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Katja Kullmann


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  • Apropos: Aufmerksamkeitsökonomie


    Altona zum Anfassen (1)

    January 5th, 2010 — 11:33pm

    frappant
    Knapp elf  Monate wohne ich nun in Hamburg-Altona, genauer gesagt im umstrittenen Ortsteil Ottensen, und bereits zum dritten Mal werde ich als Staatsbürgerin zur örtlichen Urne gerufen. Da war die Bundestagswahl im vergangenen September; ich habe mich beteiligt und verloren. Dann ging es um die Abholzung eines bestimmten Waldstücks, doch nämliche Abstimmung habe ich wegen verstärkter Reisetätigkeit verpasst. Nun ein weiterer Bürgerentscheid: für oder gegen den Abriss des so genannten Frappant-Gebäudes in der Großen Bergstraße, downtown Altona – und vor allem: für oder gegen den damit vermutlich verbundenen Neubau eines IKEA-Kaufhauses an der selben Stelle. Auf dem Informationsfaltblatt, das zeitgleich mit den amtlichen Abstimmungsunterlagen in den Briefkästen lag und das in den IKEA-Farben Schweden-Blau und Schweden-Gelb gehalten ist, gibt die gegnerische Bürgerinitiative eine Entscheidungshilfe: „IKEA in Altona. Ja oder NEIN“, steht da. (Sie können es oben auf dem Foto sehen.) Und innen drin zehn Thesen beziehungsweise Hintergrundinformationen: Warum das IKEA dem Altona nicht bekommen werde. Die Befürworter des IKEA-Neubaus hingegen behaupten, dass etwa die Hälfte jener Hintergrundinformationen nicht ganz der Wahrheit entspreche.

    Als (noch Neu-)Altonaerin bin ich nun also aufgerufen zu entscheiden: Das alte Frappant-Gebäude bewahren, einen Kaufhausbau aus dem Jahre 1973, in dem einige sympathische Künstler(innen) seit einer Weile arbeiten, ausstellen und gelegentlich alkoholische Getränke ausschenken? Oder den zugigen Klotz abreißen und einen nagelneuen Sweden-Design-Store da hinstellen? Die Straße, in der jener Abstimmungs-Showdown ansteht, die Große Bergstraße, ist eine heruntergewirtschaftete, teils verwaiste Fußgängerzoneneinkaufsmeile. Man müsste sich die Frankfurter Zeil oder die Kölner Schildergasse nach gerüttelt 33 Jahren Wirtschaftskrise vorstellen: So in etwa ist es dort. Der Teil Altonas, in dem die Große Bergstraße liegt, gilt als „Arme Leute-Viertel“. Ottensen, die gegenüberliegende Altonaer Ecke, in der ich wohne, wird hingegen meist guten Gewissens als Fieberherd des Hamburger “Gentrifizierungs-” bzw. “Yuppisierungszugs” beschrieben. (Veddel und Wilhelmsburg im Osten der Stadt stehen als nächstes auf der Liste, so weit ich weiß.) „Gentrifizierung“ und „Yuppisierung“ wiederum sind Begriffe, mit denen ich mich unendlich gern beschäftige. Und vielleicht sollte ich nun einmal ganz, ganz deutlich anmerken: Die „Gentrifzierungsdebatte“ verfolge ich höchst parteilos, zu 100% neutral, zumal in Hamburg, zumal ich hier ja wirklich noch verhältnismäßig neu bin. Die Debatte an sich ist so überaus aufschlussreich – wie sie geführt wird, wer wie oft spricht und worüber -, dass ich vor lauter Mitschreiben einfach nicht dazu komme, mich grundsätzlich, eindeutig und für immer auf eine Seite zu schlagen. Künstler finden die meisten sympathisch, so viel ist klar. Kapitalisten kommen hingegen nicht so gut an. So verbreiten es jedenfalls die Apparate der Aufmerksamkeitsökonomie, etwa der SPIEGEL, der in seiner aktuellen Print-Ausgabe ausführlich über die Hamburger Lage berichtet. Der optimistisch stimmende Ausgang der Gängeviertel-Besetzung, die Stadtmarketing-Kampagne Marke Hamburg und der breite Protest dagegen, das ewige Gezacker um die Rote Flora am Schulterblatt: Themen gibt es schon.

