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Katja Kullmann


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  • Apropos: EMMA


    Botox a go-go

    December 28th, 2009 — 2:45am

    Erschienen in EMMA, 2008

    Brazil Plastic Surgery QueenPo-Backen aus Plastik, Botox im Abo, Beine brechen in Russland. Katja Kullmann hat sich in der Beauty-Branche umgesehen und stellt fest: Nie war so viel Selbst-Ekel wie heute.

    Berlin, Frühling 2008: Die Sonne scheint, die Frisur sitzt. Und die Brüste – sitzen die auch? Hüpfen sie beim Gehen sportlich wie Cheerleader-Pompons auf und ab – oder baumeln sie doch eher schlapp unter dem formlosen T-Shirt? Was ist mit den Augenlidern? Schlupfen die etwa? Sind die Pobacken stramm, die Hüften schmal, die Oberschenkel fest genug? Ein flüchtiger Blick auf das eigene Spiegelbild in einem Sonnen beschienenen Schaufenster – und die bange Frage: “Will ich so bleiben wie ich bin?”

    “Botox to go”, schreit es den Passanten in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms entgegen. Der Werbeslogan klebt in übergroßen Lettern an der Schaufensterfront eines Hightech-Kosmetiksalons. Zwischen Designer-Boutiquen und einer Filiale der Parfümerie Douglas, unweit des Salons von Prominenten-Friseur Udo Walz, bietet der Oberflächen-Dienstleister “Shape & Beauty” (zu Deutsch: “Form und Schönheit”) die Giftspritze im Vorbeigehen an. Sogar ein Botox- Abonnement ist zu haben: “Unsere Flatrate gegen Falten” verspricht ein Jahr lang die Behandlung mit dem Botox-Präparat Vistabel, “so oft Sie wollen”, und das für sagenhaft günstige 600 Euro.

    Rund fünf Jahre nachdem das Nervengift in Deutschland auf den Markt kam, wird es nun also wie ein Latte Macchiato im take away-Service angeboten, quasi für die kleine Pause vom Shoppingbummel, zwischen Pumps-Anprobe und Handtaschen-Vergleich. Brancheninternen Schätzungen zufolge wird bundesweit rund 15.000 Mal im Jahr Botox gespritzt. Der Shape & Beauty-Shop ist eine publikumsnahe Filiale der Potsdamer Privatklinik Sanssouci, als beratender Experte fungiert der medienbekannte Arzt Dr. Michael Krüger. Auch Laserbehandlungen und andere unblutige, so genannte minimal-invasive Eingriffe sind bei Shape&Beauty buchbar. Und wenn die frisch aufgepumpten Schlauchbootlippen später den Latte-Genuss in einer der umliegenden Kaffeebars behindern, muss der Milchschaum eben durch einen Strohhalm geschlürft werden.

    Zugegeben, der Witz über die Schlauchbootlippen ist nicht mehr taufrisch, könnte mal ein Lifting vertragen, auch wenn er doch immer wieder zieht. Zwei Sommer ist es her, dass Chiara Ohoven, die Tochter von Unesco-Botschafterin Ute Ohoven, mit ihrem ästhetischen Faux-pas durch die Boulevardpresse geisterte. Von einem Fernsehteam auf ihren markant angeschwollenen Labialbereich angesprochen, antwortete die ewig Um-die-20-Jährige, sie habe da nichts machen lassen – nur die Haare etwas aufgehellt, und der neue Haarton wirke sich auch auf ihren Gesichtausdruck aus. Armes Blondie. Ein Leben lang wird Chiara O. das Mädchen mit der dicken Lippe bleiben, gleich welche Charity-Leistungen sie noch erbringen mag. Eindringlich hat sich mit ihr das Zerrbild künstlicher Körper-Gestaltung ins öffentliche Bewusstsein eingegraben, als Karikatur einer verzweifelt überhöhten F***-mich-Ästhetik.

    Und doch ist die Sache mittlerweile nicht mehr gar so witzig, und längst kein reines Prominentenproblem mehr. In Deutschland geht die Angst um, und sie nimmt stetig zu. Angst, dem Standard nicht zu entsprechen, dem Image-Druck nicht zu genügen. Ein Rechercheblick über die aktuelle Markt- und Meinungslage zum Thema “Beauty” führt unweigerlich zum Eindruck: So viel Selbsthass war nie. Die Zahl so genannter Schönheits-Operationen hat sich binnen der vergangenen zehn Jahre beinahe verfünffacht. Zählte die Branche Mitte der Neunziger Jahre noch rund 150.000 “Beauty”-relevante Eingriffe jährlich, so wird mittlerweile rund 700.000 Mal im Jahr geschnippelt, geraspelt, gehobelt, gesaugt und wieder zugenäht.

    Etwa eine Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für Eingriffe und Behandlungen aus, die über das gewöhnliche Mimikry mit Schminke und Haarspray hinausgehen, heißt es in der ersten umfassenden staatlichen zum Thema, die das Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft vorgelegt hat. Als typische Berufsgruppen weiblicher Patientinnen werden etwa “Verkäuferin”, “Regierungsbeamtin” und “Psychologin” genannt, bei den Männern “Journalist”, “Elektriker” und “Versicherungskaufmann”. Es zeigt sich: Der Selbst-Ekel zieht sich, unabhängig von Einkommen und Bildung, durch alle Schichten.

