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Mädchen in Jugendkulturen – eine Buchbesprechung

Krasse Töchter

Erschienen 2008 in EMMA

Jugendkultur ist immer noch Jungskultur – aber die „Krassen Töchter“ mischen mit. Ihre härtesten Gegnerinnen sind die „blöden Tussen”, die „Freundin von” oder das „Groupie”.

Die Mädchen schwenken ihre Handtaschen, sind adrett und aufwändig frisiert, haben sich vielleicht in eine Korsage gezwängt und tippeln in Netzstrumpfhosen und putzigem Schuhwerk umher; die Jungs tragen Tolle und Koteletten, Lederjacken oder aufgerollte Hemdsärmel, die den Blick frei geben auf ihre tätowierten Arme; in der Musik geht es um Scotch, Bourbon, Bier, heiße Öfen, geladene Knarren und sexy Pussys, und auf den Flyern für einschlägige 50er-Jahre-Partys räkelt sich auffallend häufig Betty Page, das berühmteste Pin-up-Girl aller Zeiten. In kaum einer anderen Jugendkultur darf der Mann so symbolträchtig „Mann“ sein und die Frau so eindeutig „Frau“ wie in der Rockabilly-Szene. Ironisch gebrochen? Irgendwie schon. Aber eben doch nur „irgendwie“.

„Die Jungs sind die Coolen, die am Tresen stehen und trinken. Die Frauen tanzen und tratschen viel.“ So beschreibt die 30jährige Peggy die Rollenverteilung in der Szene. Sie bezeichnet sich als Rockabella, wie sich die anspruchsvolleren Anhängerinnen dieser traditionellen Jugendkultur selbst nennen. Es ist eine Szene, die sich, wenigstens ästhetisch, an der moralinsauren Adenauer-Ära orientiert, oder, wie Insider-Autorin Susanne El-Nawab es nennt, an einer „Gemütlichkeit, die zwischen Rebellen- und Spießertum pendelt.“

Gut ein Dutzend solcher jugendkultureller Biotope nimmt der Band „Krasse Töchter. Mädchen in Jugendkulturen“ unter die Lupe, der soeben im Verlag des Berliner Archivs der Jugendkulturen erschienen ist. Auf rund 300 Seiten hat Herausgeberin Gabriele Rohmann Aufsätze, Interviews und Insiderinnenberichte gesammelt, beleuchtet werden die verschiedensten Szenen: von den wertkonservativen Retro-Kulturen der Rockabillys und Skinheads über die Sprayer-Gangs aus dem Graffiti-Kosmos bis zum martialischen Black Metal-Geheul. Weibliche Fußballfans kommen ebenso zu Wort wie Anhängerinnen des verspielten Visual Kei, einer Fantasy-Verkleidungsmode aus Japan, die derzeit über das Internet weltweit Verbreitung findet und sich, von einer Außenstehenden betrachtet, am ehesten mit dem Attribut „niedlich“ belegen ließe.

Im Mittelpunkt der Krassen Töchter stehen, der Name lässt es vermuten, Mädchen und junge Frauen, die sich aktiv in ihre jeweils präferierte Pop-(Sub-)-Kultur einmischen und sich als versierter Fan, DJ, Musikerin oder Party-Organisatorin einen gewissen Geltungsrang erobert haben. Sie sind, im Vergleich zu den Jungs, in der Minderheit. Ein Fazit der Lektüre lautet: Jugendkultur ist noch immer überwiegend Jungs-Kultur. Dies aufzuzeigen ist kein Manko des Buches, sondern eine seiner Leistungen. Denn die Vielfalt der Szene-Berichte bietet einen aufschlussreichen Spiegel für das Rollenverhalten unter postmodernen oder auch „postfeministisch“ genannten Bedingungen. Beleuchtet werden Strategien, mit denen junge Frauen heute versuchen, sich in einer männlich geprägten Umwelt zu behaupten – hier, in der Freizeit, zwar tendenziell spielerisch, aber keineswegs harmlos.