    Bis zum 19. Januar habe ich Zeit, mich zu entscheiden. Doch habe ich die Entscheidung in diesem speziellen, lokalen Fall überraschend eindeutig längst gefällt. Preisgeben werde ich sie nicht. (Es dürfte auch niemanden weiter interessieren, immer schön realistisch bleiben.) Und eigentlich wollte ich sowieso nur eines anmerken: Dass es, nach vier Jahren Berlin, durchaus extrem interessant ist, wieder in einer „alten“, „gewachsenen“, „substanziellen“, meinetwegen auch: „westdeutschen“ Großstadt zu leben. Vieles ist ähnlich wie in Berlin, Autos brennen hier und dort; und doch läuft hier in Hamburg, im so genannten alten Westen, manches anders. „Anders“ heißt nicht zwingend „besser“ oder „schlechter“. Aber das wissen Sie sicherlich längst.

    Kein Leserbrief | Euphorie im Alltag

    Berlin, Brunnenstraße,
    Mittwochnacht

    December 27th, 2009 — 3:00pm

    Dieser Text ist in einer erstaunlich warmen April-Nacht im Jahr 2008 entstanden, an einem Stück heruntergeschrieben, in einem spontan so entstandenen Loop-Verfahren, zwischen 4 und 6 Uhr in der Früh. Weder ist er je redigiert worden (von mir oder jemand anderem), noch ist er irgendwo auf Papier gedruckt und erschienen. Dennoch zählt er zu den Filetstücken einer der merkwürdigsten Schreib- und Lebens-Phasen, die ich bislang durchschritt, und sollte jemals ein posthumer Sammelband mit den Werken von Katja Kullmann erscheinen (dazu müsste ich allerdings erst noch ein paar intelligente und interessante Arbeiten hinterlassen, schon klar), sollte es also jemals zu einem “Best of Katja Kullmann”-Album kommen, dann bin ich in all dem mir zur Verfügung stehenden Größenwahn dafür, dass man diesen Text mit aufnimmt.

    Hallo, dies ist Berlin-Mitte. Also: Dies ist wirklich Berlin-Mitte. Ein Mittwochabend in der Brunnenstraße, in einer Bar, und da feiert jemand Geburtstag, ein Mensch, den ich bis dahin einmal gesehen und, nun ja, kennen gelernt hatte, jemand, zu dem ich flüchtigst, aber sicherlich freundlich “Hallo” gesagt hatte, beim Geburtstagsfest eines Freundes vor einigen Wochen; dieser Mensch feiert dort also seinen Geburtstag, in jener Brunnenstraßen-Bar mitten in Mitte, und ein Freund, also: ein Kumpel-Freund, also: der Freund, der damals Geburtstag hatte, als ich jenen Mensch kennen lernte, der heute beziehungsweise gestern Geburtstag hatte – ein enger Freund übrigens der Freundin des Menschen, der Geburtstag hatte – also: Der hat mich mitgenommen. In diese Bar in der Brunnenstraße in Berlin, nun ja, Mitte.

    Manchmal, oder vielmehr meistens, läuft es so in Berlin, und nicht nur in der Mitte, ach, und ich glaube, das kann anderswo genau so sein: Dass man freundlicher- und aufmerksamerweise mitgenommen wird, irgendwohin, von einem Freund, und dann steht man in einem Raum, wo im Idealfall Musik läuft (eigentlich läuft ja immer Musik), und wo andere Menschen herumstehen, die ebenfalls von irgendwem dorthin mitgenommen worden sind, und die meisten scheinen sich wohl zu fühlen, und ich glaube, diejenigen fühlen sich am wohlsten, die gar nicht selbst eingeladen waren, denn die zufällig Mitgenommenen trifft am wenigsten Verantwortung, und es kann passieren, dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt, und in jener Nacht, also heute oder gestern war es so: Dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt.

