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Katja Kullmann


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  • Apropos: das gewisse Extra


    Menschen mit dem gewissen Extra
    Heute: Blinky Palermo

    March 11th, 2010 — 12:19am

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    ♫ Spacemen 3: Feel so good

    Warum oben vom “gewissen Extra” die Rede ist (statt vom “gewissen Etwas”), das ist hier erklärt. Und kaum habe ich das eingeführt, fallen mir Dutzende weiterer Fälle mit “gewissem Extra” ein. Zum Beispiel: Blinky Palermo. 1943 in Leipzig geboren, 1977 auf den Malediven gestorben (vermutlich an Herzversagen), Maler. Mehr über ihn erfahren Sie, natürlich, via Wikipedia oder kurz und knapp zum Beispiel bei art directory. Auch sollten Sie mal nach seinen Bildern googeln. Oben sehen Sie eines, das rotweiße Schachbrettmuster, es heißt “Flipper” (1970). Zu Blinky Palermos Kunst kann und möchte ich ansonsten nicht viel sagen. Denn mit Kunst kenne ich mich nicht aus. Oder: Es ist mir nahezu unmöglich, darüber zu schreiben. Klingt bescheuert, ist aber weder ein Witz, noch eine Koketterie, sondern mehr ein Rätsel (für mich). “Kunst” ist eines der wenigen Felder, zu denen ich nichts im Schrank habe. (Mit “Kunst” meine ich hier Bildende Kunst, Malerei, Bildhauerei, Grafiken, Installationen.) Dies bedeutet nicht, dass “Kunst” mir nicht gefällt oder mich nicht interessiert. Es ist schlicht so, dass mir zur “Kunst” die Worte fehlen. Sie sind so weit weg, dass ich erst gar nicht zu suchen anfange, es erscheint mit ungeheuer mühsam. Im Wesentlichen fußt die Wortlosigkeit auf zwei, nun ja, Erdhäufchen: 1.) Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich “Kunst” betrachte (oder wenn andere Menschen das tun). Ich kann den Prozess nicht beschreiben, nicht mal richtig begreifen – vom Betrachten eines “Kunstwerks” angefangen, wie es  in den Kopf geht und im Idealfall dort etwas auslöst, bis zur Frage warum man sich an “Kunstwerke” unterschiedlich gut erinnern kann, später. Es ist ein Vorgang, der sich offenbar exakt zwischen Verstand und Empfinden abspielt, sagen wir: in einem beunruhigend mittig gelagerten kognitiven Graubereich. Alles, was ich zu einem “Kunstwerk” sagen könnte, wäre – ganz egal wie verschachtelt ich’s ausdrücken und wie weit ich ausholen würde – alles, was ich sagen könnte, wäre, unterm Strich: “Gefällt mir.” Oder: “Gefällt mir nicht.” Noch nie ist mir darüber hinaus zu einem “Kunstwerk” ein Satz eingefallen, der mich selbst überzeugt oder den ich auch nur verstehe. Sagenhaft beschränkt komme ich mir vor, wenn ich über “Kunst” spreche oder schreibe (also auch im Augenblick). Deshalb tue ich es so gut wie nie. (Über Architektur könnte ich eher.) 2.) Sowieso fehlt mir ganz grundsätzlich das Vokabular, eine wirklich breite Kenntnis, um überhaupt mitreden zu können, die Theorie fehlt mir, und es mangelt eben an einem adäquaten Vergleichsrepertoire, nichts zum Jonglieren da, ich fühle mich unsicher auf jenem Gebiet, anders als in der Musik. Nicht mal meinen (naturgemäß subjektiven) Geschmack kann ich erklären. Ich weiß nur: Mit Anfang 20 mochte ich zum Beispiel David Hockney (nicht so sehr Roy Lichtenstein), und heute mag ich Hockney noch immer (Lichtenstein gar nicht mehr). Otto Dix und Charles Sheeler mag ich auch, und von den bekannteren jüngeren Namen zum Beispiel manchmal Elizabeth Peyton. Aber was soll ich dazu sagen? Abgesehen davon, dass ich Kunstkritik oder Kunstberichterstattung per se als überwiegend schwierige Textgattung empfinde, ähnlich eigenwillig codiert wie etwa Fußballberichterstattung. Selten lese ich es gern.

