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Diedrich Diederichsen – eine Partynacht

Berlin, Brunnenstraße, Mittwochnacht

Dieser Text ist in einer erstaunlich warmen April-Nacht im Jahr 2008 entstanden, an einem Stück heruntergeschrieben, in einem spontan so entstandenen Loop-Verfahren, zwischen 4 und 6 Uhr in der Früh. Weder ist er je redigiert worden (von mir oder jemand anderem), noch ist er je irgendwo (außer hier) erschienen – genau wie der Jörg-Fauser-Text.

Hallo, dies ist Berlin-Mitte. Also: Dies ist wirklich Berlin-Mitte. Ein Mittwochabend in der Brunnenstraße, in einer Bar, und da feiert jemand Geburtstag, ein Mensch, den ich bis dahin einmal gesehen und, nun ja, kennen gelernt hatte, jemand, zu dem ich flüchtigst, aber sicherlich freundlich “Hallo” gesagt hatte, beim Geburtstagsfest eines Freundes vor einigen Wochen; dieser Mensch feiert dort also seinen Geburtstag, in jener Brunnenstraßen-Bar mitten in Mitte, und ein Freund, also: ein Kumpel-Freund, also: der Freund, der damals Geburtstag hatte, als ich jenen Mensch kennen lernte, der heute beziehungsweise gestern Geburtstag hatte – ein enger Freund übrigens der Freundin des Menschen, der Geburtstag hatte – also: Der hat mich mitgenommen. In diese Bar in der Brunnenstraße in Berlin, nun ja, Mitte.

Manchmal, oder vielmehr meistens, läuft es so in Berlin, und nicht nur in der Mitte, ach, und ich glaube, das kann anderswo genau so sein: Dass man freundlicher- und aufmerksamerweise mitgenommen wird, irgendwohin, von einem Freund, und dann steht man in einem Raum, wo im Idealfall Musik läuft (eigentlich läuft ja immer Musik), und wo andere Menschen herumstehen, die ebenfalls von irgendwem dorthin mitgenommen worden sind, und die meisten scheinen sich wohl zu fühlen, und ich glaube, diejenigen fühlen sich am wohlsten, die gar nicht selbst eingeladen waren, denn die zufällig Mitgenommenen trifft am wenigsten Verantwortung, und es kann passieren, dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt, und in jener Nacht, also heute oder gestern war es so: Dass Diedrich Diederichsen Musik auflegt.

Dazu muss man sagen: Diedrich Diederichsen ist ein Mensch, und er spielt Musike, legt da so seine Platten auf, und wir sind hier nicht bei Spiegelonline, und ich schaue auf den Plattenteller und sehe: weißes Vinyl. Eine LP, keine Single. Ich sehe: Diedrich Diederichsen legt augenscheinlich eine Nice Price-Schallplatte auf, eine Billigpressung, vermutlich aus den späten 80ern, denn damals waren solcherlei Billigpressungen weit verbreitet, weißes Vinyl; ich selbst besitze etwa eine Champs-LP auf weißem Vinyl, die ich – es muss 1987 oder 1989 gewesen sein – für 9,99 (D-Mark-Preis) in einem Kleinstadtkaufhaus im westdeutschen Mittelgebirge erworben habe, wegen Tequila natürlich, zum Nice Price, ein Nice Price-Aufkleber hatte auf dem Cover gepappt, eine doch sehr schöne Nachpressung des Original-Champs-Plattencovers aus den frühen Sechzigern, aber drinnen: weißes Vinyl, dünn und wabbelig, und gestern Abend oder heute Nacht legt also Diedrich Diederichsen Platten auf, bei dieser Geburtstagsparty, und ich weiß gerade nicht mehr, welchen Song genau er da vom Billig-Vinyl spielte, und ich stelle ultimativo, also noch im selben Augenblick, fest: Es ist egal, welcher Song das genau ist, worauf es ankommt ist dies: Es ist augenscheinlich weißes Nice Price-Vinyl, was da läuft, und ich denke in einem quasi-scheinintellektuellen Anfall, möglicherweise einigermaßen angetrunken, mit einem Schlag über Legendenbildung nach, eine Gedankenlawine rollt auf mich zu und über mich hinweg, so-zu-sagen: Warum Jungs so schnell posthum berühmt werden, selbst wenn sie noch leben, insbesondere, wenn es um Musik geht; und ich denke darüber nach, wie ekelig diese Maschinerie der so called Aufmerksamkeitsökonomie vor sich hin-öttelt, wie da der Auspuff stinkt, und dass ich mein Rapsöl lieber anderweitig investiere, und dass es de facto – wollen wir doch mal die Kirche im Dorf im lassen und den Hund in der Pfanne und die Katze auf dem heißen Blechdach – bloß ein beliebiger Mittwochabend in Berlin Mitte ist, mitten in Mitte, und irgendwer, ein sehr sympathischer Mensch, übrigens, hat Geburtstag, und ich habe drei Freigetränke-Märkchen in die Hand gedrückt bekommen, und frage mich: Habe ich tatsächlich Lust, mich um Gender-Fragen zu kümmern, in diesem Moment? Oder will ich auf meine alten Tage etwa noch in die Popkritik einsteigen? Und so stehe ich da unverhofft herum, mittwochs mitten in Mitte, und Diedrich Diederichsen legt also Platten auf, und ich sehe: Es ist weißes Nice Price-Vinyl, und ich stelle fest: Es ist nichts, es ist gar nichts, und das ist so gut, dass nichts ist.