Als Proto-Gemeinschaften bezeichnet der britische Jugendkultur-Theoretiker Paul Willis die unterschiedlichen Jugend-Stile. In ihnen spiegele sich die Art, wie „Macht, Klassen und ökonomische Interessen“ wahrgenommen würden (1990). Von Selbst-Fashioning-Strategien spricht die Kölner Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele: Insbesondere den weiblichen Jugendlichen gehe es darum, innerhalb ihrer Bezugsgruppe nicht negativ aufzufallen, es gebe „Statusängste und die Angst vor Isolation“ (2003). Heike Jens wiederum beschrieb 2005 eine gewisse E-bay-Kompetenz, ein spezielles Stil-Fachwissen als unabdingbare Voraussetzung, um in bestimmten subkulturellen Jugendszenen überhaupt mitspielen zu dürfen und anerkannt zu werden. Der viel zitierte „eigene Stil“, den die Protagonistinnen der Jugendkulturen zu entwickeln versuchen, erscheint in diesem Zusammenhang als gezielte und nicht ganz risikolose Individualisierungsstrategie.

Fast jede der zitierten Krassen Töchter reklamiert einen solchen „eigenen Stil“ für sich – während sie sich andererseits doch mit allerlei tradierten Macht- und Geltungsregeln in ihrer jeweiligen Szene arrangiert. Die Mädchen übernehmen, oft kaum gebrochen, die männlichen Vorgaben ihres jeweiligen peer group-Umfelds – „Fachkompetenz“ (Insider-Wissen über Musik oder Fußballtabellen), „Leistung“ (gut Gitarre spielen, viel Alkohol vertragen können), Technikverstand (am DJ-Pult, mit der Sprühdose oder beim Reparieren des Vespa-Rollers) – und versuchen, „ihr eigenes Ding“ daraus zu machen.

Oft begreift sich eine Krasse Tochter als Einzelkämpferin, als Sonderfall, was sie in der Regel meist auch ist, und was wiederum zu ihrem Status innerhalb der Szene beizutragen scheint. „Ich bin die Vorzeige-Sprayerin“, sagt etwa eine junge Graffiti-Künstlerin über sich selbst. Diese Art der Selbstironie zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch, sie wird mal amüsiert, mal eher enttäuscht vorgebracht. Je nach Szene schwankt der Frauenanteil zwischen zehn Prozent – etwa im Hard Core-Segment, wo Brachial-Gitarren und violent dancing (gewaltsames Tanzen) zum guten Ton gehören – bis zu sechzig Prozent, wie in der Gothic-Szene, in der selbst ernannte Hexen schwarze Samtumhänge tragen. Diese Zahlen sagen aber noch nichts über die Teilhabe der Mädchen aus, nichts über Ausmaß und Einfluss ihrer Szene-Aktivitäten. Anders ausgedrückt: 40 Jahre nach den ersten Girl Groups, 30 Jahre nach Pattie Smith, 20 Jahre nach Madonna und zehn Jahre nach den Rrrriot Grrlz ist der DJ im Regelfall noch immer ein Mann.

Rapperin Pyranja hat als eine von sehr wenigen Frauen im einheimischen HipHop etwas „zu melden“, als Musikerin und Produzentin. Sie spricht ganz nüchtern über die Rahmenbedingungen ihrer Szene: „Die Ästhetik von Rap stützt sich auf eine urbane, individualistische und maskuline Identität. HipHop gestaltet sich nach einem patriarchalischen Konzept von Männlichkeit.“ Das klingt souverän und so durchanalysiert, als stünde sie selbst weit über all dem. Augenscheinlich tut sie das auch: Pyranja hat drei HipHop-Alben herausgebracht, gründete mit Mitte 20 ihr eigenes Plattenlabel, moderiert eine Radio-Sendung und hat es in ihrer Szene unzweifelhaft „geschafft“.

