• Hallo!
  • Buch 1
  • Buch 2
  • Weiteres
  • Weltpresse
  • O-Töne
  • Fotos
  • Impressum
  • Start

Katja Kullmann

Alltag aktuell

  • Tastatur d’Amour
  • Menschen mit dem gewissen Extra
    Heute: Miranda July
  • Post von daheim
  • Liebe über 38 und andere schöne Themen
  • Neue Wege in der Innenarchitektur.
    Heute: Geschlechtsteil-Tapeten
  • Wenn das Glück Dich nur ein bisschen kitzeln will und Dir dabei versehentlich eine Rippe bricht
  • Die Grottenolm-Debatte
  • Sotheby’s
  • Den Fauser im Nacken
  • Wenn das Glück Dir von hinten
    in die Kniekehlen tritt

Alltag archiviert

  • Blog "Euphorie im Alltag"
  • Ressort Jugendkultur
  • Ressort Leute
  • Ressort Schönheit
  • Ressort Skandale
  • Ressort Verbrechen
  • Ressort Vermischtes

Apropos: Berlin


Liebe über 38 und andere schöne Themen

February 22nd, 2010 — 9:01pm

38love3

♫ Jackey Beavers: We’re not too young to fall in love

Hätte der Tag mehr als diese kläglichen 24 Stunden und/oder bekäme ich Geld dafür, ich würde etwa über dies hier bloggen (Irrealis): *** Jubiläum: ein Jahr außerhalb Berlins *** Jubiläum: ein Jahr innerhalb Hamburgs  *** Liebe über 38 – Ursache, Prinzip und Wirkung ***  Der Songzeilen-Gedanke „All my ex-es live in Texas. That’s why I hang my hat in Tennessee.” *** Die Behauptung „Optimism is overrated.“ *** Neu gelernte oder frisch erfundene Begriffe wie „Friedenspflicht“, „Ingenieurs-Appeal“ „underwhelmed“ und „Profilbildunsicherheit“ ***  Der moralphilosophische Mehrwert der Don Quixote & Dulcinea-Geschichte *** Spiegel-Neuronen, Mentalisierung, Theory of mind *** Face Swapping: Was ist bei Boris und Lilly Becker passiert? Wie lange sind die jetzt zusammen? Ein dreiviertel Jahr? Sie sah schon kurz vor der Hochzeit aus wie sein zerrupfter kleiner Bruder, und nun, nach der Schwangerschaft, wie seine Tochter Anna mit irgendwie 42 Jahren, vielleicht kurz vor einer Detox-Kur. Wie macht der das? Pure Willenskraft? Gen-Morphing? Und, jenseits der Prominenten-Welt: Gibt es sie wirklich – Männer, an deren Seite selbst die schönsten Frauen rasend schnell verwelken? To the young girls out there -  from an adult woman: Heirate niemals einen, der Sachen mit Dir macht, die dauerhaft Deine Mundwinkel senken. Schick’ so einen weg. Bleib’ im Zweifelsfall lieber allein, nimm Dir Zeit für Yoga und solchen Quatsch, meinetwegen auch: Zeit für etwas Körperpflege in Deinem Single-innen-Bad. Schmier’ Dich dort in Ruhe (und zu schöner Musik!) mit Apfelduftcreme ein, bis der nächste um die Ecke kommt. Und nimm dann einfach den, mit dem Du glücklich bist. Wenn es einer ist, der zu Dir passt, dann musst Du Dich und Deine Freunde nicht fragen: “Wie hat er das wohl gemeint? Glaubst Du nicht auch, dass er  Blockaden aus der Kindheit hat?” Wenn es einer ist, der zu Dir passt, dann macht er Dein Leben interessanter und leichter, im besten Fall auch tiefer (und Du seins auch), auf keinen Fall aber mühsamer und verwickelter (und Du seins auch nicht). *** Das Wetterkollektiv bei Frost- und Tau-Lage *** Unfreiwillige Gewichtszunahme: Wie und warum eine Festanstellung das Körpergewicht hebt *** Überhaupt: Teigwaren im Winter *** Warum es eines Tages nicht länger bedauerlich ist, nie in einer Band gespielt zu haben ***  Der Hedonismus, Dein Freund, Dein Helfer, der Feind Deines Strebertums, der Sozialpädagoge, der Dir vorschlägt eine lustige Collage aus so genanntem Wohlstands-Müll zu bauen, Deine Eislauftrainerin mit ukrainischen Wurzeln, der Elefant in Deinem Porzellanladen, der Mensch, der Dir jedes Jahr zu Weihnachten eine “long time no see”-SMS sendet, der Kanzler, den Du nicht gewählt hast, Dein Bewährungshelfer und Ghost Writer *** Und wie immer wäre da noch vieles mehr.

1 comment » | Blog "Euphorie im Alltag"

Die Grottenolm-Debatte

February 16th, 2010 — 9:57pm

Axolotltripbasecom

♫ The Rock Steady Crew: Hey! You! (The Rock Steady Crew)

Zum Fall Axolotl Roadkill so kurz es mir möglich ist und vorab drei Punkte, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: 1. Ich habe das Buch nicht gelesen.  2. Ich halte es für möglich, sogar wahrscheinlich, dass es ein stilistisch interessantes und gutes Buch ist. 3. Helene Hegemann möchte selbst nicht „als 17-Jährige“ betrachtet werden, wie sie immer wieder sagt, also werde ich dies hier auch nicht tun, kein Adoleszenz-Bonus. Es geht hier auch nicht um das Buch als Werk, sondern ganz nüchtern um eine Instant-Minimal-Analyse der Debatte als solcher. Mein Eindruck: Die Debatte ist noch interessanter als das Buch.

