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Das obige Foto zeigt meine geliebte Oma und mich im Jahr 2004 in Bad Homburg, der kleinen Kurstadt im Vordertaunus, aus der ich stamme, meine Oma war damals 82 Jahre alt, ich 34. Es ist eines meiner Lieblingsfotos mit ihr.

Nun ist diese Oma, sie war die Mutter meines Vaters, gestorben, mit 95einhalb Jahren. Und auch wenn ich schon ein paarmal über den Tod verschiedener Menschen getrauert habe – auch über den Tod meiner anderen Oma natürlich, die schon vor über 20 Jahren starb – ist dies der erste Verlust eines Menschen, mit dem ich mich doch auf ganz besonders enge Art verbunden fühlte. Ich weiß gar nicht, ob es ihr recht wäre, so prominent mit einem Foto irgendwo vorzukommen. Meine Oma war eine eher leise, tendenziell bescheidene, erdverbundene, natürliche, uneitle Frau, die sich nie in den Vordergrund drängelte. Und es wird womöglich auch schnell triefig, sentimental, pathetisch, wenn man die eigenen Abschiedsgefühle einer Verstorbenen gegenüber thematisiert. Das möchte ich defintiv nicht.

Aber ich dachte mir: Ich denke so oft über die Leben (und die Abschiede) anderer Menschen nach, darüber, was es eigentlich ist, das bleibt, wenn jemand diese Welt verlässt. Insbesondere über Frauenleben denke ich da oft nach (wie zuletzt etwa über Silvia Bovenschen oder Joy Fleming) und würdige sie öffentlich – vielleicht auch, weil ich herausfinden will: Wie haben die das eigentlich gemacht – so als Fau. Und wenn ich also all diesen Frauen, die ich nur als Prominente kannte, hier auf meiner kleinen Internetfarm ein paar Sätze widme, dann kann ich das ja wohl genauso gut mit dieser Frau hier machen, die Irmgard mit Vornamen hieß, nicht im Ansatz berühmt war, sondern sozusagen eine kleine Frau (körperlich und von ihrer gesellschaftlichen Stellung her) und die ein vergleichsweise unspektakuläres Leben führte. Aber eben auch ein wichtiges Leben, von dem nun auch vieles bleibt.

Generell möchte ich zu diesem Anlass gerade mal sagen: Ehrt die Alten. Und ehrt die Frauen, gerade auch die Frauen jener Generation, der Oma-Generation. Mir liegt daran, hier einmal zu skizzieren, wie viel zum Beispiel diese hier, meine Oma, einer Enkelin mitgeben kann.

Meine Oma ist 1922 geboren, sie hatte fünf Geschwister. Kaum begann ihre Pubertät, hatten die Nazis die Macht übernommen. Als sie ca. 16 war, heuerte sie in einer Nudelfabrik namens „Haller“ an. Als der Nazi-Terror, der Holocaust und der Krieg vorüber waren, war sie gerade 23 und der Mann, in den sie sich während der Kriegsjahre verliebt hatte und den sie heiratete (mein Opa) schwer verletzt. Über jene Zeit haben wir öfters gesprochen, etwa über die sogenannte Reichskristallnacht 1938 (auch in Bad Homburg gab es eine Synagoge) und eben über die ganz junge Frau, ach was, über das Mädchen Irmgard, das damals gerade zu arbeiten, das gerade erst mit dem Erwachsenwerden angefangen hatte. Ein Jahr nach Kriegsende kam ihr einziges Kind, mein Vater, zur Welt. Mein Opa ernährte die kleine Familie in den 1950er und 1960er Jahren dann verlässlich als selbstständiger Kaufmann, ohne allzu große Reichtümer anhäufen zu können, aber auch ohne größere Sorgen. Es war eine solide, sozusagen fleißige kleine Familie.

In den 1970ern, als ich noch ganz klein war und mein sieben Jahre jüngerer Bruder noch nicht geboren und meine Eltern noch sehr jung und daher an den Wochenenden oft unterwegs (zu Beat-Konzerten oder zum Schneckenessen im Elsass zum Beispiel), habe ich viel Zeit mit und bei meiner Oma verbracht. Sie babysittete mich, ich übernachtete dann oft in ihrer vielleicht 50 qm fassenden Zwei-Zimmer-Wohnung. Ihr Mann, mein Opa, war da schon tot, er war sehr früh, mit nur 49 Jahren im Jahr 1971 gestorben, ein Jahr nach meiner Geburt, ich kenne ihn im Grunde nur von Fotos und aus Erzählungen. Meine Oma verlor ihren Partner also mit Ende 40 (etwa in dem Alter, in dem ich jetzt bin) und hat sich seither nie mehr in einen anderen Mann verliebt oder auch nur ernsthaft für einen interessiert. Sie war als Alleinstehende in ihre Wohnung gezogen, so lernte ich sie kennen, sie wohnte in einem quadratisch-praktisch-gut Neubau-Wohnblock am Rande der Stadt, mit ein paar Wiesen und Waldrändern in der Nähe.

