… ob sich nicht doch was Bess’res findet

Michel Duchaussoy und Bernadette Lafont in einer Szene des Films “Les Stances a Sophie”, 1970/71 gedreht von Moshe Mizrahi, basierend auf einer Erzählung von Christiane Rochefort (Motiv gesehen bei mubi.com)

Heute mal wieder ein sehr ausführlicher Blog-Eintrag, ein regelrechter Riemen. Dann aber für eine ganze Weile nicht mehr so oft und lang. Es gibt nämlich viel zu tun, bei Kullmanns, in den nächsten Monaten. (Über die Ergebnisse werde ich Sie beizeiten in gewohnt packender Weise informieren.)

Unser Thema heute: Romane über gescheiterte Ehen. Schon wieder! Sie bilden ja praktisch eine eigene Gattung. Ich nehme an, dass es etliche Doktorarbeiten darüber gibt. Und bevor es hier jetzt ein weiteres Mal bescheiden & oberflächlich um jene Sorte Geschichten geht, wie vor einem Jahr schon mal, möchte ich anmerken, dass ich eigentlich gar kein gesteigertes Interesse an Ehe-Plots habe! Also: nicht bewusst und schon gar nicht persönlich, denn ich bin ja seit nunmehr 46 1/2 Jahren überaus glücklich unvereiratet und habe auch vor, es zu bleiben.

In den vergangenen 3-5 Jahren bin ich aber auffällig oft auf Ehe-Geschichten gestoßen, konkreter auf das erzählte Scheitern von Ehen oder ehe-ähnlichen Verbindungen, in Büchern und/oder Filmen, die jeweils eher zufällig in mein Aufmerksamkeitsfeld gerieten – etwa, weil das Gesamtwerk eines Autors oder einer Autorin mich interessiert hat. Das Zerfallen von Ehen ist augenscheinlich ein Stoff, der Schriftstellerinnen und Schriftsteller reizt, wenn sie etwas gereift sind.

Einen wahrlich großartigen (!) ungeheuer scharfen Roman dazu hat die Schottin bzw. Australierin HELEN HODGMAN (* 1945) im Jahr 1976 geschrieben: GLEICHBLEIBEND SCHÖN (vor 5 Jahren im Knaus Verlag erstmals auf Deutsch aufgelegt). Ich schrieb 2012 einen begeisterten Text darüber, unter dem Titel DIE PFLICHT GLÜCKLICH ZU SEIN.

Noch einige Schärfestärke mehr hat der unglaublich böse und unterhaltsame Roman DIE ZÄHMUNG. CHRONIK EINER EHE von Gisela Elsner. Bitte lesen Sie das unbedingt einmal! Der Verbrecher Verlag hat es vor ein paar Jahren in einer kleinen, feinen Gisela-Elsner-Werkschau wieder aufgelegt (von Christine Künzel herausgegeben).

Hat man die 40 einmal überschritten (wie es auch mir vor einem Weilchen schadlos gelungen ist), schnappt man ja auch im ganz realen Leben immer mal wieder etwas von Trennungen, Scheidungen, sogenannten Rosenkriegen auf, so wie man zunehmend auch etwas über pleite gegangene Gaststätten von Freunden oder Privatinsolvenzen von früheren Kollegen hört, von schimmelverseuchten Wohnungen und anderen Anlässen für langwierige Gerichtsprozesse im Bekanntenkreis, von fürchterlichen oder ermutigenden Krankheitsgeschichten, von Arbeitslosigkeit und anderen Abwicklungen, von Problemkindern, Süchten, merkwürdigen religiösen Erweckungsmomenten, eklatanter Gewichtszunahme und Verkehrsunfällen. Ja, ganz generell sind die mittleren Jahre eben ein vielfältiges, mitunter aufreibendes Alter und das Meistern(müssen) von Krisen aller Art eine der Hauptbeschäftigungen in jener Lebensphase. Im Mai 2016, als ich die Ehe-Aus-Romane von Michael Kumpfmüller und Rachel Cusk gelesen hatte, formulierte ich es so:

Beide Romane beschäftigen sich also mit einem Knackpunkt der mittleren Jahre: mit dem nicht immer ganz leichten Übergang vom Leben als “Entwurf” (den man irgendwie immer noch fliehen oder mit farbenfrohen Hoffnungen jederzeit noch einmal neu machen kann, vielleicht, womöglich … ) – hin zum Leben als “So ist es nun also” (zur Anerkennung des Faktischen, dessen, wozu die farbenfrohen Entscheidungen jüngerer Jahre also geführt haben, und zu Überlegungen, wie man sich im Weiteren dazu verhalten, was man fortan damit anfangen könnte).