Als „Alpha-Mädchen“ hat der Spiegel unlängst junge, erfolgreiche Frauen bezeichnet, die sich in traditionell männlichen Berufsfeldern wie Schifffahrt oder Mathematik durchgesetzt haben. Ähnlich gehen auch die Krassen Töchter vor: Sie legen eine unwiderstehliche Mischung aus Anpassung und Eigenwillen, Tapferkeit und individueller Begabung an den Tag. Sie wollen nicht nur appetitliches Beiwerk sein, kapieren schnell die Spielregeln, nutzen sie für sich und finden irgendwann dann auch Anerkennung, als selbst bestimmte Produzentinnen, Stylistinnen, Tonangeberinnen.

Die gute Nachricht der Krassen Töchter lautet also: Gut aussehen alleine zählt für diese jungen Frauen nicht. Nur wer etwas kann, gilt etwas in der Jugendkultur. Konkurrenz, Geltungsdrang und Wettbewerb sind das Öl im adoleszenten Gruppengetriebe. Das Dilemma: Wer die Codes nicht kennt, keinen Zugang zum Insider-Wissen hat oder sich von der persönlichen Veranlagung her nicht für das harte Auswahlverfahren eignet, hat kaum eine Chance, ernst genommen zu werden. Dies gilt insbesondere für Mädchen, die als hübsche Dekoration am Rand der Tanzfläche stehen. Sie haben keinerlei Nachsicht oder gar Mitleid zu erwarten, schon gar nicht von den arrivierteren Szene-Frauen. Der leidige Begriff des „Zickenkriegs“ taucht in mehreren Kapiteln auf.

Kulturwissenschaftlerin Gaugele meint: „Eine neue Generation von Mädchen (greift) zu Werkzeugen, die bislang für die Konstruktion von Männlichkeit reserviert waren und bearbeitet mittels Übertreibung, Spiegelung, Wut und Ironie den Stoff, aus dem sexistische und misogyne Träume sind“ (2003). Sexismus ist bekanntermaßen ein probates Mittel, andere klein zu reden und auszuschalten, und nicht selten sind es die jungen Frauen selbst, die dies subtil, aber nicht minder wirksam betreiben. Im Kapitel Mädchen im Hardcore schreibt Marion Schulze mit Verweis auf die britische Autorin Lauraine Leblanc, dass im Punk die „etablierten Mädchen“ andere, neu hinzukommende Mädchen absichtlich stigmatisierten, um „Konkurrenz“ zu vermeiden. Ziel sei es, die herrschenden „normativen Standards“ zu sichern – und damit auch die eigene Position als „Eine der Wenigen“.

Die 24jährige Rockabella Klara beschreibt dieses Ausschlussverfahren so: „Wenn ein neues Mädchen in die Szene kommt, wird es von den anderen Mädchen erst mal begutachet. Wenn es sich aber doch länger in der Szene hält oder sich mit den Jungs gut versteht (…) dann (werden) die Frauen doch plötzlich zugänglich und (möchten) auch mit der Person befreundet sein. Weil die dann plötzlich doch dazugehört und alle, die dazugehören, möchte man kennen, damit man mitreden kann.“

Mitreden können und dazugehören – die klassischen Regeln des Boys Clubs. Erst wenn die Jungs genickt haben, wird das Mädchen akzeptiert. Zur Not wird auch unverhohlener Sexismus von Angesicht zu Angesicht hingenommen, um zur coolen Clique zu gehören: „Klar habe ich schon Schimpfwörter wie Fotze gehört“, wird eine namenlose Fußballanhängerin zitiert, „aber ich habe es nicht auf mich bezogen.“ Skinhead-Girl Anna meint, die frauenfeindlichen Sprüche ihrer Kumpels richteten sich nur gegen „so blöde Tussen“, nicht aber gegen sie persönlich.

