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Katja Kullmann


Satzgranaten & Gerüchte

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  • Apropos: Film


    Menschen mit dem gewissen Extra
    Heute: Miranda July

    March 7th, 2010 — 8:40pm

    mirandajulybooksmirandaatcberkelyedu

    Im Englischen klingt es besser: “that certain something”. Bei uns heißt es “das gewisse Etwas”. Doch neige ich dazu, versehentlich immer  “das gewisse Extra” zu sagen. Inzwischen ist “das gewisse Extra” eine eigenständige Rubrik, eine eigene Speicherabteilung in meinem Gehirn  Unter dem “gewissen Extra” verstehe ich eine Sache, ein Ding, ein Kunstwerk, eine fixe Idee, die/das jemand in die Welt gesetzt hat. Leben an sich ist eine Leistung. Eingesehen. Wenn en passant interessante, schöne, verstörende oder beflügelnde Sachen dabei anfallen und abfallen, dann haben wir es mit einem “gewissen Extra” zu tun. Capisce?

    Miranda July (geboren am 15. Februar 1974 in Vermont/USA) ist ein solcher Mensch mit gewissem Extra. Manche kennen sie vielleicht als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films “Ich und Du und alle, die wir kennen”. Sie schreibt Kurzgeschichten und macht Kunstsachen, denkt sich spezielle Sätze aus, fotografiert die Sätze und/oder dreht Videos davon. Bei Wikipedia und anderswo findet sich eine Menge Material über sie, einen ganz unmittelbaren Eindruck gibt natürlich Miranda Julys Homepage. Achtung: Um die Homepage besichtigen zu können, müssen Sie ein geheimes Passwort eingeben. Ebendies macht Miranda July mir so sympathisch: Auch Sie hat, so scheint’s, ein Faible für Gerüchte und weiß, wie man sie nicht nur streut, sondern sogleich auch eine Fährte legt, die mal mehr, mal weniger sachte darauf hinweist, dass es nicht zwingend richtig ist, was gerade behauptet wird. Hier oben sehen sie eine Aufnahme von Julys Website, das selbe Buch in zwei Farben, in Gelb und in Pink. Das Foto ist Teil der persönlich von ihr gestalteten Werbekampagne für das Buch. (Ich wünschte, ich wäre auf diese Idee gekommen.) Auf Deutsch heißt es  “Zehn Wahrheiten” und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen. Julys Kurzgeschichten sind voll von “guten Stellen”, der ganze Short Story-Band ist eine einzige “gute Stelle”, und hier stelle ich Ihnen meine fünf liebsten guten Stellen vor:

    Diese Geschichte wird nicht sehr lang, das Erstaunliche an meinem Jahr in Belvedere ist nämlich, dass so gut wie nichts passierte.”
    (Aus: “Das Schwimmteam”)

    Im Allgemeinen mögen die Menschen einander nicht. Und das gilt auch für Freunde. Manchmal liege ich im Bett und überlege, an welchen meiner Freunde mir wirklich etwas liegt, und immer komme ich zum selben Schluss: an keinem. Ich hatte sie mir eigentlich als vorläufige Freunde gedacht, später sollten dann die echten Freunde kommen. Aber nein. Das sind meine echten Freunde. Es sind Menschen mit Berufen, die ihren Neigungen entsprechen. (…) Ich dachte immer, ich würde mich irgendwann mit einer Berufssängerin anfreunden. Einer Jazzsängerin. Eine beste Freundin, die Jazzsängerin und außerdem eine verwegene, aber verlässliche Autofahrerin war. Ich hatte mir eher sowas für mich ausgemalt.”
    (Aus “Der Mann auf der Treppe”)

    Wir hatten einmal Hallo in den Hexenkessel Welt hineingerufen und waren schnell weggerannt, ehe jemand antworten konnte.
    (Aus “Es war Romantik”)

    Es gab nichts auf der Welt, das kein Trick war, das verstand ich plötzlich.
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    “Ich hasste meinen Job, aber es gefiel mir, dass ich ihn machen konnte.”
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    Das Foto mit der Künstlerin selbst stammt übrigens von der Webseite der Universität von Berkeley/Kalifornien. Und für die Multimedialität, um das Gesamtpaket Miranda July rund zu machen, kommt hier noch ein vierminütiger Kurzfilm voller, nun ja, voller Intelligenz & Wärme, wie ich finde. “Are you the favourite person of anybody?”, heißt er, “Sind Sie jemandes Lieblingsmensch?”