Je nachdem, in welcher Zeit über Ehen und ihr Scheitern geschrieben wurde oder wird, ob im 19. Jhdt., im frühen oder im späten 20. oder heute, haben die Problemlagen eine andere Tönung. Mal steht das Scheitern des bürgerlichen Geschäftsmodells Ehe im Vordergrund (die “Firma” bricht zusammen), mal Fragestellungen der Moral & Schande, mal eher die Geschlechterrollen als Abstrakta, mal ganz konkret der Geschlechtsverkehr (als Ausbleibendes oder aushäusig Veranstaltetes), mal die tiefere Psychologie der Beteiligten (Missverständnisse, Verletzungen, seelischer Schmerz in all seinen Ausprägungen). Immer ist dabei auch entscheidend, in welcher sozialen Liga sich das sogenannte Ehe-Aus zuträgt: Für Menschen mit eher wenig Geld sind und waren die Konsequenzen ja meist ganz andere als für (Ex-)Paare aus der Bourgeoisie oder des Adels. Ja, wie das vermaledeite Geld da stets mit hineinspielt, ist schon interessant. Man könnte sagen: Ehe-Romane erzählen oft mehr – über eine Gesellschaft, über Machtgefüge, über den ewigen Widerstreit zwischen Individuellem und Gemeinschaftlichem, über Abhängigkeiten, Unfreiheiten und Befreiungsmomente, und sind in diesem Sinne eben ein moderner Topos, ein Schlüsselthema der Moderne. Somit kann man diese Geschichten durchaus auch als glücklich Unverheiratete manchmal erhellend finden.

Zufallsfund, auf den ich vor ein paar Tagen stieß: Vor 160 Jahren, am 24. Januar 1857, begann in Paris ein Prozess gegen Gustave Flaubert. Es ging um seinen Ehebrecherinnen-Roman Madame Bovary, der wegen seiner “Obszönität” und “Blasphemie” verboten werden sollte. Flauberts Anwalt habe jedoch ein glänzendes Plädoyer gehalten, heißt es in verschiedenen Quellen, Flaubert wurde freigesprochen, der Roman durfte weiter erscheinen (was ja ein großes Glück für die Literatur ist).

Nun drängt sich mir in meinem Alltag gerade ein weiteres Ehe-Cluster auf. Und das aus 4 Gründen:

a) Zum einen sind die Winter- und Frühjahrsprogramme der Verlage wieder einmal recht voll mit diesem Thema. Eines der prominenteren neuen Bücher dazu ist sicherlich Jonathan Safran Foers Roman HIER BIN ICH, den ich aber noch nicht gelesen habe und womöglich auch nicht lesen will – denn zwei andere ganz aktuelle Ehe- oder vielmehr Beziehungs-Krisen-Romane aus der Gegenwart, beide, wie bei Foer, latent autobiographisch gefärbt, habe ich gerade schon gelesen, und die waren so schlecht (eines gar so übel, dass ich es nach gut 100 Seiten zugeklappt habe), dass ich vor allem gerade eine dringende Ermutigung verspüre, selber endlich wieder mal ein Buch zu schreiben (nicht über das Institut der Ehe!). Es kommt mir gar nicht so schwer vor, wenn solcher Bockmist, wie ich ihn da unlängst (an)gelesen habe, tatsächlich veröffentlicht wird (die AutorInnen und Titel verschweige ich hier in größtmöglicher Nonchalance).