Ein sicheres Todesurteil ist es, nur „die Freundin von“ jemandem zu sein, ohne über eigenes Insider-Wissen zu verfügen. Das „Groupie“ ist das Feindbild, auf das sich alle Krassen Töchter einigen können, gleich welcher Jugendkultur sie anhängen, und es wird mit den unterschiedlichsten Schimpfwörtern belegt: „Mitbringsel“ oder „Anhängsel“ heißt es bei den Gothics oder Metal-Fans, „Schlampe“ oder „Bitch“ im HipHop, „Matratze“, „Puttchen“ oder Fickhenne“ bei den Skinheads und Rockabillys. Anders als in der Erwachsenenwelt, in der das Konkurrenzgebaren von Frauen untereinander wenigstens durch Ideen wie Solidarität und Nachsicht mit der Schwächeren abgefedert sein mag, ist in den Jugendkulturen die Verachtung für diejenige, die es einfach (noch?) nicht kapiert hat, offenbar.

Was die „Krassen Töchter“ so interessant macht, sind ihre Strategien zur Teilhabe an der Macht. Autorin Barbara Stauber spricht von Formen der Selbst-Organisation in einer unübersichtlichen Lebensphase und Umwelt und beschreibt die szenetypischen Maskeraden, Bewegungs-, Kleidungs- und Sprachstile als Doing Gender, als Versuch, „neue Formen der Selbstrepräsentation auzuprobieren“. Die jungen Frauen handeln teils affirmativ, teils subversiv, sie adaptieren die männlich geprägten Geltungscodes, Rituale und Spielregeln, folgen ihnen teils blind, deuten sie andererseits aber neu für sich um. Manche negieren schlicht den Unterschied zwischen Jungs und Mädchen in der Szene, andere nehmen ihn hin, wieder andere wollen nichts davon hören. Ausgerechnet in einer der härtesten Fan-Szenen, im Fußball-Fanblock, grenzen sich die Frauen oft massiv von allem ab, was im Verdacht steht, „feministisch“ zu sein. So heißt es etwa aus den Reihen des Nürnberger Kickerfanclubs Red-Black Crazy Gilrs: „Uns ist es wichtig, als normale Fußballfans wahrgenommen zu werden. (…) Wir benehmen uns normal. (…) Wir sind da jetzt nicht so, das wir plötzlich einen Lesbenklub aufmachen.“

Eine Krasse Tochter erlebt zahlreiche Parallelitäten und macht schizophrene Erfahrungen – wie etwa die Anerkennung für die eigene popkulturelle Leistung bei gleichzeitigem, sexistisch ausformuliertem Ausschluss anderer Mädchen. Sie bewegt sich in einem Sowohl-als-auch und handelt oft selbst recht widersprüchlich. Sie sucht sich ihre Verbündeten oft und zuerst bei den bereits etablierten Männern. Sie ist gewissermaßen das Alpha-Mädchen vor dem Eintritt in die Arbeitswelt.

Die Texte in „Krasse Töchter“ sind von ganz unterschiedlicher Natur und Qualität. Manche Aufsätze gehen merklich naiv und etwas unbeholfen ans Thema heran und verlassen die Fan-Position nicht. Andere, wie das Kapitel Fetisch-Lolitas oder junge Hexen? über Frauen in der Gothic-Szene (Dunja Brill), verbinden die Feldforschung mit einschlägigen Gender-Theorien und decken frappierende Widersprüche auf, Widersprüche zwischen Frauen- und Männer- Bildern, zwischen hetero-, homo- und bisexuellen Konnotationen, zwischen Szene-Elite und Fußvolk. So spricht etwa die Gothic-Protagonistin Lady Leather, die bevorzugt SM-Fetisch-Kleidung trägt, selbstbewusst von der Macht, die sie aus ihrem hyper-femininen Styling bezieht: „Wenn ich ausgehe und ich trage Latex und glänzende Stiefel, fühle ich mich ziemlich machtvoll, und es gibt mir ein gutes Gefühl mir selbst gegenüber. Außerdem mag ich die Aufmerksamkeit, die es auf mich zieht.“ Weniger exhibitionistisch veranlagte Mädchen haben in dieser Szene, in der auch Jungs sich schminken und Röcke tragen, jedoch weitaus schlechtere Karten. Sie stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Frauen, sondern auch zu Männern. Gothic-Fan Luciani sagt: „Ich bin so neidisch auf Typen. Ein Mann, der ein bisschen Lidschatten und ein Kleid trägt, macht so viel mehr Eindruck als alles, was Frauen im Traum einfällt, um sich herauszuputzen.“