Setzen wir als halbwegs bekannt voraus: Es gibt Kritiker und Fürsprecher des Buches – und der Streit um den „Axolotl“ dreht sich im Wesentlichen um das Recht oder Unrecht, zahlreiche Ideen/Formulierungen/Halbsätze von anderen, weitgehend unbekannten Subkultur-Autoren zu übernehmen (aus deren Büchern bzw. Blogs leicht modifiziert zu entwenden). Manche Erklärer verteidigen jenes „Sampling-Prinzip“, das Hegemann angewendet hat, als legitime Form des „Pop“ – und betrachten die Tatsache, dass die Original-Urheber zunächst übergangen wurden, letztlich als Marginalie. Sie tun dies überwiegend in einem Tonfall, in dem ein Appell für „die Freiheit der Kunst“ mitschwingt: Helene Hegemann habe doch nur gePOPt: „Das liest sich doch geil, was soll’s, heute wird doch überall geklaut, that’s the business!“

Halten wir, mal ganz von außen, oben, wo auch immer betrachtet, fest: Da ist also auf der Seite A) der „Axolotl“-Produzenten-Komplex aus marktmächtigem Mainstream-Verlag (Ullstein), einflussreichster Literaturagentur des Landes (Eggers & Landwehr) sowie dem Berliner Kultur-Glaubwürdigkeits-Establishment (die “Volksbühnen”-Nähe der Autorin Hegemann, die im Subtext stets als “credibility”-Faktor mitraunt). Auf der anderen Seite, B), der Low- bis No Budget-Indie-Verlag Sukultur (in dem das dubios in „Axolotl“ zitierte Buch „Strobo“ erschienen ist) sowie der beinahe-anonyme Autor Airen als einer der eigentlichen Ur-Ur-Heber des Erfolgsbuchs „Axolotl“.

Manche Leute lassen nun anklingen (manche davon selbst in der ersten Liga des Betriebs kickend, einige wenige in gewisser Eggers & Landwehr-Nähe, die Mehrzahl jedenfalls Berlin-Establishment-affin): „’N bisschen abschreiben ist doch okay, nu’ habt Euch mal nicht so!“ und: „Der kleine Indie-Verlag hat doch jetzt auch ein bisschen Ruhm, die sollen doch froh sein, dass sich die Leute nun für deren Kram interessieren, ist letztlich doch eine Ehre!“ Unter Verweis auf den “Pop” in der Monstranz, unter Verweis auf einen plakativ vor sich her getragenen “Pop”-Begriff also, werden die Komplexe “Fairness” und “Respekt vor den Kunstwerken anderer” leichthin vom Tisch gewischt. Denn Hegemann gilt einem bestimmten Milieu als Sympathieträgerin. Ob dieselben Kommentatoren eben so viel Verständnis aufbrächten, wenn Frank Schätzing für seinen nächsten Unterwasserkatastrophenroman von einem australischen SciFi- Indie-Blog abschriebe?

Diejenigen, die sagen: “Lasst die Kleine doch mal! Alles halb so wild!”, diese Leute argumentieren – kühl ausformuliert und ganz streng auf einen ganz knappen Punkt zuende gedacht – so: Ein (uns) überzeugendes End-Produkt (wie der „Axolotl“) rechtfertigt die Ausbeutung der Indie-Produzenten (des “Strobo”-Autors). Eine ganz schön DURCHFLEXIBILISIERTE DENKE – auch wenn sie noch so romantisch daher kommen mag. Zudem ganz auf der Höhe der Zeit: Da kämpft man auf der Seite der ganz Großen – und bildet sich selbst doch ein und schlägt einen Ton an, der manchmal fast so klingt, als kämpfte man auf Seiten der Kleinen. Ein uralter Trick des Establishments. Nichts Neues also.

Und noch einmal: Es geht, jedenfalls in diesem Blog-Beitrag, weder um die literarische Qualität des Buches, noch um den Sympathiefaktor der Autorin. Es geht einzig und allein: UMS PRINZIP. Denn im Herzen bin ich zutiefst konservativ, zwar katholisch erzogen, doch weithin protestantisch im Geiste, zudem nehme ich mir eine gewisse Dosis sozialdemokratischer Grundprägung schlicht heraus, und wenn Bestechlichkeit im Raum hängt, muss ich einfach lüften.

Das Foto des Axolotl oben wurde der Webseite tripbase.com entnommen.

13 comments » | Blog "Euphorie im Alltag"

Den Fauser im Nacken

February 8th, 2010 — 9:54pm

fauserbukowskigesellschaft-1

Irgendwo las ich kürzlich, dass auf bitterkalte Winter signifikant häufig nasskalte Sommer folgen. Bei Facebook tauschen Menschen sich über die Dicke der Eisschichten an ihren jeweiligen Wohnsitzen aus, viele machen ältere Menschen zum Thema, und dass die praktisch gar nicht mehr vor die Haustür gehen können, seit Wochen nicht. Derweil bin ich selbst erst zwei Mal gestürzt; einmal allein, einmal vor einem Zeugen. Ansonsten trage ich derzeit, nun ja, die Sonne im Herzen, das Licht im Geiste und, as always, den Fauser im Nacken. Besucher der früheren (leider abgestürzten) Kullmann-Seite kennen das unten Stehende vielleicht schon – ein Sampling, aus einigen meiner Lieblingsfausertexte gebastelt. Dass ich mich nicht wiederholen wolle, hatte ich kürzlich als Projekt für 2010 ausgegeben. Naja. Nun gab es aber Anlass, einmal wieder nach dem Fauser zu googeln, und im Blog von Franz Dobler (”Aufräumen” war eines meiner Lieblingsbücher 2008) fand ich eine Notiz über Fauser. Demnach hat er mal in der Krumme Straße gewohnt (Fauser, nicht Dobler), in Berlin-Charlottenburg, nicht weit weg von der Grolmanstraße, in der ich ein unbedeutendes Häufchen Jahre später eine gewisse Zeit verbrachte (sozusagen einen läppischen Steinwurf entfernt). Dass wir beide, Fauser und ich, jeweils an einem 16. Juli in einer kleinen Taunus-Kurstadt mit “Bad” im Namen geboren wurden, dass wir beide nach der Schule erst einmal ziellos kurz in London herumhingen und dass sowohl Fauser, als auch ich durchaus wie Krankenkassenmitarbeiter aussehen können, vom Styling her, auch wenn er es vielleicht ebenso anders gemeint hat wie ich, all das  möchte ich nun wirklich nicht ein zweites Mal erzählen.