Sie war dann die erste Frau in meiner engeren Familie, die voll berufstätig war, sie arbeitete sich in den 1970ern in der Personalabteilung des örtlichen Kaufhauses ein wenig nach oben, stand rundum auf eigenen Füßen, was für Frauen ihrer Generation in jener Zeit nicht unbedingt der Standard war, diese sich selbst versorgende, autarke Lebensweise, erst recht nicht, wenn man erst mit weit über 40 ernsthaft damit anfing. Aber meine Oma machte niemals ein Bohei darum – sie tat es einfach – und ich erinnere mich, dass es ihr auch viel Spaß zu machen schien. Immer wenn wir zusammen durch die Fußgängerzone spazierten, trafen wir irgendwelche Leute, die in besagtem Kaufhaus arbeiteten. “Ach, die Frau Kullmann!”: Meine Oma wurde eigentlich bei jedem Spaziergang drei oder vier Mal gegrüßt und in ein Schwätzchen verwickelt, sie schien ziemlich bekannt zu sein in der Stadt. Jedenfalls war sie unzweifelhaft beliebt. Die Menschen mochten meine Oma. Auch die Damen, mit denen sie jahrelang in wechselnden Runden Rommé zockte (immer um Pfennigbeträge, die ordentlich aufgelistet und in Einmachgläsern gesammelt wurden, ich spielte auch öfters mit ihr) oder mit denen sie lustige Ausflüge machte, eine der Damen hatte immer ein Auto, und so gondelten sie als lose Clique mal an den Rhein, mal in die Pfalz, was weiß ich wohin. Sie hatte auch mit ihren Geschwistern, Cousins und Cousinen immer viel zu schaffen. Ich denke: Sie war ein prima Kumpel, für diejenigen, die mit ihr zu tun hatten. Sie war in vernünftigem und wohldosiertem Maß, ohne jegliche Eskapaden, durchaus gesellig, war also nie allein. Aber eben: alleinstehend. (Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.)

Wenn ich an meine Oma denke, denke ich an Pfannkuchen mit Pflaumenmus in ihrer schmalen Küche, an Spaghettieis-Ausflüge in eine der drei Eisdielen in der Kurstadt – und an das Vertrauen, das sie immer in mich setzte: Meine Oma wohnte an einer Bus-Endhaltestelle, und ich konnte sie, als ich erst 5 oder 6 war, noch vor der Einschulung, immer wieder dazu überreden, mich beim dort pausierenden Busfahrer abzugeben, damit ich auf dem Premiumsitz direkt hinter dem Fahrer eine ganze Runde mit dem Mann fahren konnte – von Endhaltestelle zu Endhaltestelle – dann Pause mit dem Fahrer am anderen Ende des Städtchens – und wieder die ganze Tour zurück, worauf meine Oma mich nach ca. 1,5 Stunden wieder in Empfang nahm. Sie fand es immer toll, dass ich gern unterwegs bin, sie fragte auch später immer, wie es dort und dort war, auch wenn sie selbst nicht sonderlich gern reiste. Von ihr habe ich auch die Zuneigung zu „Zweiglein“ und Schnittblumen. (Sie pflückte immer selber welche, in den umliegenden Parks, Feldern und Wäldern, auch als sie deutlich über 85 war zog sie noch zum „Zweigleinholen” los, weshalb einmal sogar die Polizei nach ihr suchte, sie war da manchmal schon etwas verwirrt, für einen Moment wähnte man sie für verloren gegangen).

Im Jahr 1978 oder 1979 machte ich einmal ohne meine Eltern und ohne meinen kurz zuvor geborenen kleinen Bruder, also allein mit meiner Oma Urlaub, in einem deutschen Mittelgebirge, in einem jugendherbergsartigen Waldhotel. Dort lernte ich schwimmen. Was damals eine kleine Sensation war (vor allem für mich selbst), denn ich hatte das Schwimmern vorher so dermaßen gehasst, hatte es auch im Schulsport im Wesentlichen immer verweigert, ich konnte mich einfach nicht dazu zwingen, zu tauchen, hatte Angst. Aber jetzt, mit 8 oder 9 Jahren, lernte ich es plötzlich doch – binnen 5 Tagen. Ich lernte es von dem Bademeister in besagtem Waldhotelschwimmbad. Der Mann wirkte auf mich auch wieder wie einer der Busfahrer. Meine Oma fand eben immer einen Draht zu den Leuten, sie hatte den Mann einfach angesprochen, ob er nicht vielleicht mal schauen könne, dass ihre Enkelin es wenigstens ein bisschen lerne? Es war dann kein richtiger Kurs, der Mann erledigte das ganz locker nebenbei, ich habe auch nie ein Abzeichen dafür bekommen (habe bis heute keinen Freischwimmer, weil es bei mir am Ringetauchen eben grundsätzlich hapert). Anyway: Seither kann ich schwimmen. Nur Brustschwimmen. Ohne sonderliche Ausdauer. Aber: Ich wüsste, wie mich gegegebenfalls ans Ufer zu zappeln versuchen könnte. Keine Lehrer, auch nicht meine Eltern haben das geschafft.