Auch wenn sie sich persönlich nicht als „Role Model“ begreifen wollen und viele den Begriff „Feminismus“ nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden – die Mehrzahl der zitierten Krassen Töchter ist sich ihrer Vorreiterinnenrolle und der ungleichen Machtverteilung doch bewusst. Auf die Frage, ob sie sich selbst als Vorbild für andere Mädchen sehe, antwortet Breakdancerin Monika vorsichtig: „Ich denke, dass jeder, der sich für irgendwas begeistert, engagiert und dadurch selbst herausfordert, andere motivieren kann.“

Um keines der zitierten Mädchen muss man sich Sorgen machen, so scheint es, sie alle haben sich einen egozentrischen Pragmatismus zugelegt und augenscheinlich keine Angst vor den Jungs. Und fast alle träumen davon, dass die Frage nach ihrem biologischen Geschlecht einfach keine Rolle (mehr) spielt, oder, wie Graffiti-Sprayerin „Sonne“ es ausdrückt: „Dass auch irgendwie Respekt kommt von anderen fürs Bild, also jetzt nicht dafür, weil man ein Mädchen ist, die das macht, sondern fürs Bild.“’

Alice Schwarzer – eine Würdigung

Die Heldin mit dem Monopol

Erschienen 2002 in der taz anlässlich Alice Schwarzers 60. Geburtstags

Als Elvis Presley im August 1977 starb, hatte mein Vater Tränen in den Augen, und ich war sieben Jahre alt. Bald darauf entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, und meine Eltern versuchten mir zu erklären, was das zu bedeuten hat. Im selben Jahr erschien die erste Emma. Ungefähr in dieser Zeit muss ich das Wort “Emanzipation” aufgeschnappt haben. Es klang interessant, denn es gehörte in die Erwachsenenwelt, so wie die Begriffe “Notstandsgesetze” und “Ölkrise”, unter denen ich mir lange Zeit nichts vorstellen konnte. Das Wort “Emanzipation” war auf Anhieb plastischer: Es ging um Frauen, die nicht mehr putzen, kochen und Wäsche waschen wollten, so viel verstand ich. Und es gab ein Gesicht zum Wort: Alice Schwarzer.

Schwarzer war damals öfters im Fernsehen zu sehen, sie diskutierte mit Männern, die rauchten, sie sprach sehr viel und schnell, und immer wenn im privaten Rahmen ihr Name fiel, schmunzelten die Erwachsenen seltsam, Männer wie Frauen. Stets war da dieses belustigte bis verschwörerische Grinsen. Irgendwie war es ja auch zu komisch. Ich kannte damals in den Siebzigern nur Mütter, die genau das taten, was Alice Schwarzer offenbar verbieten wollte, vom Putzen bis zum Popoabwischen. Ich kannte keinen Vater, der das alles tat.

Heute, exakt ein Vierteljahrhundert später, wird Alice Schwarzer 60, ich bin 32, und noch immer ist mir kein Mann begegnet, der sich der Hausarbeit im Hauptberuf verpflichtet hat. Bekannt sind mir dagegen zig junge Frauen, die doppelt und dreifach belastet zwischen Büro und Kinderzimmer hin und her hetzen und trotz guter Ausbildung und festen Willens auf den unteren Hierarchieebenen hängen bleiben; oder solche, die Fortpflanzung und Partnerschaft lieber verschieben beziehungsweise dankend abwinken. Derweil turnen ausgestopfte Luder durch die Öffentlichkeit und schürzen ihre allzeit bereiten “Leck mich”-Lippen. Das alles hat zu tun mit dem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein der “Frau von heute”, die lieber bonbonfarbene “Zicken”-T-Shirts trägt als lila Latzhosen und lieber Cosmopolitan liest als Emma.