    Kein Leserbrief | Euphorie im Alltag

    Heute spielen wir eine Herdplatte

    January 26th, 2010 — 1:46pm

    soulkitchen

    ♫ Dorothy Prince: I lost a love

    Dieser Blog-Eintrag ist eine Auftragsarbeit und wurde  – ob Sie’s glauben oder nicht – erstellt auf Anfrage eines echten Ministeriumssprechers: auf Anfrage des sympathischen A.B. nämlich.  A.B. wollte wissen, ob ich den neuen Fatih Akin-Film “Soul Kitchen” schon gesehen habe und was ich davon halte, unter besonderer Berücksichtigung des Soundtracks. Wie der A.B. auf solch eine Frage kommt? Ich kann es mir nur so erklären: 1.) Der Film spielt in Hamburg. 2.) Fatih Akin soll bei mir um die Ecke in Ottensen wohnen. 3.) Es geht im Film um Soul-Musik. Meine Antworten fallen jedoch ernüchternd aus: 1.) Nein, ich habe den Film noch nicht gesehen und gehe davon aus, dass ich ihn mir auch nicht mehr ansehen werde, denn irgendwie interessiert er mich nicht. 2.) Fatih Akin ist mir noch nie begegnet. 3.) Die Soundtrack-Playlist habe ich bei Amazon schnellgecheckt – und habe befunden, dass ich das Doppelalbum nicht brauche. Tja: Auch angesichts eines Ministerialratspräsidenten knicke ich nicht ein, sondern bleibe bei der Wahrheit, immer schön den Kopf oben behalten, gerade den Autoritäten gegenüber. Da der A.B. aber wirklich ein angenehmer Mensch ist, habe ich ihm zuliebe nun meine persönliche Seelenküche fotografiert (oben) und ein besonders seelenvolles Stück aus meinem Privatarchiv zum Vorspielen ausgewählt: Dorothy Prince beklagt eine verlustig gegangene Liebe. Nicht, dass diese Auswahl nun irgendetwas Spezielles bedeuten würde, es ist bloß ein fantastisch würdevoller Soul-Song, ein zwar schlichtes, aber doch richtig dickes Stück, und, ganz allgemein gesprochen: Wir alle kennen ja doch Momente im Leben, in denen man so, und zwar genauso und nicht anders singen möchte – behaupte ich hier und heute.

    2 Leserbriefe | Euphorie im Alltag

    Rakete mit Mittelscheitel

    December 27th, 2009 — 8:55pm

    HEDY LAMARR, Schauspielerin, Ladendiebin, Nazi-Gegnerin, multiple Ehe-Gattin  – und Erfinderin der funkgesteuerten Torpedo-Rakete
    FÜR SIE, 2008
     HedyLamarr
    Haben Sie heute schon ihr Handy benutzt? Wenn ja, hatten Sie es mit Hollywood-Legende Hedy Lamarr zu tun. Sie war nicht nur die erste Nackte auf der Leinwand, galt als „schönste Frau des 20. Jahrhunderts“, stand als Ladendiebin vor Gericht, war Nazi-Gegnerin, sechsfache Ehefrau, dreifache Mutter – sie hat, ganz nebenbei, auch eine der Grundlagen der heutigen Mobilfunktechnik erfunden. Mit ihrem vielschichtigen Lebenslauf ist sie eine Pionierin dessen, was wir heute „Multitasking“ oder “Bastel-Biografie” nennen.

    „Ich liebe Neuanfänge“, soll die Schöne mit sentimental verhangenen Blick einmal gesagt haben. Als Hedwig Maria Kiesler war sie 1914 in Wien geboren worden. Ihre Karriere begann mit einem Skandal: Mit gerade einmal 19 Jahren ging sie in dem Streifen „Ekstase“ nackt in einem See baden. Eine andere Szene zeigt ihr Gesicht in Großaufnahme, lustvoll verzerrt. Es war der erste auf Celluloid gebannte weibliche Orgasmus.

    Noch im selben Jahr heiratete sie den 14 Jahre älteren Salzburger Waffenhändler Fritz Mandl, der von Eifersucht derart zerfressen war, dass er ihr umgehend nicht nur die Schauspielerei, sondern auch das Schwimmen verbat. Er behängte die junge Hedwig mit Juwelen und stellte ein Dienstmädchen ein, dessen einzige Aufgabe es war, die schöne junge Ehefrau zu bewachen. Ganze vier Jahre hielt sie diesen Psychoterror aus. Dann betäubte sie, ganz wie in einem Kino-Melodram, das Dienstmädchen mit Schlaftabletten und floh, zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in einer Nacht- und Nebelaktion über Paris und London in die USA.

