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Retro-Mainstream – ein Magazintext

Friede, Freude, Butterkuchen

Erschienen in PETRA 2010

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen die Menschen in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme.

Dunkelrot, hummeldick und sirupsüß ist das Must-Have der diesjährigen Eisbecher-Saison: Amarenakirschen! Gäbe es für Obst eine Trendkurve, lägen die Dinger jetzt ganz weit oben. Für Jahre waren sie fast vergessen, nun schmücken die beschickerten Früchtchen wieder Sahneberge und hausgemachte Waffeln. Ob in Berlin-Mitte, im Belgischen Viertel in Köln, auf der Hamburger Schanze oder Münchens Szene-Terrassen: Augenzwinkend, selbst-ironisch genießen junge Großstädter den Geschmack der eigenen Kindheit: “Hmm, lecker! Wie früher in der Fußgängerzone von Bad Bramstedt, kurz vor der Konfirmation!” Wenn dann noch ein nostalgischer Bossa nova oder ein alter Culture Club-Hit aus den Boxen rumpelt und die Sonne im richtigen Winkel auf die rot-weiß gestreifte Markise fällt, auf ein Publikum mit Costa-Cordalis-Sonnenbrillen, in Polka-Dot-Blusen, Hippie-Latschen oder mit Schnauzbärten, wie sie einst Schwerverbrecher in “Aktenzeichen XY” trugen: Dann sieht es manchmal fast so aus und fühlt sich fast so an wie 1974. Oder 1956. Oder 1982. Hauptsache wie gestern. Oder, noch besser: vorvorgestern.

Wer vorn dabei sein will, muss erst mal ein paar Schritte rückwärts gehen. Ob in der Mode, der Musik, im Kino, bei Möbeln oder in der Gastronomie: Fast alle Bereiche des guten und schönen Lebens sind mitlerweile von Stil-Zitaten aus vergangenen Epochen durchzogen. Auf den ipods läuft diesen Sommer die Neo-Rockabilly-Band The Baseballs – im DVD-Player die Sixties-Serie “Mad Men” – freitags geht’s zur “Depeche Mode forever”-Party – samstags zur Burlesque-Revue im Stil der späten Fourties – sonntags gibt’s selbst gemachte Krautwickel wie bei Muttern, und abends wird auf dem braunen Cordsofa Marke “Landschulheim” gekuschelt. Längst ist “Retro” kein Spezialkniff für Fashion-Insider mehr. Alle machen mit. Völlig egal ist es, welches Jahrzehnt gerade besonders groß gefeiert wird – ob das dritte Eighties-Revival oder eine neue Welle des Fifties-Looks. Als “schön”, “interessant” oder “originell” gelten generell Dinge, Klänge, Formen und Farben aus der Vergangenheit, von den Audrey-Hepburn-Ballerinas bis zum Butterkuchen vom Blech.

“Irgendwie von früher” ist der Massengeschmack, der große Stil-Konsens. Neu ist das “Best of früher”-Prinzip nicht, es zieht sich durch die Kunstgeschichte, auch die Künstler der Renaissance bezogen sich auf ihre Vorfahren. Heute werden die Jahrzehnte aber kunterbunt vermischt. Eine junge Frau, die Blockstreifen-Shirts im Nena-Stil trägt, ihre Wohnung mit dem “röhrenden Hirsch” aus dem Gelsenkirchener Barock schmückt und sich Cool Jazz im Elektro-Remix in die Ohrmuscheln stöpselt: eher die Regel als der Ausnahmefall. “Eklektizismus” nennt die Soziologie das Zusammenwürfeln verschiedenster Epochen, den wilden Mix aus Vorgestern, Heute und Übermorgen. Niemand kann sich dem Rückwärts-Sog entziehen, so scheint es. Auch auf den roten Teppichen in Hollywood ist Vintage Couture das Stil-Gebot der Stunde, Stars und Starlets führen gut erhaltene, höchst edle Second-Hand-Roben aus, die bei Spezialhändlern wie Lily et Cie in Los Angeles Preise bis zu 75.000 Dollar erzielen. Penelope Cruz etwa trug bei der jüngsten Oscar-Verleihung ein Kleid von Pierre Balmain aus den 50er Jahren und riss die Modekritiker zu begeisterten “Ah”s und “Oh”s hin. Und nicht einmal in seiner digitalisierten Form kommt das “ich” am gemütlichen “Damals” vorbei: Dutzende iphone-Apps und Fotobearbeitungsprogramme sorgen dafür, dass Selbstporträts möglichst alt, vergilbt, verblichen wirken, mit einem Firnis von “Geschichte” überzogen. “Yearbook yourself” heißt die entsprechende Facebook-Anwendung. Beinahe ist es etwas unheimlich: Die ganze Welt ist voll von Vergangenheit – und keiner weiß so ganz genau, woher das kommt.