You better read Fauser:

*** Ich bin Geschäftsmann, das ist mein Business *** Und die literarische Welt? Sie war so weit entfernt für mich wie der Mond *** Erst auf der Straße fiel mir ein, dass ich ganz vergessen hatte, nach dem Honorar zu fragen *** Germanistik studieren und seinen Arsch auf ein warmes Plätzchen hieven kann jeder *** Ich brachte meine Zeit als Aushilfsangestellter hinter mich *** “Und Du?”, fragte Jonas. “Hast Du dieses Buch jetzt endlich geschrieben, das Du immer schreiben wolltest?” “Hm.” “Tja, und jetzt?” “Ich will ein neues schreiben.” “Wozu das denn?” Mir ist keine Antwort eingefallen, und ich bin dann bald gegangen *** Verkäuferinnen von Bilka mit phantastisch schwarz umrandeten Augen, müde Bibliothekarinnen mit einer Schwäche für schwarze Zigaretten und oralen Sex, technische Zeichnerinnen mit blauen Fingernägeln, die von Reisen in die Südsee träumten und drei Kinder großzogen – nur gelegentlich nahm mich eine mit ins Bett, aber es genügte mir schon, sie zu sehen, zu wissen, dass sie existierten und zwei Stück Zucker nahmen und den Saft der Rindswurst von den Fingern leckten wie Millionen andere auch, um mich in einen Zustand tiefster Befriedigung und gewaltiger Erwartung zu versetzen. Sie berauschten mich. Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewusstsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch, mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag und das Auf und Ab von unten und oben. Auch Frauen konnten oben liegen, Hauptsache ich war es, auf dem sie lagen *** Jeder wächst doch in irgendeinem Iserlohn auf und entfaltet sich in einem Castrop-Rauxel und geht in einem Wanne-Eickel vor die Hunde *** Frankfurt/Main Hbf.  Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Stadt wieder zusammenwuchs. Ein halber Tag auf dem Land, und schon hatte man Sehnsucht nach den Gleisen, den Stellwerken, dem Togal-Schild über den abgestellten Zügen, dem Ruß, dem Lärm, den Möwen, dem Geheul, dem Gesicht der Masse, in der man verschwinden konnte, um sein eigenes Gesicht zu wahren *** Wir wollten kein Hobby-Magazin für Eleven irgendwelcher Avantgarde-Kränzchen: nix mehr für die Cliquen, für die Subkultur, für die sog. Scene, die es gar nicht gibt *** Mittlerweile setzt sich der deutsche Alptraum, Kultur, in den Hirnen unserer Pop-Bastarde munter fort, und kein Wunder, der Apfel fällt nicht weit, bei uns wird mit Begriffen grundsätzlich wie mit Feuerwaffen, Mordwaffen operiert, der Mief der Analyse, das politische Teutonentum, das “Kapital” verqualmt die Köpfe, legt die Vagina der Imagination trocken, klägliches Jammerspiel, diese jasminorientierte Knautschlack-Bohème zwischen “Zoom” und Jazzhaus, der gleiche germanische Erbswurst-Furz auch wenn der Arsch in Jingle-Jeans steckt. Pseudo User. Einen Alltag erfahren diese Schreckgespenste eines troglodytischen Alptraums nicht, greifen ihre Finger doch stets wie gehabt nach Höherem. Für sie unbeschreibbar, vollzieht sich der Alltag an ihnen um so zerstörender: Wenn sie ihn nicht zur Boutique stilisieren können, jagt er sie in die Latrinen der Theorie ***

Das Foto mit Charles Bukowski (links), Jörg Fauser (rechts) und zwei (mir) unbekannten Geschöpfen in der Mitte wurde der Webseite der Charles Bukowski Gesellschaft entnommen. Charles Bukowski mag ich nicht.

4 comments » | Blog "Euphorie im Alltag"

Durch diese Eiterbeule fließt Blut

January 20th, 2010 — 9:32pm

Für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), September 2008

Junkies, Huren, Freier, Dreck: Die Zürcher Langstraße liegt am schmutzigen Ende der Globalisierung. Doch mit einem feinfühligen Förderprojekt wollen Stadt, Künstler und Gastronomen die Meile vor dem Untergang retten. Die Angst vor “Gentrification” oder “Yuppisierung” mag durch Berlin geistern – in Zürich winkt man bei diesen Schlagworten mild lächelnd ab.

langstrasse

Wieder einmal gibt es Ärger an der Bushaltestelle Militär-/Langstraße. Eine zerknitterte Frau, vielleicht Mitte 30, vielleicht auch schon Mitte 50, zetert auf einen krummen Mann ein. “Ich sauf’ wegen Dir!”, schreit sie, “nur wegen Dir, Du Hueresack!” Der verdammte Alkohol, “der Alkohol und Du!” Ihre Stimme überschlägt sich, kippt in ein verzweifeltes Kieksen, und der Mann sinkt tiefer in sich zusammen, scheint fast umzukippen, während sie mit der flachen Hand auf ihn einschlägt, kraftlos, müde. “Hueresack!” Fliegen kreisen um eine zertretene Döner-Flade zu ihren Füßen, eine Plastiktüte segelt im Sog eines anfahrenden Busses vorbei.

Niemand schenkt der Szene Beachtung. Es ist eine gewöhnliche Unterhaltung zweier Liebender, der übliche raue Ton in dieser Gegend, mitten in Zürich, und doch in einem beinahe vergessenen Viertel der Stadt: im Kreis 4, dem umstrittenen, bemitleideten, verschrieenen Kreis “Cheib” – “Cheib” wie “Scherbe”, Scherbenviertel. Auch “Eiterbeule” wurde das Quartier schon genannt, oder: “Fußmatte der Schweiz”. Es ist der schmutzige Rücken der ansonsten auf Hochglanz polierten Metropole.

Nur wenige Kilometer südöstlich sitzt das Geld. Dort besichtigt der internationale Jet-Set fußbodenbeheizte Immobilien mit Blick auf den Zürichsee, trägt Geld in schwarzen Koffern zu Banken, lässt sich in Schönheitskliniken liften oder probiert im Luxuskaufhaus Globus seltene Mineralwässer, die umgerechnet bis zu 35 Euro kosten - pro Flasche. Etwa ebenso viel bezahlt man im Kreis 4 für fünf Gramm Haschisch, das man hier auf offener Straße kaufen kann, unter der staubigen Nachmittagssonne eines gewöhnlichen Werktages. Vielleicht, um sich das Leben für Momente etwas erträglicher zu machen.