Und was sehe ich sehe ich sehe ich also? Einen bebrillten, nicht allzu stattlichen Mann in schwarzem Jackett, der ganz nett aussieht, so weit, und Platten auflegt, unter anderem eine Nice Price-Platte, und dieses Bild bleibt mir hängen, diese Nice Price-Platten haben so einen kleinkarierten Label-Aufdruck, das will mir einfach nicht aus dem Kopf, ganz im Gegenteil: Das will mit aller Macht dort hinein, der Diederichsen und das weiße Vinyl, und mir fällt auf, dass alles nur ein Riesenmissverständnis sein könnte, alles, alles, also wirklich: alles. Ich kenne den Diederichsen nicht persönlich, und ich denke: Weißes Nice Price-Vinyl, es ist schwer zu erklären, aber: Das tröstet mich so. Das versöhnt mich so dermaßen mit so vielem an jenem Mittwochabend, mit diesem ganzen bescheuerten Berlin, mit dieser ganzen bescheuerten Welt.

Man könnte an dieser Stelle natürlich weit ausholen – ich sage nur: Feuilleton. Man könnte einen zitierfähigen Text über diesen ganzen Krempel schreiben, zum Beispiel darüber, warum ein Diederichsen weißes Nice Price-Vinyl sehr wohl auflegen darf, andere aber nicht, Himmel, steckt da ein Deleuzianisches Feuerwerk drin, man könnte also die ganze Geisteswissenschaftlersoße noch einmal aufkochen, als wär’s ein Chili con Carne, da geht ja ebenfalls die Legende, dass es besser schmecken würde, wenn man es zum hundertsten Mal aufwärmt, aber ach, denke ich mir – und das alles denke ich tatsächlich in einer rasend schnellen hunderstel Microsekunde – ich will lieber Pommes rot-weiß oder ein Mettwustbrötchen, und ich habe das alles ja auch schon längst aufgeschrieben, zu meinen Uni-Zeiten in den mittleren Neunzigern und habe lauter 1en dafür gekriegt. Soll der Diederichsen doch selber über sein Vinyl schreiben.

Es ist eine Geburtstagsparty mitten in Mitte, und ich höre, wie mein Freund, der, der mich auf die Party mitgenommen hat, wie der zu mir sagt, ich solle mal mein Buch weiterschreiben, das sei das Wichtigste, das sagt er in dieser Bar zu mir, und ich schon: angetrunken – au wie! Jedenfalls: Ich solle bloß nicht immer über mich selbst schreiben, das hat er tatsächlich zu mir gesagt, und ich weiß nicht mehr genau, was ich geantwortet habe, aber gedacht habe ich folgendes: Vielleicht will mein Freund mich beschützen, mit diesem Hinweis oder diesem Rat oder dieser Warnung, vielleicht will er da präventiv handeln, indem er mir das sagt, vielleicht ist das ein Akt der Mitmenschlichkeit oder Zivilcourage von ihm, aber andererseits ist es ja so, dass ich überhaupt gar nie über mich selbst schreibe! Jeder, der mich kennt, weiß: Ich schreibe über Schallplatten und über … und so weiter. Und über: Diedrich Diederichsen! Endlich schreibe ich einmal über Diedrich Diederichsen. (Und ich möchte an dieser Stelle doch einmal kurz festhalten, dass ich bis hierhin den Markennamen Spex noch kein einziges Mal habe fallen lassen.)

