie es an die Elite-Uni Cambridge geschafft – und dort fiel ihr auf, dass sie zu denjenigen gehörte, denen der (Bourdieu’sche) Habitus eines Menschen aus einer niederen Klasse unzweifelhaft anhaftete, sie erkannte sich sozusagen als Eine mit proletarischem Look and Feel, sie zählte eben auch zu denjenigen, die nebenbei arbeiten mussten, während Töchter und Söhne reicherer Eltern sich durchaus auch mal eine vollabgefütterte Auszeit nehmen konnten. O-Ton Cox:

I never really grew up being political or Labour. It kind of came at Cambridge where it was just a realisation that where you were born mattered, that how you spoke mattered … who you knew mattered. I didn’t really speak right or knew the right people. I spent the summers packing toothpaste at a factory working where my dad worked and everyone else had gone on a gap year. To be honest, my experience at Cambridge really knocked me for about five years.

Beim blöden Facebook – auch ich suchte, im Schock, am Donnerstagabend erst einmal im Internet herum, und weiß gar nicht, was ich da eigentlich suchte: eine Erklärung etwa? Oder gar so etwas wie Trost? – fiel mir zum Mord an Jo Cox spontan nur diese läppische Satz ein:

Das Ausmaß und die Summe des Hasses werden früher oder später mein Fassungsvermögen übersteigen. Jo Cox hieß die Frau. Was soll man sagen?

Das Gute an der Form Blog ist nun, dass es keine Zeitung ist – eine Unverschämtheit wäre es, unredigierte Spontanüberlegungen auf Papier zu drucken und Geld dafür zu verlangen. In einem Blog ist das Nachdenken in Echtzeit (das sozusagen ungeschützte Nachdenken, das skizzierende Nachdenken, das sich weit vor dem Stadium der Ordnung befindet) aber wohl legitim.

Und während nun also auf allen Kanälen die Spekulationen, Theorien und Thesendreschereien auf Hochtouren laufen – es wird etwa darüber gestritten, ob und wenn ja warum der Mord an Jo Cox mit dem Massenmord im Club Pulse in Orlando strukturell etwas zu tun haben könnte oder nicht (der Orlando-Mörder hatte sich telefonisch als Anhänger des IS-Terrorismus vorgestellt), oder ob es ein Thema sein könnte, dass es fast ausschließlich Männer sind, die dieser Tage, oft eben auch als Solisten, killend durch die Welt ziehen (es scheint mir weniger ein Thema, über das zu streiten wäre, zu sein, sondern ganz schlicht erst einmal ein Faktum, nicht wahr?), und sogar darüber, wie weit das Verständnisbemühen für den tödlichen Hass noch ausgedehnt werden müsse (die Mörder empfanden sich womöglich aus verschiedenen Gründen als gekränkt, ausgeschlossen oder abgehängt oder waren psychisch auffällig bis krank, das müsse man immer mitbeachten, doch doch) – während all dessen komme ich im Moment erst einmal vor allem auf folgende, nunmehr sehr deutlich bei mir vorhandene Erkenntnis bzw. “publizistische Haltung”: Ich will den Elends-Song vom “Populismus” nun wirklich nicht mehr hören – beziehungsweise werde ich ihn keinesfalls aktivisch mitsingen – auch nicht den Song von einem “linken Populismus”. Das ist ja tatsächlich eine Lieblinsgphrase von etlichen Politik- und Medienmenschen dieser Tage: dass die “Linken” (wer auch immer das eigentlich gerade sein soll) in Sachen Vereinfachung den “Rechten” (wer auch immer genau dorthin zu zählen wäre) nun nicht länger nachstehen dürften. Ich sage: Nein. Ganz sicher nicht. Das Gegenteil ist der Fall.

Es gibt erschütternde Parallelen, Gleichklänge zwischen sich als “links” verstehendem Populismus und jenem, der sich selbst klar “rechts” positioniert – zum Beispiel super-deutlich in der Abwendung von Europa – womit von beiden Seiten, rechts und links, meist zuvorderst die EU als Apparat gemeint ist – der ganz ohne Zweifel ganz dringend von Grund auf umgebaut werden muss! – aber da wird eben so eifrig popularisiert, von rechts wie von links, dass es nun mit rasendem Tempo in eine Abwehr von allem Transnationalem generell übergeht – rechts ohnehin – und in Teilen von “links” nun zunehmend auch – beide weiden sich zum Beispiel an der Vokabel “Globalisierung” und denken selbige Vokabel so bratzdumm eindimensional, im Grunde genauso beschränkt und bar jeder positiven Vision wie die verhasste globale Economy selbst! Und da wird dann also – gern unter Verweis auf “Ängste” und “Zukurzgekommenseinsgefühle” – gegen das “Globale” gehetzt, das im geschlossenen Weltbild des/der Populisten/in von LECHTS wie von RINKS selbstverständlich ausschließlich als “Neoliberales” gedacht werden kann. Wie klein! Wie bitter! (Da waren die Ahninnen und Ahnen schon mal sehr viel weiter, die bürgerlichen wie die proletarischen, mit ihren Entwürfen von Kosmopolitismus und Internationalismus.) “Aufgeheizte Debatten” nennt man das auch, das steht dann oft so in Zeitungstexten, wenn das Klima beschrieben werden soll, in dem Einzelne sich also nicht nur zu Hassbekundungen und Morddrohungen bemüßigt sehen, sondern nun allerorten, alle paar Tage immer mal wieder einer, losziehen, um vom Haten und Trollen tatsächlich zum Töten überzugehen. (Was allerdings ein Schritt ist, der von “linker” Seite jetzt noch nicht so erfolgt ist, das muss man auch klar sagen, nur von rechter und islamistischer Seite.)