Es gibt ähnliche Orte in anderen Städten, und meist markiert eine berühmt-berüchtigte Straße die so genannten Problemviertel: In Paris ist es etwa die Rue Saint-Denis, in Amsterdam sind es die Gassen rund um die Voorburgwal-Gracht, in Frankfurt am Main ist es die Kaiser-, in Dortmund die Linienstraße und in Hamburg das Agglomerat St. Pauli, glimmernd beleuchtet von der berühmten Reeperbahn. In Zürich trägt die Hauptschlagader des urbanen Elends den Namen “Langstraße”.

Es ist einer der Orte, an denen die so genannte Globalisierung ihr hässliches Gesicht zeigt: Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben hier auf etwa vier Quadratkilometern zusammen. Manche betreiben Im- und Exportläden mit schrottreifen Elektronikartikeln, einige verkaufen in Kiosks Zeitungen und Sandwiches mit “scharfer Salami”. Andere haben sich auf den Drogenhandel im Gebüsch verlegt oder auf die Prostitution in Dachkammern und Hinterhöfen. Bei “Hermés” im Bankenviertel suchen pelzbemäntelte Russinnen nach Seidenschals. In der “Lambada Bar” an der Langstraße werben Dominikanerinnen in Miniröcken um Freier. Jeder schlägt sich eben durch, so gut er kann – die einen mit Juwelen, die anderen mit Drogen, manche verkaufen Schlösser, wieder andere ihre Körper.

“Lugano Bar”, “Chicago Bar”, “Café Memphis” oder “Rösti-Bar-Karibik-Restaurant”: Die Etablissements entlang der Langstraße tragen weltläufige Namen. Im Volksmund heißen einzelne Häuserblocks “Bermuda Dreieck” oder “Dominikaner Eck”. Fast wie eine Beschreibung der hier ansässigen Schicht lesen sich die Straßenschilder: “Diener-” oder “Nietengasse”. Vom “Mordpflaster Langstraße” berichtet schließlich die örtliche Boulevardpresse, schildert “Balkan-Schießereien” und listet die Herkunftsländer der Täter und Opfer auf: Italien, Bosnien, Türkei, Guinea, Kamerun, Großbritannien. Glaubt man den einschlägigen Statistiken, gibt es schweizweit wohl keinen internationaleren, vor allem: keinen gefährlicheren Ort.

Und doch ist das Viertel nicht ganz vergessen, wird nicht von allen als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Wer genau hinsieht, der entdeckt: “Es” lebt. Jeden Tag ändert sich etwas, jeden Tag ist etwas ein bisschen anders. Man muss nur hinsehen wollen: Wie “es” sich erholt, zu Kräften kommt. Die Langstraße ist ein geschundener Körper, der sich gerade keuchend, schwitzend berappelt. Und mit ihrem Überlebenskampf könnte die Meile ein Beispiel für andere europäische “Problemstraßen” sein.

Da ist zum Beispiel diese karge Halle, weiß getüncht, die Wände etwa fünf Meter hoch: “Autogarage” steht an der Fassade, doch Autos werden hier schon lange nicht mehr repariert. Eine Weile stand der Raum leer, wie vergessen. Doch plötzlich, im Spätsommer 2008, bewegen sich wieder Menschen darin, streichen die Wände, putzen die Scheiben, bauen Stellwände aus Sperrholz in die Leere, machen ab und an eine Pause auf klapprigen Campingstühlen, rauchen Zigaretten, trinken Kaffee, arbeiten weiter. Jeden Tag sieht es etwas aufgeräumter, sauberer, frischer aus. Nach einigen Wochen hängt ein kleines, schlichtes Pappschild an der Glastür, und der Passant erfährt: Hier entsteht die “Galerie Freymond-Guth & Co. Fine Art”, Eröffnungs-Vernissage Ende August, gezeigt werden Installationen der renommierten französischen Video-Künstlerin Elodie Pong.

“Ich will meine Vision von Poesie und Schönheit hier anbringen, und zwar genau hier”, sagt der Inhaber und Namensgeber der Galerie, Jean-Claude Freymond-Guth. Beeindruckende 28 Jahre jung ist der zierliche Mann, der küftig Kunstwerke für umgerechnet bis zu 12.000 Euro je Exemplar verkaufen will – ausgerechnet in der Brauerstraße, einer Quergasse der Langstraße und eine der wichtigsten Drogen-Meilen im Schmuddelkiez. “Kscht, kscht, kscht”, zischen einem die Dealer hier am hellichten Tag zu, “willst ein Chügeli kaufe”, eine Portion Kokain, und die Augäpfel der Männer sind rot oder gelb unterlaufen, welche Droge auch immer das mit ihnen gemacht hat. Wenige Meter weiter bieten Karibinnen in einem Salon “Vier-Hand-Massagen” an, und das Werbeschild eines Afro-Friseurladens verspricht Haarverlängerungen und anderes, “sehr günstig”, oder vielmehr “very chip”, wie es im Kreis 4-typischen Pigeon-Englisch heißt.

Er habe sich der Kunst aus der “Post-Everything-Ära” verschrieben, sagt Freymond-Guth. Es gehe um Kunst, die sich mit dem Zeitalter jenseits traditioneller Werte, jenseits sozialer Verträge und gesellschaftlicher Orientierungspunkte auseinandersetzt. Auch deshalb passe seine Galerie so gut in die Gegend: “Der Kreis 4 ist vielleicht der einzige Ort in der Schweiz, an dem nicht alles unter Klarsichtfolie verpackt ist, sondern lebt.” Neun Künstler vertritt, drei Mitarbeiter beschäftigt er. Bei aller Liebe dürfe man das Viertel jedoch nicht zu romantisch sehen: “Es geht hier hart zu. Aber die Mieten sind einfach niedriger als in anderen Vierteln Zürichs.”

