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Retro-Mainstream – ein Magazintext

Friede, Freude, Butterkuchen

Erschienen in PETRA 2010

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen die Menschen in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme.

Dunkelrot, hummeldick und sirupsüß ist das Must-Have der diesjährigen Eisbecher-Saison: Amarenakirschen! Gäbe es für Obst eine Trendkurve, lägen die Dinger jetzt ganz weit oben. Für Jahre waren sie fast vergessen, nun schmücken die beschickerten Früchtchen wieder Sahneberge und hausgemachte Waffeln. Ob in Berlin-Mitte, im Belgischen Viertel in Köln, auf der Hamburger Schanze oder Münchens Szene-Terrassen: Augenzwinkend, selbst-ironisch genießen junge Großstädter den Geschmack der eigenen Kindheit: “Hmm, lecker! Wie früher in der Fußgängerzone von Bad Bramstedt, kurz vor der Konfirmation!” Wenn dann noch ein nostalgischer Bossa nova oder ein alter Culture Club-Hit aus den Boxen rumpelt und die Sonne im richtigen Winkel auf die rot-weiß gestreifte Markise fällt, auf ein Publikum mit Costa-Cordalis-Sonnenbrillen, in Polka-Dot-Blusen, Hippie-Latschen oder mit Schnauzbärten, wie sie einst Schwerverbrecher in “Aktenzeichen XY” trugen: Dann sieht es manchmal fast so aus und fühlt sich fast so an wie 1974. Oder 1956. Oder 1982. Hauptsache wie gestern. Oder, noch besser: vorvorgestern.

Wer vorn dabei sein will, muss erst mal ein paar Schritte rückwärts gehen. Ob in der Mode, der Musik, im Kino, bei Möbeln oder in der Gastronomie: Fast alle Bereiche des guten und schönen Lebens sind mitlerweile von Stil-Zitaten aus vergangenen Epochen durchzogen. Auf den ipods läuft diesen Sommer die Neo-Rockabilly-Band The Baseballs – im DVD-Player die Sixties-Serie “Mad Men” – freitags geht’s zur “Depeche Mode forever”-Party – samstags zur Burlesque-Revue im Stil der späten Fourties – sonntags gibt’s selbst gemachte Krautwickel wie bei Muttern, und abends wird auf dem braunen Cordsofa Marke “Landschulheim” gekuschelt. Längst ist “Retro” kein Spezialkniff für Fashion-Insider mehr. Alle machen mit. Völlig egal ist es, welches Jahrzehnt gerade besonders groß gefeiert wird – ob das dritte Eighties-Revival oder eine neue Welle des Fifties-Looks. Als “schön”, “interessant” oder “originell” gelten generell Dinge, Klänge, Formen und Farben aus der Vergangenheit, von den Audrey-Hepburn-Ballerinas bis zum Butterkuchen vom Blech.

“Irgendwie von früher” ist der Massengeschmack, der große Stil-Konsens. Neu ist das “Best of früher”-Prinzip nicht, es zieht sich durch die Kunstgeschichte, auch die Künstler der Renaissance bezogen sich auf ihre Vorfahren. Heute werden die Jahrzehnte aber kunterbunt vermischt. Eine junge Frau, die Blockstreifen-Shirts im Nena-Stil trägt, ihre Wohnung mit dem “röhrenden Hirsch” aus dem Gelsenkirchener Barock schmückt und sich Cool Jazz im Elektro-Remix in die Ohrmuscheln stöpselt: eher die Regel als der Ausnahmefall. “Eklektizismus” nennt die Soziologie das Zusammenwürfeln verschiedenster Epochen, den wilden Mix aus Vorgestern, Heute und Übermorgen. Niemand kann sich dem Rückwärts-Sog entziehen, so scheint es. Auch auf den roten Teppichen in Hollywood ist Vintage Couture das Stil-Gebot der Stunde, Stars und Starlets führen gut erhaltene, höchst edle Second-Hand-Roben aus, die bei Spezialhändlern wie Lily et Cie in Los Angeles Preise bis zu 75.000 Dollar erzielen. Penelope Cruz etwa trug bei der jüngsten Oscar-Verleihung ein Kleid von Pierre Balmain aus den 50er Jahren und riss die Modekritiker zu begeisterten “Ah”s und “Oh”s hin. Und nicht einmal in seiner digitalisierten Form kommt das “ich” am gemütlichen “Damals” vorbei: Dutzende iphone-Apps und Fotobearbeitungsprogramme sorgen dafür, dass Selbstporträts möglichst alt, vergilbt, verblichen wirken, mit einem Firnis von “Geschichte” überzogen. “Yearbook yourself” heißt die entsprechende Facebook-Anwendung. Beinahe ist es etwas unheimlich: Die ganze Welt ist voll von Vergangenheit – und keiner weiß so ganz genau, woher das kommt.

