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Fauser, Jörg Christian – geboren an einem 16. Juli im hessischen Bad Schwalbach

Immer am 16. Juli denke ich an Jörg Fauser. An jenem Datum im Jahr 1944 kam Fauser im hessischen Bad Schwalbach zur Welt – so wie ich, zwar einige Jahre später, aber am selben Datum, im hessischen Bad Homburg geboren wurde, ein paar läppische Kilometer Luftlinie entfernt. Neben dem gemeinsamen Geburtstag und der selben Heimatregion verbindet uns noch vieles andere. Das behaupte ich jedenfalls gern. (Von irgendwas muss eine Hybris zehren.)

Einmal, in den frühen 80ern, ich war ungefähr 13, Jörg ungefähr 39, hielten wir uns sogar im selben Raum auf und hörten die selbe Musik: in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Dort gab Achim Reichel ein Konzert – mit Songtexten von Jörg Fauser. Fauser drückte sich backstage herum (und schrieb später eine Reportage über die Reichel-Tour), ich saß im Publikum, neben meinem Vater, der ein großer Reichel- und Fauser-Fan war und ist. Seit jenen Tagen, seit dem siebten Schuljahr, sitzt der Fauser mir fest im Nacken – und zu verdanken habe ich das eben meinem Vater – dem ich auch, irgendwann in den frühen 90ern dann, als ich selbst schon ein paar Texte für Geld geschrieben hatte, die Original-Ullstein-Ausgabe von Rohstoff (Foto oben) aus dem Bücherregal entwendete, ein Buch, das ich bis heute in Ehren halte.

Öfters blättere ich im Rohstoff herum, einfach so. Auch als es beim Schreiben vom Echtleben mal ganz, ganz mies lief, zwischendrin, habe ich wieder hineingeschaut. Mir genügt dann meist der Tonfall … irgendetwas genügt dann tatsächlich immer daran … und etwas löst sich in meinem Kopf und ich kann dann besser weiterschreiben. Vielleicht kann man sagen: Ich orientiere mich an seiner, hm, Haltung. Weil sie mir etwas sagt, weil sie mir einleuchtet, weil ich ihr glaube. Auf Seite 159/160 im Echtleben kommt der Jörg sogar vor – er wird da von einer Bekannten im Buch ein bisschen fies von der Seite angemacht – ich verteidige ihn nicht, im Buch, und dass ich das dort eben nicht tue, ist ein Witz, den nur der Fauser und ich verstehen. Auch das schöne Wort “Kulturproduktionsbürokratie” habe ich ihm geklaut und im Echtleben verwendet. Fauser findet: “Meinetwegen, mach’ halt.”

Inzwischen habe ich natürlich fast alles von ihm gelesen. (Nicht alles ist superspitzenklasse, aber bei wem schon?) Und beide, der Jörg und ich, haben auch das Riesen-Fauser-Revival ganz gut überstanden, das vor ein paar Jahren kurz aufbrandete – war es zu seinem  60.  Geburts- oder zu seinem 30. Todestag? – und bei dem Benjamin von Stuckrad-Barre mit einer Fauser-Texte-Lesetour durchs Land zog. “Ach”, haben der Fauser und ich da kurz gedacht und ein kleinbisschen quasi-bösartig gekeckert, auf die hessisch-verschlagene Tour, “wir beide kennen uns aber schon ungefähr ein Vierteljahrhundert lang, gell?” Das zweite Foto oben zeigt übrigens Jörgs, nicht meinen Schreibtisch.

Manche sagen, der Fauser habe die Frauen gehasst, zumindest: verachtet. Ich denke, es ist was dran, und dann aber auch wieder nicht. Er kam einfach nicht sonderlich gut mit ihnen aus. Und als Frau sage ich: So wie der Fauser mit seinem Mannsein umgegangen ist, so gehe ich vielleicht mit meinem Frausein um. Schon ein bisschen rüpel(innen)haft, vielleicht. Aber womöglich (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch wieder nicht. Im Grunde interessiert es mich gar nicht so besonders. Ich war auch nie “verliebt” in den Fauser oder sowas. We’ve got a different thing going on.

Nach einer kleinen Trinkerei zu seinem 43. Geburtstag kam der Jörg im Sommer 1987 ums Leben. Er lief nachts auf die Autobahn bei München-Riem und wurde von einem Lastwagen überfahren. Das ist nur einer der Gründe, warum ich bis heute mit Alkohol vorsichtig bin und den Großraum München meide.