    dd

    Dazu muss man sagen: Diedrich Diederichsen ist ein Mensch, und er spielt Musike, legt da so seine Platten auf, und wir sind hier nicht bei Spiegelonline, und ich schaue auf den Plattenteller und sehe: weißes Vinyl. Eine LP, keine Single. Ich sehe: Diedrich Diederichsen legt augenscheinlich eine Nice Price-Schallplatte auf, eine Billigpressung, vermutlich aus den späten 80ern, denn damals waren solcherlei Billigpressungen weit verbreitet, weißes Vinyl; ich selbst besitze etwa eine Champs-LP auf weißem Vinyl, die ich -  es muss 1987 oder 1989 gewesen sein – für 9,99 (D-Mark-Preis) in einem Kleinstadtkaufhaus im westdeutschen Mittelgebirge erworben habe, wegen Tequila natürlich, zum Nice Price, ein Nice Price-Aufkleber hatte auf dem Cover gepappt, eine doch sehr schöne Nachpressung des Original-Champs-Plattencovers aus den frühen Sechzigern, aber drinnen: weißes Vinyl, dünn und wabbelig, und gestern Abend oder heute Nacht legt also Diedrich Diederichsen Platten auf, bei dieser Geburtstagsparty, und ich weiß gerade nicht mehr, welchen Song genau er da vom Billig-Vinyl spielte, und ich stelle ultimativo, also noch im selben Augenblick, fest: Es ist egal, welcher Song das genau ist, worauf es ankommt ist dies: Es ist augenscheinlich weißes Nice Price-Vinyl, was da läuft, und ich denke in einem quasi-scheinintellektuellen Anfall, möglicherweise einigermaßen angetrunken, mit einem Schlag über Legendenbildung nach, eine Gedankenlawine rollt auf mich zu und über mich hinweg, so-zu-sagen: Warum Jungs so schnell posthum berühmt werden, selbst wenn sie noch leben, insbesondere, wenn es um Musik geht; und ich denke darüber nach, wie ekelig diese Maschinerie der so called Aufmerksamkeitsökonomie vor sich hin-öttelt, wie da der Auspuff stinkt, und dass ich mein Rapsöl lieber anderweitig investiere, und dass es de facto – wollen wir doch mal die Kirche im Dorf im lassen und den Hund in der Pfanne und die Katze auf dem heißen Blechdach – bloß ein beliebiger Mittwochabend in Berlin Mitte ist, mitten in Mitte, und irgendwer,  ein sehr sympathischer Mensch, übrigens, hat Geburtstag, und ich habe drei Freigetränke-Märkchen in die Hand gedrückt bekommen, und frage mich: Habe ich tatsächlich Lust, mich um Gender-Fragen zu kümmern, in diesem Moment? Oder will ich auf meine alten Tage etwa noch in die Popkritik einsteigen? Und so stehe ich da unverhofft herum, mittwochs mitten in Mitte, und Diedrich Diederichsen legt also Platten auf, und ich sehe: Es ist weißes Nice Price-Vinyl, und ich stelle fest: Es ist nichts, es ist gar nichts, und das ist so gut, dass nichts ist.

    Und was sehe ich sehe ich sehe ich also? Einen bebrillten, nicht allzu stattlichen Mann in schwarzem Jackett, der ganz nett aussieht, so weit, und Platten auflegt, unter anderem eine Nice Price-Platte, und dieses Bild bleibt mir hängen, diese Nice Price-Platten haben so einen kleinkarierten Label-Aufdruck, das will mir einfach nicht aus dem Kopf, ganz im Gegenteil: Das will mit aller Macht dort hinein, der Diederichsen und das weiße Vinyl, und mir fällt auf, dass alles nur ein Riesenmissverständnis sein könnte, alles, alles, also wirklich: alles. Ich kenne den Diederichsen nicht persönlich, und ich denke: Weißes Nice Price-Vinyl, es ist schwer zu erklären, aber: Das tröstet mich so. Das versöhnt mich so dermaßen mit so vielem an jenem Mittwochabend, mit diesem ganzen bescheuerten Berlin, mit dieser ganzen bescheuerten Welt.

    Man könnte an dieser Stelle natürlich weit ausholen – ich sage nur: Feuilleton. Man könnte einen zitierfähigen Text über diesen ganzen Krempel schreiben, zum Beispiel darüber, warum ein Diederichsen weißes Nice Price-Vinyl sehr wohl auflegen darf, andere aber nicht, Himmel, steckt da ein Deleuzianisches Feuerwerk drin, man könnte also die ganze Geisteswissenschaftlersoße noch einmal aufkochen, als wär’s ein Chili con Carne, da geht ja ebenfalls die Legende, dass es besser schmecken würde, wenn man es zum hundertsten Mal aufwärmt, aber ach, denke ich mir – und das alles denke ich tatsächlich in einer rasend schnellen hunderstel Microsekunde – ich will lieber Pommes rot-weiß oder ein Mettwustbrötchen, und ich habe das alles ja auch schon längst aufgeschrieben, zu meinen Uni-Zeiten in den mittleren Neunzigern und habe lauter 1en dafür gekriegt. Soll der Diederichsen doch selber über sein Vinyl schreiben.