“Die Zeit der großen Entwürfe ist vorbei”: So schlicht formuliert es der Produkt-Designer Lorenzo Ramaciotti. Der Fluch der Postmoderne. Obwohl wir Nierentische und Makramee-Wandteppiche schon tausend Mal gesehen haben, oft bei den Etern oder Großeltern, kriegen wir einfach nicht genug davon. Und zufällig fällt den Designern gerade auch nichts Neues ein – sagt Ramaciotti. In der Tat begannen schon Ende der 90er Jahre Möbelhersteller wie Habitat oder Vitra, Klassiker aus der Blütezeit der Moderne via Lizenz nachzubauen. Sie brachten fabrikneue Neo-Originale wieder auf den Markt, etwa die Spätfünfziger-Möbel des US-Designer-Paars Robin und Lucienne Day, Einzelstücke aus der Bauhaus-Ära oder die berühmten Swing Chairs von Verner Panton aus den 60ern. Heute sieht halb Berlin-Mitte aus wie ein westdeutsches Realschul-Lehrerzimmer von einst: Ob Geheimtipp-Bar oder Hipster-Wohnung, Schuhladen oder Buchhandlung, alles ist vollgestellt mit “Dansk Design”, ergonomisch abgerundeten Holzmöbeln, die vor zehn Jahren noch unbeachtet in Reihenhaus-Kellern lagerten, weil eigentlich jeder das Zeug als hässlich empfand. Nun aber kloppen sich Mittdreißiger bei Ebay um die skurrilsten Schirmständer, Barschränkchen und Nachttischlampen aus Omas und Opas Schuppen. Es geht um das Bedürfnis nach Heimat, Aufgehobensein, Entschleunigung.

“Mit unseren Sachen kann sich jeder wohlfühlen”, sagt Andrea Dahmen, eine wahre Fahfrau für Retro-Utensilien. “Kauf Dich glücklich” heißt die kleine Ladenkette, die die 38jährige Kölnerin mit einem Geschäftspartner aufzog. Der Stammshop liegt, wie sollte es anders sein, am Prenzlauer Berg in der Hauptstadt und ist vollgestopft mit liebevoll zusammengestelltem Trödel und limitierten Auflagen aktueller, handgemachter Designer-Mode. “Wir verkaufen keine Coolness, sondern Spontaneität und Lebensfreude”, sagt Dahmen, die sich selbst als “Flohmarkt-Junkie” bezeichnet. Bis in japanische Trend-Blogs hat es der ursprünglich als studentischer Nebenverdinest gegründete Laden geschafft. Im Sortiment finden sich Turnschuhe der Marke Zeha, die bei der WM 1974 die DDR-Fußballer trugen, oder auch Seventies-Sessel vom Düsseldorfer Flughafen. Mittlerweile expandiert das Geschäft kräftig: Erst folgte die Eisdiele “Glücklich am Park”, dann kamen Accessoire-Filialen in Hamburg, Düsseldorf, Bremen, Münster und Stuttgart hinzu.