Und Diederichsen hat Bob Dylan aufgelegt, und Julie Driscoll & Brian Auger, und ich weiß weiß weiß, dass niemand niemand niemand in dieser Bar wusste, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren. Mag sein, dass der eine oder andere kurz gedacht hat: “Hey, was ist denn das für eine Cover-Version? Ho-ho-ho-ho, das ist doch Come on Baby, light my fire!” Und: “Haben das nicht die Doors mal gebracht? Hieß der Sänger nicht Jim Morrison? Ho-ho-ho-hooooo!” Aber ich ich ich wusste, dass es Julie Driscoll & Brian Auger waren, und Diederichsen wusste es natürlich auch, und vielleicht war das die weiße Nice Price- Schallplatte, ich weiß es nicht mehr, ich kriege die Bilder und die Zeit und die Musik des Abends nicht mehr ganz zusammen, nicht mehr in die richtige Reihenfolge. Was ich noch weiß: Dass mein Kumpel-Freund der Ansicht war, man sehe es mir an, dass ich recht unglücklich sei zur Zeit, und ich sagte so was wie: “Ja, es ist das Gefühl, als ob jemand einem das Wasser abgräbt, und ich weiß nicht warum”, und gemeinsam haben wir überlegt, ob ich masochistische Züge habe, und Himmerlherrgottnochmal, wer hat die nicht, jedenfalls: Könnte sein, dass ich mein inkorporiertes Kulturkapital, mein popkulturelles Basiswissen verschwende – hat mein Freund angedeutet.

Und so habe ich da in Ansätzen ein bisschen rhythmisch herumgewackelt und so weiter, und hinten hat Diederichsen Platten aufgelegt, und dann hat er irgendwann die Seeds gespielt, No escape – nicht Pushin’ too hard, sondern No escape, zwei beinahe identische Songs, aber ich ich ich kann sie unterscheiden. Sky Saxon! Und wieder bin ich sicher sicher sicher, dass an dieser speziellen Party, an diesem speziellen Abend in dieser speziellen Bar-Besetzung in der Berliner Brunnenstraße, dass ich dort zu eben jenem Zeitpunkt die einzige einzige einzige war, die erstens, die Seeds erkannt hat und die, zweitens, weiß, wer Sky Saxon ist, und, na ja, irgendwann musste ich dann auch mal gehen.

Als ich meine Jacke angezogen hatte, habe ich mich zum Diederichsen gewandt, ans DJ-Pult, und er hat sogleich aufgeschaut, und ich habe ihm nicht gesagt, dass das Julie Driscoll & Brian Auger waren, und ich habe ihm nicht gesagt, dass er No escape gespielt hat statt Pushin’ too hard, ich habe bloß gesagt: “Schöne Musik.” Und da hat der Diederichsen gelächelt und ich glaube, er hat sich gefreut, denn ein DJ, der braucht so was, dem gefällt so was, dann weiß er, dass er einen okay-en Job gemacht hat, und dieser Typ da am Plattenteller hat einen okay-en Job gemacht an jenem Abend, mit seiner Nice Price-Platte und so weiter, und niemand hatte sein respektive ihr Ding dazu geschüttelt, außer mir, und warum soll man das nicht einfach sagen, dass jemand einen okay-en Job gemacht hat, warum soll man nicht freundlich zu den Menschen sein, ich glaube, das ist wahre Größe, und so bin ich dann zur S-Bahn gelaufen, mittwochnachts in Berlin-Mitte, und habe beschlossen, dass ich nie mehr über mich selbst schreiben will. Wenn überhaupt, dann nur noch über Diedrich Diederichsen, wie alle anderen auch, wie, Gott verdammt noch mal, alle anderen auch.

Mädchen in Jugendkulturen – eine Buchbesprechung

Krasse Töchter

Erschienen 2008 in EMMA

Jugendkultur ist immer noch Jungskultur – aber die „Krassen Töchter“ mischen mit. Ihre härtesten Gegnerinnen sind die „blöden Tussen”, die „Freundin von” oder das „Groupie”.