    Eine Beauty-Studie, ausgerechnet aus dem Landwirtschaftsressort? Die Quelle mag verwundern, verweist aber anschaulich auf die rechtliche Grauzone, in der sich die Schönheits-Chirurgie noch immer bewegt. Trotz massiv steigender Kundenzahlen ist bislang weitgehend ungeklärt, ob die Behandelten als Patientinnen oder Verbraucherinnen zu sehen sind, ob es sich um medizinische oder rein kosmetische Dienstleistungen handelt. Spätestens bei Behandlungsfehlern ist dies von Bedeutung, es kommt darauf an, wer für Schäden an Leib und Leben haftet, nach welchen Maßgaben und in welchem Umfang. Ist ein Patientenanwalt der richtige Ansprechpartner? Oder doch eher die Stiftung Warentest? Besonders gefährlich ist die Absaugung von Körperfett, die so genannte Liposuktion. Internationalen Studien zufolge kommen zwei bis 20 Todesfälle auf je 100.000 Fettabsaugungen. In einer Entscheidung des Berliner Kammergerichts aus dem Jahr 2007 heißt es, dass “der Begriff ‘plastischästhetische Chirurgie’ zwar zu dem gewerblichen Bereich bloßer Schönheitschirurgie tendiert”, dass aber “eine Abgrenzung zur medizinisch indizierten ‘Wiederherstellungschirurgie’ nicht hinreichend deutlich” wird. Anders ausgedrückt: Der Titel “Schönheitschirurg” ist nicht geschützt, auch Zahnärzte können per Wochenend-Fortbildung zum Fett-Absauger oder Nasenhöckerzertrümmerer werden.

    Eine Handvoll Vereinigungen und Gesellschaften nehmen für sich in Anspruch, im Namen ihrer Zunft zu sprechen, etwa die Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen (DGPRÄC) und die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Fast ebenso viel Publicity erfährt aber auch der umstrittene Deutsche Ärzte Service (DÄS), der im Internet brachial mit Dumping-Preisen wirbt: Dank Mengenrabatten beim Einkauf von Implantaten seien Brustvergrößerungen zum halben Tarif möglich, kosteten statt der üblichen rund 6000 nur knapp 3000 Euro, heißt es da. Die konkurrierenden Chirurgen-Verbände beklagen hier eine “Aldisierung” des Marktes und haben, nach Angaben aus dem Bundesamt für Verbraucherfragen, die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs eingeschaltet. Für die Kundin ergibt sich aus all dem ein einziges Wirrwarr. An welches Gütesiegel soll sie sich halten? Im Zweifelsfall soll es natürlich auch günstig sein.

    “Ich habe schon einige Jahre über die Veränderung meines Körpers durch einen chirurgischen Eingriff nachgedacht und war auch fest entschlossen dieses zu tun, wenn ich einmal das Geld dafür habe. Sogar mein Verlobter wollte in absehbarer Zeit einen Kredit aufnehmen um mir solch eine Veränderung zu ermöglichen”, schreibt Patientin Felicitas D. an die private Schönheits-Klinik Dr. Kozlowski in München. Auf der Klinik-Homepage sind gut ein Dutzend solcher Dankesschreiben an Kozlowski nachzulesen, der in der märchenhaft klingenden Frau-Holle-Straße operiert, und der Herr Doktor kommentiert die Begeisterung seiner Schäfchen mit den warmen Worten: “Viele, viele Hunderte von Dankschreiben bereichern das Leben eines jeden Chirurgen.”

    Damit auch das weniger gut verdienende Schäfchen sich einen solchen Service erlauben kann, ist inzwischen ein ganzer Sekundärmarkt an Finanzdienstleistern entstanden – Kreditinstitute, die sich auf die Vergabe von Schönheits-Vorschüssen spezialisiert haben. Im Fachblatt “Beauty News” lesen sich einschlägige Werbeanzeigen etwa so: “Wir machen Schönheit bezahlbar. (Mit uns) können Sie jede Behandlung schon ab 99 / mtl. finanzieren. Bei einer Laufzeit von 72 Monaten, einem eff. Jahreszins von 9,9% und Behandlungskosten von ca. 5900 Euro.”

    Mitten in das Haftungs- und Finanzierungs-Wirrwarr hinein hat die Regierungskoalition aus SPD und CDU unlängst einen Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht, nach dem Schönheits-Operationen zumindest an Minderjährigen verboten werden sollen. “Wir möchten Jugendliche auch vor dem Gruppendruck schützen”, sagte Gesundheitssekretärin Marion Caspers-Merck (SPD). Der Kinder- und Jugendärzteverband (BVKJ) schloss sogleich die Forderung an, auch Piercings und Tätowierungen bei Jugendlichen zu verbieten, während die beiden einflussreichsten Chirurgen-Verbände darauf hinwiesen, dass Eingriffe bei Jugendlichen in “verschwindend geringer” Fallzahl aufträten. Je nach Schätzung, auch aus der Bundesbehörde, machen Minderjährige tatsächlich höchstens zehn Prozent der Behandelten aus, zudem handelt es sich bei den meisten Eingriffen lediglich um das Anlegen abstehender Ohren, was, wegen des anerkannten psychischen Leidensdrucks, überwiegend medizinisch indiziert ist. In der Studie des Bundesverbraucheramts heißt es explizit: “Es ist kein Trend zu einer sich ausweitenden Inanspruchnahme von ästhetischen Operationen bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu erkennen.”