“Wie süß!” oder “Wie ulkig!” möchte man angesichts 30 Jahre alter Wackeldackel oder adretter Pepita-Kostüme oft rufen. Ohne Ironie funktioniert das Retro-Prinzip jedenfalls nicht. So schneidert die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek taillierte Jäckchen, Pencil Skirts und Blümchenkleider wie aus den Fifties – ohne aber die Frauen wieder in ein biederes Rollenkorsett zwingen zu wollen. Moderne Frauen tragen den hyperfeminien Look wie eine Art Verkleidung, und schon am nächsten Tag geht es in bequemen Boyfriend-Jeans weiter, die vielleicht mit einer Sergeant-Pepper-Jacke kombiniert ist, die einst das Vorzeigejäckchen der LSD-erleuchteten Beatles war. Auch auf der Straße rollt die Geschichte: Nach der Wiedergeburt des VW Käfers als Beetle und der Neuaflage des Minis verkauft Fiat jetzt eine moderne Version des Modelss 500, eine zeitgenössische Variation der guten alten Schaukelkutsche aus Sophia Lorens besten Jahren. Genau wie die Amarenakirsche erinnern die kugeligen Autoformen an die Ära der ersten Italien-Urlaube, an die Zeit, in der eine deutsche Kleinfamilie einmal im Jahr in den Strandurlaub fuhr und in der ein Toast Hawaii als Inbegriff exotischer Gourmet-Kunst galt, kurz: an eine Zeit, die im Vergleich zu heute überschaubar wirkte.

Und ebendies scheint der Schlüssel für die breite Retro-Begeisterung zu sein: In einer Welt, die sich täglich unübersichtlicher, hektischer, verwirrender zeigt, sind die altbekannten Dinge wenigstens ein optischer Anker – eine beruhigende Verengung des Gesichtsfelds. Das rot-weiß karierte Küchenbrettchen, das Häkelkissen, die Schneekugel: Sie sind Teil eines großen Erinnerungsfundus und stiften eine Art Stil-Gemeinschaft. Denn wir alle kennen diese Dinge noch aus den Fotoalben der Familie, erinnern uns an Klassenfahrten, die erste Liebe oder an das Aufgehobensein in der guten Stube. Niemand muss solche Vergangenheits-Schnipsel groß erklären, jede(r) erkennt und versteht sie: “Aah – solch eine Bogenlampe hatte meine Tante im Harz früher auch!” Atemlos und aufgeladen ist die Gegenwart. Gerade war der mp3-Player dran, jetzt sind es das iphone beziehungsweise das ipad, und schon bald werden Mikrochips wohl unter die Haut implantiert. All die Rund-um-die-Uhr-Kommunikation und die quasi wöchentlich auftretenden “technischen Revolutionen” erfodern ständig neue Anpassung, einen permanenten Update-Zwang. Wie wohlig fühlt sich dagegen der Rückgriff auf Bewährtes und Bekanntes an. Für das Hier und Heute haben wir keine Bilder, es fehlen uns die Worte.

Alice Schwarzer – eine Würdigung

Die Heldin mit dem Monopol

Erschienen 2002 in der taz anlässlich Alice Schwarzers 60. Geburtstags

Als Elvis Presley im August 1977 starb, hatte mein Vater Tränen in den Augen, und ich war sieben Jahre alt. Bald darauf entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, und meine Eltern versuchten mir zu erklären, was das zu bedeuten hat. Im selben Jahr erschien die erste Emma. Ungefähr in dieser Zeit muss ich das Wort “Emanzipation” aufgeschnappt haben. Es klang interessant, denn es gehörte in die Erwachsenenwelt, so wie die Begriffe “Notstandsgesetze” und “Ölkrise”, unter denen ich mir lange Zeit nichts vorstellen konnte. Das Wort “Emanzipation” war auf Anhieb plastischer: Es ging um Frauen, die nicht mehr putzen, kochen und Wäsche waschen wollten, so viel verstand ich. Und es gab ein Gesicht zum Wort: Alice Schwarzer.

Schwarzer war damals öfters im Fernsehen zu sehen, sie diskutierte mit Männern, die rauchten, sie sprach sehr viel und schnell, und immer wenn im privaten Rahmen ihr Name fiel, schmunzelten die Erwachsenen seltsam, Männer wie Frauen. Stets war da dieses belustigte bis verschwörerische Grinsen. Irgendwie war es ja auch zu komisch. Ich kannte damals in den Siebzigern nur Mütter, die genau das taten, was Alice Schwarzer offenbar verbieten wollte, vom Putzen bis zum Popoabwischen. Ich kannte keinen Vater, der das alles tat.

