Akte “Ich”
Erschienen in PETRA 02/2010
Mit Psycho-Methoden wie aus TV-Krimis durchleuchten Firmen heute ihre Angestellten. Katja Kullmann ließ sich von einer Job-Profilerin analysieren – und stutzte.

Natürlich komme ich zu spät. Murphys Gesetz. Zwar bloß 15 Minuten, aber so abgehetzt, wie ich in den Konferenzraum platze, vor Scham schwitzend, schwer keuchend, sehe ich mich sofort enttarnt, komplett durchschaut: eine Versagerin, Verliererin, Träumerin – was für eine Null! Tja: Zwei, drei Mal im Monat geschieht es eben, dass ich verschlafe oder „rote Welle“ bei allen Fußgängerampeln habe. In der Redaktion kennt man das schon, die Chefin hat das Schimpfen aufgegeben. Heute ist es jedoch wirklich schlimm. Denn heute bin ich mit einer Profilerin verabredet.
Sie wissen nicht, was eine Profilerin ist? Stellen Sie sich eine Mischung aus Kriminalkommissarin und gestrenger Psychologin vor. Jemanden, dem Sie nichts vormachen können und der Sie bis auf die Knochen durchanalysiert. Auf VOX lief einst die US-Krimi-Serie „Profiler“. Und auch Jodie Foster wendete als FBI-Ermittlerin in „Das Schweigen der Lämmer“ Profiling-Methoden an, um dem Serienmörder Hannibal Lecter auf die Spur zu kommen. Aus Bewegungsmustern, handschriftlichen Spuren und anderen Fundstücken basteln die Spezialermittler Täterprofile.
Nicht für die Polizei, sondern im Dienst der freien Marktwirtschaft arbeitet Top-Profilerin Suzanne Grieger-Langer. Ursprünglich eine rein kriminalistische Methode, werden Profiling-Techniken nun nämlich auch in der Arbeitswelt angewandt. Gut 50 Prozent britischer und skandinavischer Arbeitgeber lassen Bewerbungsunterlagen nach dem Ermittlungs-Prinzip durchleuchten – meist, ohne dass der Betroffene davon weiß. In Deutschland greifen Schätzungen zufolge schon zehn Prozent der Firmen auf Krimi-Methoden zurück, Tendenz steigend. Sie beauftragen Experten wie Grieger-Langer mit einem Psychogramm des oder der Job-Suchenden.
Was verraten meine arglos herausgegebenen Daten wirklich über mich? Und: Wäre es mir recht, wenn fremde Menschen Faktor X und Tatsache Y über mich erführen? Tapfer stelle ich mich einem Selbstversuch und melde mich bei der Expertin an. Wie verlangt, sende ich ein Foto ein, nenne mein Geburtsdatum – und gebe meinen Namen zum Googeln frei. Ich erwarte ein unbestechliches Spiegelbild, einen erleuchtenden Blick auf meine Performance als Weltbürgerin, Frau und Arbeitskraft, ein Gesamt-Zeugnis für mich als Mensch. Kurz: Ich rechne mit dem Schlimmsten.
„Schön, dass Sie auch noch erschienen sind, Frau Kullmann“, begrüßt mich die Profilerin nachsichtig lächelnd, als ich mich kleinlaut auf meinen Platz schleiche. Vorwurfsvoll blitzen mich die rund 20 (pünktlich erschienenen) Teilnehmerinnen an, gestandene Chefsekretärinnen und Marketingfrauen. Fast möchte ich rufen: „Glotzt nicht so! Ich habe andere Talente. Mit dem rechten Ohr wackeln. Nur zum Beispiel.“ Mittlerweile ist das „Profiling“ tatsächlich auch von Einzelpersonen buchbar, zum Beispiel in einschlägigen Seminaren. Zwischen 250 und 1.000 Euro kostet die Analyse des eigenen (Bewerbungs-) Materials. „Es hilft zu wissen, welche Tätigkeit am erfüllendsten wäre, wie Sie sich im Beruf einbringen und ausleben können“, sagt Grieger-Langer. Etwas kritischer könnte man es auch so betrachten: Druck erzeugt Gegendruck. Während die einen Profiler im Auftrag von Firmen potenzielle Angestellte ausleuchten, helfen andere Profiler den Bewerbern, sich selbst möglichst gut zu präsentieren und etwaige Schwächen zu verschleiern. Ein wechselseitiger Spionage-Wahn – fast schon albern.