Die Mädchen schwenken ihre Handtaschen, sind adrett und aufwändig frisiert, haben sich vielleicht in eine Korsage gezwängt und tippeln in Netzstrumpfhosen und putzigem Schuhwerk umher; die Jungs tragen Tolle und Koteletten, Lederjacken oder aufgerollte Hemdsärmel, die den Blick frei geben auf ihre tätowierten Arme; in der Musik geht es um Scotch, Bourbon, Bier, heiße Öfen, geladene Knarren und sexy Pussys, und auf den Flyern für einschlägige 50er-Jahre-Partys räkelt sich auffallend häufig Betty Page, das berühmteste Pin-up-Girl aller Zeiten. In kaum einer anderen Jugendkultur darf der Mann so symbolträchtig „Mann“ sein und die Frau so eindeutig „Frau“ wie in der Rockabilly-Szene. Ironisch gebrochen? Irgendwie schon. Aber eben doch nur „irgendwie“.

„Die Jungs sind die Coolen, die am Tresen stehen und trinken. Die Frauen tanzen und tratschen viel.“ So beschreibt die 30jährige Peggy die Rollenverteilung in der Szene. Sie bezeichnet sich als Rockabella, wie sich die anspruchsvolleren Anhängerinnen dieser traditionellen Jugendkultur selbst nennen. Es ist eine Szene, die sich, wenigstens ästhetisch, an der moralinsauren Adenauer-Ära orientiert, oder, wie Insider-Autorin Susanne El-Nawab es nennt, an einer „Gemütlichkeit, die zwischen Rebellen- und Spießertum pendelt.“

Gut ein Dutzend solcher jugendkultureller Biotope nimmt der Band „Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen“ unter die Lupe, der soeben im Verlag des Berliner Archivs der Jugendkulturen erschienen ist. Auf rund 300 Seiten hat Herausgeberin Gabriele Rohmann Aufsätze, Interviews und Insiderinnenberichte gesammelt, beleuchtet werden die verschiedensten Szenen: von den wertkonservativen Retro-Kulturen der Rockabillys und Skinheads über die Sprayer-Gangs aus dem Graffiti-Kosmos bis zum martialischen Black Metal-Geheul. Weibliche Fußballfans kommen ebenso zu Wort wie Anhängerinnen des verspielten Visual Kei, einer Fantasy-Verkleidungsmode aus Japan, die derzeit über das Internet weltweit Verbreitung findet und sich, von einer Außenstehenden betrachtet, am ehesten mit dem Attribut „niedlich“ belegen ließe.

Im Mittelpunkt der Krassen Töchter stehen, der Name lässt es vermuten, Mädchen und junge Frauen, die sich aktiv in ihre jeweils präferierte Pop-(Sub-)-Kultur einmischen und sich als versierter Fan, DJ, Musikerin oder Party-Organisatorin einen gewissen Geltungsrang erobert haben. Sie sind, im Vergleich zu den Jungs, in der Minderheit. Ein Fazit der Lektüre lautet: Jugendkultur ist noch immer überwiegend Jungs-Kultur. Dies aufzuzeigen ist kein Manko des Buches, sondern eine seiner Leistungen. Denn die Vielfalt der Szene-Berichte bietet einen aufschlussreichen Spiegel für das Rollenverhalten unter postmodernen oder auch „postfeministisch“ genannten Bedingungen. Beleuchtet werden Strategien, mit denen junge Frauen heute versuchen, sich in einer männlich geprägten Umwelt zu behaupten – hier, in der Freizeit, zwar tendenziell spielerisch, aber keineswegs harmlos.

Als Proto-Gemeinschaften bezeichnet der britische Jugendkultur-Theoretiker Paul Willis die unterschiedlichen Jugend-Stile. In ihnen spiegele sich die Art, wie „Macht, Klassen und ökonomische Interessen“ wahrgenommen würden (1990). Von Selbst-Fashioning-Strategien spricht die Kölner Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele: Insbesondere den weiblichen Jugendlichen gehe es darum, innerhalb ihrer Bezugsgruppe nicht negativ aufzufallen, es gebe „Statusängste und die Angst vor Isolation“ (2003). Heike Jens wiederum beschrieb 2005 eine gewisse E-bay-Kompetenz, ein spezielles Stil-Fachwissen als unabdingbare Voraussetzung, um in bestimmten subkulturellen Jugendszenen überhaupt mitspielen zu dürfen und anerkannt zu werden. Der viel zitierte „eigene Stil“, den die Protagonistinnen der Jugendkulturen zu entwickeln versuchen, erscheint in diesem Zusammenhang als gezielte und nicht ganz risikolose Individualisierungsstrategie.