“Die Zeit der großen Entwürfe ist vorbei”: So schlicht formuliert es der Produkt-Designer Lorenzo Ramaciotti. Der Fluch der Postmoderne. Obwohl wir Nierentische und Makramee-Wandteppiche schon tausend Mal gesehen haben, oft bei den Etern oder Großeltern, kriegen wir einfach nicht genug davon. Und zufällig fällt den Designern gerade auch nichts Neues ein – sagt Ramaciotti. In der Tat begannen schon Ende der 90er Jahre Möbelhersteller wie Habitat oder Vitra, Klassiker aus der Blütezeit der Moderne via Lizenz nachzubauen. Sie brachten fabrikneue Neo-Originale wieder auf den Markt, etwa die Spätfünfziger-Möbel des US-Designer-Paars Robin und Lucienne Day, Einzelstücke aus der Bauhaus-Ära oder die berühmten Swing Chairs von Verner Panton aus den 60ern. Heute sieht halb Berlin-Mitte aus wie ein westdeutsches Realschul-Lehrerzimmer von einst: Ob Geheimtipp-Bar oder Hipster-Wohnung, Schuhladen oder Buchhandlung, alles ist vollgestellt mit “Dansk Design”, ergonomisch abgerundeten Holzmöbeln, die vor zehn Jahren noch unbeachtet in Reihenhaus-Kellern lagerten, weil eigentlich jeder das Zeug als hässlich empfand. Nun aber kloppen sich Mittdreißiger bei Ebay um die skurrilsten Schirmständer, Barschränkchen und Nachttischlampen aus Omas und Opas Schuppen. Es geht um das Bedürfnis nach Heimat, Aufgehobensein, Entschleunigung.

“Mit unseren Sachen kann sich jeder wohlfühlen”, sagt Andrea Dahmen, eine wahre Fahfrau für Retro-Utensilien. “Kauf Dich glücklich” heißt die kleine Ladenkette, die die 38jährige Kölnerin mit einem Geschäftspartner aufzog. Der Stammshop liegt, wie sollte es anders sein, am Prenzlauer Berg in der Hauptstadt und ist vollgestopft mit liebevoll zusammengestelltem Trödel und limitierten Auflagen aktueller, handgemachter Designer-Mode. “Wir verkaufen keine Coolness, sondern Spontaneität und Lebensfreude”, sagt Dahmen, die sich selbst als “Flohmarkt-Junkie” bezeichnet. Bis in japanische Trend-Blogs hat es der ursprünglich als studentischer Nebenverdinest gegründete Laden geschafft. Im Sortiment finden sich Turnschuhe der Marke Zeha, die bei der WM 1974 die DDR-Fußballer trugen, oder auch Seventies-Sessel vom Düsseldorfer Flughafen. Mittlerweile expandiert das Geschäft kräftig: Erst folgte die Eisdiele “Glücklich am Park”, dann kamen Accessoire-Filialen in Hamburg, Düsseldorf, Bremen, Münster und Stuttgart hinzu.