Und da er morgen nun eben Geburtstag hat, beziehungsweise gehabt hätte, hommagiere ich ihn heute hier mal kurz in die Höhe. Wie ein echter Hesse klingt (es ist nicht unbedingt schön), das können Sie hier hören, er liest eines seiner “Gedichte” (es reimt sich aber gar nicht):

Und schließlich habe ich eine Art “Best of” aus einem Interview hier zusammengesampelt (ich hoffe, es hat niemand etwas dagegen), das Jörg Fauser anderthalb Jahre vor seinem Tod gegeben hat – dem Frankfurter Germanistik-Studenten Ralf Firle, der das Gespräch damals in seine Magisterarbeit über Fausers Prosa einbaute. Erstmals öffentlich nachzulesen ist das Gespräch im wunderbaren (!), chronologisch aufgebauten Jörg-Fauser-Sammelband Der Strand der Städte (1.600 Seiten!), der 2009 im Berliner Alexander Verlag erschienen ist, dem Verlag, der sich heute verdienstvoll um Fausers Werk kümmert. Der Student hatte Fauser über das Schreiben im Allgemeinen und Besonderen befragt (wofür Ralf Firle größter Dank gebührt) … und Fausers Antworten sind auch wieder so etwas … Naja. Wir verstehen uns halt einfach gut.

FAUSER spricht:

Die Schreiberei ist ja immer ökonomisch abhängig, wenn man davon lebt. (…) Mir haben die ökonomischen Faktoren geholfen bei der schriftstellerischen Arbeit, denn ohne das Eine wäre das Andere nicht möglich gewesen, d.h., wenn man für Zeitschriften arbeitet, hat man für eine gewisse Zeitspanne Geld und kann den eigenen Schmus machen, wenn man also trennen will. Aber ich will das nicht trennen. Dazu sagen möchte ich noch, dass es für mich nicht ehrenrührig ist, wie für viele deutsche Feuilletonisten, für Geld zu schreiben.

Intensivieren möchte ich eigentlich in Zukunft das Romanschreiben, schließe aber nicht aus, dass auch andere Sachen kommen können, auf die man plötzlich gestoßen wird und die dann auch sehr wichtig werden können.

Das kann einmal sehr gut laufen und dann – weg! So etwas wie Sicherheit gibt es auf keinen Fall.

Schriftsteller sind keine trotzigen Außenseiter, wären sie nämlich trotzige Außenseiter, dann würden sie nämlich nichts erfahren über diese Gesellschaft. (…) Der Schriftsteller (…) will teilhaben, denn nur woran er teilhat, darüber kann er mit Fug und Recht schreiben. Das ist die Sache, da wollen sie uns haben (…)  um Gottes Willen keine Teilhabe, es sei denn Böll, weil der ja – Nobelpreis und so – aber selbst der wurde ja noch angepfiffen. Das finde ich – pah! Nicht trotzige Abgeschiedenheit – Teilhabe an der Welt, das ist schon schöner.

Bukowski war eine starke Erfahrung für mich. Das gebe ich ehrlich zu. Und zwar einfach als jemand, der eine ungeheure Selbstbehauptung hat, der gegen Widrigkeiten, woran sehr viele andere gescheitert wären, sich behauptet hat, als jemand, der schreiben will. Das hat mir unheimlich imponiert, zumal das in einer Zeit war, wo ich selbst mit schweren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Der Auslöser ist meistens etwas, was ich erfahren habe. Danach kommt eine lange Phase, wo man sich sagt: Aha, das ist ein Thema, das ist ein Stoff – da bahnt sich etwas an, das geht einem dann länger, wie auch immer, im Kopf herum. Bis zum Schritt, das dann aufzuschreiben, muss noch einiges im Kopf passieren.

Es ist nicht so, dass der Verlag kommt und sagt: Du musst mal wieder was machen. Das ist sekundär. Ich mache es dann, wenn ich weiß, jetzt muss es sein.

Mit den reinen Außenseitern habe ich es eigentlich nicht, eher mit Leuten, die auf Schattenlinien operieren, die halb drin sein  wollen, aber auch halt sehen, es geht eigentlich gar nicht.

Nein, ich lasse mich nicht festlegen.

Ich lebe vom Bücherschreiben, und ein Buch sollte sich schon verkaufen, denn sonst kann ich ja das Schreiben einstellen. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Jetzt muss das geschrieben werden, denn das verkauft sich gut. Das geht nicht.

Ich hoffe auch, dass ich mit den Lesern immer weiter gehen kann, dass, wenn ich den nächsten Schritt mache, die nicht sagen: Abfiff! Sondern sagen: Aha – jetzt hat er sich das vorgenommen, vielleicht falsch, aber man kann es auf jeden Fall lesen. Grundsätzlich: Publikumserwartungen bestimmen nicht direkt oder indirekt mein Schreiben.

Doch. Ich kann mich schon gegen (Feuilleton-Kritik) wehren. Das hat ja Böll auch schon getan. Irgendwo gibt es ein Forum, wo man dies tun kann. Mir ist es aber letztlich wurscht. Aber wenn die mir zu blöde kommen, dann wehre ich mich. Ich glaube nicht, dass der Schriftsteller die Funktion hat, still dazusitzen und zu sagen: Äh. (streckt die Zunge raus) Es ist ja ein Dialog, man nimmt das hin, aber wenn da mir einer zu blöd kommt, dann ist aber auch Randale angesagt. Sicher. (…) Das kann man schon machen. (…) Es muss einen Kampf geben, sonst lohnt sich das Ganze auch nicht.