    Warum dann Blinky Palermo?

    Es handelt sich um reine Ikonografie, und sie funktioniert, auch in diesem Fall, via Fotografie.  Der junge Mann oben: Irgendwo, irgendwann hatte ich mal ein Foto von ihm gesehen, eines, das ich im Internet nun leider nicht wiederfand. “Wer ist das?” “Blinky Palermo.” “Aha.” Ich mochte die Pose, mochte den Mann. Ich dachte mir: “Wäre ich ein Mann, ich glaube, ich wäre so einer.” Später habe ich “Blinky Palermo” dann nachgeschlagen (das war in der Gegend des Jahres 2000, es gab also schon Internet). Seitdem kenne ich auch einige seiner Arbeiten. Palermo hat seine Bilder selbst “gehängt”, habe ich gelesen. Die “Hängung”, wie alles angeordnet ist, ist ziemlich entscheidend für seine Sachen. (Ich sagte es bereits: Es klingt nach Fußball.) Worauf es ankommt: auf die 31-Jährigkeit auf den Fotos und den 31-jährigen Mann in einem selbst. Ich frage Sie: Kennen Sie den 31-jährigen Mann in sich?

    Blinky Palermo. Vor zwei oder drei Jahren suchte ich ein Geburtstagsgeschenk für einen Freund. Ich suchte auch in einer der angenehmsten Kunstbücherhandlungen, die ich kenne, im “Bücherbogen” am Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg. Und stieß dort auf ein gelbes Taschenbuch von einem Kleinstverlag, es enthielt viele Schwarzweißaufnahmen, und es erzählte von: Blinky Palermo. Als der Freund es ausgepackt hatte, sagte er: “Oh. Blinky Palermo? Aha.” “Ja, also, das ist ein Künstler.” “Hm, aha.” “So’n bisschen wie Kippenberger. Glaube ich jedenfalls. Ehrlich gesagt, habe ich von Kunst keine Ahnung.” “Haha, ja, also, macht doch nichts, hm, ich meine: danke.” “Bitte. Ich finde den toll. Wie gesagt: Ich kenne mich überhaupt nicht aus, und ein bisschen blöd ist es schon, dass die Bilder hier alle in Schwarzweiß abgedruckt sind, denn sie sind eigentlich in Farbe. Also, die meisten.” “Soso. Ja, ähm, macht doch nichts ….” “Naja. Ich finde eben den Typen gut, so als Typen, als Zuschnitt. Sozusagen. Und: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!” Im Grunde hatte ich dem Freund eines meiner Mosaiksteinchen geschenkt. Eines jener Bauklötzchen, aus denen eine Psyche sich zusammensetzt. Bei den meisten Menschen sind es ja sehr viele Klötzchen und Steinchen. Und dieses hier ist zufällig eins von meinen. Es ist männlich, so um die 30, und heißt Palermo, Blinky.

    (P.S.: Der Song passt weder in historischer, noch in stilistischer Hinsicht, denn er stammt aus den 80ern. Na und?)

    Foto-Credits von oben nach unten: (1) Gerhard Richter via faz.net (2) faz.net (3) Jürgen Wesseler via art-magazin.de (4) Moma, NYC (5) Lothar Wolleh

    3 Leserbriefe | Euphorie im Alltag

    Menschen mit dem gewissen Extra
    Heute: Miranda July

    March 7th, 2010 — 8:40pm

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    Im Englischen klingt es besser: “that certain something”. Bei uns heißt es “das gewisse Etwas”. Doch neige ich dazu, versehentlich immer  “das gewisse Extra” zu sagen. Inzwischen ist “das gewisse Extra” eine eigenständige Rubrik, eine eigene Speicherabteilung in meinem Gehirn  Unter dem “gewissen Extra” verstehe ich eine Sache, ein Ding, ein Kunstwerk, eine fixe Idee, die/das jemand in die Welt gesetzt hat. Leben an sich ist eine Leistung. Eingesehen. Wenn en passant interessante, schöne, verstörende oder beflügelnde Sachen dabei anfallen und abfallen, dann haben wir es mit einem “gewissen Extra” zu tun. Capisce?