    So ist der Gesetzesentwurf der Regierungsfraktionen vor allem als ethisch-moralischer Vorstoß zu werten – und die Fokussierung auf Jugendliche als (potenzielle) Opfer ist dabei besonders medienwirksam. Immerhin hat eine Repräsentativerhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2006 ergeben, dass fast zehn Prozent der Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren der Aussage zustimmen: “Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich eine Schönheitsoperation machen lassen.” Der aktuelle Gesetzesvorstoß bezieht sich unter anderem auf ebendiese Zahl, überhöht zwar die Faktenlage, verweist aber markant auf ein gesellschaftliches Dilemma, das weit tiefer liegt als die Risiken, die vom Skalpell als solchem ausgehen: Die Standardisierung des Menschen schreitet voran, trotz allen Individualisierungs-Gefasels der spätkapitalistischen Optimierungs-Gesellschaft, und so wie, nach einschlägigem Politik-Jargon, “die Lebensrisiken privatisiert” werden, so nimmt auch die Entfremdung von aller authentischer Körperlichkeit zu. Rund 17 Prozent der Befragten zeigten bedenkliche Tendenzen zu einer psychologisch auffälligen Körperbildstörung, Tendenz steigend, heißt es in der Bundesstudie. Die Menschen sind traurig und verwirrt, und die Entwicklung zum Baukasten-Body ist offenbar längst nicht mehr aufzuhalten.

    Frauen, es dürfte kaum jemanden verwundern, stehen im Zentrum dieses Sogs. Was den Schönheitsdruck angeht, gilt noch ganz die klassische Geschlechterverteilung. Der Männeranteil liege konstant bei lediglich rund zwölf Prozent. Die auffälligste, weil eifrigste Patientinnengruppe sind demnach Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, und der am häufigsten nachgefragte Eingriff bleibt die Brustvergrößerung. Da Brust-Implantate höchstens 15 Jahre lang halten, was sie versprechen, müssten diese Frauen über kurz oder lang zur Nachbehandlung antreten und begännen somit eine absehbare lebenslange “Operationskarriere”, heißt es. Andere Quellen verzeichnen eine zunehmende Beliebtheit von Po-Aufpolsterungen mit Plastikkissen sowie eine erhöhte Nachfrage an – man möchte es sich nicht näher vorstellen – so genannter Schamlippenstraffung.

    Notfalls lässt man sich kostengünstig im Ausland behandeln. Der Beauty-Tourismus ist, neben dem Beauty-Kreditwesen, der am meisten florierende Sekundärmarkt der Branche, und der neueste Trend in diesem Segment heißt: Beine brechen lassen in Russland. Im sibirischen Kurgan zertrümmern Experten jährlich Hunderten junger Russinnen die Beine, auf dass die Unterschenkel verlängert wieder zusammenwachsen und die Kundin nachher bis zu fünfzehn Zentimeter größer ist als vorher. Seit der Öffnung Russlands steigt auch die Zahl westlicher Patientinnen, und mehrere deutsche Medien haben bereits mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken über die “Beine aus Kurgan” berichtet.

    Entwickelt wurde die martialische Methode vor einem halben Jahrhundert vom sibirischen Orthopäden Gavril Ilizarov. Demnach wird nach dem Beinbruch eine Metallkonstruktion aus Drähten, Schrauben und Schienen um die geschundene Extremität geschnallt. Dies soll verhindern, dass sich der Knochenspalt zu schnell schließt, so dass der Körper neue Knochenmasse produziert, die die entstandene, über Monate absichtlich immer wieder vergrößerte Lücke ausfüllt, auf dass die Patientin möglichst zur Modelhöhe aufschießt. Etwa 200 Tage Schmerzen seien, neben mehreren tausend Dollar, der Preis für diesen Eingriff, sagen die russischen Doktoren. Wer glaubt, dass solch ein mittelalterlich anmutender Horror nur im eiskalten Sibirien möglich ist, der irrt. Mittlerweile bietet auch das Zentrum für korrigierende und rekonstruktive Extremitäten-Chirurgie in München gebrochene Haxen auf freiwilliger Basis an. Rund 100.000 Euro schlügen für einen solchen Eingriff zu Buche, gab der ausführende Professor Dr. Rainer Baumgart dem STERN zu Protokoll. Bislang seien es aber nur “sehr wenige” der jährlich rund 100 Münchner Patienten, die sich ihre Beine aus rein kosmetischen Zwecken zertrümmern ließen.

    Von der künstlichen “Erzeugung von Bedürfnissen, Erwartungen und Nichtbefriedigungen” in der Schönheitsindustrie sprach der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) vorausschauend schon vor zwanzig Jahren. “Verkäufer von Diäterzeugnissen, Ärzte und Ernährungswissenschaftler, die kraft wissenschaftlicher Autorität ihre Definition von Normalität durchsetzen, Couturiers, die den unmöglichen Körpermaßen von Mannequins die Weihe des guten Geschmacks verleihen, Werbefachleute, die in den neuen Formen des Umgangs mit dem Körper Gelegenheit zu mannigfachen Ermahnungen sehen (’kontrollieren sie ihr Gewicht!’, etc.), Journalisten, die in einschlägigen Frauenzeitschriften und Magazinen für Jungmanager ihre eigene Lebensform exponieren und zur Geltung bringen“ – sie alle trügen dazu bei, “neue Formen des Umgangs mit dem Körper zur Norm zu erheben.” Der TV-erprobte Schönheits-Chirurg Dr. Afschim Fatemi und seine Kollegen von den S-Thetic-Kliniken in Düsseldorf, Hamburg, Unna und München, veranstalten auf der dazugehörigen Webseite ganz unverhohlen ein Patientinnen-Casting: “Bei uns bietet sich Ihnen die Möglichkeit in einer Magazin- oder Reportagesendung über Ihre Beweggründe zu einer Schönheitsoperation zu sprechen. (Es) werden immer wieder Patienten gesucht, die bereit sind, ihre OP von einem Kamerateam begleiten zulassen.”