(…) dass der Schriftsteller Partei ergreift gegen die Macht. Das ist sein Auftrag. (…) Man muss darstellen, wo die Macht ist – wer hat die Macht, wie wirkt sie sich aus -, wenn man die Möglichkeiten dazu hat, wenn man genug darüber weiß.

Solange überhaupt im Kopf etwas los ist, finde ich das toll. Ich diskutiere auch mit jedem.

Wissen Sie, Moral ist für die Seite 3 oder 4 in der Zeitung, Leitartikel. Ich bin für die Unterhaltung zuständig. Ich glaube, ein Schriftsteller, der sagt, ich will jetzt hier Moral verbreiten, ist sofort weg vom Fenster. (…) Es muss Richtlinien geben. Nicht von oben, sondern in einem drin, wo man einfach sagt, bestimmte Sachen mache ich nicht. Meine Figuren haben das sicher, wie ich das auch habe. Soviel zur Moral.

Man wird auf die Welt gesetzt. Bekommt es sofort mit Uannehmlichkeiten zu tun, und die Frage ist: Wie schafft man es trotzdem, ohne das Handtuch zu werfen? Das beschäftigt mich schon immer und wird mich weiter beschäftigen.

Alles Gute, Fauser!

Jörg Fauser – ein Geburtstagsgruß

Alles Gute, Fauser!

Der folgende Text ist, genau wie der Diedrich-Diederichsen-Text, niemals irgendwo erschienen außer hier, er ist in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2011 so zusammengeschrieben.

Immer am 16. Juli denke ich an Jörg Fauser. An jenem Datum im Jahr 1944 kam Fauser im hessischen Bad Schwalbach zur Welt – so wie ich, zwar einige Jahre später, aber am selben Datum, im hessischen Bad Homburg geboren wurde, ein paar läppische Kilometer Luftlinie entfernt. Neben dem gemeinsamen Geburtstag und der selben Heimatregion verbindet uns noch vieles andere. Das behaupte ich jedenfalls gern. (Von irgendwas muss eine Hybris zehren.)

Einmal, in den frühen 80ern, ich war ungefähr 13, Jörg ungefähr 39, hielten wir uns sogar im selben Raum auf und hörten die selbe Musik: in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Dort gab Achim Reichel ein Konzert – mit Songtexten von Jörg Fauser. Fauser drückte sich derweil backstage herum (und schrieb später eine Reportage über die Reichel-Tour), ich saß im Publikum, neben meinem Vater, der ein großer Reichel- und Fauser-Fan war und ist. Seit jenen Tagen, seit dem siebten Schuljahr, sitzt der Fauser mir fest im Nacken – und zu verdanken habe ich das eben meinem Vater – dem ich auch, irgendwann in den frühen 90ern dann, als ich selbst schon ein paar Texte für Geld geschrieben hatte, die Original-Ullstein-Ausgabe von Rohstoff aus dem Bücherregal entwendete, ein Buch, das ich bis heute in Ehren halte.

Öfters blättere ich im Rohstoff herum, einfach so. Auch als es beim Schreiben vom Echtleben mal ganz, ganz mies lief, zwischendrin, habe ich wieder hineingeschaut. Mir genügt dann meist der Tonfall … irgendetwas genügt dann tatsächlich immer daran … und etwas löst sich in meinem Kopf und ich kann dann besser weiterschreiben. Vielleicht kann man sagen: Ich orientiere mich an seiner, hm, Haltung. Weil sie mir etwas sagt, weil sie mir einleuchtet, weil ich ihr glaube. Auf Seite 159/160 im Echtleben kommt der Jörg sogar vor – er wird da von einer Bekannten im Buch ein bisschen fies von der Seite angemacht – ich verteidige ihn nicht, im Buch, und dass ich das dort eben nicht tue, ist ein Witz, den nur der Fauser und ich verstehen. Auch das schöne Wort “Kulturproduktionsbürokratie” habe ich ihm geklaut und im Echtleben verwendet. Fauser findet: “Meinetwegen, mach’ halt.”

Inzwischen habe ich natürlich fast alles von ihm gelesen. (Nicht alles ist superspitzenklasse, aber bei wem schon?) Und beide, der Jörg und ich, haben auch das Riesen-Fauser-Revival ganz gut überstanden, das vor ein paar Jahren kurz aufbrandete – war es zu seinem 60. Geburts- oder zu seinem 30. Todestag? – und bei dem Benjamin von Stuckrad-Barre mit einer Fauser-Texte-Lesetour durchs Land zog. “Ach”, haben der Fauser und ich da kurz gedacht und ein kleinbisschen quasi-bösartig gekeckert, auf die hessisch-verschlagene Tour, “wir beide kennen uns aber schon ungefähr ein Vierteljahrhundert lang, gell?”

