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ECHTLEBEN bei ASPEKTE

Das ZDF-Kulturmagazin ASPEKTE hat, schon ein paar Tage bevor das Buch in den Läden liegt bzw. von Amazon verschickt wird, einen kleinen Bericht über das ECHTLEBEN gebracht. Man kann das Video hier sehen. Das Interesse am Buch ist mir selbstverständlich eine Ehre, ich freue mich sehr darüber. Andererseits finde ich Fernsehen fürchterlich, sich selbst darin zu sehen und zu hören, und vor allem: nicht selbst bestimmen zu können, wie das geschnitten, was da erzählt wird. Keine Kontrolle, you know. Schwierig. Anyway, ich bleibe hart: kein Coaching, keine Imageberatung, never. In diesem Punkt, wenigstens in diesem, orientiere ich mich an Michel Houellebecq (hier der Franzose bei ASPEKTE). Nur müsste ich mich noch auf sein Tempo herunterbremsen. Falls Sie einen Ratschlag gebrauchen können: Lesen Sie das Buch selbst. Ehrlich, das wär’s. Grüß Gott.

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Anti-Achselschweiß-Commercial

Sonntag. Kein nennenswertes Wetter. Kein Interesse an gar nichts, im Moment. Vielleicht einmal wieder fernsehen. Gut. Wird gemacht. Oh weh. Haha. Es ist dann, selbstverständlich, schlimm bis lustig. Ich zappe mich so ran und durch (ich kann es nicht mehr anders). Und dann, nach einer Weile, das hier: Sie verwenden jetzt Brenda und deren Tabulations als Werbepartner für ein Anti-Achselschweiß-Commercial! Ich meine: Sie spielen diesen Song für einen Deostick, der stinkt! Ist das übel. Oder was? Ist das krank? Geschmacklos und grob. Etwa nicht? Alles unterbezahlte Alt-Mods, die da in den Agenturen sitzen. 

“Miss Beat-Club” – ein Porträt

“So, und nun kommen wir zu einer amerikanischen Gruppe”

Für den Kölner Stadt-Anzeiger 2009

Mit ihr erwachte die Jugendkultur im deutschen Fernsehen: „Miss Beat-Club“, Uschi Nerke, wird 65 Jahre alt.

Am Telefon klingt ihre Stimme so jung, dass man meint, eine Schülerin am Hörer zu haben, und als sie die Tür zu ihrem Landhaus vor den Toren Hamburgs öffnet, steht sie in schmalen Jeans und flachen Ballerina-Slippern da. Ihre Figur ist noch immer mädchenhaft, der Gesichtsausdruck ebenfalls, die Haare lang und dunkel, der Pony rockig wie eh und je, und ihr Sweat-Shirt trägt die Aufschrift: „Harley Davidson-Couture“. Heute (14. Januar) wird „Beat-Club“-Moderatorin Uschi Nerke 65 Jahre alt. Von Begriffen wie „Berufsjugendliche“ oder „Die neuen jungen Alten“ will sie nichts hören. „Ich habe keine Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen. Rock’n’Roll ist für mich Freiheit, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Ich mache einfach so weiter. Punkt.“

Der „Beat-Club“ von Radio Bremen war die erste Pop-Musiksendung im deutschen Fernsehen und Nerke der feuchte Traum einer ganzen Männer-, das Vorbild einer Frauen- und der Schrecken einer Elterngeneration. Sie trug Minirock, Stiefel und toupierte dunkle Mähne, als ordentliche Kochtopffrisuren und frühe Verlobungen noch üblich waren, sprach über E-Gitarren und Drum-Soli, während andere einen Hauswirtschaftskurs besuchten. Inzwischen moderiert sie eine Radiosendung auf Bremen1 und führt in großen Konzerthallen wieder durch Live-Oldie-Shows mit Stars von damals, wie Chris Andrews, Chuck Berry, The Rattles. Im Internet wird ihr Konterfeit, etwa bei Myspace, als „cooles Retro-Bild“ gehandelt. „Ist das tatsächlich so? Das freut mich natürlich“, sagt die gebürtige Tschechin und grinst.