Heute, exakt ein Vierteljahrhundert später, wird Alice Schwarzer 60, ich bin 32, und noch immer ist mir kein Mann begegnet, der sich der Hausarbeit im Hauptberuf verpflichtet hat. Bekannt sind mir dagegen zig junge Frauen, die doppelt und dreifach belastet zwischen Büro und Kinderzimmer hin und her hetzen und trotz guter Ausbildung und festen Willens auf den unteren Hierarchieebenen hängen bleiben; oder solche, die Fortpflanzung und Partnerschaft lieber verschieben beziehungsweise dankend abwinken. Derweil turnen ausgestopfte Luder durch die Öffentlichkeit und schürzen ihre allzeit bereiten “Leck mich”-Lippen. Das alles hat zu tun mit dem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein der “Frau von heute”, die lieber bonbonfarbene “Zicken”-T-Shirts trägt als lila Latzhosen und lieber Cosmopolitan liest als Emma.

Fast scheint das Schmunzeln über Schwarzer berechtigt zu sein. Wie ein Kuriosum aus längst vergangenen Zeiten wirkt sie inmitten der silikonhügeligen, fiebrig-flexiblen Landschaft. Wer für Schwarzer schwärmt, tut dies besser heimlich. Anachronistisch erschien schon ihre PorNO!-Kampagne in den 80er-Jahren, rührend altmodisch wirkt ihr stets aufs Neue vorgebrachter Appell, auf stöckeliges Schuhwerk zu verzichten, weil Stilettos den Beckenboden senken und die Frau am Wegrennen hindern, wenn ein Vergewaltiger hinter ihr her ist. Da spricht die Mutter zur Tochter, ach was, die Großmutter spricht zur Enkelin, könnte man meinen. Und die Enkelin winkt ab, denn es muss ja weitergehen mit der Geschichte. Sie will Stilettos tragen und trotzdem stark sein dürfen und ernst genommen werden. Einige kriegen das ja auch hin. Was will dann eigentlich so eine wie Schwarzer, die sich herausnimmt, “für alle” zu sprechen, wo sich die postmoderne Frau doch längst als freigesetztes Individuum begreift?

Viele Schwarzer-Sätze enthalten Formulierungen wie: “Drei von vier Frauen meinen ” Immer wieder bemüht sie die Statistik, um den Einzelfall im Licht der Gesamtheit zu sehen. So hält es auch die Emma. In anderen so genannten Frauenzeitschriften geht es eher um die Kunst der individuellen work life balance, das liest sich natürlich leichter. Wut über die Verhältnisse ist anstrengender als Entertainment, und mit dem Mobilitätsdruck und der Altersvorsorge hat man schließlich schon genug um die Ohren. Auch deshalb taugt Alice Schwarzer nicht zur Heldin.

Dabei könnte sie genau das sein: eine Heldin. Warum eigentlich nicht? Heldentum ist ein genügsames Ding, es braucht nicht viel dafür, und es wird sowieso sehr schlampig umgegangen mit diesem Begriff. Gert Müller zum Beispiel gilt als Held, weil er vor 30 Jahren ein paar entscheidende Tore schoss. Joschka Fischer hat das Zeug zum Helden oder wenigstens zum Antihelden, weil er sich vom Straßenkämpfer zum Außenminister wandelte.

Alice Schwarzer hingegen ist eine Frau. Sie hat jahrelang gegen den Paragrafen 218 gekämpft, weshalb die nachfolgende Generation nach einer Abtreibung kein Verbluten und keinen Prozess mehr befürchten muss. Sie hat mit ihrem 1975 erschienenen Buch “Der Kleine Unterschied” am patriarchalisch geprägten Privatleben von Millionen Frauen gerührt. Sie hat – vergeblich – den Stern wegen frauenfeindlicher Titelbilder verklagt. Alice Schwarzer hat all das getan in einem Land, in dem der Ehemann seiner Ehefrau den Job verbieten konnte, und zwar bis 1976, zu dem Jahr meiner Einschulung. Schwarzer prangerte die frauenfeindliche Praxis des Scharia-Rechts in islamischen Ländern schon an, während andere noch gar nicht sicher waren, ob das politisch korrekt ist. Alice Schwarzer ist eine Frau. Hätte sie Tore geschossen, wäre sie auch eine Heldin. Vorausgesetzt natürlich, Frauenfußball hätte jemals interessiert.