Manche sagen, der Fauser habe die Frauen gehasst, zumindest: verachtet. Ich denke, es ist was dran, und dann aber auch wieder nicht. Er kam einfach nicht sonderlich gut mit ihnen aus. Und als Frau sage ich: So wie der Fauser mit seinem Mannsein umgegangen ist, so gehe ich vielleicht mit meinem Frausein um. Schon ein bisschen rüpel(innen)haft, vielleicht. Aber womöglich (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch wieder nicht. Im Grunde interessiert es mich gar nicht so besonders. Ich war auch nie “verliebt” in den Fauser oder sowas. We’ve got a different thing going on.

Nach einer kleinen Trinkerei zu seinem 43. Geburtstag kam der Jörg im Sommer 1987 ums Leben. Er lief nachts auf die Autobahn bei München-Riem und wurde von einem Lastwagen überfahren. Das ist nur einer der Gründe, warum ich bis heute mit Alkohol vorsichtig bin und den Großraum München meide.

Alles Gute, Fauser!

Hessen ganz groß

Wird hier verlegt. Bisschen Info hier.

Nini Raviolette

Retro-Mainstream – ein Magazintext

Friede, Freude, Butterkuchen

Erschienen in PETRA 2010

Ob Pepita-Look oder Sixties-Möbel: Weltweit schwelgen die Menschen in der Schönheit des Gestern. Je mehr Hightech uns umgibt, desto größer die Sehnsucht nach Wärme.

Dunkelrot, hummeldick und sirupsüß ist das Must-Have der diesjährigen Eisbecher-Saison: Amarenakirschen! Gäbe es für Obst eine Trendkurve, lägen die Dinger jetzt ganz weit oben. Für Jahre waren sie fast vergessen, nun schmücken die beschickerten Früchtchen wieder Sahneberge und hausgemachte Waffeln. Ob in Berlin-Mitte, im Belgischen Viertel in Köln, auf der Hamburger Schanze oder Münchens Szene-Terrassen: Augenzwinkend, selbst-ironisch genießen junge Großstädter den Geschmack der eigenen Kindheit: “Hmm, lecker! Wie früher in der Fußgängerzone von Bad Bramstedt, kurz vor der Konfirmation!” Wenn dann noch ein nostalgischer Bossa nova oder ein alter Culture Club-Hit aus den Boxen rumpelt und die Sonne im richtigen Winkel auf die rot-weiß gestreifte Markise fällt, auf ein Publikum mit Costa-Cordalis-Sonnenbrillen, in Polka-Dot-Blusen, Hippie-Latschen oder mit Schnauzbärten, wie sie einst Schwerverbrecher in “Aktenzeichen XY” trugen: Dann sieht es manchmal fast so aus und fühlt sich fast so an wie 1974. Oder 1956. Oder 1982. Hauptsache wie gestern. Oder, noch besser: vorvorgestern.

Wer vorn dabei sein will, muss erst mal ein paar Schritte rückwärts gehen. Ob in der Mode, der Musik, im Kino, bei Möbeln oder in der Gastronomie: Fast alle Bereiche des guten und schönen Lebens sind mitlerweile von Stil-Zitaten aus vergangenen Epochen durchzogen. Auf den ipods läuft diesen Sommer die Neo-Rockabilly-Band The Baseballs – im DVD-Player die Sixties-Serie “Mad Men” – freitags geht’s zur “Depeche Mode forever”-Party – samstags zur Burlesque-Revue im Stil der späten Fourties – sonntags gibt’s selbst gemachte Krautwickel wie bei Muttern, und abends wird auf dem braunen Cordsofa Marke “Landschulheim” gekuschelt. Längst ist “Retro” kein Spezialkniff für Fashion-Insider mehr. Alle machen mit. Völlig egal ist es, welches Jahrzehnt gerade besonders groß gefeiert wird – ob das dritte Eighties-Revival oder eine neue Welle des Fifties-Looks. Als “schön”, “interessant” oder “originell” gelten generell Dinge, Klänge, Formen und Farben aus der Vergangenheit, von den Audrey-Hepburn-Ballerinas bis zum Butterkuchen vom Blech.