Ohne Nerke keine Heike Makatsch, keine Charlotte Roche, keine Gülcan. Mit dem „Beat-Club“ hat sie ab 1965 den Pop und den Rock in deutsche Wohnzimmer gebracht, wo zuvor nur Peter Alexander, vielleicht auch Peter Krauss zu hören waren. Besorgte Pädagogen schimpften über die „Urwald- und Hottentottenmusik.“ Rückblickend betrachtet, nahm die Musik-Show den Generationenkonflikt der 68er vorweg: „Wir liefen samstags um 16 Uhr, und da gab es anfangs viele Familienstreits: ‚Beat-Club’ für die Kids oder ‚Sportschau’ für den Papa?“, erinnert sich Nerke.

Auch wer damals noch nicht geboren war, kennt den Vorläufer von „Formel Eins“ und „Viva“ aus Erzählungen der Eltern, als „Youtube“-Clip oder als Wiederholung aus dem dritten Fernseh-Programm: Schwarzweiß-Aufnahmen von The Who, den Kinks, den Liverbirds; tanzendes Teenager-Publikum im Studio und Go-Go-Girls im Vorspann; das „Beat-Club“-Logo, das einem Londoner U-Bahn-Schild nachempfunden ist; die Titelmelodie „A touch of Velvet, a string of bass“ mit dem Frauenchor, der „Wow! Wow!“ singt; und zwischen den Band-Auftritten immer wieder diese zierliche Person mit dem glamourösen Styling, in der einen Hand den Stichwortzettel, in der anderen das Mikrofon, die charmant, aber konzentriert Sätze wie diesen sagt: „So, und nun kommen wir zu einer amerikanischen Gruppe.“

Auch wenn sie damals den Jugendlichen im Land die Pop-Kultur nahe- oder gar erst beibrachte: Anfangs sei sie selbst „ziemlich unbewandert“ gewesen in „dieser englischen Musik“, sagt Nerke heute. Als Architektur-Studentin war sie nebenbei mit einem Gitarristen als Sängerin aufgetreten, etwa in Seniorenheimen. „Und dann ging es damit los, dass mein Telefon geklingelt hat. Das blieb mein ganzes Leben so. Nie bin ich einer Sache hinterher gelaufen, immer hat mein Telefon geklingelt und jemand hat gefragt: ‚Willst Du dies oder das machen?’“

Der erste Anruf kam von Hans Hee, dem Produzenten des Kinderstars Heintje. Ob sie eine Platte aufnehmen wolle? Auf dem legendären Decca-Label, das hierzulande Bands wie die Animals, Small Faces und die Rolling Stones herausbrachte, veröffentlichte sie mit Anfang 20 als „Karina“ ihre erste Doppel-Single mit deutschem Schlager: „Hier ist mein Platz/Ein kleiner Traum.“ Eine Handvoll Fernsehauftritte habe es daraufhin gegeben, und schließlich sei Rudi Carrell auf sie aufmerksam geworden, der damals seine ersten Shows in Deutschland produzierte. Carrell habe den späteren „Beat Club“-Regisseur Mike Leckebusch angerufen: „Hey, lass’ die Kleine doch mal vor Kameras reden, die ist gut.“

Und dann habe man einfach „irgendwie angefangen“, sagt Nerke. Anfangs sei das „Beat-Club“-Team oft „über Land“ gefahren, um neue Bands zu entdecken. „Da gab es dann zum Beispiel einen Tipp, da und da im ‚Dorfkrug’ spielen John O’Hara und die Playboys. Da sind wir hingefahren und wenn es uns gefallen hat, haben wir die Band eingeladen.“ Schnell rochen die Plattenfirmen das Potenzial der Sendung, schickten Vorab-Veröffentlichungen in die Redaktion und sorgten laut Nerke dafür, dass die Scheiben montags nach der Sendung auch direkt in den Läden lagen.