“Wie süß!” oder “Wie ulkig!” möchte man angesichts 30 Jahre alter Wackeldackel oder adretter Pepita-Kostüme oft rufen. Ohne Ironie funktioniert das Retro-Prinzip jedenfalls nicht. So schneidert die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek taillierte Jäckchen, Pencil Skirts und Blümchenkleider wie aus den Fifties – ohne aber die Frauen wieder in ein biederes Rollenkorsett zwingen zu wollen. Moderne Frauen tragen den hyperfeminien Look wie eine Art Verkleidung, und schon am nächsten Tag geht es in bequemen Boyfriend-Jeans weiter, die vielleicht mit einer Sergeant-Pepper-Jacke kombiniert ist, die einst das Vorzeigejäckchen der LSD-erleuchteten Beatles war. Auch auf der Straße rollt die Geschichte: Nach der Wiedergeburt des VW Käfers als Beetle und der Neuaflage des Minis verkauft Fiat jetzt eine moderne Version des Modelss 500, eine zeitgenössische Variation der guten alten Schaukelkutsche aus Sophia Lorens besten Jahren. Genau wie die Amarenakirsche erinnern die kugeligen Autoformen an die Ära der ersten Italien-Urlaube, an die Zeit, in der eine deutsche Kleinfamilie einmal im Jahr in den Strandurlaub fuhr und in der ein Toast Hawaii als Inbegriff exotischer Gourmet-Kunst galt, kurz: an eine Zeit, die im Vergleich zu heute überschaubar wirkte.

Und ebendies scheint der Schlüssel für die breite Retro-Begeisterung zu sein: In einer Welt, die sich täglich unübersichtlicher, hektischer, verwirrender zeigt, sind die altbekannten Dinge wenigstens ein optischer Anker – eine beruhigende Verengung des Gesichtsfelds. Das rot-weiß karierte Küchenbrettchen, das Häkelkissen, die Schneekugel: Sie sind Teil eines großen Erinnerungsfundus und stiften eine Art Stil-Gemeinschaft. Denn wir alle kennen diese Dinge noch aus den Fotoalben der Familie, erinnern uns an Klassenfahrten, die erste Liebe oder an das Aufgehobensein in der guten Stube. Niemand muss solche Vergangenheits-Schnipsel groß erklären, jede(r) erkennt und versteht sie: “Aah – solch eine Bogenlampe hatte meine Tante im Harz früher auch!” Atemlos und aufgeladen ist die Gegenwart. Gerade war der mp3-Player dran, jetzt sind es das iphone beziehungsweise das ipad, und schon bald werden Mikrochips wohl unter die Haut implantiert. All die Rund-um-die-Uhr-Kommunikation und die quasi wöchentlich auftretenden “technischen Revolutionen” erfodern ständig neue Anpassung, einen permanenten Update-Zwang. Wie wohlig fühlt sich dagegen der Rückgriff auf Bewährtes und Bekanntes an. Für das Hier und Heute haben wir keine Bilder, es fehlen uns die Worte.

Mädchen in Jugendkulturen – eine Buchbesprechung

Krasse Töchter

Erschienen 2008 in EMMA

Jugendkultur ist immer noch Jungskultur – aber die „Krassen Töchter“ mischen mit. Ihre härtesten Gegnerinnen sind die „blöden Tussen”, die „Freundin von” oder das „Groupie”.

Die Mädchen schwenken ihre Handtaschen, sind adrett und aufwändig frisiert, haben sich vielleicht in eine Korsage gezwängt und tippeln in Netzstrumpfhosen und putzigem Schuhwerk umher; die Jungs tragen Tolle und Koteletten, Lederjacken oder aufgerollte Hemdsärmel, die den Blick frei geben auf ihre tätowierten Arme; in der Musik geht es um Scotch, Bourbon, Bier, heiße Öfen, geladene Knarren und sexy Pussys, und auf den Flyern für einschlägige 50er-Jahre-Partys räkelt sich auffallend häufig Betty Page, das berühmteste Pin-up-Girl aller Zeiten. In kaum einer anderen Jugendkultur darf der Mann so symbolträchtig „Mann“ sein und die Frau so eindeutig „Frau“ wie in der Rockabilly-Szene. Ironisch gebrochen? Irgendwie schon. Aber eben doch nur „irgendwie“.