Der 28Jährige ist nicht der einzige Kulturschaffende, der die Reize der Langstraße zu nutzen weiß. Wer aufmerksam durchs Viertel läuft, sieht immer neue Inseln entstehen, an denen “es” anders zugeht: Da sind die Musik-Bars “Longstreet” und “La Catrina”. Da ist die vor Jahresfrist eröffnete Rock-Kneipe “Alte Metzgerei”, deren neuer Betreiber den Schriftzug des Vorgängerlokals fast im Original beibehalten hat: Statt “Schnellimbiss” steht dort jetzt “Hellimbiss”, “Höllenimbiss”. Da ist der Club “Das Haus”, der mit Membership-Ausweis und Edelholzeinrichtung zu Live-Konzerten aus den Sparten Funk und Soul locken will. Oder die Programmkinos “Xenix” und “Riff Raff”; oder der Platten-Laden “Sixteen Tons”; oder Kunsträume wie “Perlamode” und das “atelieroffen”, in dem Nadja Ullmann malt, baut und ausstellt – sichtbar für jeden, der zufällig am Schaufenster vorbei spaziert ; und nicht zuletzt das asiatische In-Restaurant “Lily’s”, bei dem die Kundschaft derzeit allabendlich bis auf den Bürgersteig um einen Sitzplatz ansteht, als handele es sich um ein Star-Café am Hollywood Boulevard.

All diese vor nicht allzu langer Zeit entstandenen Orte ziehen junge Leute an, die ausgehen, Kunst machen und betrachten, rare Schallplatten einkaufen oder anspruchsvolle Filme sehen wollen, abseits des gängigen Diskotheken- und Museen-Einerleis. “Ja, es mischt sich langsam wieder hier im Viertel, und darüber sind wir sehr froh”, sagt Rolf Vieli, der von der Stadt Zürich eigens angestellte Stadtteil-Beaufragte für den Kreis 4.

Vieli ist einer der Väter des sanften Wandels im Quartier und in seiner Position und Arbeitsweise bislang ein Unikat in Europa. Seit 2001 koordiniert der ehemalige Wirtschaftsjournalist, Verlagsmitarbeiter, Sozialpädagoge und Stadtteilpolitiker das kommunale Projekt “Langstraße Plus”, bei dem Stadtplaner, Polizei und Sozialarbeiter zusammenwirken. Mit der europaweit beispiellosen Initiative will die Stadt dem Niedergang des Viertels entgegenwirken - und greift mitunter dirigistisch ein. Zu den wichtigsten Strategien gehört der Rückkauf einzelner Häuser, die in den vergangenen Jahren in die Hände des “Milieus” gefallen waren. Ziel ist die Ent-Ghettoisierung des Gebiets.

Vieli erklärt, wie es zum Niedergang des Kreises 4 kommen konnte, der seit jeher ein proletarischer Stadtteil war: Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre hat weite Teile der eingesessenen Arbeiterschaft vertrieben, Händler und Arztpraxen mussten schließen.  “Systematisch haben Spekulanten, teils aus dem halblegalen Milieu, sich dann hier eingekauft.” Aus ehemaligen Gemüseläden wurden Kontaktbars, aus Wohnungen Bordell-Etagen. Zwischen 1992 und 2006 sei die Zahl der Einwohner gleich geblieben, die Zahl der registrierten Prostituierten habe sich jedoch verdoppelt, auf heute rund 4.500 im gesamten Stadtgebiet, darunter gut 1.000 so genannte Straßenhuren, die rund um die Langstraße tätig sind. Und nachdem die Ordnungskräfte 1995 auch noch den so genannten Needle-Park geräumt hatten, eine Grünanlage am Limmatufer, auf der Hunderte Fixer und Dealer sich trafen, drängte auch das Drogen-Milieu zunehmend in den sowieso schon heruntergekommenen Stadtteil.

Das harte Durchgreifen gegen den Zürcher Fixer-Park stieß damals auf herbe Kritik, auch international. Doch Vieli, der sich als “überzeugter Linker” bezeichnet und einst selbst mit “Drögelern” gearbeitet hat, wie Süchtige auf Schweizerdeutsch genannt werden, sagt: “Die Räumung war nötig, um der Verelendung ein Ende zu setzen.” Er zeigt Fotos aus der Hochphase der Fixer-Ära: Süchtige, die sich im Park unter Plastikplanen notdürftige Behausungen gebastelt haben, andere, die mit offen eiternden Wunden heulend auf dem Boden sitzen. Viele dieser Menschen gehören jetzt im Kreis 4 als versprengte Einzelfälle erneut zu seiner Klientel. Wenn der 62Jährige über das Langstraßen-Areal spricht, spricht er wie von einem Patienten und nennt sich selbst einen “Therapeuten”: Es gehe ums Heilen, langsam, nachhaltig.

Heute zählt es zu seinen wichtigsten Aufgaben, geeignete neue Mieter für die städtisch erworbenen Liegenschaften zu gewinnen. Vieli führt geduldig Gesprüche, macht Tresenbesuche und Ortsbegehungen, wirbt um Gastronomen und Händler, die “ein anderes Publikum anziehen”, wie er sagt. So gut ist mittlerweile sein Kontakt in beide Szenen, ins Schmuddel- wie ins Kulturmilieu, und so hoch sein Ansehen, dass Einheimische ihn liebevoll “Mister Langstraße” nennen. Bei Begriffen wie Gentrification, dem ursprünglichen angelsächsischen Wort für “Yuppisierung”, winkt er ab: “Wir wollen keinen schicken Glamour, sondern den Charakter des Viertels erhalten. Es geht bloß darum, die Angst aus den Straßen zu vertreiben.”

Zu den Vorzeigeprojekten im Langstraßenquartier gehört die Bar Rossi, die vor vier Jahren in einem vom “Mileu” zurückeroberten Haus eröffnet hat, unweit der zugigen Bushaltestelle, an der alkoholisierte Pärchen sich manchmal streiten. “Zu uns kommen Gäste, die Musik mögen und Kultur, Studenten, Nachtschwärmer”, sagt Philipp Rohner, der die Bar mit einem Kompagnon betreibt. Besonders beliebt beim Publikum ist der “Blind Test”: Einmal im Monat legt ein DJ Musik auf, und die Gäste müssen in einem Gruppen-Gesellschaftsspiel raten, von welcher Band der Song stammt. “Ohne den Mister Langstraße hätten wir das alles hier nicht gemacht”, sagt Rohner.