„Leckebusch war ein Visionär“, sagt Nerke über den im Jahr 2000 gestorbenen „Beat Club“-Erfinder. „Der hat Bands ‚gemacht’ und hatte ein unglaubliches Gespür und Lust auf Experimente, auch optisch.“ Zahlreiche Überblendungen, schnelle Zwischenschnitte, Positiv-/Negativ-Bilder und andere Kameratricks waren so zuvor noch nie im deutschen Fernsehen zu sehen gewesen und setzten auch international Maßstäbe: Zeitweise wurde der „Beat-Club“ in bis zu 50 Ländern ausgestrahlt. Auch für ihr eigenes Styling gab es kaum Vorbilder im Showgeschäft. Vom Moderationshonorar, 300 Mark pro Sendung, habe sie auch ihre Garderobe bestreiten müssen. „Vieles habe ich selbst genäht, weil es solche Sachen nicht zu kaufen gab, und sehr oft waren es ‚Stehkleider’, so kurz, dass man sich nicht hätte hinsetzen können damit.“ Damals sei „je kürzer, desto besser“ einfach ein Zeichen des Aufbruchs für junge Frauen gewesen, Widerstand gegen den biederen Mief der Zeit.

Ansonsten könne sie mit dem Thema „Frauen im Musikbusiness“ aber nicht viel anfangen. „Ich war immer einfach ein Kumpeltyp, nie so eine Etepetete-Tante. Klar bin ich als Frau da irgendwie aufgefallen, auch im Studium schon. Man kann sich ja vorstellen, dass es damals im Architektur- und Bauingenieurswesen nicht besonders viele Frauen gab.“ Aber sie habe nie großen Wind darum gemacht oder sich etwas darauf eingebildet, dass sie oft die Erste oder Einzige war, betont Nerke. Auf ihrer Homepage www.uschinerke.de bezeichnet sie sich selbstironisch als „verrückte Steinziege“, und eben das astrologische Wesen des Steinbocks sei typisch für sie: „Ich bin fleißig und ehrgeizig und will immer die Kontrolle über mich selbst haben.“

Allergisch reagiert sie auf die Verklärung der 60er Jahre als Drogen- und Gruppensex-Idyll. „Wenn das so war: Ich war jedenfalls nicht dabei“, sagt Nerke und schenkt sich fast ein wenig trotzig ein Glas Orangenlimonade nach. Mit Roger Daltrey von The Who habe sie in London auf der Fensterbank eines Hotelzimmers „ganz brav“ Bier getrunken und die Nacht durchgeplaudert, und ein einziges Mal habe sie auf einer Party einen Joint mitgeraucht. „Dann musste ich aufs Klo, habe aber den Türgriff nicht gefunden. Und so habe ich mich auf einen Stuhl im Flur neben die Toilettentür gesetzt und die ganze Zeit blöd gekichert“, beschreibt sie ihre einzige Drogenerfahrung. Zu früh habe sie zu viele Musikerfreunde abstürzen und sterben sehen, und die meisten seien gerade einmal 27 Jahre alt gewesen: Jimmy Hendrix, Janis Joplin – und vor nicht allzu langer Zeit Kurt Cobain, der Sänger von Nirvana. „Alle 27!“, sagt Nerke und schüttelt den Kopf. „Nirvana waren eine Superband, die ich durch meinen Sohn kennen gelernt habe. Für ein Konzert hatte ich für uns beide Backstage-Karten besorgt – und kurz vorher jagt dieser Drogenkopf sich eine Kugel in den Schädel! So ein Talent! So eine Verschwendung!“