„Die Jungs sind die Coolen, die am Tresen stehen und trinken. Die Frauen tanzen und tratschen viel.“ So beschreibt die 30jährige Peggy die Rollenverteilung in der Szene. Sie bezeichnet sich als Rockabella, wie sich die anspruchsvolleren Anhängerinnen dieser traditionellen Jugendkultur selbst nennen. Es ist eine Szene, die sich, wenigstens ästhetisch, an der moralinsauren Adenauer-Ära orientiert, oder, wie Insider-Autorin Susanne El-Nawab es nennt, an einer „Gemütlichkeit, die zwischen Rebellen- und Spießertum pendelt.“

Gut ein Dutzend solcher jugendkultureller Biotope nimmt der Band „Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen“ unter die Lupe, der soeben im Verlag des Berliner Archivs der Jugendkulturen erschienen ist. Auf rund 300 Seiten hat Herausgeberin Gabriele Rohmann Aufsätze, Interviews und Insiderinnenberichte gesammelt, beleuchtet werden die verschiedensten Szenen: von den wertkonservativen Retro-Kulturen der Rockabillys und Skinheads über die Sprayer-Gangs aus dem Graffiti-Kosmos bis zum martialischen Black Metal-Geheul. Weibliche Fußballfans kommen ebenso zu Wort wie Anhängerinnen des verspielten Visual Kei, einer Fantasy-Verkleidungsmode aus Japan, die derzeit über das Internet weltweit Verbreitung findet und sich, von einer Außenstehenden betrachtet, am ehesten mit dem Attribut „niedlich“ belegen ließe.

Im Mittelpunkt der Krassen Töchter stehen, der Name lässt es vermuten, Mädchen und junge Frauen, die sich aktiv in ihre jeweils präferierte Pop-(Sub-)-Kultur einmischen und sich als versierter Fan, DJ, Musikerin oder Party-Organisatorin einen gewissen Geltungsrang erobert haben. Sie sind, im Vergleich zu den Jungs, in der Minderheit. Ein Fazit der Lektüre lautet: Jugendkultur ist noch immer überwiegend Jungs-Kultur. Dies aufzuzeigen ist kein Manko des Buches, sondern eine seiner Leistungen. Denn die Vielfalt der Szene-Berichte bietet einen aufschlussreichen Spiegel für das Rollenverhalten unter postmodernen oder auch „postfeministisch“ genannten Bedingungen. Beleuchtet werden Strategien, mit denen junge Frauen heute versuchen, sich in einer männlich geprägten Umwelt zu behaupten – hier, in der Freizeit, zwar tendenziell spielerisch, aber keineswegs harmlos.

Als Proto-Gemeinschaften bezeichnet der britische Jugendkultur-Theoretiker Paul Willis die unterschiedlichen Jugend-Stile. In ihnen spiegele sich die Art, wie „Macht, Klassen und ökonomische Interessen“ wahrgenommen würden (1990). Von Selbst-Fashioning-Strategien spricht die Kölner Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele: Insbesondere den weiblichen Jugendlichen gehe es darum, innerhalb ihrer Bezugsgruppe nicht negativ aufzufallen, es gebe „Statusängste und die Angst vor Isolation“ (2003). Heike Jens wiederum beschrieb 2005 eine gewisse E-bay-Kompetenz, ein spezielles Stil-Fachwissen als unabdingbare Voraussetzung, um in bestimmten subkulturellen Jugendszenen überhaupt mitspielen zu dürfen und anerkannt zu werden. Der viel zitierte „eigene Stil“, den die Protagonistinnen der Jugendkulturen zu entwickeln versuchen, erscheint in diesem Zusammenhang als gezielte und nicht ganz risikolose Individualisierungsstrategie.