    Auch der amerikanische Stylist Bruce Darnell, bekannt als Jury-Mitglied aus der Casting-Show “Germanys Next Top Model”, ist ein Vertreter der sich selbst generierenden Lifestyle-Zunft. In diesem Frühjahr verhalf Darnell in seiner Typ-Beratungs-Sendung “Bruce” im ARD-Vorabendprogramm Kandidatinnen vom “Vorher” zum “Nachher”. Der Sender beschreibt das Konzept wie folgt: “Als Moderator einer eigenen Show bekommt Bruce Darnell die Gelegenheit, seine Vorstellung von Selbstbewusstsein, Ausstrahlung und Authentizität den Kandidatinnen und Kandidaten in seiner Sendung nahe zu bringen.” Bruces “Vorstellungen” treffen also auf die Durchschnittsnachbarin von nebenan, und so wird aus der unscheinbaren “Raupe” Madeleine, 30, Kurierfahrerin, flugs ein “schöner Schmetterling”, während Stefanie, 40, einige Folgen später die Metamorphose von der “Bäuerin zur Ballkönigin” druchläuft – mit fast demselben Haarschnitt, den zuvor Madeleine verpasst bekam.

    Unterdessen wagt sich auf so genannten Kennenlern-Portalen im Internet wie Facebook, Myspace, Parship kaum noch ein User mit unbearbeiteten Privatfotos in die Öffentlichkeit. “Photoshop” heißt das Zauberwort, ein Softwareprogramm, mit dem sich der Teint aufhellen, die Falten und Augenringe wegretuschieren lassen. Obwohl alle wissen, dass Fotografie heute mit “Dokumentation” praktisch nichts mehr zu tun hat, obwohl alle wissen, dass die Bilder, erst Recht in der Mode- und Werbefotografie, durchweg bearbeitet, geschönt, computerisiert sind, obwohl oder weil also jeder weiß, dass jedes Bild eine Lüge ist, kann niemand sich diesem Sog entziehen, so scheint es.

    Längst hat eine Digitalisierung der Wahrnehmung eingesetzt, unter der das reale Leben, der reale Körper nur noch als minderwertig empfunden werden kann. Im Online-Magazin Technology Review beschreibt der Schriftsteller Peter Glaser in seiner Kolumne “Verriss des Monats” ein amerikanisches Computerprogramm namens “LiftMagic”: Die Benutzerin kann ihr eigenes Konterfeit einscannen und vom Computer eine Vorschau, im Internet-Jargon “Preview” genannt, erstellen lassen, wie sie nach einem Schönheits-Eingriff aussehen könnte. “Software, Software an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?”, fragt Glaser voller Grusel sich und seine Leser.

    Derweil stellt “Tatort”-Kommissarin Maria Furtwängler in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ihrem Publikum eine ganz andere Frage: “Operieren – warum nicht?” Gerade hat die 41-Jährige einen Werbevertrag mit einem Kosmetikkonzern unterschrieben, und aus diesem Grund, und auch weil Schauspielerinnen einem besonders hohen Attraktivitätsdruck unterliegen, ist es schlicht naheliegend, wenn Furtwängler Sätze wie diesen sagt: “Wenn man Tränensäcke hat, dann finde ich das hochgradig legitim und gut.” So ist es nun mal: Die Frau hat nicht nur Tränensäcke, sondern auch einen Marktwert zu verlieren. Wie wir alle.

    Nach vorne mag man da eigentlich kaum noch schauen, nicht in eine Zukunft, in der die Tränensäcke naturgemäß tatsä¤chlich sackiger werden, die Implantate renovierungsbedürftig und in der womöglich auch die Schamlippen noch an Spannkraft verlieren. Wer den Zukunftsblick dennoch wagt, der sieht einige neue Züge im Schönheits-Terror sich abzeichnen. Eine vorsichtige Prognose könnte lauten: Skalpell ist out, Tinktur ist in. Von der Milliarde Euro, die die Bundesbüger jährlich für forcierte Schönheitsmaßnahmen ausgeben, entfallen bislang nur 30 Prozent auf so genannte Anti-Aging-Produkte, auf Kosmetika, die mit allerlei Wirkstoffen über den dekorativen oder bloß pflegenden Faktor hinausgehen. In der Studie heißt es: “noch”. Zaghaft deutet sich ein Umschwingen weg vom blutigen OP-Geschäft, hin zu schonenderen und appetitlicheren Bio- und Chemo-Tech-Verfahren an. Offenbar reagiert die Branche damit auch auf ein Image-Problem.

