Diese Woche im österreichischen Nachrichtenmagazin profil, mit Interview:

Jung, abgehängt und ratlos
Katja Kullmanns Kassensturz ECHTLEBEN über eine Generation mit hohen Utopieverlusten
Die Landschaftgärtnerin, die früher gut von Projekten lebte, ist gerade einmal 42 und längst „beim Amt“, so die gängige Chiffre für ein Hartz-IV-Schicksal. Oder „zwischen zwei Projekten“, wie sie es nennt. Dennoch dreht sie im schicken Berlin-Mitte immer wieder am späten Vormittag ihre Runden mit einem Coffee-to-go-Pappbecher in der Hand – um eine Existenz als vollbeschäftigte „Young Urban Professional“ zu simulieren, während sie doch längst auf dem Weg zum „Almost Old Urban Social Problem“ ist. Zukunftsaussicht: Würdelosigkeit.
Sie ist die bemitleidenswerte Protagonistin in Katja Kullmanns Typen-Panorama, in dem sich eine soziologisch facettenreiche Generation tummelt: als Empfangsdamen, „halb“-beschäftigte Alleinerziehende mit Uni-Abschluss, echte Rezessionsleichen, langweilige Autohaus-Sekretärinnen, die „im Gegensatz zu mir ein Kind, einen Partner, bezahlten Urlaub und eine Fußbodenheizung haben“, „digitale Bohème“, die im todschicken Freiberuflerkollektiv die Brutalität der Honorarkürzungen hautnah erlebt, das biedere Lieschen Müller, das die Bobo-Ästhetik mit schwarz umrahmten Nerd-Brillen und Latte-Macchiato-Geschlürfe längst kopiert.
Kullmann hat ihre Analyse der Arbeitswelt für die etwas angegrauten „Neuen Erwachsenen“ wie einen soziologischen Thriller geschrieben. Sie schont sich in ihrer geschliffen formulierten Ursachenforschung für den großen Utopien-Auffahrunfall selbst am wenigsten, sondern reicht ihre von Höhenflügen und Abstürzen geprägte Berufsbiographie zur freien Entnahme. Sowohl in der Methode, als auch stilistisch hebt sich das Buch wohltuend von den üblichen, oftmals unerträglichen Lifestyle-Theoretikern aus der Zukunftsforscher-Zunft ab.
Kullmanns ECHTLEBEN ist echt, weil selbst erlebt, aus nächster Nähe beobachtet, dann messerscharf analysiert und in große, oft beängstigende Zusammenhänge gesetzt. Eine Kapitelüberschrift kann gleich als selbstironisches Fazit gewertet werden: „Nichts ist anstrengender, als ganz man selbst zu sein.“
Angelika Hager/profil
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