Schon einmal hatte der Mittvierziger eine Kneipe im Kreis 4 betrieben, die “Sansibar”. Aber Ende der 90er Jahre sei es unerträglich geworden, und er gab das Lokal ab. “Zu viel Krawall, zu viel Ärger.” Jetzt, nachdem die Stadt sich mit dem Langstraßen-Projekt eingeschaltet habe, gebe es zum einen mehr Polizeipräsenz im Viertel. Aber eben auch mehr und entspannteren Kontakt zu den eingesessenen Anwohnern. “Ich kenne Leute, die verbringen ihr ganzes Leben hier an der Bushaltestelle, denen geht es dreckig.” Aber: Man respektiere sich gegenseitig. “Wir brauchen keinen Türsteher, und die anderen brauchen keine Angst vor uns zu haben.” Rohner, der selbst im Viertel wohnt, sieht seine Bar nicht als “Yuppie”-Faktor. “Wir sind keine Investoren, die alles platt machen. Wir bringen einfach ein etwas anderes Leben hier hinein.”

So erfolgreich ist das Konzept des Förderprojekts “Langstraße Plus”, dass es in Teilen nun auch von der Amsterdamer Stadtverwaltung übernommen wurde: Niederländischen Medienberichten zufolge hat die Kommune bereits für mehrere hundert Millionen Euro Häuser aus dem Rotlichtbezirk zurückgekauft, etwa in Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs. Künftig sollen dort Cafés und Buchläden unterkommen. Als “Modell für Großstädte der Zukunft” hat der deutsche Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand von der Universität Jena den sanften Strukturwandel in der Schweizer Metropole schon vor Jahren gelobt, in seiner Studie “Die Stadt der Zukunft” (Leske & Budrich, 2002).

Auch der mutige Neu-Galerist Freymond-Guth, der privat schon einmal eine Weile in Berlin gelebt hat, kennt das Schreckgespenst der Yuppisierung: “Manchmal ist das schwierig - wenn etwa ein Großinvestor, der hier ganze Häuserzeilen aufkaufen will, sich privat für Kunst aus meiner Galerie interessiert.” Dann gelte es abzuwägen: “Wie will ich mich dazu verhalten? So jemand ist gleichzeitig mein Kunde und vielleicht ein Feind meiner Umgebung.” Angesichts knapper werdenden Wohnraums in der Boom-Region Zürich halte er es nicht für ausgeschlossen, dass das Langstraßen-Areal künftig auch für Luxus-Sanierer interessanter werde.

Als abschreckendes Beispiel für eine “Yuppisierung im Schnelldurchlauf” nennt er den Prenzlauer Berg in Berlin: Binnen 15 Jahren habe sich der ehemals lebendige Ost-Berliner Aufbruchbezirk in einen Hort neo-bürgerlicher Hipness für Westdeutsche verwandelt: “Mit Retro-Nippes-Shops für Touristen, und ansonsten komplett ausländerfrei.” In der Tat entstehen am Prenzlauer Berg dieser Tage gleich mehrere luxuriös aufgemachte neue Siedlungskomplexe, neudeutsch “Urban Villages” genannt, etwa die “Kastaniengärten” an der Schwedter Straße und der Block “Kolle Belle” an der Kollwitzstraße. Letzterer stellt seinen Bewohnern Appartements mit den Flairs “Royal”, “Elégante”oder “Exceptionélle” in Aussicht.

So etwas sei rund um die Langstraße nicht möglich, sagt Freymond-Guth. Zum einen, weil die Gassen zu eng und verwinkelt seien, als dass derart großräumige Überbauungen denkbar wären. “Zum anderen gibt es hier einfach eine gewachsene alternative und autonome Struktur, die eine Substanz hat. Es ist eben auch ein traditionelles Arbeiterviertel, die Leute sind stur.” Und tatsächlich: Erst im August haben Anwohner der benachbarten Neufrankengasse mit einem Quartierfest gegen den Abriss von 20 Häusern zu Gunsten einer Schnellstraße protestiert, in guter alter Bürgerinitiativen-Tradition. Auch die jüdisch-orthodoxe Familie, die seit Generationen das angestaubte Modegeschäft “Belladonna 88″ schräg gegenüber führe, habe sich von Investorenangeboten bislang nicht bestechen lassen, sagt der Galerist und deutet lächelnd auf die andere Straßenseite. Hier hochmoderne Videokunst, drüben trutschige Damenkleider, dazwischen ausgetretene Joints im Rinnstein – der Kreis 4 ist eine Großstadt für sich.

Während im unruhigen Berlin Investoren sowie Kultur- und Sozialpessimisten hektisch schon den Bezirk Neukölln ins Auge fassen, als potenziell nächstes Yuppisierungs-Gebiet, gesundet die Zürcher “Eiterbeule” geduldig, aber verlässlich vor sich hin. Zufällig trägt das nächste Reform-Projekt einen deutschen Namen: Das Striplokal “St. Pauli Bar” an der zentralen Bushaltestelle Militär-/Langstraße, wo ab und an die Säuferromantik aufflackert, genau schräg gegenüber der Bar Rossi, wird Ende des Jahres schließen. In den unteren Geschossen sei eine Café-Bar geplant, weiter oben vier bis fünf familienfreundliche Wohnungen, meldeten unlängst örtliche Zeitungen. Die Monatsmiete für eines der rund 100 Quadratmeter großen, kernsanierten Domizile soll nach Architektenangaben rund 2.500 Franken (1.600 Euro) betragen. Das ist zwar etwa so viel wie man am Prenzlauer Berg für ein Luxus-Loft bezahlt – nach Zürcher Maßstab, in dem alles ein bisschen teurer ist, jedoch sagenhaft günstig.

Comment » | Ressort Vermischtes

Berlin, Brunnenstraße,
Mittwochnacht

December 28th, 2009 — 3:00pm

Dieser Text ist in einer erstaunlich warmen April-Nacht im Jahr 2008 entstanden, an einem Stück heruntergeschrieben, in einem spontan so entstandenen Loop-Verfahren, zwischen 4 und 6 Uhr in der Früh. Weder ist er je redigiert worden (von mir oder jemand anderem), noch ist er irgendwo auf Papier gedruckt und erschienen. Dennoch zählt er zu den Filetstücken einer der merkwürdigsten Schreib- und Lebens-Phasen, die ich bislang durchschritt, und sollte jemals ein posthumer Sammelband mit den Werken von Katja Kullmann erscheinen (dazu müsste ich allerdings erst noch ein paar intelligente und interessante Arbeiten hinterlassen, schon klar), sollte es also jemals zu einem “Best of Katja Kullmann”-Album kommen, dann bin ich in all dem mir zur Verfügung stehenden Größenwahn dafür, dass man diesen Text mit aufnimmt.