    Die Studiobosse von MGM waren auf Anhieb begeistert von der rätselhaft schönen Europäerin, ihrem unterkühlten Auftreten, ihrem distanzierten Stil, gaben ihr einen Star-Vertrag und verpassten ihr einen international tauglichen Namen: „Hedy Lamarr“, angelehnt an den Mythos der jung verstorbenen Stummfilmschönheit Barbara La Marr. In ihrem ersten  US-Film „Algiers“ trug sie einen strengen Mittelscheitel, den zahlreiche Actricen später kopierten, darunter Vivien Leigh und Joan Crawford. Heute noch am bekanntesten ist ihr Historienschinken „Samson und Delilah“ (1949), in dem Hedy, äußerlich inzwischen an den gängigen Leinwand-Standard angepasst, mit überkandideltem Make-up durch knatschbunte Pappmaché-Kulissen stakst.

    Da war Hollywood schon zur Alptraum-Fabrik für sie geworden. Einst beim Theater-Genie Max Reinhardt in die Lehre gegangen, litt sie unter der Oberflächlichkeit des Star-Systems. Die Geburt ihres ersten Sohnes 1939 hielt sie zunächst geheim, so verunsichert war sie von den geifernden Blicken der Boulevard-Presse. „Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen“, sagte sie Jahre später. Zu viele kritische Fragen, zu viel Eigensinn zerrütteten schnell das Verhältnis zum Betrieb. Und nicht immer traf sie die richtigen Entscheidungen. So lehnte sie die weibliche Hauptrolle in „Casablanca“ ab, die Ingrid Bergmann später unsterblich machen sollte.

    Statt auf Film-Parties in Kameras zu lächeln, interessierte sie sich für Weltpolitik. Mitten in den Kriegsjahren, als die Nazis schon halb Europa überrollt hatten, diskutierte sie mit dem Komponisten Josef Antheil, wie dem Terror ein Ende zu bereiten sei.

    Mit Hedys militärischem Wissen aus ihrer ersten Ehe tüftelten die beiden eine Fernsteuerung für Torpedo-Raketen aus, das so genannte Frequency Hopping. Das Steuerungssignal für die Raketen wurde dabei auf mehrere Funkfrequenzen verteilt und war somit weniger anfällig für Störungen durch den Feind. 1942 meldete das Duo ein Patent an, und die US-Armee setzte die Technik zwanzig Jahre später während der Kuba-Krise erstmals ein. Erst 1997, als längst auch Mobiltelefone auf Hedys Frequenz funkten, erhielt sie einen Ingenieurs-Preis für ihre Leistung, den Pioneer Award der Electric Frontier Foundation. „Ich war meiner Zeit eben stets voraus“, kommentierte die damals 83-Jährige die späte Auszeichnung lakonisch.

    Fünf weitere Ehemänner hatte sie unterdessen gesammelt und wieder verstoßen, darunter der Schweizer Musiker Teddy Stauffer, der einen Nachtclub im mexikanischen Acapulco betrieb, und der texanische Ölmilliardär Howard Lee. Auch zwei weitere Kinder hatte sie bekommen und über die Jahre geschätzte 30 Millionen Dollar verdient. Doch bereits mit Anfang 50 hatte sie das gesamte Geld verjubelt. Eine eigens gegründete Filmproduktionsfirma war rasch pleite gegangen. 1966 erwischte man sie in einem Kaufhaus in Los Angeles mit Kleidung und Kosmetika im Wert von 86 Dollar, die sie augenscheinlich stehlen wollte.

    Kurz vor ihrem Tod gelangte sie noch einmal in die Schlagzeilen, als sie den Software-Hersteller Corel auf 250.000 $ Schadenersatz verklagte. Ungefragt hatte die Firma mit ihrem Konterfei für das Grafik-Programm „Corel Draw 8“ geworben. Zuletzt galt sie als skurril und zickig, nur noch belesenen Filmliebhabern als Ikone, und lebte zurückgezogen in Orlando/Florida, wo sie im Januar 2000 starb.

    Das Bild wurde der Website www.mieschief-films.com entnommen.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Leute (2)

         

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