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Katja Kullmann

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Apropos: Cliquen


Die Grottenolm-Debatte

February 16th, 2010 — 9:57pm

Axolotltripbasecom

♫ The Rock Steady Crew: Hey! You! (The Rock Steady Crew)

Zum Fall Axolotl Roadkill so kurz es mir möglich ist und vorab drei Punkte, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: 1. Ich habe das Buch nicht gelesen.  2. Ich halte es für möglich, sogar wahrscheinlich, dass es ein stilistisch interessantes und gutes Buch ist. 3. Helene Hegemann möchte selbst nicht „als 17-Jährige“ betrachtet werden, wie sie immer wieder sagt, also werde ich dies hier auch nicht tun, kein Adoleszenz-Bonus. Es geht hier auch nicht um das Buch als Werk, sondern ganz nüchtern um eine Instant-Minimal-Analyse der Debatte als solcher. Mein Eindruck: Die Debatte ist noch interessanter als das Buch.

Setzen wir als halbwegs bekannt voraus: Es gibt Kritiker und Fürsprecher des Buches – und der Streit um den „Axolotl“ dreht sich im Wesentlichen um das Recht oder Unrecht, zahlreiche Ideen/Formulierungen/Halbsätze von anderen, weitgehend unbekannten Subkultur-Autoren zu übernehmen (aus deren Büchern bzw. Blogs leicht modifiziert zu entwenden). Manche Erklärer verteidigen jenes „Sampling-Prinzip“, das Hegemann angewendet hat, als legitime Form des „Pop“ – und betrachten die Tatsache, dass die Original-Urheber zunächst übergangen wurden, letztlich als Marginalie. Sie tun dies überwiegend in einem Tonfall, in dem ein Appell für „die Freiheit der Kunst“ mitschwingt: Helene Hegemann habe doch nur gePOPt: „Das liest sich doch geil, was soll’s, heute wird doch überall geklaut, that’s the business!“

Halten wir, mal ganz von außen, oben, wo auch immer betrachtet, fest: Da ist also auf der Seite A) der „Axolotl“-Produzenten-Komplex aus marktmächtigem Mainstream-Verlag (Ullstein), einflussreichster Literaturagentur des Landes (Eggers & Landwehr) sowie dem Berliner Kultur-Glaubwürdigkeits-Establishment (die “Volksbühnen”-Nähe der Autorin Hegemann, die im Subtext stets als “credibility”-Faktor mitraunt). Auf der anderen Seite, B), der Low- bis No Budget-Indie-Verlag Sukultur (in dem das dubios in „Axolotl“ zitierte Buch „Strobo“ erschienen ist) sowie der beinahe-anonyme Autor Airen als einer der eigentlichen Ur-Ur-Heber des Erfolgsbuchs „Axolotl“.

Manche Leute lassen nun anklingen (manche davon selbst in der ersten Liga des Betriebs kickend, einige wenige in gewisser Eggers & Landwehr-Nähe, die Mehrzahl jedenfalls Berlin-Establishment-affin): „’N bisschen abschreiben ist doch okay, nu’ habt Euch mal nicht so!“ und: „Der kleine Indie-Verlag hat doch jetzt auch ein bisschen Ruhm, die sollen doch froh sein, dass sich die Leute nun für deren Kram interessieren, ist letztlich doch eine Ehre!“ Unter Verweis auf den “Pop” in der Monstranz, unter Verweis auf einen plakativ vor sich her getragenen “Pop”-Begriff also, werden die Komplexe “Fairness” und “Respekt vor den Kunstwerken anderer” leichthin vom Tisch gewischt. Denn Hegemann gilt einem bestimmten Milieu als Sympathieträgerin. Ob dieselben Kommentatoren eben so viel Verständnis aufbrächten, wenn Frank Schätzing für seinen nächsten Unterwasserkatastrophenroman von einem australischen SciFi- Indie-Blog abschriebe?

Diejenigen, die sagen: “Lasst die Kleine doch mal! Alles halb so wild!”, diese Leute argumentieren – kühl ausformuliert und ganz streng auf einen ganz knappen Punkt zuende gedacht – so: Ein (uns) überzeugendes End-Produkt (wie der „Axolotl“) rechtfertigt die Ausbeutung der Indie-Produzenten (des “Strobo”-Autors). Eine ganz schön DURCHFLEXIBILISIERTE DENKE – auch wenn sie noch so romantisch daher kommen mag. Zudem ganz auf der Höhe der Zeit: Da kämpft man auf der Seite der ganz Großen – und bildet sich selbst doch ein und schlägt einen Ton an, der manchmal fast so klingt, als kämpfte man auf Seiten der Kleinen. Ein uralter Trick des Establishments. Nichts Neues also.

Und noch einmal: Es geht, jedenfalls in diesem Blog-Beitrag, weder um die literarische Qualität des Buches, noch um den Sympathiefaktor der Autorin. Es geht einzig und allein: UMS PRINZIP. Denn im Herzen bin ich zutiefst konservativ, zwar katholisch erzogen, doch weithin protestantisch im Geiste, zudem nehme ich mir eine gewisse Dosis sozialdemokratischer Grundprägung schlicht heraus, und wenn Bestechlichkeit im Raum hängt, muss ich einfach lüften.

Das Foto des Axolotl oben wurde der Webseite tripbase.com entnommen.