    Patientinnen wie die anfangs genannte Chiara O. sind Teil dieses Image-Problems. Auch Victoria Beckham und US-Schauspielerin Lindsay Lohan machen den Doktoren Sorgen. Denn: Man sieht den Damen die Bearbeitung zu deutlich an. Boulevard-Bläter wie GALA oder OK machen sich längst einen Spaß daraus, mit dem Finger -  graphisch häufig als roter Pfeil auf einem Paparazo-Foto dargestellt – auf missglückte oder übertriebene Eingriffe zu deuten. “Seht mal, wie dellenhaft der Bauch von Courtney Love geliftet wurde!”

    Spontan mag sich bei der Leserin Schadenfreude einstellen, vielleicht ein sekundenlanger Trost, dass die da oben auf nur mit Wasser kochen. Aufklärung oder gar eine Absage an die Künstlichkeit ist jedoch weder Absicht, noch Effekt solch hämischer Berichte. Letztlich bedeutet diese Art von Denunziation nichts anderes als die Bestätigung des eigentlichen Standards – und der lautet: Es muss gut gemacht sein, darf aber nicht “gemacht” aussehen.

    Und so experimentiert die Beauty-Zunft zunehmend mit neuen, vermeintlich schonenderen Materialien wie Gold, Goretex und Polymilchsäuren, Falten werden seltener weg-geliftet sondern mit Wirkstoffen wie Kollagen oder Eigenfett aufgepolstert, und besonders en vogue ist der zeit das Thermo-Lifting, bei dem Radiofrequenzen die angeknitterter Haut mit “Tiefenwärme” versorgen und dessen Wirkung sich schleichend, erst mehrere Monate nach der Behandlung zeigt. Selbst in einfachen Drogeriemäkten sind heute High-Tech-Gels mit Kaviar-Extrakten oder Hyaluronsäure zu haben, Wirkstoffe, die vor kurzem nur den Experten zur Verfügung standen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Botox für den Hausgebrauch gibt.

    Ein ästhetisches Paradoxon vollzieht sich unterdessen am Rand des gesellschaftlichen Mainstreams, in der Subkultur des Porno-Geschäfts. Immer stärker wird die Nachfrage nach verwackelten Heimaufnahmen mit Schlüssellocheffekt, am besten mit Laien-Darstellern produziert, die eben nicht aussehen wie aus dem Labor gezüchtet. Und in den einschlägigen 0190-Werbespots im Nachtprogramm von Männerkanälen wie DSF oder Eurosport machen “normale Nachbarinnen”, “erfahrene Frauen über 40″ und “geile Omas” den “willigen Studentinnen” zunehmend Konkurrenz.

    Nicht, dass darin im Grundsatz ein Fortschritt läge. Aber es scheint so, als ob beim Porno-Konsumenten, wenn wir ihn für einen Moment ausnahmsweise einmal ganz emotionslos und unvoreingenommen als forciert glotzenden Rand-Akteur der Gesellschaft betrachten, als Zeitgenosse mit stark verengtem Gesichtsfeld, als routinierten Voyeur des Fleisches, wenn wir uns einmal seinen zugespitzten Tunnelblick für einen Moment ausborgen, als ob bei diesem speziellen Typus Mitbürger eine gewisse Sattheit eingesetzt hat, eine gewaltige Langeweile – als ob er, der aufs Glotzen spezialisiert ist, “pralle Titten” und â”dicke Lippen” einfach nicht mehr sehen kann – als ob er ihnen nicht mehr glaubt.

    Eine Gesellschaft verhandelt über “Schönheit”. Leistungsdruck und Optimierungs-Glaube schwirren durch die Seelen, Fantasien von “Individualität” korrelieren mit Standardisierungs-Wahn, Moral und Denunziation gehen Hand in Hand. Frühling 2008 in Deutschland – halten wir fest: Das eigene Gesicht ist stets zu hässlich, das Höchstmaß an Unfreiheit so gut wie erreicht.

    Das Foto stammt von AP und zeigt die brasilianische Samba-Tänzerin Angela Bismarchi, die bislang 41 Schönheits-Eingriffe an sich hat vornehmen lassen.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Schönheit (1)

    Krasse Töchter

    December 28th, 2009 — 2:30am

    Erschienen 2008 in EMMA

    Jugendkultur ist immer noch Jungskultur – aber die  „Krassen Töchter“ mischen mit. Ihre härtesten Gegnerinnen sind die „blöden Tussen”, die „Freundin von” oder das „Groupie”.

    visualkeidpaDie Mädchen schwenken ihre Handtaschen, sind adrett und aufwändig frisiert, haben sich vielleicht in eine Korsage gezwängt und tippeln in Netzstrumpfhosen und putzigem Schuhwerk umher; die Jungs tragen Tolle und Koteletten, Lederjacken oder aufgerollte Hemdsärmel, die den Blick frei geben auf ihre tätowierten Arme; in der Musik geht es um Scotch, Bourbon, Bier, heiße Öfen, geladene Knarren und sexy Pussys, und auf den Flyern für einschlägige 50er-Jahre-Partys räkelt sich auffallend häufig Betty Page, das berühmteste Pin-up-Girl aller Zeiten. In kaum einer anderen Jugendkultur darf der Mann so symbolträchtig „Mann“ sein und die Frau so eindeutig „Frau“ wie in der Rockabilly-Szene. Ironisch gebrochen? Irgendwie schon. Aber eben doch nur „irgendwie“.