Was sie an Nirvana mag, ist dasselbe, was sie an Metallica schätzt, oder auch an ihrer Lieblingsband von einst, Led Zeppelin: „Das ist einfach Rock, gut gespielt, der abgeht.“ Dass sie selbst mittlerweile nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch von wesentlich Jüngeren als Retro-Ikone verehrt wird, schmeichelt der 65Jährigen, aber so ganz einordnen kann sie es vielleicht nicht. Wenn Nerke von gestern, heute und morgen erzählt, scheint es sich zeitlos doch um die selbe Ära zu handeln. „Neulich zum Beispiel, in der Grugahalle in Essen: Da waren alle Leute von früher wieder da, Ted Herold, die Lords, die Fans von früher und auch deren Kinder und Kindeskinder.“ Noch heute schlüpfe sie für ihre Fans gerne in den typischen „Beat Club“-Look: Minirock und Stiefel. Allerdings halte sie es wegen des Rheumas nicht mehr lange auf hohen Absätzen aus. „Dann frage ich das Publikum: ‚Leute, habt Ihr was dagegen, wenn ich die Dinger ausziehe und barfuß weiter moderiere?’ Und glauben Sie mir: Noch nie hat sich jemand darüber beschwert.“

Über den Beat-Club:

Die erste „Beat-Club“-Sendung wurde am 25. September 1965 ausgestrahlt. Konzipiert war die Sendung vom damaligen Unterhaltungschef bei Radio Bremen, Michael „Mike“ Leckebusch, und dem DJ Gerhard Augustin. Die Show lief alle vier Wochen im Samstagnachmittagsprogramm, zunächst in Schwarzweiß, ab 1968 in Farbe, dauerte anfangs 30 bis 40, später 60 Minuten. Uschi Nerke war bei allen 83 Folgen dabei und hatte wechselnde Moderations-Partner, neben Augustin auch den Briten Dave Lee Travis und den ebenfalls britischen Musiker Dave Dee. Der berühmte Titelsong stammt von der Band Mood Mosaic und war von Mark Wirtz produziert worden, der als „europäischer Phil Spector“ galt und auch für das Mammut-Rock-Projekt „Teenage Opera“ verantwortlich zeichnete. Nachdem der „Beat-Club“ 1972 eingestellt worden war, moderierte Nerke einige Jahre gemeinsam mit Manfred Sexauer die Nachfolgesendung „Musikladen“. 2002 hat die ARD eine zehnteilige DvD-Box „Best of Beat-Club“ herausgebracht.

Alice Schwarzer – eine Würdigung

Die Heldin mit dem Monopol

Erschienen 2002 in der taz anlässlich Alice Schwarzers 60. Geburtstags

Als Elvis Presley im August 1977 starb, hatte mein Vater Tränen in den Augen, und ich war sieben Jahre alt. Bald darauf entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, und meine Eltern versuchten mir zu erklären, was das zu bedeuten hat. Im selben Jahr erschien die erste Emma. Ungefähr in dieser Zeit muss ich das Wort “Emanzipation” aufgeschnappt haben. Es klang interessant, denn es gehörte in die Erwachsenenwelt, so wie die Begriffe “Notstandsgesetze” und “Ölkrise”, unter denen ich mir lange Zeit nichts vorstellen konnte. Das Wort “Emanzipation” war auf Anhieb plastischer: Es ging um Frauen, die nicht mehr putzen, kochen und Wäsche waschen wollten, so viel verstand ich. Und es gab ein Gesicht zum Wort: Alice Schwarzer.

Schwarzer war damals öfters im Fernsehen zu sehen, sie diskutierte mit Männern, die rauchten, sie sprach sehr viel und schnell, und immer wenn im privaten Rahmen ihr Name fiel, schmunzelten die Erwachsenen seltsam, Männer wie Frauen. Stets war da dieses belustigte bis verschwörerische Grinsen. Irgendwie war es ja auch zu komisch. Ich kannte damals in den Siebzigern nur Mütter, die genau das taten, was Alice Schwarzer offenbar verbieten wollte, vom Putzen bis zum Popoabwischen. Ich kannte keinen Vater, der das alles tat.

Heute, exakt ein Vierteljahrhundert später, wird Alice Schwarzer 60, ich bin 32, und noch immer ist mir kein Mann begegnet, der sich der Hausarbeit im Hauptberuf verpflichtet hat. Bekannt sind mir dagegen zig junge Frauen, die doppelt und dreifach belastet zwischen Büro und Kinderzimmer hin und her hetzen und trotz guter Ausbildung und festen Willens auf den unteren Hierarchieebenen hängen bleiben; oder solche, die Fortpflanzung und Partnerschaft lieber verschieben beziehungsweise dankend abwinken. Derweil turnen ausgestopfte Luder durch die Öffentlichkeit und schürzen ihre allzeit bereiten “Leck mich”-Lippen. Das alles hat zu tun mit dem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein der “Frau von heute”, die lieber bonbonfarbene “Zicken”-T-Shirts trägt als lila Latzhosen und lieber Cosmopolitan liest als Emma.