“Irgendwie von früher” ist der Massengeschmack, der große Stil-Konsens. Neu ist das “Best of früher”-Prinzip nicht, es zieht sich durch die Kunstgeschichte, auch die Künstler der Renaissance bezogen sich auf ihre Vorfahren. Heute werden die Jahrzehnte aber kunterbunt vermischt. Eine junge Frau, die Blockstreifen-Shirts im Nena-Stil trägt, ihre Wohnung mit dem “röhrenden Hirsch” aus dem Gelsenkirchener Barock schmückt und sich Cool Jazz im Elektro-Remix in die Ohrmuscheln stöpselt: eher die Regel als der Ausnahmefall. “Eklektizismus” nennt die Soziologie das Zusammenwürfeln verschiedenster Epochen, den wilden Mix aus Vorgestern, Heute und Übermorgen. Niemand kann sich dem Rückwärts-Sog entziehen, so scheint es. Auch auf den roten Teppichen in Hollywood ist Vintage Couture das Stil-Gebot der Stunde, Stars und Starlets führen gut erhaltene, höchst edle Second-Hand-Roben aus, die bei Spezialhändlern wie Lily et Cie in Los Angeles Preise bis zu 75.000 Dollar erzielen. Penelope Cruz etwa trug bei der jüngsten Oscar-Verleihung ein Kleid von Pierre Balmain aus den 50er Jahren und riss die Modekritiker zu begeisterten “Ah”s und “Oh”s hin. Und nicht einmal in seiner digitalisierten Form kommt das “ich” am gemütlichen “Damals” vorbei: Dutzende iphone-Apps und Fotobearbeitungsprogramme sorgen dafür, dass Selbstporträts möglichst alt, vergilbt, verblichen wirken, mit einem Firnis von “Geschichte” überzogen. “Yearbook yourself” heißt die entsprechende Facebook-Anwendung. Beinahe ist es etwas unheimlich: Die ganze Welt ist voll von Vergangenheit – und keiner weiß so ganz genau, woher das kommt.

“Die Zeit der großen Entwürfe ist vorbei”: So schlicht formuliert es der Produkt-Designer Lorenzo Ramaciotti. Der Fluch der Postmoderne. Obwohl wir Nierentische und Makramee-Wandteppiche schon tausend Mal gesehen haben, oft bei den Etern oder Großeltern, kriegen wir einfach nicht genug davon. Und zufällig fällt den Designern gerade auch nichts Neues ein – sagt Ramaciotti. In der Tat begannen schon Ende der 90er Jahre Möbelhersteller wie Habitat oder Vitra, Klassiker aus der Blütezeit der Moderne via Lizenz nachzubauen. Sie brachten fabrikneue Neo-Originale wieder auf den Markt, etwa die Spätfünfziger-Möbel des US-Designer-Paars Robin und Lucienne Day, Einzelstücke aus der Bauhaus-Ära oder die berühmten Swing Chairs von Verner Panton aus den 60ern. Heute sieht halb Berlin-Mitte aus wie ein westdeutsches Realschul-Lehrerzimmer von einst: Ob Geheimtipp-Bar oder Hipster-Wohnung, Schuhladen oder Buchhandlung, alles ist vollgestellt mit “Dansk Design”, ergonomisch abgerundeten Holzmöbeln, die vor zehn Jahren noch unbeachtet in Reihenhaus-Kellern lagerten, weil eigentlich jeder das Zeug als hässlich empfand. Nun aber kloppen sich Mittdreißiger bei Ebay um die skurrilsten Schirmständer, Barschränkchen und Nachttischlampen aus Omas und Opas Schuppen. Es geht um das Bedürfnis nach Heimat, Aufgehobensein, Entschleunigung.

“Mit unseren Sachen kann sich jeder wohlfühlen”, sagt Andrea Dahmen, eine wahre Fahfrau für Retro-Utensilien. “Kauf Dich glücklich” heißt die kleine Ladenkette, die die 38jährige Kölnerin mit einem Geschäftspartner aufzog. Der Stammshop liegt, wie sollte es anders sein, am Prenzlauer Berg in der Hauptstadt und ist vollgestopft mit liebevoll zusammengestelltem Trödel und limitierten Auflagen aktueller, handgemachter Designer-Mode. “Wir verkaufen keine Coolness, sondern Spontaneität und Lebensfreude”, sagt Dahmen, die sich selbst als “Flohmarkt-Junkie” bezeichnet. Bis in japanische Trend-Blogs hat es der ursprünglich als studentischer Nebenverdinest gegründete Laden geschafft. Im Sortiment finden sich Turnschuhe der Marke Zeha, die bei der WM 1974 die DDR-Fußballer trugen, oder auch Seventies-Sessel vom Düsseldorfer Flughafen. Mittlerweile expandiert das Geschäft kräftig: Erst folgte die Eisdiele “Glücklich am Park”, dann kamen Accessoire-Filialen in Hamburg, Düsseldorf, Bremen, Münster und Stuttgart hinzu.