b) Meine persönliche Mietshausrealität: Seit gut drei Jahren wohne ich (in einem schönen, angenehmen!) Altbau, nichts Überkandideltes, in einem alten Haus eben, darauf kommt es hier jetzt an – und zwar direkt über einem noch recht jungen Paar, beide dürften so Anfang 30 sein, sie haben zwei Kleinkinder, und sie streiten sich tatsächlich seit bald drei Jahren, und das – in Wellen immer mal wieder – wirklich krass. Da wird gekeift und gejault, gebrüllt und mit den Türen geschlagen, derart, dass wörtlich die Wände wackeln und eine Etage drüber durchaus auch mal ein Bilderrahmen umkippt (it’s true!). Das alles entweder wochenends, Samstag & Sonntag straight durchgekeift und gerummst, oder an Werktagen spätabends bis nachts, und wenn so eine Welle mal wieder losgeht (wie zur Zeit, seit Jahresanfang praktisch durchgängig) ist selten vor 2 oder 3 Uhr nachts Feuerpause. Da oft auch die Kinder mitheulen oder -schreien und da ich das ungeheure Rumpeln anfangs nicht deuten konnte und das unglaubliche Jaulen der Frau zunächst als Todeskampf interpretierte, sprach ich ganz freundlich und schüchtern die (fantastische, sehr freundliche und faire und ebenfalls im Haus wohnende) Vermieterin an, gleich etwa einen Monat nach meinem Einzug: Dass ich mir ein wenig Sorgen machte, wegen häuslicher Gewalt und so, dass mir die Kinder leid täten und was mit der Frau sei und ob man sich nicht vielleicht, hm, mal kümmern müsste? Die Vermieterin winkte ab und sagte, das habe sie anfangs auch gedacht und das Paar angesprochen, aber sie würden sich wohl nicht physisch verletzen, es handele sich um einen rein verbalen Psychokrieg, bei dem allein das Wohnungsinventar sichtbar leide, immer, wenn sie das Paar mal angesprochen habe, vorsichtig und freundlich, habe es sich dann für 4-8 Wochen wieder gelegt. Die Frau und die Kinder sähen auch gänzlich unbeschadet aus und machten einen fröhlichen Eindruck, wenn man sie mal zufällig auf der Straße oder im Hausflur treffe. Tatsächlich ist es genauso: eine strahlende, nachgerade blühende sehr hübsche Ehefrau und Mutter ist das, so erscheint sie auch mir, der Mann wirkt bei Zufallsbegegnungen wie ein sanfter Teddybär, mit rosigen Bäckchen und Knopfäuglein, und die Kinder giggeln und quatschen herum, wie andere Kinder auch, sie wirken gänzlich unbeschwert, wenn man sie mal trifft. Ich hatte schon Besucher bei mir, die den Krieg mitbekamen und meinten: “Himmel, Du musst die Polizei rufen, was geht da unten ab?” Wenn man die Vier dann aber mal zusammensieht, dann sieht man eben: eine glückliche junge Familie, zwei attraktive Eltern, zwei attraktive Kinder. Dass es gewissermaßen eine Hölle ist, in dieser Familienwohnung, dass da das Adrenalin und das Gift regelmäßig explodieren, das sieht man nicht. Inzwischen habe ich auch verstanden: Nicht er allein ist der Aggressor, sie scheint schon auch ihre Mittel und Wege zu haben. Da es nun wieder seit gut 10 Tagen anhält und ich praktisch alles mitanhören muss – was mir wirklich unangenehm ist (das alles geht mich ja nichts an!) – und da ich werktags halt so zwischen 7 und 7.30 Uhr aufstehen muss und, wenn das Paar wieder mal seine Welle hat, selten vor 2 Uhr ein Auge zubekomme, und das über Tage, und angesichts der Tatsache, dass ich das nun über 3 Jahre völlig still, diskret, wie die beste Nachbarin der Welt ignoriert bzw. eben mitgemacht habe, habe ich jetzt vor einigen Nächten spontan gegen 1.45 Uhr, einen recht freundlichen, aber deutlichen kurzen Brief an das Paar geschrieben und noch in der betreffenden Nacht untem im Hausflur in ihren Briefkasten geworfen, während es hinter der Wohnungstür weiter polterte und schrie. Dass es so nicht weitergehe, dass es leider unaushaltbar sei und sie bitte etwas Rücksicht nehmen mögen. “Mit echt genervten Grüßen aus der Wohnung oben drüber, Katja Kullmann” Es ist ein bisschen fies: So eine Nachbarin zu sein, gezwungenermaßen – eine, die sich in Sachen reinhängt, die sie nichts angehen. Aber eben das ist ja der Punkt: Es geht mich nichts an – und ich will ja auch gar nichts davon mitbekommen! Genau das schrieb ich dem Paar. Ich hoffe, sie hassen mich jetzt nicht. (Noch bin ich ihnen nicht wiederbegegnet, seit dem Brief, noch gab es keine Reaktion, in den zwei Tagen und Nächten seither ging es exakt so weiter, auch bis vor einer halben Stunde gerade wieder, live & full throttle.) Immerhin ist es ja ein Versuch meinerseits, die Sache unter uns Erwachsenen zu regeln, ohne, dass ich die Vermieterin oder sonstwen einschalte. Was ich den beiden eigentlich hätte schreiben wollen oder vielleicht auch sollen, ist freilich dies: SO TRENNT EUCH HALT!!! Aber das, hm, steht einer Fremden wohl nicht zu. Zumal es bekanntlich ja auch Paare gibt, die gerade durchs Keifen, durch konstante Eifersüchteleien, durchs dauernde Sticheln und gegenseitiges Auftrumpfen miteinander vereint sind, bei denen die Aggression also das verbindende Element ist, und nur die beiden und ihre ganz engen Freunde wissen, wie sehr sie sich gemeinsam daran erfreuen und genau dadurch ihre Zusammengehörigkeit spüren können. Anyway. So geht also Liebe, für manche Menschen. Die Welt ist bunt.