    „Die Jungs sind die Coolen, die am Tresen stehen und trinken. Die Frauen tanzen und tratschen viel.“ So beschreibt die 30jährige Peggy die Rollenverteilung in der Szene. Sie bezeichnet sich als Rockabella, wie sich die anspruchsvolleren Anhängerinnen dieser traditionellen Jugendkultur selbst nennen. Es ist eine Szene, die sich, wenigstens ästhetisch, an der moralinsauren Adenauer-Ära orientiert, oder, wie Insider-Autorin Susanne El-Nawab es nennt, an einer „Gemütlichkeit, die zwischen Rebellen- und Spießertum pendelt.“

    Gut ein Dutzend solcher jugendkultureller Biotope nimmt der Band „Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen“ unter die Lupe, der soeben im Verlag des Berliner Archivs der Jugendkulturen erschienen ist. Auf rund 300 Seiten hat Herausgeberin Gabriele Rohmann Aufsätze, Interviews und Insiderinnenberichte gesammelt, beleuchtet werden die verschiedensten Szenen: von den wertkonservativen Retro-Kulturen der Rockabillys und Skinheads über die Sprayer-Gangs aus dem Graffiti-Kosmos bis zum martialischen Black Metal-Geheul. Weibliche Fußballfans kommen ebenso zu Wort wie Anhängerinnen des verspielten Visual Kei, einer Fantasy-Verkleidungsmode aus Japan, die derzeit über das Internet weltweit Verbreitung findet und sich, von einer Außenstehenden betrachtet, am ehesten mit dem Attribut „niedlich“ belegen ließe.

    Im Mittelpunkt der Krassen Töchter stehen, der Name lässt es vermuten, Mädchen und junge Frauen, die sich aktiv in ihre jeweils präferierte Pop-(Sub-)-Kultur einmischen und sich als versierter Fan, DJ, Musikerin oder Party-Organisatorin einen gewissen Geltungsrang erobert haben. Sie sind, im Vergleich zu den Jungs, in der Minderheit. Ein Fazit der Lektüre lautet: Jugendkultur ist noch immer überwiegend Jungs-Kultur. Dies aufzuzeigen ist kein Manko des Buches, sondern eine seiner Leistungen. Denn die Vielfalt der Szene-Berichte bietet einen aufschlussreichen Spiegel für das Rollenverhalten unter postmodernen oder auch „postfeministisch“ genannten Bedingungen. Beleuchtet werden Strategien, mit denen junge Frauen heute versuchen, sich in einer männlich geprägten Umwelt zu behaupten – hier, in der Freizeit, zwar tendenziell spielerisch, aber keineswegs harmlos.

    Als Proto-Gemeinschaften bezeichnet der britische Jugendkultur-Theoretiker Paul Willis die unterschiedlichen Jugend-Stile. In ihnen spiegele sich die Art, wie „Macht, Klassen und ökonomische Interessen“ wahrgenommen würden (1990). Von Selbst-Fashioning-Strategien spricht die Kölner Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele: Insbesondere den weiblichen Jugendlichen gehe es darum, innerhalb ihrer Bezugsgruppe nicht negativ aufzufallen, es gebe „Statusängste und die Angst vor Isolation“ (2003). Heike Jens wiederum beschrieb 2005 eine gewisse E-bay-Kompetenz, ein spezielles Stil-Fachwissen als unabdingbare Voraussetzung, um in bestimmten subkulturellen Jugendszenen überhaupt mitspielen zu dürfen und anerkannt zu werden. Der viel zitierte „eigene Stil“, den die Protagonistinnen der Jugendkulturen zu entwickeln versuchen, erscheint in diesem Zusammenhang als gezielte und nicht ganz risikolose Individualisierungsstrategie.

    Fast jede der zitierten Krassen Töchter reklamiert einen solchen „eigenen Stil“ für sich – während sie sich andererseits doch mit allerlei tradierten Macht- und Geltungsregeln in ihrer jeweiligen Szene arrangiert. Die Mädchen übernehmen, oft kaum gebrochen, die männlichen Vorgaben ihres jeweiligen peer group-Umfelds – „Fachkompetenz“ (Insider-Wissen über Musik oder Fußballtabellen), „Leistung“ (gut Gitarre spielen, viel Alkohol vertragen können), Technikverstand (am DJ-Pult, mit der Sprühdose oder beim Reparieren des Vespa-Rollers) – und versuchen, „ihr eigenes Ding“ daraus zu machen.

    Oft begreift sich eine Krasse Tochter als Einzelkämpferin, als Sonderfall, was sie in der Regel meist auch ist, und was wiederum zu ihrem Status innerhalb der Szene beizutragen scheint. „Ich bin die Vorzeige-Sprayerin“, sagt etwa eine junge Graffiti-Künstlerin über sich selbst. Diese Art der Selbstironie zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch, sie wird mal amüsiert, mal eher enttäuscht vorgebracht. Je nach Szene schwankt der Frauenanteil zwischen zehn Prozent – etwa im Hard Core-Segment, wo Brachial-Gitarren und violent dancing (gewaltsames Tanzen) zum guten Ton gehören – bis zu sechzig Prozent, wie in der Gothic-Szene, in der selbst ernannte Hexen schwarze Samtumhänge tragen. Diese Zahlen sagen aber noch nichts über die Teilhabe der Mädchen aus, nichts über Ausmaß und Einfluss ihrer Szene-Aktivitäten. Anders ausgedrückt: 40 Jahre nach den ersten Girl Groups, 30 Jahre nach Pattie Smith, 20 Jahre nach Madonna und zehn Jahre nach den Rrrriot Grrlz ist der DJ im Regelfall noch immer ein Mann.