Fast scheint das Schmunzeln über Schwarzer berechtigt zu sein. Wie ein Kuriosum aus längst vergangenen Zeiten wirkt sie inmitten der silikonhügeligen, fiebrig-flexiblen Landschaft. Wer für Schwarzer schwärmt, tut dies besser heimlich. Anachronistisch erschien schon ihre PorNO!-Kampagne in den 80er-Jahren, rührend altmodisch wirkt ihr stets aufs Neue vorgebrachter Appell, auf stöckeliges Schuhwerk zu verzichten, weil Stilettos den Beckenboden senken und die Frau am Wegrennen hindern, wenn ein Vergewaltiger hinter ihr her ist. Da spricht die Mutter zur Tochter, ach was, die Großmutter spricht zur Enkelin, könnte man meinen. Und die Enkelin winkt ab, denn es muss ja weitergehen mit der Geschichte. Sie will Stilettos tragen und trotzdem stark sein dürfen und ernst genommen werden. Einige kriegen das ja auch hin. Was will dann eigentlich so eine wie Schwarzer, die sich herausnimmt, “für alle” zu sprechen, wo sich die postmoderne Frau doch längst als freigesetztes Individuum begreift?

Viele Schwarzer-Sätze enthalten Formulierungen wie: “Drei von vier Frauen meinen ” Immer wieder bemüht sie die Statistik, um den Einzelfall im Licht der Gesamtheit zu sehen. So hält es auch die Emma. In anderen so genannten Frauenzeitschriften geht es eher um die Kunst der individuellen work life balance, das liest sich natürlich leichter. Wut über die Verhältnisse ist anstrengender als Entertainment, und mit dem Mobilitätsdruck und der Altersvorsorge hat man schließlich schon genug um die Ohren. Auch deshalb taugt Alice Schwarzer nicht zur Heldin.

Dabei könnte sie genau das sein: eine Heldin. Warum eigentlich nicht? Heldentum ist ein genügsames Ding, es braucht nicht viel dafür, und es wird sowieso sehr schlampig umgegangen mit diesem Begriff. Gert Müller zum Beispiel gilt als Held, weil er vor 30 Jahren ein paar entscheidende Tore schoss. Joschka Fischer hat das Zeug zum Helden oder wenigstens zum Antihelden, weil er sich vom Straßenkämpfer zum Außenminister wandelte.

Alice Schwarzer hingegen ist eine Frau. Sie hat jahrelang gegen den Paragrafen 218 gekämpft, weshalb die nachfolgende Generation nach einer Abtreibung kein Verbluten und keinen Prozess mehr befürchten muss. Sie hat mit ihrem 1975 erschienenen Buch “Der Kleine Unterschied” am patriarchalisch geprägten Privatleben von Millionen Frauen gerührt. Sie hat – vergeblich – den Stern wegen frauenfeindlicher Titelbilder verklagt. Alice Schwarzer hat all das getan in einem Land, in dem der Ehemann seiner Ehefrau den Job verbieten konnte, und zwar bis 1976, zu dem Jahr meiner Einschulung. Schwarzer prangerte die frauenfeindliche Praxis des Scharia-Rechts in islamischen Ländern schon an, während andere noch gar nicht sicher waren, ob das politisch korrekt ist. Alice Schwarzer ist eine Frau. Hätte sie Tore geschossen, wäre sie auch eine Heldin. Vorausgesetzt natürlich, Frauenfußball hätte jemals interessiert.