Hallo, dies ist Berlin-Mitte. Also: Dies ist wirklich Berlin-Mitte. Ein Mittwochabend in der Brunnenstraße, in einer Bar, und da feiert jemand Geburtstag, ein Mensch, den ich bis dahin einmal gesehen und, nun ja, kennen gelernt hatte, jemand, zu dem ich flüchtigst, aber sicherlich freundlich “Hallo” gesagt hatte, beim Geburtstagsfest eines Freundes vor einigen Wochen; dieser Mensch feiert dort also seinen Geburtstag, in jener Brunnenstraßen-Bar mitten in Mitte, und ein Freund, also: ein Kumpel-Freund, also: der Freund, der damals Geburtstag hatte, als ich jenen Mensch kennen lernte, der heute beziehungsweise gestern Geburtstag hatte – ein enger Freund übrigens der Freundin des Menschen, der Geburtstag hatte – also: Der hat mich mitgenommen. In diese Bar in der Brunnenstraße in Berlin, nun ja, Mitte.

Manchmal, oder vielmehr meistens, läuft es so in Berlin, und nicht nur in der Mitte, ach, und ich glaube, das kann anderswo genau so sein: Dass man freundlicher- und aufmerksamerweise mitgenommen wird, irgendwohin, von einem Freund, und dann steht man in einem Raum, wo im Idealfall Musik läuft (eigentlich läuft ja immer Musik), und wo andere Menschen herumstehen, die ebenfalls von irgendwem dorthin mitgenommen worden sind, und die meisten scheinen sich wohl zu fühlen, und ich glaube, diejenigen fühlen sich am wohlsten, die gar nicht selbst eingeladen waren, denn die zufällig Mitgenommenen trifft am wenigsten Verantwortung, und es kann passieren, dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt, und in jener Nacht, also heute oder gestern war es so: Dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt.

dd

Dazu muss man sagen: Diedrich Diederichsen ist ein Mensch, und er spielt Musike, legt da so seine Platten auf, und wir sind hier nicht bei Spiegelonline, und ich schaue auf den Plattenteller und sehe: weißes Vinyl. Eine LP, keine Single. Ich sehe: Diedrich Diederichsen legt augenscheinlich eine Nice Price-Schallplatte auf, eine Billigpressung, vermutlich aus den späten 80ern, denn damals waren solcherlei Billigpressungen weit verbreitet, weißes Vinyl; ich selbst besitze etwa eine Champs-LP auf weißem Vinyl, die ich -  es muss 1987 oder 1989 gewesen sein – für 9,99 (D-Mark-Preis) in einem Kleinstadtkaufhaus im westdeutschen Mittelgebirge erworben habe, wegen Tequila natürlich, zum Nice Price, ein Nice Price-Aufkleber hatte auf dem Cover gepappt, eine doch sehr schöne Nachpressung des Original-Champs-Plattencovers aus den frühen Sechzigern, aber drinnen: weißes Vinyl, dünn und wabbelig, und gestern Abend oder heute Nacht legt also Diedrich Diederichsen Platten auf, bei dieser Geburtstagsparty, und ich weiß gerade nicht mehr, welchen Song genau er da vom Billig-Vinyl spielte, und ich stelle ultimativo, also noch im selben Augenblick, fest: Es ist egal, welcher Song das genau ist, worauf es ankommt ist dies: Es ist augenscheinlich weißes Nice Price-Vinyl, was da läuft, und ich denke in einem quasi-scheinintellektuellen Anfall, möglicherweise einigermaßen angetrunken, mit einem Schlag über Legendenbildung nach, eine Gedankenlawine rollt auf mich zu und über mich hinweg, so-zu-sagen: Warum Jungs so schnell posthum berühmt werden, selbst wenn sie noch leben, insbesondere, wenn es um Musik geht; und ich denke darüber nach, wie ekelig diese Maschinerie der so called Aufmerksamkeitsökonomie vor sich hin-öttelt, wie da der Auspuff stinkt, und dass ich mein Rapsöl lieber anderweitig investiere, und dass es de facto – wollen wir doch mal die Kirche im Dorf im lassen und den Hund in der Pfanne und die Katze auf dem heißen Blechdach – bloß ein beliebiger Mittwochabend in Berlin Mitte ist, mitten in Mitte, und irgendwer,  ein sehr sympathischer Mensch, übrigens, hat Geburtstag, und ich habe drei Freigetränke-Märkchen in die Hand gedrückt bekommen, und frage mich: Habe ich tatsächlich Lust, mich um Gender-Fragen zu kümmern, in diesem Moment? Oder will ich auf meine alten Tage etwa noch in die Popkritik einsteigen? Und so stehe ich da unverhofft herum, mittwochs mitten in Mitte, und Diedrich Diederichsen legt also Platten auf, und ich sehe: Es ist weißes Nice Price-Vinyl, und ich stelle fest: Es ist nichts, es ist gar nichts, und das ist so gut, dass nichts ist.

Und was sehe ich sehe ich sehe ich also? Einen bebrillten, nicht allzu stattlichen Mann in schwarzem Jackett, der ganz nett aussieht, so weit, und Platten auflegt, unter anderem eine Nice Price-Platte, und dieses Bild bleibt mir hängen, diese Nice Price-Platten haben so einen kleinkarierten Label-Aufdruck, das will mir einfach nicht aus dem Kopf, ganz im Gegenteil: Das will mit aller Macht dort hinein, der Diederichsen und das weiße Vinyl, und mir fällt auf, dass alles nur ein Riesenmissverständnis sein könnte, alles, alles, also wirklich: alles. Ich kenne den Diederichsen nicht persönlich, und ich denke: Weißes Nice Price-Vinyl, es ist schwer zu erklären, aber: Das tröstet mich so. Das versöhnt mich so dermaßen mit so vielem an jenem Mittwochabend, mit diesem ganzen bescheuerten Berlin, mit dieser ganzen bescheuerten Welt.

