Sogenannte Liebe und die Folgen: CUSK und KUMPFMÜLLER

Heute mal wieder längere Texteinträge.

Über zwei neue Romane – die sich gewissermaßen ergänzen – denn beide sind aus der Perspektive von mittelalten Menschen (grob um die 40) erzählt, einmal aus der Sicht einer Frau namens Faye, einmal aus der eines Mannes namens Georg – und beide Romane drehen sich um die Ruinen sogenannter Liebe und die Wiederaufbaubemühungen, die sich nach der Katastrophe namens Scheidung ergeben.

Beide Romane beschäftigen sich also mit einem Knackpunkt der mittleren Jahre: mit dem nicht immer ganz leichten Übergang vom Leben als “Entwurf” (den man irgendwie immer noch fliehen oder mit farbenfrohen Hoffnungen jederzeit noch einmal neu machen kann, vielleicht, womöglich … ) – hin zum Leben als “So ist es nun also” (zur Anerkennung des Faktischen, dessen, wozu die farbenfrohen Entscheidungen jüngerer Jahre also geführt haben, und zu Überlegungen, wie man sich im Weiteren dazu verhalten, was man fortan damit anfangen könnte).

Einer der beiden Romane irritiert etwas, überzeugt aber, wirkt sogar etwas nach.

Der andere irritiert eigentlich gar nicht, enttäuscht nur und verpufft sehr schnell.

>>> RACHEL CUSK: OUTLINE (Suhrkamp)

Die New York Times nennt diesen Roman “tödlich intelligent”. Die Los Angeles Review of Books lobt die Roman-Sprache, die von einer “Intelligenz und Präzision, die wunderbar zermürbend ist” gekennzeichnet sei; dennoch sieht sich die Rezensentin als “unbefriedigt” und wirft der Autorin “Mord an der Fiktion” vor. Im Freitag wiederum war unter der Überschrift Wenig Plot, viel Tiefe etwas Seltenes zu lesen: das Verlags-Gutachten nämlich, aus dem Hause Suhrkamp. Es fiel, trotz einiger Einwände, positiv aus, der Roman ist also Anfang März auf Deutsch erschienen.

Die Hauptfigur und Erzählerin in Outline heißt Faye, sie lebt als Schrifstellerin und Mutter von zwei Kindern in London, ist wohl gerade erst frisch geschieden – und reist für einige Wochen nach Athen, um dort Schreibkurse zu geben. Beim Hinflug kommt sie mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch, einem griechischen Mann mittleren Alters, der beginnt, von seinen gescheiterten Ehen zu erzählen (es hat drei Scheidungen hinter sich). Faye wird diesen Mann – sie nennt ihn immer nur “mein Nachbar” – während ihrer Zeit in Griechenland mehrmals wiedertreffen, zu Bootsausflügen, bei denen sie sich weiter unterhalten. Avancen macht er ihr durchaus irgendwann, aber halbgar, lauwarm, leidenschaftslos – was völlig in Ordnung ist, denn Faye hat keinerlei weiterführendes Interesse an diesem Mann, sie findet ihn nicht sonderlich attraktiv, und so rühren sie sich nicht an.

Generell hält die Romanfigur Faye zu allen Menschen, denen sie begegnet, eine wattige Distanz. Ob es ein früherer Bekannter ist, ein irischer Schreibleher oder verschiedene SchülerInnen aus den Kursen: All diese Leute erzählen Faye aus ihrem jeweiligen Leben – sie erzählen von Privatem, meist von ihren Beziehungen, konkreter: von ihren (überwiegend fürchterlichen) Ehen. Während Faye sich indifferent verhält. Sie gibt wenig von sich selbst preis, hört meist nur zu. Der Roman besteht also in der Aneinanderreihung der Storys, die ihr von beinahe Fremden aufgedrängt oder anvertraut werden.

Bei all dem schwingt immer die Frage mit, wie Menschen ihr Leben in eine Form, in eine vernünftig erscheinende Ordnung bringen – inwieweit also Fakten & Fiktion sich Tag für Tag in jedermanns Leben vermischen – wie Leute sich Dinge schön reden oder klein reden, warum und wie sie was aufblasen und aussschmücken und anderes verschweigen, verdrängen und so weiter.

Von Rachel Cusk hatte ich vorher noch nichts gelesen. Sie wurde 1967 in Kanada geboren, lebt und arbeitet in Großbritannien und hat vor Outline eine Handvoll anderer Romane veröffentlich – vor allem aber drei ziemlich erfolgreiche erzählende Sachbücher, in denen sie u.a. von ihrer Mutterschaft (A Life’s Work: On Becoming a Mother, 2001) und, elf Jahre später, vom Scheitern ihrer Ehe erzählt (Aftermath: On Marriage and Separation, 2012). Zwischen der Outline-Protagonistin Faye und der Autorin gibt es also etliche Parallelen, und diese sind Cusk sicher nicht versehentlich unterlaufen.

Bei Outline ist von einem Plot zwar tatsächlich nicht groß zu reden – aber von einer Montage vieler verschiedener Micro-Plots. Es ist ein leichtes, aber auch ein erwachsenes Buch – es geht eben um den (oft selbst geschaffenen) Horror der mittleren Jahre, es ist insgesamt durchaus … ja: unterhaltsam.

Soundprobe: Faye macht mit ihrem “Nachbarn”, dem Mann, den sie im Flugzeug nach Athen kennengelernt hat, einen kleinen Bootsausflug – er ist am Steuer, sie sitzt hinter ihm:

Er hatte sich das Hemd ausgezogen und kehrte mir, während er das Boot steuerte, seinen nackten Rücken zu. Er war sehr breit und fleischig, von der Sonne und dem Alter gegerbt und mit zahlreichen Muttermalen, Narben und versprengten Büscheln aus krausem, grauen Haar überzogen. Bei diesem Anblick wurde ich von einer Traurigkeit überwältigt, in die sich Verwirrung mischte, so als wäre sein Rücken ein fremdes Land, in dem ich mich verirrt hatte; oder vielleicht war ich nicht verirrt, sondern im Exil, denn das Gefühl der Verlorenheit ging nicht mit der Hoffnung einher, früher oder später etwas wiederzuerkennen. Sein gealterter Rücken schien uns beide in unserer jeweiligen unveränderten Vergangenheit auszusetzen. Plötzlich wurde mir klar, dass manche mich für leichtsinnig halten mussten, weil ich zu einem fremden Mann ins Boot gestiegen war.

Nun ja. Hier noch – als wäre es eine Szene aus ihrem Roman – die ganz reale Schriftstellerin, die genau wie ihre Romanheldin Faye Kurse in creative writing gibt:

 

>>> MICHAEL KUMPFMÜLLER: DIE ERZIEHUNG DES MANNES (Kiepenheuer & Witsch)

Zu Michael Kumpfmüller ist zunächst zu sagen, dass ich sein Erstlingswerk, den “Ost-West-Roman” Hampels Fluchten aus dem Jahr 2000, sehr gern las. Auch seinen zweiten Roman, Durst (2003): Darin erzählt Kumpfmüller, angelehnt an einen realen Fall, wie eine überlastete, überforderte junge Mutter desertiert und ihre beiden Kleinkinder allein, nur mit einem Tertapack Fruchtsaft, in der Wohnung zurücklässt.

Die folgenden Kumpfmüller-Werke ließ ich aus – bis ich nun also zur Erziehung des Mannes griff. Der bombastische Titel war ein wesentlicher Anreiz zur Lektüre – Die Erziehung des Mannes – da denkt man ja sogleich an Gustave Flauberts Erziehung der Gefühle. Da muss es sich um einen ganz großen Bauplan handeln, um ein ganz dickes Ding. Dachte ich. Leider ist dem aber gar nicht so. Statt etwas Erhellendes, Aufregendes, Unerhörtes, Verblüffendes, Weiterführendes über das soziale Wesen Mann zu erzählen (etwas das weh tut, sozusagen, etwas das ran geht), erreicht der Roman maximal die Höhe eines … nun ja … Wochenend-Zeitungs-Dossiers vielleicht, oder eines Beitrags für das Pychologieressort eines rechtschaffenen “Männermagazins” (gäbe es eine Brigitte für Jungs). Es ist halt eine mittelmäßig dramatische Biografie eines mittelmäßig mutigen Menschen – wobei das Themenfeld Mittelmaß ja ein interessantes ist! Daraus könnte man literarisch großartige Dinge machen! Wenn das Mittelmaß aber mittelmäßig erzählt ist … stellt sich unweigerlich ein unüberwindbares So what? ein.

Der Protagonist heißt Georg, ein freischaffender Musiker bzw. Komponist (Klassik), in den 1960er Jahren geboren. Er heiratet mit Mitte 20 eine Frau namens Jule. Von Anfang an hat die Verbindung so ihre Schwächen. (Jule neigt zum moderaten Herumbestimmen, könnte man sagen. Oder so: Wo Georg “fliegen” will, gibt Jule sich erdnah, verzagt, lässt sie die Mundwinkel hängen.) Nach sieben Jahren – die Beziehung hat an Zauber naturgemäß einiges eingebüßt, eigentlich könnten sich die beiden jetzt auch gut trennen, sie scheinen jedenfalls keine Fragen mehr aneinander zu haben – entschließt sich das Paar dazu, die Verbindung mit neuem Inhalt zu füllen: Sie bekommen ein Kind. Einige Jahre später bekommen sie, weil vor allem Jule es so will, dann noch mal zwei: Zwillinge.