Fast scheint das Schmunzeln über Schwarzer berechtigt zu sein. Wie ein Kuriosum aus längst vergangenen Zeiten wirkt sie inmitten der silikonhügeligen, fiebrig-flexiblen Landschaft. Wer für Schwarzer schwärmt, tut dies besser heimlich. Anachronistisch erschien schon ihre PorNO!-Kampagne in den 80er-Jahren, rührend altmodisch wirkt ihr stets aufs Neue vorgebrachter Appell, auf stöckeliges Schuhwerk zu verzichten, weil Stilettos den Beckenboden senken und die Frau am Wegrennen hindern, wenn ein Vergewaltiger hinter ihr her ist. Da spricht die Mutter zur Tochter, ach was, die Großmutter spricht zur Enkelin, könnte man meinen. Und die Enkelin winkt ab, denn es muss ja weitergehen mit der Geschichte. Sie will Stilettos tragen und trotzdem stark sein dürfen und ernst genommen werden. Einige kriegen das ja auch hin. Was will dann eigentlich so eine wie Schwarzer, die sich herausnimmt, “für alle” zu sprechen, wo sich die postmoderne Frau doch längst als freigesetztes Individuum begreift?

Viele Schwarzer-Sätze enthalten Formulierungen wie: “Drei von vier Frauen meinen ” Immer wieder bemüht sie die Statistik, um den Einzelfall im Licht der Gesamtheit zu sehen. So hält es auch die Emma. In anderen so genannten Frauenzeitschriften geht es eher um die Kunst der individuellen work life balance, das liest sich natürlich leichter. Wut über die Verhältnisse ist anstrengender als Entertainment, und mit dem Mobilitätsdruck und der Altersvorsorge hat man schließlich schon genug um die Ohren. Auch deshalb taugt Alice Schwarzer nicht zur Heldin.

Dabei könnte sie genau das sein: eine Heldin. Warum eigentlich nicht? Heldentum ist ein genügsames Ding, es braucht nicht viel dafür, und es wird sowieso sehr schlampig umgegangen mit diesem Begriff. Gert Müller zum Beispiel gilt als Held, weil er vor 30 Jahren ein paar entscheidende Tore schoss. Joschka Fischer hat das Zeug zum Helden oder wenigstens zum Antihelden, weil er sich vom Straßenkämpfer zum Außenminister wandelte.

Alice Schwarzer hingegen ist eine Frau. Sie hat jahrelang gegen den Paragrafen 218 gekämpft, weshalb die nachfolgende Generation nach einer Abtreibung kein Verbluten und keinen Prozess mehr befürchten muss. Sie hat mit ihrem 1975 erschienenen Buch “Der Kleine Unterschied” am patriarchalisch geprägten Privatleben von Millionen Frauen gerührt. Sie hat – vergeblich – den Stern wegen frauenfeindlicher Titelbilder verklagt. Alice Schwarzer hat all das getan in einem Land, in dem der Ehemann seiner Ehefrau den Job verbieten konnte, und zwar bis 1976, zu dem Jahr meiner Einschulung. Schwarzer prangerte die frauenfeindliche Praxis des Scharia-Rechts in islamischen Ländern schon an, während andere noch gar nicht sicher waren, ob das politisch korrekt ist. Alice Schwarzer ist eine Frau. Hätte sie Tore geschossen, wäre sie auch eine Heldin. Vorausgesetzt natürlich, Frauenfußball hätte jemals interessiert.