    Es ist eine Geburtstagsparty mitten in Mitte, und ich höre, wie mein Freund,  der, der mich auf die Party mitgenommen hat, wie der zu mir sagt, ich solle mal mein Buch weiterschreiben, das sei das Wichtigste, das sagt er in dieser Bar zu mir, und ich schon: angetrunken – au wie! Jedenfalls: Ich solle bloß nicht immer über mich selbst schreiben, das hat er tatsächlich zu mir gesagt, und ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber gedacht habe ich folgendes: Vielleicht will mein Freund mich beschützen, mit diesem Hinweis oder diesem Rat oder dieser Warnung, vielleicht will er da präventiv handeln, indem er mir das sagt, vielleicht ist das ein Akt der Mitmenschlichkeit oder Zivilcourage von ihm, aber andererseits ist es ja so, dass ich überhaupt gar nie über mich selbst schreibe! Jeder, der mich kennt, weiß: Ich schreibe über Schallplatten und über … und so weiter. Und über: Diedrich Diederichsen! Endlich schreibe ich einmal über Diedrich Diederichsen. (Und ich möchte an dieser Stelle doch einmal kurz festhalten, dass ich bis hierhin den Markennamen Spex noch kein einziges Mal habe fallen lassen.)

    Und Diederichsen hat Bob Dylan aufgelegt, und Julie Driscoll & Brian Auger, und ich weiß weiß weiß, dass niemand niemand niemand in dieser Bar wusste, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren. Mag sein, dass der eine oder andere kurz gedacht hat: “Hey, was ist denn das für eine Cover-Version? Ho-ho-ho-ho, das ist doch Come on Baby, light my fire!” Und: “Haben das nicht die Doors mal gebracht? Hieß der Sänger nicht Jim Morrison? Ho-ho-ho-hooooo!” Aber ich ich ich wusste, dass es Julie Driscoll & Brian Auger waren, und Diederichsen wusste es natürlich auch, und vielleicht war das die weiße Nice Price- Schallplatte, ich weiß es nicht mehr, ich kriege die Bilder und die Zeit und die Musik des Abends nicht mehr ganz zusammen, nicht mehr in die richtige Reihenfolge. Was ich noch weiß: Dass mein Kumpel-Freund der Ansicht war, man sehe es mir an, dass ich recht unglücklich sei zur Zeit, und ich sagte so was wie:  “Ja, es ist das Gefühl, als ob jemand einem das Wasser abgräbt, und ich weiß nicht warum”, und gemeinsam haben wir überlegt, ob ich masochistische Züge habe, und Himmerlherrgottnochmal, wer hat die nicht, jedenfalls: Könnte sein, dass ich mein inkorporiertes Kulturkapital, mein popkulturelles Basiswissen verschwende – hat mein Freund angedeutet.

    Und so habe ich da in Ansätzen ein bisschen rhythmisch herumgewackelt und so weiter, und hinten hat Diederichsen Platten aufgelegt, und dann hat er irgendwann die Seeds gespielt, No escape – nicht Pushin’ too hard, sondern No escape, zwei beinahe identische Songs, aber ich ich ich kann sie unterscheiden. Sky Saxon! Und wieder bin ich sicher sicher sicher, dass an dieser speziellen Party, an diesem speziellen Abend in dieser speziellen Bar-Besetzung in der Berliner Brunnenstraße, dass ich dort zu eben jenem Zeitpunkt die einzige einzige einzige war, die erstens, die Seeds erkannt hat und die, zweitens, weiß, wer Sky Saxon ist, und, na ja, irgendwann musste ich dann auch mal gehen.

    Als ich meine Jacke angezogen hatte, habe ich mich zum Diederichsen gewandt, ans DJ-Pult, und er hat sogleich aufgeschaut, und ich habe ihm nicht gesagt, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren, und ich habe ihm nicht gesagt, dass er No escape gespielt hat statt Pushin’ too hard, ich habe bloß gesagt: “Schöne Musik.” Und da hat der Diederichsen gelächelt und ich glaube, er hat sich gefreut, denn ein DJ, der braucht so was, dem gefällt so was, dann weiß er, dass er einen okay-en Job gemacht hat, und dieser Typ da am Plattenteller hat einen okay-en Job gemacht an jenem Abend, mit seiner Nice Price-Platte und so weiter, und niemand hatte sein respektive ihr Ding dazu geschüttelt, außer mir, und warum soll man das nicht einfach sagen, dass jemand einen okay-en Job gemacht hat, warum soll man nicht freundlich zu den Menschen sein, ich glaube, das ist wahre Größe, und so bin ich dann zur S-Bahn gelaufen, mittwochnachts in Berlin-Mitte, und habe beschlossen, dass ich nie mehr über mich selbst schreiben will. Wenn überhaupt, dann nur noch über Diedrich Diederichsen, wie alle anderen auch, wie, Gott verdammt noch mal, alle anderen auch.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Jugendkultur (3)

         

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