Ich weiß, dass die Expertin und ihr Team vor unserer Begegnung den Abstand meiner Augen, die Form meiner Ohrläppchen und den Wölbungsgrad meiner Stirn vermessen haben. Dass sie meine Unterschrift nach grafologischen Auffälligkeiten untersucht haben. Auch die Formulierungen in meiner Anmeldung wurden interpretiert, nach mir unbekannten Kriterien. Und meine Geburtsdaten brauchen die bloß durch ein gängiges Online-Astro-Programm zu jagen, um zu erfahren: Sternzeichen Krebs, Aszendent Skorpion – Wasserbetonung, „ein tiefgründiger Gefühlsmensch“.
Auf dem Fußboden in der Mitte des Seminarraums klebt der Umriss eines Hauses mit sechs Zimmern und einem Dach – mit sieben Feldern also, es ähnelt einem mit Kreide aufgemalten „Himmel und Hölle“-Kinderhüpfspiel. Die sieben „Räume“, vom Keller über die Belle Etage bis zum Dachboden, stünden für die sieben Persönlichkeitsbereiche, die jeder in sich trage, erklärt Grieger-Langer. Ich muss sagen: eine sehr sympathische, lebendige Person. Mit ihrem sportlichen Kurzhaarschnitt könnte man sie sich gut als „Tatort“-Ersatzbesetzung für Ulrike Folkerts vorstellen.
Ganz unten, im „Keller“, befänden sich die Schattenbereiche, die andere nur selten zu Gesicht bekämen, erklärt sie, und ich notiere: „Achtung – Leichen im Keller!“ In der Belle Etage liegt die seelische Haustür samt Entree – wie man sich nach außen zeigt, sein Gegenüber empfängt. Dann noch das Wohnzimmer, der Bereich, in dem man sich rundum sicher fühlt. Und im Dachstübchen ganz oben hause das übergeordnete Talent, mit dem ein Mensch die darunter liegenden Eigenschaften auslebe. Das alles klingt spielerisch, und in den Gesichtern der Teilnehmerinnen lese ich, was auch in mir selbst vorgeht: „Wo wohnt wohl meine Warmherzigkeit?“ Oder: „Ich wette, es kommt heraus, dass ich ein Genie der Zwischenmenschlichkeit und des Wagemuts bin.“

Doch dann grätscht erst mal ein ziemlich wissenschaftlicher Tonfall in unsere Ego-Fantasien: „Psychogenetik“ lautet der Überbegriff für die Methode. Gearbeitet werde mit 50 Persönlichkeits- oder auch „Kompetenz-Clustern“, referiert Grieger-Langer. Diese Cluster hießen zum Beispiel „Tatkraft“, „Expansion“ oder „Emotionalität“. Jeder Mensch lebe nur sieben der 50 möglichen Cluster aus. Und diese sieben seien wiederum verteilt auf sieben Persönlichkeits-Areale – die „Zimmer“ im „Haus“. Atemlos schreibe ich mit: „Sieben Haupt-Cluster pro Mensch, in sieben Zimmern“. Und sehe mich im Grundkurs Mathe wieder, Jahrgangsstufe 12: Kullmann kommt kaum mit.
Berechnet man alle möglichen Kombinationen aus sieben von 50 Clustern – verteilt auf sieben „Räume“ und auf unterschiedliche Ausprägungsgrade –, so ergeben sich 350 Millionen denkbare Varianten, höre ich. Anders ausgedrückt: Jedes Psycho-Profil kommt weltweit im Schnitt 19,5 Mal vor. „Das heißt“, sagt die Profilerin und macht eine Kunstpause, „das heißt also: Jede von uns hat, statistisch gesehen, 18,5 psycho-mentale Doppelgänger.“ Ein Raunen geht durch den Raum, und auch mir entfährt ein ungläubiges „Boah, echt?“ 18,5 Kullmann-Klone laufen irgendwo frei herum. Wie absolut unheimlich und erschreckend!
