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In Hessen sagt man babbeln, und ich bin mir gerade nicht sicher, wie es jenseits der Landesgrenze in der (Kur)Pfalz genau heißt, ich glaube: schwätze.

Aus Mannheim (Mannem) kam jedenfalls Joy Fleming, geborene Erna Raad. Der Neckar war ihr Mississippi heißt der Nachruf, den Felix Bayer nun für Spiegelonline schrieb. Darin finden sich auch Links zu den bekanntesten Fleming-Stücken: zum Neckarbrückenblues, zum Brutto/Netto-Song Ich sing fers Finanzamt und zum Grand-Prix-Beitrag Ein Lied kann eine Brücke sein von 1975.

Nein, ich war oder bin nicht direkt ein Fleming-Fan, besitze keine Scheibe von ihr. Aber diese Frau ist mir als Kind immer aufgefallen, etwa in der ZDF-Hitparade. Was mich damals, in den 1970ern, stärker fasziniert hat, kann ich nicht mehr sagen: ihre kräftige, oft als soulig beschriebene Stimme – oder ihre selbstbewusst präsentierte Körperlichkeit, die schon damals nicht den üblichen Beauty-Auflagen des Pop-Markts entsprach. Mit beidem hatte Joy Fleming jedenfalls immer einen kleinen Stein in meinem Brett. Blöd, wer über sie lachte! Die Frau war serious, das heutige Modewort dafür lautet vielleicht authentisch.

Was mich nun überrascht hat – und begeistert: In den öfftl.-rechtl. Nachrichtensendungen vom Donnerstag bekam die Todesnachricht von Joy Fleming deutlich mehr Raum als die des Playboy-Gründers Hugh Hefner. Etwa in der Tagesschau: Joy Flemings Tod wird zuerst vermeldet, und ihr sind ab Minute 11:57 insgesamt 1:40 gewidmet. Hugh Hefner kommt erst danach, mit lediglich 30 Sekunden.

So hat Erna Raad einmal angefangen – richtig richtig flott, mit einem wirklich guten Song (von ihrem Band-Kollegen Klaus Nagel geschrieben, die dtsch. Version heißt Das Glück dieser Welt):

Und so kompromisslos fielen im Ölkrisen-Jahrzehnt ihre Videos aus: Die Sängerin performed auf einer ganz realen Abraumhalde – dazwischengeschnitten ist das Schaufenster der Mannheimer Bäckerei Hermann Wasser, dort ist ein lokaltypisches Konditoreiprodukt ausgelegt, das aussieht wie dies & das und “Mannemer Dreck” heißt, wie der Mannheimer Dreck und eben der Song.

Möge sie nun andernorts Tacheles singen.

September 30, 2017