c) Ein ziemlich besonderes Buch zum Thema Ehe wird im März bei Blumenbar (Aufbau Verlag) erscheinen: NINA & TOM von Tom Kummer. Dieses habe ich wiederum gern gelesen. Und habe die Freude & Ehre, die Buchpremiere in Berlin zu moderieren (ähnlich wie ich es neulich bei Thomas Meinecke tat). Am 16. März. Weitere Informationen folgen noch, you can count on that.

d) Eines meiner drei Lieblingsantiquariate spielt jetzt auch mit hinein; 2 Romane aus den 1960/70er Jahren (siehe das folgende Bild) fand ich dort vor ein paar Wochen, ohne danach gesucht zu haben. Die Bücher wirkten interessant auf mich (kann es sein, dass ich dieses Attribut sehr häufig hier im Blog verwende?). Es ist ein Antiquariat mit karitativem Zweck, es befindet sich nicht (!) in Berlin, und es ist (nach etlichen Wiederholungsbesuchen über Jahre kann ich das sicher sagen): das bestsortierte und preislich bescheidenste Antqiquariat, das ich kenne. Sehr gut bestückt, mit oft erstklassigen oder sonst selten zu findenden Büchern, die meist eindeutig aus belesenen Haushalten stammen, und meist kosten die Bände bloß zwischen 2 und 15 Euro, selbst makellose Erstausgaben von, sagen wir, 1965 mit Schutzumschlag und allem. Den genauen Ort oder Namen des Ladens habe ich noch nie jemandem verraten, glaube ich. Er sieht so schäbig und zugig und dubios aus, dass viele daran vorbeigehen, und das ist mir selbstverständlich recht, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass bei meinem nächsten Besuch (so ca. 2 x im Jahr) wieder genügend guter Stoff dort lagert. Ganz schön ego, dieses Nicht-Sharen-Wollen des HotSpots, nicht wahr? Ach – in diesem Fall ja. (Zum einschlägigen Emoticon für solche Fälle hier entlang klicken)

Die literarischen Lebensabschnittsdramen aus dem Antiquariat haben mir gefallen!

Beide stammen aus einer Zeit, den 1960/70er Jahren, in denen die Geschlechterrollen der bürgerlichen Gesellschaft erstmals in aller Breite in Frage standen, in der Frauen bestimmte Arrangements nicht mehr eingehen oder mitmachen wollten und in der folglich auch viele Männer gezwungen waren, den gesellschaftlichen Part, den sie gewohnheitshalber übernommen hatten, zu überdenken. Männliche Schriftsteller jener Zeit mussten sich auf die eine oder andere Art mit den “neuen Frauen” in ihrer Umgebung auseinandersetzen – ich schrieb schon mal darüber, etwa wie JÖRG FAUSER oder WOLFGANG WELT sich damit beschäftigten.

So sehen die gerade gelesenen Antiquariats-Romane aus:




Christiane Rochefort: MEIN MANN HAT IMMER RECHT
(nur noch aus zweiter Hand erhältlich)

Christiane Rochefort (1917-1998) ist auch wieder eine dieser Schriftstellerinnen oder Schriftsteller, die im Hochsommer geboren sind, sozusagen mit dem Temperament eines zangenbewehrten Schalentiers, das wusste ich nicht, bevor ich jetzt zu ihrer Person im Internet nachschlug. (In der gleichen Saison, mit der ich mich ganz gut auskenne, sind einige AutorInnen aus meiner Sammlung geboren, etwa der schon erwähnte Jörg Fauser und Hunter S. Thompson, Hans Fallada und Ernest Hemingway, Ingeborg Bachmann und Wolfgang Koeppen, Walter Benjamin, Marlene Streeruwitz, Elias Canetti und Franz Kafka, um nur ein paar zu nennen.)