Ein Sparpotenzial in Milliardenhöhe ergäbe sich für die Unternehmen, wenn Arbeitnehmer „stärker entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten eingesetzt werden“, sagt Prof. Dr. Manfred Amelang von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Nach dieser Logik ist ein Angestellter vor allem Menschenmaterial, in das der Arbeitgeber investiert. Und diese Investition soll sich lohnen. Nicht nur das Profiling, auch andere „Auswahlverfahren“, die einiges Misstrauen erwecken und einen üblen Beigeschmack haben, sind beliebt. Zuletzt gerieten der Stuttgarter Autokonzern Daimler und der Hamburger Sender NDR mit Bluttests von Bewerbern in die Presse. Es gehe bloß um die gesundheitliche Eignung der Mitarbeiter, hieß es.
Was ist mit den Persönlichkeitsrechten und dem Datenschutz, fragt man sich da unweigerlich. „Juristisch gesehen, geben Sie die Informationen mit Ihrer Bewerbungsmappe freiwillig heraus. Es obliegt dem Arbeitgeber, sich seinen Reim darauf zu machen“, so nüchtern erklärt es jedenfalls die Profilerin. Fest steht: Jede(r) Job-Bewerber(in) muss heute damit rechnen, einmal durch den Psycho-Scanner gejagt zu werden – Zeugnisse hin, Schulnoten her. Das gefällt mir nicht.
Ich möchte nicht als „Potenzial“ gesehen werden, auch nicht als fleißige Ameise. Das wird mir immer klarer, je länger ich zuhöre. Am Ende des Seminars werden die Analyse-Ergebnisse der Teilnehmerinnen präsentiert – und ich muss zugeben: Ich stutze. Denn mein stärkster Charakterzug sei eine „stark ausgeprägte Urteilskraft“, erfahre ich. Also doch ein Kopfmensch? Ja, sagt Grieger-Langer. Mein Seelen-Wohnzimmer sei mit „Kommunikation“ eingerichtet, auf dem Dachboden lagere meine „Kreativität“. Und nach außen träte ich als „Machtmensch“ auf. Ich? Ausgerechnet ich superzartes, niedliches, nachgerade liebliches Geschöpf? „Alles in allem sind Sie ein extremer Typus“, fügt die Profilerin noch hinzu – und ich überschlage, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Urteilskraft, Kommunikation, ein starkes Macht-Bedürfnis – alles in extremer Ausprägung: Hochgerechnet auf die kriminelle Branche, stünde einer glorreichen Karriere in den Bereichen Anlagebetrug, Erpressung und Heiratsschwindel wohl nichts entgegen.
Das Ressort Verbrechen (3) | Stichworte: Aberglaube, Angestellte, Arbeit, Astrologie, Coaching, Kapitalismus, Kriminalität, PETRA, Psychogenetik, Psychologie
Rita hat sich bäuchlings auf der Liege mit der dünngelegenen Daunendecke ausgestreckt. Schwül ist es in der kleinen Kammer im mehrgeschossigen Altbau an der Taunusstraße. Den Kopf auf die linke Hand gestützt, fingert die nur mit Unterwäsche bekleidete junge Frau mit der Rechten nach dem Feuerzeug auf dem Nachttisch. Gelangweilt zündet sie sich eine Zigarette an, die zwölfte an diesem Abend. Nicht für eine Sekunde weicht ihr Blick dabei vom Fernsehapparat, der von der Kommode gegenüber ihres Betts aus seit Stunden bunte Bilder ausspuckt. Von Nachrichtensendungen, Quiz-Shows und Werbespots versteht die 25 Jahre alte Dunkelhaarige kein Wort.