    Rapperin Pyranja hat als eine von sehr wenigen Frauen im einheimischen HipHop etwas „zu melden“, als Musikerin und Produzentin. Sie spricht ganz nüchtern über die Rahmenbedingungen ihrer Szene: „Die Ästhetik von Rap stützt sich auf eine urbane, individualistische und maskuline Identität. HipHop gestaltet sich nach einem patriarchalischen Konzept von Männlichkeit.“ Das klingt souverän und so durchanalysiert, als stünde sie selbst weit über all dem. Augenscheinlich tut sie das auch: Pyranja hat drei HipHop-Alben herausgebracht, gründete mit Mitte 20 ihr eigenes Plattenlabel, moderiert eine Radio-Sendung und hat es in ihrer Szene unzweifelhaft „geschafft“.

    Als „Alpha-Mädchen“ hat der Spiegel unlängst junge, erfolgreiche Frauen bezeichnet, die sich in traditionell männlichen Berufsfeldern wie Schifffahrt oder Mathematik durchgesetzt haben. Ähnlich gehen auch die Krassen Töchter vor: Sie legen eine unwiderstehliche Mischung aus Anpassung und Eigenwillen, Tapferkeit und individueller Begabung an den Tag. Sie wollen nicht nur appetitliches Beiwerk sein, kapieren schnell die Spielregeln, nutzen sie für sich und finden irgendwann dann auch Anerkennung, als selbst bestimmte Produzentinnen, Stylistinnen, Tonangeberinnen.

    Die gute Nachricht der Krassen Töchter lautet also: Gut aussehen alleine zählt für diese jungen Frauen nicht. Nur wer etwas kann, gilt etwas in der Jugendkultur. Konkurrenz, Geltungsdrang und Wettbewerb sind das Öl im adoleszenten Gruppengetriebe. Das Dilemma: Wer die Codes nicht kennt, keinen Zugang zum Insider-Wissen hat oder sich von der persönlichen Veranlagung her nicht für das harte Auswahlverfahren eignet, hat kaum eine Chance, ernst genommen zu werden. Dies gilt insbesondere für Mädchen, die als hübsche Dekoration am Rand der Tanzfläche stehen. Sie haben keinerlei Nachsicht oder gar Mitleid zu erwarten, schon gar nicht von den arrivierteren Szene-Frauen. Der leidige Begriff des „Zickenkriegs“ taucht in mehreren Kapiteln auf.

    Kulturwissenschaftlerin Gaugele meint: „Eine neue Generation von Mädchen (greift) zu Werkzeugen, die bislang für die Konstruktion von Männlichkeit reserviert waren und bearbeitet mittels Übertreibung, Spiegelung, Wut und Ironie den Stoff, aus dem sexistische und misogyne Träume sind“ (2003). Sexismus ist bekanntermaßen ein probates Mittel, andere klein zu reden und auszuschalten, und nicht selten sind es die jungen Frauen selbst, die dies subtil, aber nicht minder wirksam betreiben. Im Kapitel Mädchen im Hardcore schreibt Marion Schulze mit Verweis auf die britische Autorin Lauraine Leblanc, dass im Punk die „etablierten Mädchen“ andere, neu hinzukommende Mädchen absichtlich stigmatisierten, um „Konkurrenz“ zu vermeiden. Ziel sei es, die herrschenden „normativen Standards“ zu sichern – und damit auch die eigene Position als „Eine der Wenigen“.

    Die 24jährige Rockabella Klara beschreibt dieses Ausschlussverfahren so: „Wenn ein neues Mädchen in die Szene kommt, wird es von den anderen Mädchen erst mal begutachet. Wenn es sich aber doch länger in der Szene hält oder sich mit den Jungs gut versteht (…) dann (werden) die Frauen doch plötzlich zugänglich und (möchten) auch mit der Person befreundet sein. Weil die dann plötzlich doch dazugehört und alle, die dazugehören, möchte man kennen, damit man mitreden kann.“

    Mitreden können und dazugehören – die klassischen Regeln des Boys Clubs. Erst wenn die Jungs genickt haben, wird das Mädchen akzeptiert. Zur Not wird auch unverhohlener Sexismus von Angesicht zu Angesicht hingenommen, um zur coolen Clique zu gehören: „Klar habe ich schon Schimpfwörter wie Fotze gehört“, wird eine namenlose Fußballanhängerin zitiert, „aber ich habe es nicht auf mich bezogen.“ Skinhead-Girl Anna meint, die frauenfeindlichen Sprüche ihrer Kumpels richteten sich nur gegen „so blöde Tussen“, nicht aber gegen sie persönlich.