“Wie süß!” oder “Wie ulkig!” möchte man angesichts 30 Jahre alter Wackeldackel oder adretter Pepita-Kostüme oft rufen. Ohne Ironie funktioniert das Retro-Prinzip jedenfalls nicht. So schneidert die österreichische Modedesignerin Lena Hoschek taillierte Jäckchen, Pencil Skirts und Blümchenkleider wie aus den Fifties – ohne aber die Frauen wieder in ein biederes Rollenkorsett zwingen zu wollen. Moderne Frauen tragen den hyperfeminien Look wie eine Art Verkleidung, und schon am nächsten Tag geht es in bequemen Boyfriend-Jeans weiter, die vielleicht mit einer Sergeant-Pepper-Jacke kombiniert ist, die einst das Vorzeigejäckchen der LSD-erleuchteten Beatles war. Auch auf der Straße rollt die Geschichte: Nach der Wiedergeburt des VW Käfers als Beetle und der Neuaflage des Minis verkauft Fiat jetzt eine moderne Version des Modelss 500, eine zeitgenössische Variation der guten alten Schaukelkutsche aus Sophia Lorens besten Jahren. Genau wie die Amarenakirsche erinnern die kugeligen Autoformen an die Ära der ersten Italien-Urlaube, an die Zeit, in der eine deutsche Kleinfamilie einmal im Jahr in den Strandurlaub fuhr und in der ein Toast Hawaii als Inbegriff exotischer Gourmet-Kunst galt, kurz: an eine Zeit, die im Vergleich zu heute überschaubar wirkte.

Und ebendies scheint der Schlüssel für die breite Retro-Begeisterung zu sein: In einer Welt, die sich täglich unübersichtlicher, hektischer, verwirrender zeigt, sind die altbekannten Dinge wenigstens ein optischer Anker – eine beruhigende Verengung des Gesichtsfelds. Das rot-weiß karierte Küchenbrettchen, das Häkelkissen, die Schneekugel: Sie sind Teil eines großen Erinnerungsfundus und stiften eine Art Stil-Gemeinschaft. Denn wir alle kennen diese Dinge noch aus den Fotoalben der Familie, erinnern uns an Klassenfahrten, die erste Liebe oder an das Aufgehobensein in der guten Stube. Niemand muss solche Vergangenheits-Schnipsel groß erklären, jede(r) erkennt und versteht sie: “Aah – solch eine Bogenlampe hatte meine Tante im Harz früher auch!” Atemlos und aufgeladen ist die Gegenwart. Gerade war der mp3-Player dran, jetzt sind es das iphone beziehungsweise das ipad, und schon bald werden Mikrochips wohl unter die Haut implantiert. All die Rund-um-die-Uhr-Kommunikation und die quasi wöchentlich auftretenden “technischen Revolutionen” erfodern ständig neue Anpassung, einen permanenten Update-Zwang. Wie wohlig fühlt sich dagegen der Rückgriff auf Bewährtes und Bekanntes an. Für das Hier und Heute haben wir keine Bilder, es fehlen uns die Worte.

Diedrich Diederichsen – eine Partynacht

Berlin, Brunnenstraße, Mittwochnacht

Dieser Text ist in einer erstaunlich warmen April-Nacht im Jahr 2008 entstanden, an einem Stück heruntergeschrieben, in einem spontan so entstandenen Loop-Verfahren, zwischen 4 und 6 Uhr in der Früh. Weder ist er je redigiert worden (von mir oder jemand anderem), noch ist er je irgendwo (außer hier) erschienen – genau wie der Jörg-Fauser-Text.

Hallo, dies ist Berlin-Mitte. Also: Dies ist wirklich Berlin-Mitte. Ein Mittwochabend in der Brunnenstraße, in einer Bar, und da feiert jemand Geburtstag, ein Mensch, den ich bis dahin einmal gesehen und, nun ja, kennen gelernt hatte, jemand, zu dem ich flüchtigst, aber sicherlich freundlich “Hallo” gesagt hatte, beim Geburtstagsfest eines Freundes vor einigen Wochen; dieser Mensch feiert dort also seinen Geburtstag, in jener Brunnenstraßen-Bar mitten in Mitte, und ein Freund, also: ein Kumpel-Freund, also: der Freund, der damals Geburtstag hatte, als ich jenen Mensch kennen lernte, der heute beziehungsweise gestern Geburtstag hatte – ein enger Freund übrigens der Freundin des Menschen, der Geburtstag hatte – also: Der hat mich mitgenommen. In diese Bar in der Brunnenstraße in Berlin, nun ja, Mitte.

Manchmal, oder vielmehr meistens, läuft es so in Berlin, und nicht nur in der Mitte, ach, und ich glaube, das kann anderswo genau so sein: Dass man freundlicher- und aufmerksamerweise mitgenommen wird, irgendwohin, von einem Freund, und dann steht man in einem Raum, wo im Idealfall Musik läuft (eigentlich läuft ja immer Musik), und wo andere Menschen herumstehen, die ebenfalls von irgendwem dorthin mitgenommen worden sind, und die meisten scheinen sich wohl zu fühlen, und ich glaube, diejenigen fühlen sich am wohlsten, die gar nicht selbst eingeladen waren, denn die zufällig Mitgenommenen trifft am wenigsten Verantwortung, und es kann passieren, dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt, und in jener Nacht, also heute oder gestern war es so: Dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt.