Das Aufeinandertreffen von Alice Schwarzer und Verona Feldbusch in der viel besprochenen “Johannes B. Kerner Show” im Juni 2001 – von Bild angekündigt als Duell zwischen Geist und Körper – geriet zum schmerzhaften Aneinandervorbeireden. Feldbusch wurde aggressiv, Schwarzer zynisch. Der Spiegel schrieb danach ironisch vom “Punktsieg für Pumps”. Aufschlussreich am Schwarzer-Feldbusch-Treff war vor allen Dingen eines: Es ist dem Kerner-Stab offenbar niemand Besseres als Feldbusch eingefallen. Aber wer wüsste schon eine, die als ernst zu nehmende Sparringspartnerin taugte, auf Anhieb, meine ich? Feldbusch sollte in der TV-Dramaturgie die Rolle der aufmüpfigen Epigonin übernehmen und äußerte erwartungsgemäß nur Quatsch mit Soße.

Es gibt im Grunde keinen Anlass zur Verklärung. Weder war Alice Schwarzer jemals aktiv in der Politik, noch hat sie irgendjemands Schwanz abgeschnitten oder im Knast gesessen. Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, was Skepsis durchaus rechtfertigen könnte, und das Illegalste, was ihre Biografie hergibt, ist eine Verwarnung der Kölner Verkehrsbetriebe wegen Schwarzfahrens. Schwarzer ist Journalistin, Buchautorin, Verlegerin, nicht mehr und nicht weniger. Sie macht als Publizistin Werbung für die Sache der Frau, unermüdlich und auf hohem agitatorischem Niveau. Sie verdient damit gutes Geld. Sie ist etabliert und hat stets mit dem Promi-Status geflirtet. Und sie hat für vieles und viele den Kopf hinhalten müssen.

Heute werden die Zeitungen wieder einmal voll von Schwarzer-Porträts sein, und nicht wenige Schreiber werden sich in Hohn und Häme versuchen, wofür in Porträts über männliche Jubilare nur selten Platz ist. Auch diese Zeitung hat ihre Probleme mit Frau Schwarzer. Die Bild schrieb einst von “Miss Hängetitt”, die taz vom “feministischen Funkenmariechen”. Zum Weltfrauentag 1996 durften ehemalige Emma-Mitarbeiterinnen hier unter der Überschrift “Retten Sie sich vor Alice” verbreiten, wie herrisch Frau Schwarzer sich mitunter benimmt. Noch nie habe ich in der taz oder sonstwo einen Exmitarbeiter von Ron Sommer, Friedrich Küppersbusch, Gerhard Schröder oder einem anderen Herrn entdeckt, der namentlich zitiert über seinen Exchef lästert. Bei Alice Schwarzer hingegen lässt man Fünfe gerade sein und schickt noch eins hinterher. Ein “borniertes Bewegungsblatt” sei die Emma, weiter nichts.

Ja, es wäre wirklich toll, wenn es neben der Emma noch andere Magazine gäbe, die Frauen nicht nur als Konsumentinnen-Zielgruppe behandeln, und wenn es neben Schwarzer noch andere gäbe, die die Ungerechtigkeit und die Gefahr des Backlash mit solcher Ausdauer thematisierten. Es wäre prima, wenn es verschiedene Stimmen, Tonfälle, Dialekte gäbe, die die Idee des Feminismus weitertragen, nicht nur den Schwarzer-Tenor. Mag sein, dass Schwarzer die Boxhandschuhe angezogen hat, um sich den Platz zu erkämpfen, den sie heute hat. Schade, dass andere Frauen sie zur Monopolistin werden ließen und nicht ebenso kampflustig in den Ring stiegen. Gäbe es viele verschiedene Vorstreiterinnen, die sich Gehör verschafft hätten wie Schwarzer und auch die Niederungen der Massenmedien nicht gescheut hätten, könnte jede junge Frau sich heute eine aussuchen und wäre empathischer an die Zeitgeschichte angebunden. Und würde vielleicht lautstark protestieren, wenn die Chancengleichheit rücklings wieder bedroht ist.

Alice Schwarzer wird heute 60. Es gibt nur eine, und es sei ihr gratuliert.