Fast jede der zitierten Krassen Töchter reklamiert einen solchen „eigenen Stil“ für sich – während sie sich andererseits doch mit allerlei tradierten Macht- und Geltungsregeln in ihrer jeweiligen Szene arrangiert. Die Mädchen übernehmen, oft kaum gebrochen, die männlichen Vorgaben ihres jeweiligen peer group-Umfelds – „Fachkompetenz“ (Insider-Wissen über Musik oder Fußballtabellen), „Leistung“ (gut Gitarre spielen, viel Alkohol vertragen können), Technikverstand (am DJ-Pult, mit der Sprühdose oder beim Reparieren des Vespa-Rollers) – und versuchen, „ihr eigenes Ding“ daraus zu machen.

Oft begreift sich eine Krasse Tochter als Einzelkämpferin, als Sonderfall, was sie in der Regel meist auch ist, und was wiederum zu ihrem Status innerhalb der Szene beizutragen scheint. „Ich bin die Vorzeige-Sprayerin“, sagt etwa eine junge Graffiti-Künstlerin über sich selbst. Diese Art der Selbstironie zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch, sie wird mal amüsiert, mal eher enttäuscht vorgebracht. Je nach Szene schwankt der Frauenanteil zwischen zehn Prozent – etwa im Hard Core-Segment, wo Brachial-Gitarren und violent dancing (gewaltsames Tanzen) zum guten Ton gehören – bis zu sechzig Prozent, wie in der Gothic-Szene, in der selbst ernannte Hexen schwarze Samtumhänge tragen. Diese Zahlen sagen aber noch nichts über die Teilhabe der Mädchen aus, nichts über Ausmaß und Einfluss ihrer Szene-Aktivitäten. Anders ausgedrückt: 40 Jahre nach den ersten Girl Groups, 30 Jahre nach Pattie Smith, 20 Jahre nach Madonna und zehn Jahre nach den Rrrriot Grrlz ist der DJ im Regelfall noch immer ein Mann.

Rapperin Pyranja hat als eine von sehr wenigen Frauen im einheimischen HipHop etwas „zu melden“, als Musikerin und Produzentin. Sie spricht ganz nüchtern über die Rahmenbedingungen ihrer Szene: „Die Ästhetik von Rap stützt sich auf eine urbane, individualistische und maskuline Identität. HipHop gestaltet sich nach einem patriarchalischen Konzept von Männlichkeit.“ Das klingt souverän und so durchanalysiert, als stünde sie selbst weit über all dem. Augenscheinlich tut sie das auch: Pyranja hat drei HipHop-Alben herausgebracht, gründete mit Mitte 20 ihr eigenes Plattenlabel, moderiert eine Radio-Sendung und hat es in ihrer Szene unzweifelhaft „geschafft“.

Als „Alpha-Mädchen“ hat der Spiegel unlängst junge, erfolgreiche Frauen bezeichnet, die sich in traditionell männlichen Berufsfeldern wie Schifffahrt oder Mathematik durchgesetzt haben. Ähnlich gehen auch die Krassen Töchter vor: Sie legen eine unwiderstehliche Mischung aus Anpassung und Eigenwillen, Tapferkeit und individueller Begabung an den Tag. Sie wollen nicht nur appetitliches Beiwerk sein, kapieren schnell die Spielregeln, nutzen sie für sich und finden irgendwann dann auch Anerkennung, als selbst bestimmte Produzentinnen, Stylistinnen, Tonangeberinnen.

Die gute Nachricht der Krassen Töchter lautet also: Gut aussehen alleine zählt für diese jungen Frauen nicht. Nur wer etwas kann, gilt etwas in der Jugendkultur. Konkurrenz, Geltungsdrang und Wettbewerb sind das Öl im adoleszenten Gruppengetriebe. Das Dilemma: Wer die Codes nicht kennt, keinen Zugang zum Insider-Wissen hat oder sich von der persönlichen Veranlagung her nicht für das harte Auswahlverfahren eignet, hat kaum eine Chance, ernst genommen zu werden. Dies gilt insbesondere für Mädchen, die als hübsche Dekoration am Rand der Tanzfläche stehen. Sie haben keinerlei Nachsicht oder gar Mitleid zu erwarten, schon gar nicht von den arrivierteren Szene-Frauen. Der leidige Begriff des „Zickenkriegs“ taucht in mehreren Kapiteln auf.