Fast jede der zitierten Krassen Töchter reklamiert einen solchen „eigenen Stil“ für sich – während sie sich andererseits doch mit allerlei tradierten Macht- und Geltungsregeln in ihrer jeweiligen Szene arrangiert. Die Mädchen übernehmen, oft kaum gebrochen, die männlichen Vorgaben ihres jeweiligen peer group-Umfelds – „Fachkompetenz“ (Insider-Wissen über Musik oder Fußballtabellen), „Leistung“ (gut Gitarre spielen, viel Alkohol vertragen können), Technikverstand (am DJ-Pult, mit der Sprühdose oder beim Reparieren des Vespa-Rollers) – und versuchen, „ihr eigenes Ding“ daraus zu machen.

Oft begreift sich eine Krasse Tochter als Einzelkämpferin, als Sonderfall, was sie in der Regel meist auch ist, und was wiederum zu ihrem Status innerhalb der Szene beizutragen scheint. „Ich bin die Vorzeige-Sprayerin“, sagt etwa eine junge Graffiti-Künstlerin über sich selbst. Diese Art der Selbstironie zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch, sie wird mal amüsiert, mal eher enttäuscht vorgebracht. Je nach Szene schwankt der Frauenanteil zwischen zehn Prozent – etwa im Hard Core-Segment, wo Brachial-Gitarren und violent dancing (gewaltsames Tanzen) zum guten Ton gehören – bis zu sechzig Prozent, wie in der Gothic-Szene, in der selbst ernannte Hexen schwarze Samtumhänge tragen. Diese Zahlen sagen aber noch nichts über die Teilhabe der Mädchen aus, nichts über Ausmaß und Einfluss ihrer Szene-Aktivitäten. Anders ausgedrückt: 40 Jahre nach den ersten Girl Groups, 30 Jahre nach Pattie Smith, 20 Jahre nach Madonna und zehn Jahre nach den Rrrriot Grrlz ist der DJ im Regelfall noch immer ein Mann.

Rapperin Pyranja hat als eine von sehr wenigen Frauen im einheimischen HipHop etwas „zu melden“, als Musikerin und Produzentin. Sie spricht ganz nüchtern über die Rahmenbedingungen ihrer Szene: „Die Ästhetik von Rap stützt sich auf eine urbane, individualistische und maskuline Identität. HipHop gestaltet sich nach einem patriarchalischen Konzept von Männlichkeit.“ Das klingt souverän und so durchanalysiert, als stünde sie selbst weit über all dem. Augenscheinlich tut sie das auch: Pyranja hat drei HipHop-Alben herausgebracht, gründete mit Mitte 20 ihr eigenes Plattenlabel, moderiert eine Radio-Sendung und hat es in ihrer Szene unzweifelhaft „geschafft“.

Als „Alpha-Mädchen“ hat der Spiegel unlängst junge, erfolgreiche Frauen bezeichnet, die sich in traditionell männlichen Berufsfeldern wie Schifffahrt oder Mathematik durchgesetzt haben. Ähnlich gehen auch die Krassen Töchter vor: Sie legen eine unwiderstehliche Mischung aus Anpassung und Eigenwillen, Tapferkeit und individueller Begabung an den Tag. Sie wollen nicht nur appetitliches Beiwerk sein, kapieren schnell die Spielregeln, nutzen sie für sich und finden irgendwann dann auch Anerkennung, als selbst bestimmte Produzentinnen, Stylistinnen, Tonangeberinnen.