Als ich selbst dann schon deutlich erwachsen war, über 30, sprachen wir tatsächlich öfters darüber, wie es so ist, als Frau – mit Ehemann und eigener Familie – oder ohne. Sie kannte in gewisser Weise ja beides. Das waren die Gespräche, in denen meine Oma und ich uns letztlich am nächsten kamen: die Gespräche in späteren Jahren. Sie sagte immer, dass sie mir auch einen Partner wünsche, einen, auf den ich mich verlassen, mit dem ich glücklich sein könne. Sie sagte mir aber immer auch, dass mein Leben offensichtlich ein interessantes sei, sie freute sich daran, wenn ich herumkam und mal hier, mal dort meine Dinge erledigte oder meine Bücher schrieb. Ich sagte, gerade in den letzten Jahren, ein paarmal zu ihr: “Oma, ein bisschen lebe ich ja auch so wie du, ich bin auch allein immer gut klar gekommen, das habe ich vielleicht von dir.” Wie auch immer: Sie bestärkte mich von kleinauf darin – meist mit ganz einfachen Worten –, die Dinge zu tun, die mir wichtig waren und riet mir, bloß alles zu genießen. “Du bist jetzt in den besten Jahre für eine Frau”, sagte sie immer, sie sagte das schon als ich 30 wurde und auch noch bis zuletzt, als ich die Mitte 40 schon überschritten hatte. Ich denke, nein, ich bin sicher, sie würde es auch noch zu mir sagen, wenn ich 70 bin.

„Empowerment“ wäre vielleicht ein heutiges Wort dafür – auch wenn es so gar nicht zu meiner Oma passt. Sie war zu sanft, zu uneitel für einen solchen Begriff. Meine Oma wusste einfach instinktiv, jedenfalls wusste sie es sehr genau, dass man ein kleines Mädchen ein kleines Mädchen sein lassen muss, sie hat nie versucht, den “eigenen Kopf” ihrer Enkelin einzuhegen, sondern ist einfach immer zugewandt, unterstützend, ermunternd, interessiert und liebevoll mit dieser Enkelin umgegangen. So, dass die Enkelin immer Selbstvertrauen hinzu gewann, angefangen bei den autonomen Busausflügen durch die Kurstadt, über das 80%ige Schwimmenlernen im Waldhotel bis zu den warmen Zweiergesprächen, die wir in späteren Jahren “von Frau zu Frau” führten.

Die letzten zwei, drei Jahre waren für meine Oma eine Qual. Sie war einfach sehr alt geworden, der Körper tat es nicht mehr so ganz, ihr Geist wurde flatterig (worunter sie selbst ganz furchtbar litt, sie schämte sich dafür). Wir sahen uns viel zu selten, in den vergangenen 20, bald 30 Jahren lagen immer 300 bis 500 Kilometer zwischen uns. Zuletzt weinte sie oft und sagte immer wieder, dass sie gehen wolle. Und sie entschuldigte sich dann immer gleich dafür – dass sie so traurig war und schon wieder weinte.

Ich bin glücklich, dass es diese Oma war, für mich.

Und auch glücklich, dass sie jetzt nicht mehr hier sein muss, wo sie es doch wirklich, wirklich nicht mehr wollte.

Wie gern ich sie noch einmal küssen würde.

Wir werden das an anderem Ort nachholen, so in etwa wird es irgendwann sein.

Drei Erinnerungsstücke von meiner Oma Irmgard und ihrem Mann, meinem Opa Erwin, besitze ich und werde ich nie hergeben: Eine Kette und ein Armband aus Koralle, das er ihr einmal schenkte und das ich von ihr bekam, als sie vor einigen Jahren ins Altersheim zog, wo sie jetzt starb. Die Agfa-Kamera meines Opas, mit der er die Urlaube seiner kleinen Nachkiegsfamilie (in Österreich und anderswo, nie aber nennenswert “im Ausland”) fotografierte. (Sie funktioniert leider nicht mehr.) Sowie das in den späten Kriegsjahren offenbar massenhaft verkaufte Buch “Ich an Dich. Ein Roman in Briefen”. Es enthält die (fiktive) Liebsbriefsammlung eines deutschen Soldaten an seine daheimgeliebene Frau. Der Band scheint ein Bestseller gewesen zu sein, damals, mein Opa schickte jenes Exemplar meiner Oma in den Vordertaunus, im Jahr 1944, als er in irgendeinem beschissenen Lazarett in Baden-Württemberg lag. “Meinem Peterle in treuer Liebe zugeneigt, Dein Erwin”, schrieb er als Widmung an seine Irmgard in das Buch.

November 16, 2017