    Ein sicheres Todesurteil ist es, nur „die Freundin von“ jemandem zu sein, ohne über eigenes Insider-Wissen zu verfügen. Das „Groupie“ ist das Feindbild, auf das sich alle Krassen Töchter einigen können, gleich welcher Jugendkultur sie anhängen, und es wird mit den unterschiedlichsten Schimpfwörtern belegt: „Mitbringsel“ oder „Anhängsel“ heißt es bei den Gothics oder Metal-Fans, „Schlampe“ oder „Bitch“ im HipHop, „Matratze“, „Puttchen“ oder Fickhenne“ bei den Skinheads und Rockabillys. Anders als in der Erwachsenenwelt, in der das Konkurrenzgebaren von Frauen untereinander wenigstens durch Ideen wie Solidarität und Nachsicht mit der Schwächeren abgefedert sein mag, ist in den Jugendkulturen die Verachtung für diejenige, die es einfach (noch?) nicht kapiert hat, offenbar.

    Was die „Krassen Töchter“ so interessant macht, sind ihre Strategien zur Teilhabe an der Macht. Autorin Barbara Stauber spricht von Formen der Selbst-Organisation in einer unübersichtlichen Lebensphase und Umwelt und beschreibt die szenetypischen Maskeraden, Bewegungs-, Kleidungs- und Sprachstile als Doing Gender, als Versuch, „neue Formen der Selbstrepräsentation auzuprobieren“. Die jungen Frauen handeln teils affirmativ, teils subversiv, sie adaptieren die männlich geprägten Geltungscodes, Rituale und Spielregeln, folgen ihnen teils blind, deuten sie andererseits aber neu für sich um. Manche negieren schlicht den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen in der Szene, andere nehmen ihn hin, wieder andere wollen nichts davon hören. Ausgerechnet in einer der härtesten Fan-Szenen, im Fußball-Fanblock, grenzen sich die Frauen oft massiv von allem ab, was im Verdacht steht, „feministisch“ zu sein. So heißt es etwa aus den Reihen des Nürnberger Kickerfanclubs Red-Black Crazy Gilrs: „Uns ist es wichtig, als normale Fußballfans wahrgenommen zu werden. (…) Wir benehmen uns normal. (…) Wir sind da jetzt nicht so, das wir plötzlich einen Lesbenklub aufmachen.“

    Eine Krasse Tochter erlebt zahlreiche Parallelitäten und macht schizophrene Erfahrungen – wie etwa die Anerkennung für die eigene popkulturelle Leistung bei gleichzeitigem, sexistisch ausformuliertem Ausschluss anderer Mädchen. Sie bewegt sich in einem Sowohl-als-auch und handelt oft selbst recht widersprüchlich. Sie sucht sich ihre Verbündeten oft und zuerst bei den bereits etablierten Männern. Sie ist gewissermaßen das Alpha-Mädchen vor dem Eintritt in die Arbeitswelt.

    Die Texte in „Krasse Töchter“ sind von ganz unterschiedlicher Natur und Qualität. Manche Aufsätze gehen merklich naiv und etwas unbeholfen ans Thema heran und verlassen die Fan-Position nicht. Andere, wie das Kapitel Fetisch-Lolitas oder junge Hexen? über Frauen in der Gothic-Szene (Dunja Brill), verbinden die Feldforschung mit einschlägigen Gender-Theorien und decken frappierende Widersprüche auf, Widersprüche zwischen Frauen- und Männer- Bildern, zwischen hetero-, homo- und bisexuellen Konnotationen, zwischen Szene-Elite und Fußvolk. So spricht etwa die Gothic-Protagonistin Lady Leather, die bevorzugt SM-Fetisch-Kleidung trägt, selbstbewusst von der Macht, die sie aus ihrem hyper-femininen Styling bezieht: „Wenn ich ausgehe und ich trage Latex und glänzende Stiefel, fühle ich mich ziemlich machtvoll, und es gibt mir ein gutes Gefühl mir selbst gegenüber. Außerdem mag ich die Aufmerksamkeit, die es auf mich zieht.“ Weniger exhibitionistisch veranlagte Mädchen haben in dieser Szene, in der auch Jungs sich schminken und Röcke tragen, jedoch weitaus schlechtere Karten. Sie stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Frauen, sondern auch zu Männern. Gothic-Fan Luciani sagt: „Ich bin so neidisch auf Typen. Ein Mann, der ein bisschen Lidschatten und ein Kleid trägt, macht so viel mehr Eindruck als alles, was Frauen im Traum einfällt, um sich herauszuputzen.“

    Auch wenn sie sich persönlich nicht als „Role Model“ begreifen wollen und viele den Begriff „Feminismus“ nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden – die Mehrzahl der zitierten Krassen Töchter ist sich ihrer Vorreiterinnenrolle und der ungleichen Machtverteilung doch bewusst. Auf die Frage, ob sie sich selbst als Vorbild für andere Mädchen sehe, antwortet Breakdancerin Monika vorsichtig: „Ich denke, dass jeder, der sich für irgendwas begeistert, engagiert und dadurch selbst herausfordert, andere motivieren kann.“

    Um keines der zitierten Mädchen muss man sich Sorgen machen, so scheint es, sie alle haben sich einen egozentrischen Pragmatismus zugelegt und augenscheinlich keine Angst vor den Jungs. Und fast alle träumen davon, dass die Frage nach ihrem biologischen Geschlecht einfach keine Rolle (mehr) spielt, oder, wie Graffiti-Sprayerin „Sonne“ es ausdrückt: „Dass auch irgendwie Respekt kommt von anderen fürs Bild, also jetzt nicht dafür, weil man ein Mädchen ist, die das macht, sondern fürs Bild.“’

    Foto: (c) dpa

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