Das Aufeinandertreffen von Alice Schwarzer und Verona Feldbusch in der viel besprochenen “Johannes B. Kerner Show” im Juni 2001 – von Bild angekündigt als Duell zwischen Geist und Körper – geriet zum schmerzhaften Aneinandervorbeireden. Feldbusch wurde aggressiv, Schwarzer zynisch. Der Spiegel schrieb danach ironisch vom “Punktsieg für Pumps”. Aufschlussreich am Schwarzer-Feldbusch-Treff war vor allen Dingen eines: Es ist dem Kerner-Stab offenbar niemand Besseres als Feldbusch eingefallen. Aber wer wüsste schon eine, die als ernst zu nehmende Sparringspartnerin taugte, auf Anhieb, meine ich? Feldbusch sollte in der TV-Dramaturgie die Rolle der aufmüpfigen Epigonin übernehmen und äußerte erwartungsgemäß nur Quatsch mit Soße.

Es gibt im Grunde keinen Anlass zur Verklärung. Weder war Alice Schwarzer jemals aktiv in der Politik, noch hat sie irgendjemands Schwanz abgeschnitten oder im Knast gesessen. Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, was Skepsis durchaus rechtfertigen könnte, und das Illegalste, was ihre Biografie hergibt, ist eine Verwarnung der Kölner Verkehrsbetriebe wegen Schwarzfahrens. Schwarzer ist Journalistin, Buchautorin, Verlegerin, nicht mehr und nicht weniger. Sie macht als Publizistin Werbung für die Sache der Frau, unermüdlich und auf hohem agitatorischem Niveau. Sie verdient damit gutes Geld. Sie ist etabliert und hat stets mit dem Promi-Status geflirtet. Und sie hat für vieles und viele den Kopf hinhalten müssen.

Heute werden die Zeitungen wieder einmal voll von Schwarzer-Porträts sein, und nicht wenige Schreiber werden sich in Hohn und Häme versuchen, wofür in Porträts über männliche Jubilare nur selten Platz ist. Auch diese Zeitung hat ihre Probleme mit Frau Schwarzer. Die Bild schrieb einst von “Miss Hängetitt”, die taz vom “feministischen Funkenmariechen”. Zum Weltfrauentag 1996 durften ehemalige Emma-Mitarbeiterinnen hier unter der Überschrift “Retten Sie sich vor Alice” verbreiten, wie herrisch Frau Schwarzer sich mitunter benimmt. Noch nie habe ich in der taz oder sonstwo einen Exmitarbeiter von Ron Sommer, Friedrich Küppersbusch, Gerhard Schröder oder einem anderen Herrn entdeckt, der namentlich zitiert über seinen Exchef lästert. Bei Alice Schwarzer hingegen lässt man Fünfe gerade sein und schickt noch eins hinterher. Ein “borniertes Bewegungsblatt” sei die Emma, weiter nichts.

Ja, es wäre wirklich toll, wenn es neben der Emma noch andere Magazine gäbe, die Frauen nicht nur als Konsumentinnen-Zielgruppe behandeln, und wenn es neben Schwarzer noch andere gäbe, die die Ungerechtigkeit und die Gefahr des Backlash mit solcher Ausdauer thematisierten. Es wäre prima, wenn es verschiedene Stimmen, Tonfälle, Dialekte gäbe, die die Idee des Feminismus weitertragen, nicht nur den Schwarzer-Tenor. Mag sein, dass Schwarzer die Boxhandschuhe angezogen hat, um sich den Platz zu erkämpfen, den sie heute hat. Schade, dass andere Frauen sie zur Monopolistin werden ließen und nicht ebenso kampflustig in den Ring stiegen. Gäbe es viele verschiedene Vorstreiterinnen, die sich Gehör verschafft hätten wie Schwarzer und auch die Niederungen der Massenmedien nicht gescheut hätten, könnte jede junge Frau sich heute eine aussuchen und wäre empathischer an die Zeitgeschichte angebunden. Und würde vielleicht lautstark protestieren, wenn die Chancengleichheit rücklings wieder bedroht ist.

Alice Schwarzer wird heute 60. Es gibt nur eine, und es sei ihr gratuliert.