Nein, als ein Mensch, die zur Zeit strukturell mitten drin sitzt im Journalismus – in einer Branche, die aktuell ja wahlweise als “Lügenpresse” (von lechts) oder “Mainstreammedien” (von rinks) beschimpft wird – verweigere ich jeden Flirt mit dem “Populismus”.

Werbung für die Vernunft (also “Aufklärung” und Weiterführendes).

Und Werbung für einen gerechten und solidarischen Kosmopolitismus.

Anderes ist hier nicht im Bestellangebot.

Ach doch, eines noch:

Werbung für die Freiheit, auch und gerade für die ganz individuelle. Selbige wird dieser Tage ja besonders handfest (blutig) von exakt jenen zwei Seiten bedroht: von der sogenannten Neuen Rechten, die u.a. all das hasst, was die Moderne nun mal ausmacht, und die in der Folge auch alles Islamische hasst – und von Terroristen, die angeben, im Namen des Islam zu töten, und die die Moderne (und deren Grundlage, die Aufklärung) mindestens ebenso hassen wie die Rechten. Rechte und Islamisten sind sich in ihren Argumentationslinien strukturell in etlichen Punkten ja wirklich berückend einig, etwa in diesem: die Komplexität (man könnte auch sagen: die Vielfalt) der Welt muss zurückgefahren, muss eingehegt, muss weggesperrt, muss in ihre Schranken verwiesen oder gleich ganz eingebombt werden. Das ist die Gewalt der Vereinfachung – die gelegentlich, zur Zeit sehr oft, tödliche Wirkung hat. Nein – den Vereinfachungszug mit der Vereinfachungslogik des Populismus noch weiter voranzutreiben, einen “gut gemeinten Populismus” als weiteres Brikett ins Feuerchen zu schmeißen – ohne mich. Oder, wie es der Fotograf Wolfgang Tillmans, der eine Plakatkampagne gegen den Brexit in Umlauf gebracht hat, neulich in diesem Zeitungstext sagte:

Revoluzzer-Romantik ist im Moment nicht produktiv.

Noch einmal verweise ich in diesem Zusammenhang auf Elfriede Jelineks Theatertext WUT, über den ich kürzlich eine Art Inszenierungs-Rezension schrieb, Überschrift DER VOLLE FUROR IN ECHTZEIT.

Hätte ich dieser Tage mehr Zeit & Luft, bestünde mein Tagesinhalt momentan nicht darin, als Arbeitnehmerin, ganz schnöde, mein Produktionssoll in einem bestimmten Betrieb zu erfüllen (“Zusehen, dass der Laden läuft”, wie jede Bäckerei-Vorsteherin oder Gebäudereinigungs-Kolonnen-Chefin in ihrem Betrieb auch), dann würde ich jetzt gern in aller Ruhe, aber doch zügig, ein ca. 120 Seiten fassendes Bändchen schreiben, unter dem Arbeitstitel EINE VERTEIDIGUNG DER MODERNE – wobei dieser Titel schon von anderen verwendet wurde (u.a. für einen Theorieband, der sich mit polnischer Kunst nach 1945 beschäftigt, und als Titelzeile einer Replik auf Peter Sloterdijk, verfasst vom Vorsitzenden der Heinrich Böll Stiftung, Ralf Fücks). Gut, der Titel ist also schon anderweitig vergeben. Das noch ungeschriebene Bändchen könnte meinetwegen auch so heißen:

NOCH MEHR MODERNE! UND ZWAR SOFORT!

Unterzeile:

Ein messerscharfes und dennoch leicht verständliches Plädoyer für ein freies und solidarisches WeltbürgerInnentum in allen Farben und Formen

Immer die Ihre,
KK

P.S.: Genährt sind die hier angestellten (und wie gesagt: kostenfrei, nicht als “Journalismus” und ohne jede Leseverpflichtung veröffentlichten) Überlegungen auch von der Lektüre dieses aktuellen Bandes, ich stecke noch mitten drin, auf S. 83 von 191: