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Guten Tag,

heute melde ich mich hier als Berufsinformationszentrum, heute möchte ich einmal skizzieren, wie Journalismus funktioniert, konkret: was ich den ganzen Tag so mache.

Denn das werde ich seit nunmehr zwei Wochen, seit ich meinen neuen Job bei der taz angetreten habe, immer wieder mal gefragt. So wie sich zuvor, als ich in der Chefredaktion des Freitag arbeitete, Branchenfremde gelegentlich erkundigten: “Was machst du da eigentlich immer, bei der Zeitung?” – worauf ich stets wahrheitsgemäß antwortete: “Zeitung.”

Die Position des Themenchefs und der Themenchefin ist bei der taz zum 1. Oktober neu geschaffen worden, ich teile sie mir mit dem geschätzten Kollegen und langjährigen taz-Mann Gereon Asmuth. Wir arbeiten nur selten zusammen, wechseln uns in Schichten ab. Die taz erscheint mit 6 Ausgaben je Woche, außerdem ist sie rund um die Uhr digital präsent, als taz.de. Die ThemenchefInnen-Aufgabe besteht darin, jeden Tag die 1 bis 3 spannendsten, verstörendsten, überraschendsten, wichtigsten Themen der Gesamtnachrichtenlage zu identifizieren, sie schnell und gescheit zu analysieren, in die Themenkonferenzen einzubringen und zu schauen, mit welchen Kolleginnen und Kollegen, wo und wie genau sie unterzubringen sind (Titelthema? Seite 3? Doppelseite? Online-Aufmacher? Nur Feature? Oder auch Kommentar dazu? Mit Interview? Schaubild? Mehr online oder mehr auf Papier? Wie lässt sich ein taz-eigener, nicht nur intelligenter, sondern auch möglichst origineller Zugang finden? Wie drehen wir das Thema tagsdrauf weiter?). Jene 1 bis 3 heißesten Themen des Tages heißen hausintern “Top-Themen”. (Naja, irgendeinen Namen muss das Ding ja haben.)

Der Themenchef bzw. die Themenchefin ist der Abteilung taz.eins zugeordnet, etwas altmodischer bezeichnet: dem ersten Buch oder dem Aushängeschild-Ressort, das auch die Titelseite produziert. Das Schöne ist aber, dass der/die ThemenchefIn komplett ressortübergreifend arbeitet, sowohl mit denen, die im Schwerpunkt für die Print-Ausgabe arbeiten, als auch gleichwertig mit denen, die vornehmlich die Webseite bestücken. Mit den Politik-, den Wirtschafts-, den Auslands-, den Kultur-, den Sport- und den Gesellschafts-Leuten gleichermaßen – je nach Tages-Themenlage. Fast würde ich nach den ersten 14 Tagen behaupten: Kein(e) andere(r) kommt innerhalb der taz so viel herum wie mein Themenchef-Kollege und ich. (Zum Herumkommen im Haus später noch etwas.)

Neuer Look – Poschardt – Wagenknecht

Oben sehen Sie eine Auswahl von 6 taz-Titelseiten seit Oktober-Beginn, an 4en davon habe auch ich minimal mitgewirkt (habe entweder bei der Motiv- oder Schlagzeilen-Auswahl mit-ge-brainstormt oder einen kleinen Kalauer geschrieben). Seit 1. Oktober erscheint die taz mit einem neuen Layout, lichter, moderner, schicker. Geschaffen haben den neuen Look die begnadeten Art Direction-Profis Janine Sack und Christian Küpker. Auch die große, antipodische Konkurrenz, das Haus Axel Springer, das herrlich symbolträchtig auf der gegenüberliegenden Seite der Rudi-Dutschke-Straße steht, nimmt den neuen Auftritt zum Anlass für ein Lob. Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt, schrieb kürzlich:

(Die “taz”) ist mutig und unberechenbar, anders als viele gesinnungsethische Publikationen. Zeitungen sind etwas Wunderbares, daran erinnert die neue alte „taz“. Darüber freuen wir uns von der Straße gegenüber. Inspirierende Nachbarn sind das.

Was die day-to-day-Themenchefinnen-Arbeit angeht, so lässt sie sich anhand des folgenden Screenshots beispielhaft beleuchten. Schauen Sie also hier – so sah der Kopf von taz.de gestern, am Sonntag, dem 15. Oktober, am frühen Nachmittag aus (einem Tag, an dem ich gar keine Schicht hatte – dennoch handelt es sich hier gewissermaßen um Ausflüsse meiner Arbeit):

Der Aufmacher: ein Offener Brief von über zwei Dutzend NGOs an Sahra Wagenknecht. Der Brief kritisiert scharf Wagenknechts … sagen wir … markante Rhetorik in Sachen Flüchlingspolitik. Rechts, etwas kleiner, sehen Sie die Rubrik “Meistgelesen” – an der Spitze zwei Texte zu ebenjenem Wagenknecht-Thema, auch auf Facebook wurden sie viel kommentiert und geteilt.

Ein Kollege hatte am Freitag, dem 13., als erster den Offenen Brief entdeckt, der bis dato nur bei Facebook in einem Nebenstrang veröffentlicht war, und hatte (aus seinem dienstfreien Tag heraus) einen Wink in die Redaktion geschickt. Ich hielt das sofort für höchst interessant, der Lafonknecht-Wagentaine-Komplex, starker Debattenstoff, etwas, was viele interessieren dürfte. Ich sah, dass noch keine andere (Online-)Zeitung eingestiegen war, und sah auch, dass es schon früher Abend war, die Wochenendausgabe längst in Druck – also setzte ich mich telefonisch, via E-Mail und mündlich mit einer Handvoll KollegInnen in Verbindung – und gemeinsam gelang dann nicht nur fix eine erste digitale Meldung zum Thema (als erste Zeitung, so weit ich weiß), sondern, einen Tag später, auch dieses Interview dazu. Das Thema trendete dann zügig, bei der interessierten LeserInnenschaft (so nennt man es heute im Journalismus, wenn ein Thema sich schnell im Internet herumspricht). Es ist also eines dieser Top-Themen, die man als Themenchefin im Idealfall schnell erkennt, am besten wenn sie noch roh und ungekocht vor einem liegen.

Im Maschinenraum des Ganzen

Zur Abwechslung habe ich hier absichtlich mal ein Online-Beispiel gewählt, und vielleicht erklärt es dieser Schnappschuss ja ganz gut: Ich arbeite nun praktisch im Gehirn, oder auch: im Maschinenraum der Zeitung. Jedenfalls nicht im Ballsaal an Deck, wo es öfters mal Konfetti auf einen regnet, wenn man mal wieder schön geschrieben hat. Ans Selberschreiben ist während der Themenchefinnen-Schichten (leider) nicht zu denken, das muss tatsächlich ausgelagert werden. Dennoch ist es eine interessante, recht herausfordernde und spannende Aufgabe, dem Chefredaktions-Job nicht unähnlich. Man ist in einer solchen planerisch/blattmacherisch angelegten Position etwas einsamer als man es z.B. als schreibende Redakteurin mit festem Ressort wäre, man hängt – auch thematisch – immer ein bisschen “drüber”, vielmehr “dazwischen”, arbeitet sozusagen meta-gestalterisch. Für jemanden, die schon ein Vierteljahrhundert Journalismus auf dem Buckel hat, kann das aber durchaus sehr reizvoll sein. Es macht Spaß!

Abgesehen davon schlaucht es ganz schön – mais oui, selbstverständlich. Zum Schluss dieses Eintrags knüpfe ich ans Herumkommen im Haus an – sehen Sie hier:

Was sehen Sie nun? Rechts die wunderschön rot lackierte Treppe, die über 6 (oder sogar 7?) Etagen – garstig hohe Altbau-Etagen! – durch das taz-Gebäude führt, ein Gebäude, in dem wirklich ziemlich viele Kolleginnen und Kollegen sitzen, und zwar so ziemlich über alle Etagen verteilt, weshalb ich mir dort um das Ansetzen von Winterfett wenig Sorgen machen muss, denn ich neige dazu, lieber direkt mit den Leuten zu sprechen als sie anzurufen oder zu mailen, außerdem neige ich zum gelegentlichen Rauchen auf der Dachterrasse (die zur Strafe fürs Süchteln 4 Stockwerke von meinem eigentlichen Arbeitsplatz entfernt liegt), weshalb es also viele Gründe für mich gibt, ständig rauf und runter zu trampeln, trippeln, springen. Das Ergebnis am Freitag, dem 13., an meinem bislang achten Dienst-Tag: ein gegen 14.15 Uhr abgebrochener rechter Stiefel-Absatz. Für den Schnellerwerb von Ersatzschuhen war keine Zeit, also humpelte ich ab dem frühen Nachmittag bis zum Nachhausekommen gegen 19.30 Uhr mit einem Höhenunterschied von ca. 10 cm zwischen linkem und rechtem Fuß durch die Gegend.

So – und nun überlegen Sie sich gut, ob Sie Ihre Kinder nicht doch lieber zwingen, etwas Anständiges zu lernen.

Immer die Ihre: KK

October 16, 2017