Man könnte an dieser Stelle natürlich weit ausholen – ich sage nur: Feuilleton. Man könnte einen zitierfähigen Text über diesen ganzen Krempel schreiben, zum Beispiel darüber, warum ein Diederichsen weißes Nice Price-Vinyl sehr wohl auflegen darf, andere aber nicht, Himmel, steckt da ein Deleuzianisches Feuerwerk drin, man könnte also die ganze Geisteswissenschaftlersoße noch einmal aufkochen, als wär’s ein Chili con Carne, da geht ja ebenfalls die Legende, dass es besser schmecken würde, wenn man es zum hundertsten Mal aufwärmt, aber ach, denke ich mir – und das alles denke ich tatsächlich in einer rasend schnellen hunderstel Microsekunde – ich will lieber Pommes rot-weiß oder ein Mettwustbrötchen, und ich habe das alles ja auch schon längst aufgeschrieben, zu meinen Uni-Zeiten in den mittleren Neunzigern und habe lauter 1en dafür gekriegt. Soll der Diederichsen doch selber über sein Vinyl schreiben.

Es ist eine Geburtstagsparty mitten in Mitte, und ich höre, wie mein Freund,  der, der mich auf die Party mitgenommen hat, wie der zu mir sagt, ich solle mal mein Buch weiterschreiben, das sei das Wichtigste, das sagt er in dieser Bar zu mir, und ich schon: angetrunken – au wie! Jedenfalls: Ich solle bloß nicht immer über mich selbst schreiben, das hat er tatsächlich zu mir gesagt, und ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber gedacht habe ich folgendes: Vielleicht will mein Freund mich beschützen, mit diesem Hinweis oder diesem Rat oder dieser Warnung, vielleicht will er da präventiv handeln, indem er mir das sagt, vielleicht ist das ein Akt der Mitmenschlichkeit oder Zivilcourage von ihm, aber andererseits ist es ja so, dass ich überhaupt gar nie über mich selbst schreibe! Jeder, der mich kennt, weiß: Ich schreibe über Schallplatten und über … und so weiter. Und über: Diedrich Diederichsen! Endlich schreibe ich einmal über Diedrich Diederichsen. (Und ich möchte an dieser Stelle doch einmal kurz festhalten, dass ich bis hierhin den Markennamen Spex noch kein einziges Mal habe fallen lassen.)

Und Diederichsen hat Bob Dylan aufgelegt, und Julie Driscoll & Brian Auger, und ich weiß weiß weiß, dass niemand niemand niemand in dieser Bar wusste, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren. Mag sein, dass der eine oder andere kurz gedacht hat: “Hey, was ist denn das für eine Cover-Version? Ho-ho-ho-ho, das ist doch Come on Baby, light my fire!” Und: “Haben das nicht die Doors mal gebracht? Hieß der Sänger nicht Jim Morrison? Ho-ho-ho-hooooo!” Aber ich ich ich wusste, dass es Julie Driscoll & Brian Auger waren, und Diederichsen wusste es natürlich auch, und vielleicht war das die weiße Nice Price- Schallplatte, ich weiß es nicht mehr, ich kriege die Bilder und die Zeit und die Musik des Abends nicht mehr ganz zusammen, nicht mehr in die richtige Reihenfolge. Was ich noch weiß: Dass mein Kumpel-Freund der Ansicht war, man sehe es mir an, dass ich recht unglücklich sei zur Zeit, und ich sagte so was wie:  “Ja, es ist das Gefühl, als ob jemand einem das Wasser abgräbt, und ich weiß nicht warum”, und gemeinsam haben wir überlegt, ob ich masochistische Züge habe, und Himmerlherrgottnochmal, wer hat die nicht, jedenfalls: Könnte sein, dass ich mein inkorporiertes Kulturkapital, mein popkulturelles Basiswissen verschwende – hat mein Freund angedeutet.

Und so habe ich da in Ansätzen ein bisschen rhythmisch herumgewackelt und so weiter, und hinten hat Diederichsen Platten aufgelegt, und dann hat er irgendwann die Seeds gespielt, No escape – nicht Pushin’ too hard, sondern No escape, zwei beinahe identische Songs, aber ich ich ich kann sie unterscheiden. Sky Saxon! Und wieder bin ich sicher sicher sicher, dass an dieser speziellen Party, an diesem speziellen Abend in dieser speziellen Bar-Besetzung in der Berliner Brunnenstraße, dass ich dort zu eben jenem Zeitpunkt die einzige einzige einzige war, die erstens, die Seeds erkannt hat und die, zweitens, weiß, wer Sky Saxon ist, und, na ja, irgendwann musste ich dann auch mal gehen.

Als ich meine Jacke angezogen hatte, habe ich mich zum Diederichsen gewandt, ans DJ-Pult, und er hat sogleich aufgeschaut, und ich habe ihm nicht gesagt, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren, und ich habe ihm nicht gesagt, dass er No escape gespielt hat statt Pushin’ too hard, ich habe bloß gesagt: “Schöne Musik.” Und da hat der Diederichsen gelächelt und ich glaube, er hat sich gefreut, denn ein DJ, der braucht so was, dem gefällt so was, dann weiß er, dass er einen okay-en Job gemacht hat, und dieser Typ da am Plattenteller hat einen okay-en Job gemacht an jenem Abend, mit seiner Nice Price-Platte und so weiter, und niemand hatte sein respektive ihr Ding dazu geschüttelt, außer mir, und warum soll man das nicht einfach sagen, dass jemand einen okay-en Job gemacht hat, warum soll man nicht freundlich zu den Menschen sein, ich glaube, das ist wahre Größe, und so bin ich dann zur S-Bahn gelaufen, mittwochnachts in Berlin-Mitte, und habe beschlossen, dass ich nie mehr über mich selbst schreiben will. Wenn überhaupt, dann nur noch über Diedrich Diederichsen, wie alle anderen auch, wie, Gott verdammt noch mal, alle anderen auch.

Comment » | Ressort Jugendkultur

     

↑ Back to top

© Copyright | Katja Kullmann | Licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-Share Alike 3.0 Unported License.