So ist Georg also zum Familienvater geworden, Vater einer Tochter von etwa zehn und eines Zwillingspärchens von etwa sieben. “Man macht es eben so”: Etwa auf diese Art ist ihm sein Leben bis dahin passiert, und sooo schlecht scheint es zunächst auch gar nicht zu laufen. Er versucht, mit seiner Musik alle durchzubringen – sieht sich dann aber doch zunehmend eingezwängt und missverstanden, vor allem eben von seiner Frau (die sich, je weiter die Ehe voranschreitet, als blöde Kuh entpuppt, zumindest skizziert Kumpfmüller sie so; sie schwankt zwischen häuslicher Herrschsucht und dem Einklagen von mehr Emotionen von ihrem Georg – für dessen Wesen und Arbeit sie allerdings immer weniger Interesse zeigt, schnippische beidseitige Entfremdung ist gar kein Ausdruck, innere Emigration, Pipapo). Worauf Georg beginnt, seitwärts zu schielen … – bis er sich eines Tages ernsthaft verliebt: in Sonja – die sozusagen die Frau seiner Träume verkörpert.

Sonja ist ebenfalls freischaffende Künstlerin, ein zuverlässiger “Kumpeltyp”, aber auch eine sinnliche Frau, “auf entspannte Art selbstbewusst”. (< Selbige Formulierung könnte glatt von diesem Roman-Georg stammen.) Eine Frau, die selbst keine Familie gegründet hat, Kinder aber mag, vor allem auch Georgs Kinder. Die beiden führen kongeniale Gespräche, haben beglückenden Sex, auch auf die Dauer, fühlen sich wohl miteinander. Und so trennt sich Georg von der schmallippigen Jule und wird mit Sonja ein Paar, die Kinder leben teils bei der Mutter, teils bei Georg und Sonja, die Scheidung wird (selbstverständlich) schmutzig, die Mutter Jule versucht, die drei Kinder als psychologisches Druckmittel einzusetzen. Naja. Schließlich muss dann auch die Beziehung zu Sonja scheitern – was womöglich an Georg selbst liegt, eine gewisse Agonie ist ihm über die Jahre zueigen geworden, er neigt dazu, Dinge geschehen zu lassen und kann Sonja letztlich nicht halten. Und so kommt er am Ende des Romans überraschend wieder mit seiner Jugendliebe zusammen, seiner allerersten Freundin von vor 30, 35 Jahren: Therese. Auch Therese hat etliche Ernüchterungen in ihrem Leben erfahren. Therese und Georg werfen also ihr jeweiliges Patchwork zusammen und beschließen, gemeinsam “alt zu werden”, wie es im Roman heißt.

So weit so gut. So weit so gewöhnlich.

Das Problem: Die Geschichte kommt über das Banale einfach nicht hinaus, nicht über die allergröbsten Umrisse. Kumpfmüller deutet eine familienpsychologische Prägung an: Ja, Georgs Eltern führten noch eine relativ klassisch gestaltete Ehe: Papa war als Ernährer unterwegs, der sich regelmäßig von seiner Familie davonstahl und Affären hatte, während Mutti versuchte, die Familie zusammenzuhalten und stumm vor sich hin litt, fürs gemeinsame Glück. Mutti suchte im Sohn (Georg) einen Verbündeten – Papa war schwer zugänglich für ihn.

Ja und? Kumpfmüller macht nichts daraus. Wenn man versuchen wollte, die Eltern als psychologischen Schlüssel für “die Erziehung des Mannes” heranzuziehen, müsste man die Figuren und Situationen auch wirklich ernst nehmen. Aber so fremd der Romanheld Georg seinem eigenen Leben oft gegenüber steht, so steht auch Kumpfmüller seinen Figuren wie ein Fremder gegenüber. Ja, er versteht seine Figuren offenbar selber nicht! Manchmal wirkt es sogar so, als interessierten sie ihn gar nicht wirklich. Diese schlecht getarnte Oberflächlichkeit lässt sich an vielen Stellen festmachen, etwa an dieser: Georg sucht – wieder einmal – ein klärendes Gespräch mit seinem Vater (der nicht viel von den Kompositions-Ambitionen des erwachsenen Sohnes hält).

Auf Seite 199 heißt es:

Die genauen Formulierungen habe ich vergessen, aber er ließ keinen Zweifel daran, dass er das Quartett nicht mochte und nicht sah, was daraus werden sollte.

Auf Seite 200, noch immer in derselben Szene, heißt es:

Ich würde eine Weile hadern und dann alles hinter mir lassen, ihn und seine Sätze, die ich mir leider gemerkt habe und die mich bis heute manchmal verfolgen.

Wie kann ein- und derselbe Protagonist in ein und derselben (Schlüssel!-)Szene “die genauen Formulierungen (des Vaters) vergessen” – und sich ebenjene Sätze aber ca. 20 Zeilen später “leider merken”, so dass sie ihn “bis heute manchmal verfolgen”?

Ebensolche Ungenauigkeiten ziehen sich durch den Roman. Die Psychologien darin sind ganz schlampig gedacht und ausformuliert. Was sie letztlich eben unerheblich macht – und den Roman ärgerlich und vor allem: uninteressant.

Sehr schade.