Dazu muss man sagen: Diedrich Diederichsen ist ein Mensch, und er spielt Musike, legt da so seine Platten auf, und wir sind hier nicht bei Spiegelonline, und ich schaue auf den Plattenteller und sehe: weißes Vinyl. Eine LP, keine Single. Ich sehe: Diedrich Diederichsen legt augenscheinlich eine Nice Price-Schallplatte auf, eine Billigpressung, vermutlich aus den späten 80ern, denn damals waren solcherlei Billigpressungen weit verbreitet, weißes Vinyl; ich selbst besitze etwa eine Champs-LP auf weißem Vinyl, die ich – es muss 1987 oder 1989 gewesen sein – für 9,99 (D-Mark-Preis) in einem Kleinstadtkaufhaus im westdeutschen Mittelgebirge erworben habe, wegen Tequila natürlich, zum Nice Price, ein Nice Price-Aufkleber hatte auf dem Cover gepappt, eine doch sehr schöne Nachpressung des Original-Champs-Plattencovers aus den frühen Sechzigern, aber drinnen: weißes Vinyl, dünn und wabbelig, und gestern Abend oder heute Nacht legt also Diedrich Diederichsen Platten auf, bei dieser Geburtstagsparty, und ich weiß gerade nicht mehr, welchen Song genau er da vom Billig-Vinyl spielte, und ich stelle ultimativo, also noch im selben Augenblick, fest: Es ist egal, welcher Song das genau ist, worauf es ankommt ist dies: Es ist augenscheinlich weißes Nice Price-Vinyl, was da läuft, und ich denke in einem quasi-scheinintellektuellen Anfall, möglicherweise einigermaßen angetrunken, mit einem Schlag über Legendenbildung nach, eine Gedankenlawine rollt auf mich zu und über mich hinweg, so-zu-sagen: Warum Jungs so schnell posthum berühmt werden, selbst wenn sie noch leben, insbesondere, wenn es um Musik geht; und ich denke darüber nach, wie ekelig diese Maschinerie der so called Aufmerksamkeitsökonomie vor sich hin-öttelt, wie da der Auspuff stinkt, und dass ich mein Rapsöl lieber anderweitig investiere, und dass es de facto – wollen wir doch mal die Kirche im Dorf im lassen und den Hund in der Pfanne und die Katze auf dem heißen Blechdach – bloß ein beliebiger Mittwochabend in Berlin Mitte ist, mitten in Mitte, und irgendwer, ein sehr sympathischer Mensch, übrigens, hat Geburtstag, und ich habe drei Freigetränke-Märkchen in die Hand gedrückt bekommen, und frage mich: Habe ich tatsächlich Lust, mich um Gender-Fragen zu kümmern, in diesem Moment? Oder will ich auf meine alten Tage etwa noch in die Popkritik einsteigen? Und so stehe ich da unverhofft herum, mittwochs mitten in Mitte, und Diedrich Diederichsen legt also Platten auf, und ich sehe: Es ist weißes Nice Price-Vinyl, und ich stelle fest: Es ist nichts, es ist gar nichts, und das ist so gut, dass nichts ist.

Und was sehe ich sehe ich sehe ich also? Einen bebrillten, nicht allzu stattlichen Mann in schwarzem Jackett, der ganz nett aussieht, so weit, und Platten auflegt, unter anderem eine Nice Price-Platte, und dieses Bild bleibt mir hängen, diese Nice Price-Platten haben so einen kleinkarierten Label-Aufdruck, das will mir einfach nicht aus dem Kopf, ganz im Gegenteil: Das will mit aller Macht dort hinein, der Diederichsen und das weiße Vinyl, und mir fällt auf, dass alles nur ein Riesenmissverständnis sein könnte, alles, alles, also wirklich: alles. Ich kenne den Diederichsen nicht persönlich, und ich denke: Weißes Nice Price-Vinyl, es ist schwer zu erklären, aber: Das tröstet mich so. Das versöhnt mich so dermaßen mit so vielem an jenem Mittwochabend, mit diesem ganzen bescheuerten Berlin, mit dieser ganzen bescheuerten Welt.

Man könnte an dieser Stelle natürlich weit ausholen – ich sage nur: Feuilleton. Man könnte einen zitierfähigen Text über diesen ganzen Krempel schreiben, zum Beispiel darüber, warum ein Diederichsen weißes Nice Price-Vinyl sehr wohl auflegen darf, andere aber nicht, Himmel, steckt da ein Deleuzianisches Feuerwerk drin, man könnte also die ganze Geisteswissenschaftlersoße noch einmal aufkochen, als wär’s ein Chili con Carne, da geht ja ebenfalls die Legende, dass es besser schmecken würde, wenn man es zum hundertsten Mal aufwärmt, aber ach, denke ich mir – und das alles denke ich tatsächlich in einer rasend schnellen hunderstel Microsekunde – ich will lieber Pommes rot-weiß oder ein Mettwustbrötchen, und ich habe das alles ja auch schon längst aufgeschrieben, zu meinen Uni-Zeiten in den mittleren Neunzigern und habe lauter 1en dafür gekriegt. Soll der Diederichsen doch selber über sein Vinyl schreiben.