Das Aufeinandertreffen von Alice Schwarzer und Verona Feldbusch in der viel besprochenen “Johannes B. Kerner Show” im Juni 2001 – von Bild angekündigt als Duell zwischen Geist und Körper – geriet zum schmerzhaften Aneinandervorbeireden. Feldbusch wurde aggressiv, Schwarzer zynisch. Der Spiegel schrieb danach ironisch vom “Punktsieg für Pumps”. Aufschlussreich am Schwarzer-Feldbusch-Treff war vor allen Dingen eines: Es ist dem Kerner-Stab offenbar niemand Besseres als Feldbusch eingefallen. Aber wer wüsste schon eine, die als ernst zu nehmende Sparringspartnerin taugte, auf Anhieb, meine ich? Feldbusch sollte in der TV-Dramaturgie die Rolle der aufmüpfigen Epigonin übernehmen und äußerte erwartungsgemäß nur Quatsch mit Soße.

Es gibt im Grunde keinen Anlass zur Verklärung. Weder war Alice Schwarzer jemals aktiv in der Politik, noch hat sie irgendjemands Schwanz abgeschnitten oder im Knast gesessen. Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, was Skepsis durchaus rechtfertigen könnte, und das Illegalste, was ihre Biografie hergibt, ist eine Verwarnung der Kölner Verkehrsbetriebe wegen Schwarzfahrens. Schwarzer ist Journalistin, Buchautorin, Verlegerin, nicht mehr und nicht weniger. Sie macht als Publizistin Werbung für die Sache der Frau, unermüdlich und auf hohem agitatorischem Niveau. Sie verdient damit gutes Geld. Sie ist etabliert und hat stets mit dem Promi-Status geflirtet. Und sie hat für vieles und viele den Kopf hinhalten müssen.

Heute werden die Zeitungen wieder einmal voll von Schwarzer-Porträts sein, und nicht wenige Schreiber werden sich in Hohn und Häme versuchen, wofür in Porträts über männliche Jubilare nur selten Platz ist. Auch diese Zeitung hat ihre Probleme mit Frau Schwarzer. Die Bild schrieb einst von “Miss Hängetitt”, die taz vom “feministischen Funkenmariechen”. Zum Weltfrauentag 1996 durften ehemalige Emma-Mitarbeiterinnen hier unter der Überschrift “Retten Sie sich vor Alice” verbreiten, wie herrisch Frau Schwarzer sich mitunter benimmt. Noch nie habe ich in der taz oder sonstwo einen Exmitarbeiter von Ron Sommer, Friedrich Küppersbusch, Gerhard Schröder oder einem anderen Herrn entdeckt, der namentlich zitiert über seinen Exchef lästert. Bei Alice Schwarzer hingegen lässt man Fünfe gerade sein und schickt noch eins hinterher. Ein “borniertes Bewegungsblatt” sei die Emma, weiter nichts.

Ja, es wäre wirklich toll, wenn es neben der Emma noch andere Magazine gäbe, die Frauen nicht nur als Konsumentinnen-Zielgruppe behandeln, und wenn es neben Schwarzer noch andere gäbe, die die Ungerechtigkeit und die Gefahr des Backlash mit solcher Ausdauer thematisierten. Es wäre prima, wenn es verschiedene Stimmen, Tonfälle, Dialekte gäbe, die die Idee des Feminismus weitertragen, nicht nur den Schwarzer-Tenor. Mag sein, dass Schwarzer die Boxhandschuhe angezogen hat, um sich den Platz zu erkämpfen, den sie heute hat. Schade, dass andere Frauen sie zur Monopolistin werden ließen und nicht ebenso kampflustig in den Ring stiegen. Gäbe es viele verschiedene Vorstreiterinnen, die sich Gehör verschafft hätten wie Schwarzer und auch die Niederungen der Massenmedien nicht gescheut hätten, könnte jede junge Frau sich heute eine aussuchen und wäre empathischer an die Zeitgeschichte angebunden. Und würde vielleicht lautstark protestieren, wenn die Chancengleichheit rücklings wieder bedroht ist.

Alice Schwarzer wird heute 60. Es gibt nur eine, und es sei ihr gratuliert.