In MEIN MANN HAT IMMER RECHT erzählt eine Frau namens Celine von ihrer (anfänglichen) Liebe zu und schließlich ihrer (scheiternden) Ehe mit einem Mann namens Phillipe. Die Kurzfassung: Philippe möchte die tendenziell etwas “wilde”, jedenfalls sehr freiheitsliebende und unternehmungslustige Celine in der Ehe gern “zähmen” – sie hat aber keine Lust darauf und identifiziert und zerlegt nach und nach alle bürgerlichen Bigotterien, die in Phillipes Weltvorstellung vorherrschen – bis sie schließlich abhaut, aus der Ehe desertiert.

Der Tonfall jener Celine ist ziemlich speziell – aufschlussreich für jene Ära, eine entscheidende Phase im sogenannten Geschlechterkampf. Es ist auch ein ziemlich französischer Tonfall – ein selbstbewusstes, meist angenehm lakonisches, oft humorvolles Geplauder, das stellenweise allerdings auch mal leicht nerven kann, wenn es ein bisschen zu sehr ins “Trotzköpfige” oder Kokette kippt. Das “Trotzkopf”-Modell, die auf putzige bis verführerische Art “aufmüpfige junge Frau” scheint damals, 1965, als der Roman erschien, wirklich noch ein wirksames Relikt aus den 1950ern gewesen zu sein. Insgesamt liest sich Rocheforts Text wie eine angespitze, aggressivere Variante von dem, was Francoise Sagan damals schrieb.

Lakonie-Soundprobe, gleich von Seite 1 des Romans:

Tatsache ist, daß man, kaum das man sich verliebt, Ohropax in die Ohren stopfen sollte. Aber gerade in dem Augenblick ist man nicht in der Verfassung, daran zu denken.

Es ist das erste Buch von Christiane Rochefort, das ich las, sie galt als explizite Feministin, scharfe Kritikerin von bürgerlichen Familienrealitäten und frühe Unterstützerin queer-politischer Bewegung. Wie das ihrerzeit aufgenommen wurde, kann man daran sehen, wie Barbara Bondy 1963 in der ZEIT über einen anderen Rochefort-Roman, DAS RUHEKISSEN, und über “die kindergeldfreudige französische Durchschnittsfamilie” schrieb.

MEIN MANN HAT IMMER RECHT (oder doch ein anderer ihrer Romane?) wurde 1970/71 von Moshe Mizrahi verfilmt. Leider habe ich den Film noch nicht gesehen. Er heißt im Original LES STANCES A SOPHIE, über seinen Soundtrack ist hier mehr zu erfahren. Die Musik stammt vom ART ENSEMBLE OF CHICAGO, dem u.a. Lester Bowie, Roscoe Mitchell, Joseph Jarman und die Sängerin Fontella Bass angehörten. Das Stück THEME DE YOYO ist sozusagen der Hit aus dem Soundtrack.

Gut möglich, das ich Weiteres von Rochefort lesen werde. Hier noch eine schöne Stelle über ihren Alltag als (house)wife eines angestellten Einernährers:

Außer schwarzen Schuhen und Kragen zum Stärken weiß ich nichts von diesem Mann heute. Gott sei gelobt, jetzt treibt er am Steuer seines schönen Wagens, immerhin noch Serienwagens, aber das wird anders, sobald die Kosten für die Wohnung bereinigt sind, Papas Vorschuß, das zweite Drittel, treibt auf seinen elf Steuerformelpferdestärken mit sechs Stundenkilometern in der Rue de la Plompe, inmitten von seinesgleichen, lauter Rittern vom Plan von Ausschüssen Versammlungen Telefonaten Efficiency Entwicklung Errungenschaften Ausrüstung Lebensstandard Unternehmungen Koordination Investitionen Konvertierungen Förderung Prosperität und Eisernem Besen, treiben alle zusammen Schulter an Schulter mit sechs Stundenkilometern der Bereicherung des Landes entgegen, zunächst mal auf dem Weg über die eigene, wenn irgend möglich. Und ich während dieser Zeit. Ich während dieser Zeit. Ich während dieser Zeit, tralala. Während dieser Zeit ich Loggia. Ich venezianische Lichter. Ich Musik. Ich schlafe.



Uve Schmidt: ENDE EINER EHE
(ebenfalls nur noch antiquarisch erhältlich)

Uve Schmidt wurde 1939 in Wittenberg geboren und schreibt bis heute, etwa für die Literaturzeitschrift GLANZ UND ELEND, und er unterhält eine eigene Webseite . Schauen Sie sich bei Interesse doch dort einfach mal um, denn über Schmidt und sein Schreiben weiß ich fast nichts zu sagen – nur eben über dieses Buch, das mir wirklich gut gefiel.