Kulturwissenschaftlerin Gaugele meint: „Eine neue Generation von Mädchen (greift) zu Werkzeugen, die bislang für die Konstruktion von Männlichkeit reserviert waren und bearbeitet mittels Übertreibung, Spiegelung, Wut und Ironie den Stoff, aus dem sexistische und misogyne Träume sind“ (2003). Sexismus ist bekanntermaßen ein probates Mittel, andere klein zu reden und auszuschalten, und nicht selten sind es die jungen Frauen selbst, die dies subtil, aber nicht minder wirksam betreiben. Im Kapitel Mädchen im Hardcore schreibt Marion Schulze mit Verweis auf die britische Autorin Lauraine Leblanc, dass im Punk die „etablierten Mädchen“ andere, neu hinzukommende Mädchen absichtlich stigmatisierten, um „Konkurrenz“ zu vermeiden. Ziel sei es, die herrschenden „normativen Standards“ zu sichern – und damit auch die eigene Position als „Eine der Wenigen“.

Die 24jährige Rockabella Klara beschreibt dieses Ausschlussverfahren so: „Wenn ein neues Mädchen in die Szene kommt, wird es von den anderen Mädchen erst mal begutachet. Wenn es sich aber doch länger in der Szene hält oder sich mit den Jungs gut versteht (…) dann (werden) die Frauen doch plötzlich zugänglich und (möchten) auch mit der Person befreundet sein. Weil die dann plötzlich doch dazugehört und alle, die dazugehören, möchte man kennen, damit man mitreden kann.“

Mitreden können und dazugehören – die klassischen Regeln des Boys Clubs. Erst wenn die Jungs genickt haben, wird das Mädchen akzeptiert. Zur Not wird auch unverhohlener Sexismus von Angesicht zu Angesicht hingenommen, um zur coolen Clique zu gehören: „Klar habe ich schon Schimpfwörter wie Fotze gehört“, wird eine namenlose Fußballanhängerin zitiert, „aber ich habe es nicht auf mich bezogen.“ Skinhead-Girl Anna meint, die frauenfeindlichen Sprüche ihrer Kumpels richteten sich nur gegen „so blöde Tussen“, nicht aber gegen sie persönlich.

Ein sicheres Todesurteil ist es, nur „die Freundin von“ jemandem zu sein, ohne über eigenes Insider-Wissen zu verfügen. Das „Groupie“ ist das Feindbild, auf das sich alle Krassen Töchter einigen können, gleich welcher Jugendkultur sie anhängen, und es wird mit den unterschiedlichsten Schimpfwörtern belegt: „Mitbringsel“ oder „Anhängsel“ heißt es bei den Gothics oder Metal-Fans, „Schlampe“ oder „Bitch“ im HipHop, „Matratze“, „Puttchen“ oder Fickhenne“ bei den Skinheads und Rockabillys. Anders als in der Erwachsenenwelt, in der das Konkurrenzgebaren von Frauen untereinander wenigstens durch Ideen wie Solidarität und Nachsicht mit der Schwächeren abgefedert sein mag, ist in den Jugendkulturen die Verachtung für diejenige, die es einfach (noch?) nicht kapiert hat, offenbar.

Was die „Krassen Töchter“ so interessant macht, sind ihre Strategien zur Teilhabe an der Macht. Autorin Barbara Stauber spricht von Formen der Selbst-Organisation in einer unübersichtlichen Lebensphase und Umwelt und beschreibt die szenetypischen Maskeraden, Bewegungs-, Kleidungs- und Sprachstile als Doing Gender, als Versuch, „neue Formen der Selbstrepräsentation auzuprobieren“. Die jungen Frauen handeln teils affirmativ, teils subversiv, sie adaptieren die männlich geprägten Geltungscodes, Rituale und Spielregeln, folgen ihnen teils blind, deuten sie andererseits aber neu für sich um. Manche negieren schlicht den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen in der Szene, andere nehmen ihn hin, wieder andere wollen nichts davon hören. Ausgerechnet in einer der härtesten Fan-Szenen, im Fußball-Fanblock, grenzen sich die Frauen oft massiv von allem ab, was im Verdacht steht, „feministisch“ zu sein. So heißt es etwa aus den Reihen des Nürnberger Kickerfanclubs Red-Black Crazy Gilrs: „Uns ist es wichtig, als normale Fußballfans wahrgenommen zu werden. (…) Wir benehmen uns normal. (…) Wir sind da jetzt nicht so, das wir plötzlich einen Lesbenklub aufmachen.“