Es ist eine Geburtstagsparty mitten in Mitte, und ich höre, wie mein Freund, der, der mich auf die Party mitgenommen hat, wie der zu mir sagt, ich solle mal mein Buch weiterschreiben, das sei das Wichtigste, das sagt er in dieser Bar zu mir, und ich schon: angetrunken – au wie! Jedenfalls: Ich solle bloß nicht immer über mich selbst schreiben, das hat er tatsächlich zu mir gesagt, und ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber gedacht habe ich folgendes: Vielleicht will mein Freund mich beschützen, mit diesem Hinweis oder diesem Rat oder dieser Warnung, vielleicht will er da präventiv handeln, indem er mir das sagt, vielleicht ist das ein Akt der Mitmenschlichkeit oder Zivilcourage von ihm, aber andererseits ist es ja so, dass ich überhaupt gar nie über mich selbst schreibe! Jeder, der mich kennt, weiß: Ich schreibe über Schallplatten und über … und so weiter. Und über: Diedrich Diederichsen! Endlich schreibe ich einmal über Diedrich Diederichsen. (Und ich möchte an dieser Stelle doch einmal kurz festhalten, dass ich bis hierhin den Markennamen Spex noch kein einziges Mal habe fallen lassen.)

Und Diederichsen hat Bob Dylan aufgelegt, und Julie Driscoll & Brian Auger, und ich weiß weiß weiß, dass niemand niemand niemand in dieser Bar wusste, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren. Mag sein, dass der eine oder andere kurz gedacht hat: “Hey, was ist denn das für eine Cover-Version? Ho-ho-ho-ho, das ist doch Come on Baby, light my fire!” Und: “Haben das nicht die Doors mal gebracht? Hieß der Sänger nicht Jim Morrison? Ho-ho-ho-hooooo!” Aber ich ich ich wusste, dass es Julie Driscoll & Brian Auger waren, und Diederichsen wusste es natürlich auch, und vielleicht war das die weiße Nice Price- Schallplatte, ich weiß es nicht mehr, ich kriege die Bilder und die Zeit und die Musik des Abends nicht mehr ganz zusammen, nicht mehr in die richtige Reihenfolge. Was ich noch weiß: Dass mein Kumpel-Freund der Ansicht war, man sehe es mir an, dass ich recht unglücklich sei zur Zeit, und ich sagte so was wie: “Ja, es ist das Gefühl, als ob jemand einem das Wasser abgräbt, und ich weiß nicht warum”, und gemeinsam haben wir überlegt, ob ich masochistische Züge habe, und Himmerlherrgottnochmal, wer hat die nicht, jedenfalls: Könnte sein, dass ich mein inkorporiertes Kulturkapital, mein popkulturelles Basiswissen verschwende – hat mein Freund angedeutet.

Und so habe ich da in Ansätzen ein bisschen rhythmisch herumgewackelt und so weiter, und hinten hat Diederichsen Platten aufgelegt, und dann hat er irgendwann die Seeds gespielt, No escape – nicht Pushin’ too hard, sondern No escape, zwei beinahe identische Songs, aber ich ich ich kann sie unterscheiden. Sky Saxon! Und wieder bin ich sicher sicher sicher, dass an dieser speziellen Party, an diesem speziellen Abend in dieser speziellen Bar-Besetzung in der Berliner Brunnenstraße, dass ich dort zu eben jenem Zeitpunkt die einzige einzige einzige war, die erstens, die Seeds erkannt hat und die, zweitens, weiß, wer Sky Saxon ist, und, na ja, irgendwann musste ich dann auch mal gehen.

Als ich meine Jacke angezogen hatte, habe ich mich zum Diederichsen gewandt, ans DJ-Pult, und er hat sogleich aufgeschaut, und ich habe ihm nicht gesagt, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren, und ich habe ihm nicht gesagt, dass er No escape gespielt hat statt Pushin’ too hard, ich habe bloß gesagt: “Schöne Musik.” Und da hat der Diederichsen gelächelt und ich glaube, er hat sich gefreut, denn ein DJ, der braucht so was, dem gefällt so was, dann weiß er, dass er einen okay-en Job gemacht hat, und dieser Typ da am Plattenteller hat einen okay-en Job gemacht an jenem Abend, mit seiner Nice Price-Platte und so weiter, und niemand hatte sein respektive ihr Ding dazu geschüttelt, außer mir, und warum soll man das nicht einfach sagen, dass jemand einen okay-en Job gemacht hat, warum soll man nicht freundlich zu den Menschen sein, ich glaube, das ist wahre Größe, und so bin ich dann zur S-Bahn gelaufen, mittwochnachts in Berlin-Mitte, und habe beschlossen, dass ich nie mehr über mich selbst schreiben will. Wenn überhaupt, dann nur noch über Diedrich Diederichsen, wie alle anderen auch, wie, Gott verdammt noch mal, alle anderen auch.