“In Hamburg ist immer Scheißwetter.”
“Nein! So sieh Dich doch um! Kein Wölkchen trübt zum Beispiel heute den Himmel.”
“Doch. Dahinten!”
Was für eine Wahnsinns-Sprache: Wenn Menschen “auf der Nudelsuppe daherpaddeln”, wenn sie “spazieren gefotzt” oder “ordentlich aufgestreut” werden, dann, ja dann … gewinnt das Deutsche plötzlich einige sehr interessante Farben oder vielmehr: Härtegrade dazu. “Schmafu”, “Fortpflanz”, “Haberer”, “big ungeil”, “lauwarme Lulu-Aufsatzerl”: Ob diese Ausdrücke traditioneller Original-Schmäh sind oder frei erfunden – sie gefallen mir sehr! Gelesen habe ich die merkwürdigen Wörter soeben im Roman Venus im Koma, der von Polly Adler vefasst ist – die es allerdings gar nicht gibt. Unzweifelhaft spricht hier jedenfalls WIEN. And I like that slang – a lot!
Zum Roman bzw. zur Autorin: Polly Adler ist eine Kunstfigur, eine fiktive Wiener Boulevard-Journalistin – das literarische alter ego der Journalistin Angelika Hager (die im echten Leben das Ressort “Gesellschaft” beim Nachrichtenmagazin Profil leitet). Kompliziert? Ja! Also noch mal: Angelika Hager hat Polly Adler erfunden – und schreibt unter jenem Pseudonym eine Kolumne im österreichischen Magazin Kurier (obwohl sie sonst für Profil schreibt.) Und nun hat die (erfundene) Polly Adler ihren ersten Roman veröffentlicht (echt jetzt!) – der heißt Venus im Koma und erzählt eine schnelle, rumpelige Großstadtgeschichte: Trash-Journalistin mit schön-motzig-sentimental-zänkischem Temperament wird von ihrem Mann sitzen gelassen und gerät plötzlich in einen Bankenskandal hinein …. oder so ähnlich. (Bin erst bei der Hälfte, es wird jedenfalls kriminalistisch.) Alle Infos zur Kunstfigur Polly Adler gibt’s HIER – Schrifststeller Thomas Glavinic sagte über die Fantasiefrau: “Wenn es Polly Adler nicht gäbe – man müsste sie erfinden”.
“Hohe Literatur” ist vielleicht nicht das richtige Attribut für den Polly-Adler-Roman – wen kümmert’s aber, wenn das Lesen solches Vergnügen bereitet? (Ich erinnere an die Amos Walker-Krimis von Loren D. Estleman, deren tolle Sprache ich HIER gesampelt habe.) Klares Bekenntnis: Ich stehe sehr auf die Formulierungskunst der Polly Adler/Angelika Hager – die von ausgewählt grobschlächtiger Eleganz ist, oder von eleganter Grobschlächtigkeit, in jedem Fall: super. Wie ich drauf komme, so was zu lesen? Erstens hat Angelika Hager auch mal übers ECHTLEBEN geschrieben (HIER), da ist natürlich eine gewisse Neugierde gegeben; zweitens habe ich das Glück, demnächst mal wieder nach Vienna fahren zu dürfen – juhu.
Beschließen möchte ich diese Jubel-Arie mit einigen zünftigen Satzerln aus dem Romanerl – mit Satzerln, die ich mir merken mag, für alle Fälle mal, man weiß ja nie, vielleicht kann ich sie eines Tages noch gebrauchen:
Schlag mich tot, ist das dein Ernst? Na praktschak! ● Ihr von exzessivem Yogilates zurechtgemergelter Körper steckte in einem rebhuhnfarbenen Powerfrauen-Tailleur. ● Der Begriff “Kronenkraxler” wurde von den österreichischen Aristos gerne benutzt, um jene Repräsentanten des Bürgertums, die einen Übereifer entwickelten, um bei den Blaublütern wenigstens ein bisschen geschäftlich mitspielen zu dürfen, in abfälliges Licht zu stellen. Diese bemitleidenswerte soziologische Spezies wurde im Aristo-Jargon auch noch als “Hermelinflöhe” bezeichnet. ● Nein, nein, inkommodier’ dich nicht, ich kann gegen halb fünf da sein. ● Auch so ein Ritual zwischen Polly und Lo, wenn einem von beiden eine Wuchtel gelungen war. ● Diese reaktionären Arroganzler mit ihrem christlichen Werte-Schasiblasi! ● “Ich brauch’ dringend ein Reparaturseidl”, stöhnte er, “in Wahrheit mit einem Thomapyrin-Gulasch.” ● Und es war auch nicht leicht, einen Mann begehrenswert zu finden, der immer leichter zu schwitzen begann, besonders nach dem Genuss von intensiv gewürzten Speisen.
Viel zu spät, nachdem der ganze ECHTLEBEN-Rummel von 2011 sich gelegt hat, habe ich nun endlich auch mal eine ordentliche Termin-Liste eingerichtet – man findet sie HIER. Lesungen, Vorträge, Podiumsdiskussionen, DJ-Einsätze und andere öffentliche Veranstaltungen will ich fortan geflissentlich dort ankündigen. (Ich glaube, so lange der Januar läuft, darf man das noch: “Vorsätze fürs neue Jahr” äußern.) Teilen möchte ich bei dieser Gelegenheit einen Begriff, den ein Freund neulich in die Runde warf: Panel-Prekariat – eine hübsche Umschreibung für ein irgendwie kommunikationswirtschaflich gepoltes, neuzeitliches Berufsbild.
Das Foto links habe ich vom Flickr-Account eines Menschen namens “der_mensch1992″ geklaut. Und weil so lange keine Musik mehr hier gelaufen ist, spiele ich heute mal wieder einen Song, einen Neuzugang in meiner kleinen Sammlung (muss noch mal geputzt werden):
♫ Little Willie John: I’m shakin’