Eine Krasse Tochter erlebt zahlreiche Parallelitäten und macht schizophrene Erfahrungen – wie etwa die Anerkennung für die eigene popkulturelle Leistung bei gleichzeitigem, sexistisch ausformuliertem Ausschluss anderer Mädchen. Sie bewegt sich in einem Sowohl-als-auch und handelt oft selbst recht widersprüchlich. Sie sucht sich ihre Verbündeten oft und zuerst bei den bereits etablierten Männern. Sie ist gewissermaßen das Alpha-Mädchen vor dem Eintritt in die Arbeitswelt.

Die Texte in „Krasse Töchter“ sind von ganz unterschiedlicher Natur und Qualität. Manche Aufsätze gehen merklich naiv und etwas unbeholfen ans Thema heran und verlassen die Fan-Position nicht. Andere, wie das Kapitel Fetisch-Lolitas oder junge Hexen? über Frauen in der Gothic-Szene (Dunja Brill), verbinden die Feldforschung mit einschlägigen Gender-Theorien und decken frappierende Widersprüche auf, Widersprüche zwischen Frauen- und Männer- Bildern, zwischen hetero-, homo- und bisexuellen Konnotationen, zwischen Szene-Elite und Fußvolk. So spricht etwa die Gothic-Protagonistin Lady Leather, die bevorzugt SM-Fetisch-Kleidung trägt, selbstbewusst von der Macht, die sie aus ihrem hyper-femininen Styling bezieht: „Wenn ich ausgehe und ich trage Latex und glänzende Stiefel, fühle ich mich ziemlich machtvoll, und es gibt mir ein gutes Gefühl mir selbst gegenüber. Außerdem mag ich die Aufmerksamkeit, die es auf mich zieht.“ Weniger exhibitionistisch veranlagte Mädchen haben in dieser Szene, in der auch Jungs sich schminken und Röcke tragen, jedoch weitaus schlechtere Karten. Sie stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Frauen, sondern auch zu Männern. Gothic-Fan Luciani sagt: „Ich bin so neidisch auf Typen. Ein Mann, der ein bisschen Lidschatten und ein Kleid trägt, macht so viel mehr Eindruck als alles, was Frauen im Traum einfällt, um sich herauszuputzen.“

Auch wenn sie sich persönlich nicht als „Role Model“ begreifen wollen und viele den Begriff „Feminismus“ nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden – die Mehrzahl der zitierten Krassen Töchter ist sich ihrer Vorreiterinnenrolle und der ungleichen Machtverteilung doch bewusst. Auf die Frage, ob sie sich selbst als Vorbild für andere Mädchen sehe, antwortet Breakdancerin Monika vorsichtig: „Ich denke, dass jeder, der sich für irgendwas begeistert, engagiert und dadurch selbst herausfordert, andere motivieren kann.“

Um keines der zitierten Mädchen muss man sich Sorgen machen, so scheint es, sie alle haben sich einen egozentrischen Pragmatismus zugelegt und augenscheinlich keine Angst vor den Jungs. Und fast alle träumen davon, dass die Frage nach ihrem biologischen Geschlecht einfach keine Rolle (mehr) spielt, oder, wie Graffiti-Sprayerin „Sonne“ es ausdrückt: „Dass auch irgendwie Respekt kommt von anderen fürs Bild, also jetzt nicht dafür, weil man ein Mädchen ist, die das macht, sondern fürs Bild.“’