Die gute Nachricht der Krassen Töchter lautet also: Gut aussehen alleine zählt für diese jungen Frauen nicht. Nur wer etwas kann, gilt etwas in der Jugendkultur. Konkurrenz, Geltungsdrang und Wettbewerb sind das Öl im adoleszenten Gruppengetriebe. Das Dilemma: Wer die Codes nicht kennt, keinen Zugang zum Insider-Wissen hat oder sich von der persönlichen Veranlagung her nicht für das harte Auswahlverfahren eignet, hat kaum eine Chance, ernst genommen zu werden. Dies gilt insbesondere für Mädchen, die als hübsche Dekoration am Rand der Tanzfläche stehen. Sie haben keinerlei Nachsicht oder gar Mitleid zu erwarten, schon gar nicht von den arrivierteren Szene-Frauen. Der leidige Begriff des „Zickenkriegs“ taucht in mehreren Kapiteln auf.

Kulturwissenschaftlerin Gaugele meint: „Eine neue Generation von Mädchen (greift) zu Werkzeugen, die bislang für die Konstruktion von Männlichkeit reserviert waren und bearbeitet mittels Übertreibung, Spiegelung, Wut und Ironie den Stoff, aus dem sexistische und misogyne Träume sind“ (2003). Sexismus ist bekanntermaßen ein probates Mittel, andere klein zu reden und auszuschalten, und nicht selten sind es die jungen Frauen selbst, die dies subtil, aber nicht minder wirksam betreiben. Im Kapitel Mädchen im Hardcore schreibt Marion Schulze mit Verweis auf die britische Autorin Lauraine Leblanc, dass im Punk die „etablierten Mädchen“ andere, neu hinzukommende Mädchen absichtlich stigmatisierten, um „Konkurrenz“ zu vermeiden. Ziel sei es, die herrschenden „normativen Standards“ zu sichern – und damit auch die eigene Position als „Eine der Wenigen“.

Die 24jährige Rockabella Klara beschreibt dieses Ausschlussverfahren so: „Wenn ein neues Mädchen in die Szene kommt, wird es von den anderen Mädchen erst mal begutachet. Wenn es sich aber doch länger in der Szene hält oder sich mit den Jungs gut versteht (…) dann (werden) die Frauen doch plötzlich zugänglich und (möchten) auch mit der Person befreundet sein. Weil die dann plötzlich doch dazugehört und alle, die dazugehören, möchte man kennen, damit man mitreden kann.“

Mitreden können und dazugehören – die klassischen Regeln des Boys Clubs. Erst wenn die Jungs genickt haben, wird das Mädchen akzeptiert. Zur Not wird auch unverhohlener Sexismus von Angesicht zu Angesicht hingenommen, um zur coolen Clique zu gehören: „Klar habe ich schon Schimpfwörter wie Fotze gehört“, wird eine namenlose Fußballanhängerin zitiert, „aber ich habe es nicht auf mich bezogen.“ Skinhead-Girl Anna meint, die frauenfeindlichen Sprüche ihrer Kumpels richteten sich nur gegen „so blöde Tussen“, nicht aber gegen sie persönlich.

Ein sicheres Todesurteil ist es, nur „die Freundin von“ jemandem zu sein, ohne über eigenes Insider-Wissen zu verfügen. Das „Groupie“ ist das Feindbild, auf das sich alle Krassen Töchter einigen können, gleich welcher Jugendkultur sie anhängen, und es wird mit den unterschiedlichsten Schimpfwörtern belegt: „Mitbringsel“ oder „Anhängsel“ heißt es bei den Gothics oder Metal-Fans, „Schlampe“ oder „Bitch“ im HipHop, „Matratze“, „Puttchen“ oder Fickhenne“ bei den Skinheads und Rockabillys. Anders als in der Erwachsenenwelt, in der das Konkurrenzgebaren von Frauen untereinander wenigstens durch Ideen wie Solidarität und Nachsicht mit der Schwächeren abgefedert sein mag, ist in den Jugendkulturen die Verachtung für diejenige, die es einfach (noch?) nicht kapiert hat, offenbar.