ENDE EINER EHE (von 1976/78) ist erzählt in der Ich-Form, in Tagebucheinträgen und Briefen des männlichen Protagonisten (teils auch in Briefen, die seine Noch-Frau ihm scheibt). Auch hier, wie bei Rochefort, ist es die Frau, die sich trennt. Und hier, in dieser Geschichte, gibt es auch (schon) einen anderen Mann. Diese Aufstelllung spielt im moderat anti-bourgeoisen “Sponti-Milieu” der 1970er Jahre – und der Erzähler ist auch wieder, wie die oben erwähnten JÖRG FAUSER oder WOLFGANG WELT, so ein Macker-Typ, also: “Macker” hier nicht als Schimpfwort begriffen, sondern zunächst einmal als Statusbeschreibung eines bestimmten historischen Männlichkeitsentwurfs.

Bei diesem Buch handelt es sich quasi um eine Art Live-Mitschnitt des Geschlechter-Zores der 1970er, es geht um die Rollen-Auseinandersetzungen und die Schmerzen, die sich für viele Männer ergaben, nachdem viele Frauen ihrer Generation die Verheißungen der Emanzipation ernst- und angenommen hatten. Im Fall dieser Geschichte hier wird Er von Ihr aufgefordert, auszuziehen. Er erzählt also aus der Perspektive des Sitzengelassenen, des Verstoßenen und Ausgetauschten.

Schmidts Text ist sehr modern (und so viel frischer, wacher und radikaler als etwa das, was Michael Kumpfmüller neulich veröffentlicht hat). Ein in der Literatur leider selten gewährter Einblick in den “Pärchen”-Teil der männlichen Seele.

Soundprobe 1 – wie eine Gegenrede zu dem (Ehe-)Frauenbild, das Christiane Rocherfort gut zehn Jahre vorher noch zeichnete – außerdem mit dem Gegner, dem Anderen, und den Kindern im Sinn:

Hier bleibt keine hilflose Hausfrau mit kleinen Kindern sitzen, sondern es obsiegt eine zu günstigen Bedingungen Berufstätige, Kommanditistin, Hausbesitzerin inmitten einer intakten, sie entlastenden Sozietät, eine Frau im besten Alter mit einer durch ihre Entscheidung (für die Trennung, Anm. d. Red.) erneuerten Selbstbewußtsein, Mutter zweier sie liebender, hübscher und begabter Kinder und Geliebte eines sie liebenden jungen Mannes (…) Nach den Ferien wird Inge zunächst noch seine Decke teilen, aber sobald ich aus dem Haus bin, wird man ihn eingemeinden. Er wird sich verdient machen, er wird – in jeder Beziehung – nicht ungeschickt sein. Was immer ich den Kindern an Aufmerksamkeit, an Nabelschnur biete, wird überboten und verwirrt werden druch seine Präsenz, sein Entgegenkommen und: durch das Liebesverhältnis mit Inge. Ein Mann, der sich für die Kinder engagiert und der Mutter ein sichtbar guter, neuer Besen ist, macht dem fernen Vater allemal – auf Dauer – den Garaus. Und: Kinder sind bestechlich!

Soundprobe 2 – allgemeiner, über den Eheknatsch in des Erzählers Gesamtmilieu, so, wie er es eben wahrnimmt:

Barbara ist seit 1 Jahr getrennt von ihrem Mann, den sie liebt, der der Einzige, Richtige ist für sie, obwohl sie aussieht, als würde sie Männer verschlingen. Antje ist seit 5 Jahren mit Jens zusammen, auch sie liebt Jens und will sich jetzt von ihm trennen. Überall gibt es Unzumutbarkeiten, die, die sie nicht mehr aushalten wollen. Jeder hat seine eigene Geschichte, und trotzdem ist irgendetwas gleich, das ist schon sehr seltsam, überall wird gelitten, geliebt, getrennt und trotzdem weitergelitten, weil keiner die Beziehung auslöschen kann.

Nun trenne ich mich auch.
Vom Bloggen gerade mal.

Bis auf dann wieder,
immer die Ihre: KK

>>> P.S.: Zu DONALD TRUMP, seinem Berufsbildwechsel vom Immobilienunternehmer zum Präsidenten und seiner hammerharten Antrittsrede empfehle ich erneut >>> DIESE LEKTÜRE.