    Miranda July (geboren am 15. Februar 1974 in Vermont/USA) ist ein solcher Mensch mit gewissem Extra. Manche kennen sie vielleicht als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films “Ich und Du und alle, die wir kennen”. Sie schreibt Kurzgeschichten und macht Kunstsachen, denkt sich spezielle Sätze aus, fotografiert die Sätze und/oder dreht Videos davon. Bei Wikipedia und anderswo findet sich eine Menge Material über sie, einen ganz unmittelbaren Eindruck gibt natürlich Miranda Julys Homepage. Achtung: Um die Homepage besichtigen zu können, müssen Sie ein geheimes Passwort eingeben. Ebendies macht Miranda July mir so sympathisch: Auch Sie hat, so scheint’s, ein Faible für Gerüchte und weiß, wie man sie nicht nur streut, sondern sogleich auch eine Fährte legt, die mal mehr, mal weniger sachte darauf hinweist, dass es nicht zwingend richtig ist, was gerade behauptet wird. Hier oben sehen sie eine Aufnahme von Julys Website, das selbe Buch in zwei Farben, in Gelb und in Pink. Das Foto ist Teil der persönlich von ihr gestalteten Werbekampagne für das Buch. (Ich wünschte, ich wäre auf diese Idee gekommen.) Auf Deutsch heißt es  “Zehn Wahrheiten” und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen. Julys Kurzgeschichten sind voll von “guten Stellen”, der ganze Short Story-Band ist eine einzige “gute Stelle”, und hier stelle ich Ihnen meine fünf liebsten guten Stellen vor:

    Diese Geschichte wird nicht sehr lang, das Erstaunliche an meinem Jahr in Belvedere ist nämlich, dass so gut wie nichts passierte.”
    (Aus: “Das Schwimmteam”)

    Im Allgemeinen mögen die Menschen einander nicht. Und das gilt auch für Freunde. Manchmal liege ich im Bett und überlege, an welchen meiner Freunde mir wirklich etwas liegt, und immer komme ich zum selben Schluss: an keinem. Ich hatte sie mir eigentlich als vorläufige Freunde gedacht, später sollten dann die echten Freunde kommen. Aber nein. Das sind meine echten Freunde. Es sind Menschen mit Berufen, die ihren Neigungen entsprechen. (…) Ich dachte immer, ich würde mich irgendwann mit einer Berufssängerin anfreunden. Einer Jazzsängerin. Eine beste Freundin, die Jazzsängerin und außerdem eine verwegene, aber verlässliche Autofahrerin war. Ich hatte mir eher sowas für mich ausgemalt.”
    (Aus “Der Mann auf der Treppe”)

    Wir hatten einmal Hallo in den Hexenkessel Welt hineingerufen und waren schnell weggerannt, ehe jemand antworten konnte.
    (Aus “Es war Romantik”)

    Es gab nichts auf der Welt, das kein Trick war, das verstand ich plötzlich.
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    “Ich hasste meinen Job, aber es gefiel mir, dass ich ihn machen konnte.”
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    Das Foto mit der Künstlerin selbst stammt übrigens von der Webseite der Universität von Berkeley/Kalifornien. Und für die Multimedialität, um das Gesamtpaket Miranda July rund zu machen, kommt hier noch ein vierminütiger Kurzfilm voller, nun ja, voller Intelligenz & Wärme, wie ich finde. “Are you the favourite person of anybody?”, heißt er, “Sind Sie jemandes Lieblingsmensch?”

    Kein Leserbrief | Euphorie im Alltag

         

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