Was die „Krassen Töchter“ so interessant macht, sind ihre Strategien zur Teilhabe an der Macht. Autorin Barbara Stauber spricht von Formen der Selbst-Organisation in einer unübersichtlichen Lebensphase und Umwelt und beschreibt die szenetypischen Maskeraden, Bewegungs-, Kleidungs- und Sprachstile als Doing Gender, als Versuch, „neue Formen der Selbstrepräsentation auzuprobieren“. Die jungen Frauen handeln teils affirmativ, teils subversiv, sie adaptieren die männlich geprägten Geltungscodes, Rituale und Spielregeln, folgen ihnen teils blind, deuten sie andererseits aber neu für sich um. Manche negieren schlicht den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen in der Szene, andere nehmen ihn hin, wieder andere wollen nichts davon hören. Ausgerechnet in einer der härtesten Fan-Szenen, im Fußball-Fanblock, grenzen sich die Frauen oft massiv von allem ab, was im Verdacht steht, „feministisch“ zu sein. So heißt es etwa aus den Reihen des Nürnberger Kickerfanclubs Red-Black Crazy Gilrs: „Uns ist es wichtig, als normale Fußballfans wahrgenommen zu werden. (…) Wir benehmen uns normal. (…) Wir sind da jetzt nicht so, das wir plötzlich einen Lesbenklub aufmachen.“

Eine Krasse Tochter erlebt zahlreiche Parallelitäten und macht schizophrene Erfahrungen – wie etwa die Anerkennung für die eigene popkulturelle Leistung bei gleichzeitigem, sexistisch ausformuliertem Ausschluss anderer Mädchen. Sie bewegt sich in einem Sowohl-als-auch und handelt oft selbst recht widersprüchlich. Sie sucht sich ihre Verbündeten oft und zuerst bei den bereits etablierten Männern. Sie ist gewissermaßen das Alpha-Mädchen vor dem Eintritt in die Arbeitswelt.

Die Texte in „Krasse Töchter“ sind von ganz unterschiedlicher Natur und Qualität. Manche Aufsätze gehen merklich naiv und etwas unbeholfen ans Thema heran und verlassen die Fan-Position nicht. Andere, wie das Kapitel Fetisch-Lolitas oder junge Hexen? über Frauen in der Gothic-Szene (Dunja Brill), verbinden die Feldforschung mit einschlägigen Gender-Theorien und decken frappierende Widersprüche auf, Widersprüche zwischen Frauen- und Männer- Bildern, zwischen hetero-, homo- und bisexuellen Konnotationen, zwischen Szene-Elite und Fußvolk. So spricht etwa die Gothic-Protagonistin Lady Leather, die bevorzugt SM-Fetisch-Kleidung trägt, selbstbewusst von der Macht, die sie aus ihrem hyper-femininen Styling bezieht: „Wenn ich ausgehe und ich trage Latex und glänzende Stiefel, fühle ich mich ziemlich machtvoll, und es gibt mir ein gutes Gefühl mir selbst gegenüber. Außerdem mag ich die Aufmerksamkeit, die es auf mich zieht.“ Weniger exhibitionistisch veranlagte Mädchen haben in dieser Szene, in der auch Jungs sich schminken und Röcke tragen, jedoch weitaus schlechtere Karten. Sie stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Frauen, sondern auch zu Männern. Gothic-Fan Luciani sagt: „Ich bin so neidisch auf Typen. Ein Mann, der ein bisschen Lidschatten und ein Kleid trägt, macht so viel mehr Eindruck als alles, was Frauen im Traum einfällt, um sich herauszuputzen.“

Auch wenn sie sich persönlich nicht als „Role Model“ begreifen wollen und viele den Begriff „Feminismus“ nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden – die Mehrzahl der zitierten Krassen Töchter ist sich ihrer Vorreiterinnenrolle und der ungleichen Machtverteilung doch bewusst. Auf die Frage, ob sie sich selbst als Vorbild für andere Mädchen sehe, antwortet Breakdancerin Monika vorsichtig: „Ich denke, dass jeder, der sich für irgendwas begeistert, engagiert und dadurch selbst herausfordert, andere motivieren kann.“

Um keines der zitierten Mädchen muss man sich Sorgen machen, so scheint es, sie alle haben sich einen egozentrischen Pragmatismus zugelegt und augenscheinlich keine Angst vor den Jungs. Und fast alle träumen davon, dass die Frage nach ihrem biologischen Geschlecht einfach keine Rolle (mehr) spielt, oder, wie Graffiti-Sprayerin „Sonne“ es ausdrückt: „Dass auch irgendwie Respekt kommt von anderen fürs Bild, also jetzt nicht dafür, weil man ein Mädchen ist, die das macht, sondern fürs Bild.“’