13 comments » | Blog "Euphorie im Alltag"

Den Fauser im Nacken

February 8th, 2010 — 9:54pm

fauserbukowskigesellschaft-1

Irgendwo las ich kürzlich, dass auf bitterkalte Winter signifikant häufig nasskalte Sommer folgen. Bei Facebook tauschen Menschen sich über die Dicke der Eisschichten an ihren jeweiligen Wohnsitzen aus, viele machen ältere Menschen zum Thema, und dass die praktisch gar nicht mehr vor die Haustür gehen können, seit Wochen nicht. Derweil bin ich selbst erst zwei Mal gestürzt; einmal allein, einmal vor einem Zeugen. Ansonsten trage ich derzeit, nun ja, die Sonne im Herzen, das Licht im Geiste und, as always, den Fauser im Nacken. Besucher der früheren (leider abgestürzten) Kullmann-Seite kennen das unten Stehende vielleicht schon – ein Sampling, aus einigen meiner Lieblingsfausertexte gebastelt. Dass ich mich nicht wiederholen wolle, hatte ich kürzlich als Projekt für 2010 ausgegeben. Naja. Nun gab es aber Anlass, einmal wieder nach dem Fauser zu googeln, und im Blog von Franz Dobler (”Aufräumen” war eines meiner Lieblingsbücher 2008) fand ich eine Notiz über Fauser. Demnach hat er mal in der Krumme Straße gewohnt (Fauser, nicht Dobler), in Berlin-Charlottenburg, nicht weit weg von der Grolmanstraße, in der ich ein unbedeutendes Häufchen Jahre später eine gewisse Zeit verbrachte (sozusagen einen läppischen Steinwurf entfernt). Dass wir beide, Fauser und ich, jeweils an einem 16. Juli in einer kleinen Taunus-Kurstadt mit “Bad” im Namen geboren wurden, dass wir beide nach der Schule erst einmal ziellos kurz in London herumhingen und dass sowohl Fauser, als auch ich durchaus wie Krankenkassenmitarbeiter aussehen können, vom Styling her, auch wenn er es vielleicht ebenso anders gemeint hat wie ich, all das  möchte ich nun wirklich nicht ein zweites Mal erzählen.

You better read Fauser:

*** Ich bin Geschäftsmann, das ist mein Business *** Und die literarische Welt? Sie war so weit entfernt für mich wie der Mond *** Erst auf der Straße fiel mir ein, dass ich ganz vergessen hatte, nach dem Honorar zu fragen *** Germanistik studieren und seinen Arsch auf ein warmes Plätzchen hieven kann jeder *** Ich brachte meine Zeit als Aushilfsangestellter hinter mich *** “Und Du?”, fragte Jonas. “Hast Du dieses Buch jetzt endlich geschrieben, das Du immer schreiben wolltest?” “Hm.” “Tja, und jetzt?” “Ich will ein neues schreiben.” “Wozu das denn?” Mir ist keine Antwort eingefallen, und ich bin dann bald gegangen *** Verkäuferinnen von Bilka mit phantastisch schwarz umrandeten Augen, müde Bibliothekarinnen mit einer Schwäche für schwarze Zigaretten und oralen Sex, technische Zeichnerinnen mit blauen Fingernägeln, die von Reisen in die Südsee träumten und drei Kinder großzogen – nur gelegentlich nahm mich eine mit ins Bett, aber es genügte mir schon, sie zu sehen, zu wissen, dass sie existierten und zwei Stück Zucker nahmen und den Saft der Rindswurst von den Fingern leckten wie Millionen andere auch, um mich in einen Zustand tiefster Befriedigung und gewaltiger Erwartung zu versetzen. Sie berauschten mich. Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewusstsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch, mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag und das Auf und Ab von unten und oben. Auch Frauen konnten oben liegen, Hauptsache ich war es, auf dem sie lagen *** Jeder wächst doch in irgendeinem Iserlohn auf und entfaltet sich in einem Castrop-Rauxel und geht in einem Wanne-Eickel vor die Hunde *** Frankfurt/Main Hbf.  Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Stadt wieder zusammenwuchs. Ein halber Tag auf dem Land, und schon hatte man Sehnsucht nach den Gleisen, den Stellwerken, dem Togal-Schild über den abgestellten Zügen, dem Ruß, dem Lärm, den Möwen, dem Geheul, dem Gesicht der Masse, in der man verschwinden konnte, um sein eigenes Gesicht zu wahren *** Wir wollten kein Hobby-Magazin für Eleven irgendwelcher Avantgarde-Kränzchen: nix mehr für die Cliquen, für die Subkultur, für die sog. Scene, die es gar nicht gibt *** Mittlerweile setzt sich der deutsche Alptraum, Kultur, in den Hirnen unserer Pop-Bastarde munter fort, und kein Wunder, der Apfel fällt nicht weit, bei uns wird mit Begriffen grundsätzlich wie mit Feuerwaffen, Mordwaffen operiert, der Mief der Analyse, das politische Teutonentum, das “Kapital” verqualmt die Köpfe, legt die Vagina der Imagination trocken, klägliches Jammerspiel, diese jasminorientierte Knautschlack-Bohème zwischen “Zoom” und Jazzhaus, der gleiche germanische Erbswurst-Furz auch wenn der Arsch in Jingle-Jeans steckt. Pseudo User. Einen Alltag erfahren diese Schreckgespenste eines troglodytischen Alptraums nicht, greifen ihre Finger doch stets wie gehabt nach Höherem. Für sie unbeschreibbar, vollzieht sich der Alltag an ihnen um so zerstörender: Wenn sie ihn nicht zur Boutique stilisieren können, jagt er sie in die Latrinen der Theorie ***

Das Foto mit Charles Bukowski (links), Jörg Fauser (rechts) und zwei (mir) unbekannten Geschöpfen in der Mitte wurde der Webseite der Charles Bukowski Gesellschaft entnommen. Charles Bukowski mag ich nicht.

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