Tag Archives: Film

July im Oktober

Am 27. Oktober läuft THE FUTURE in den Kinos an, der neue Film von Miranda July. Es ist ein recht … nun ja … zarter Film. Gestern fand die Vor-Premiere im Hamburger Abaton-Kino statt, July bekam – eigentlich wenig originell aus Hamburger Sicht, originell aber offenbar aus Julys Perspektive – ein Flaschenschiff überreicht. Sie bestaunte das Ding, höflich interessiert, und fragte: “Oh, wow! How did this get into there? I’ve never seen something like this.” Und sie sagte: “This is a great object! You know, in general, this is a huge part of life … objects of all kinds.”

“Guts – that was John”

So ECHT – mir stockt der Atem

“Wir werden alle älter und leben in einem nicht enden wollenden Jim-Jarmusch-Film” *)

*) Aus dem Buch ECHTLEBEN – erscheint in wenigen Wochen bei Eichborn

Nicht nur, dass ein Freund soeben das obige Video aus Jim Jarmuschs frühem Film Permanent Vacation ausgegraben hat (und die Szene wirkt so gar nicht echt) – nicht nur, dass Jim Jarmusch als Motiv im Buch ECHTLEBEN vorkommt (das sehr bald erscheint) – zufällig befindet sich der darin abgespielte Song als kleine, schwarze Schallplatte auch noch in meinem echten Plattenschrank.

Es ist einer jener sagenumwobenen Einzelstück-Songs, die einen unerklärlich schillernden Platz in der Welt des Populären haben. Über das Stück heißt es etwa bei history of rock: “The Jaynetts, from The Bronx, NY, recorded one of the more discussed recordings of all time, the mystical-sounding ,Sally Go Round the Roses’, which shot to number two on the pop charts in 1963.” Und dann noch: “Another interpretation of this song is Sally a ,closeted’ lesbian who sees her ,baby’ also female with ,another girl’ which is the ,saddest thing in the whole wide world’ except perhaps being a lesbian in 1963. The roses ,won’t tell her secret’. Of course her ,secret’ is her homosexuality and she has no one to confess it to, but the roses where she ,can sit and cry, not a soul will know’.”

Ich denke nicht, dass ich “a closeted lesbian” bin, aber Plattensammlerin halt und auch sonst sehr interessant und nicht immer ganz einfach. Im Grunde aber schon. Extrem unkompliziert. Kann man sagen. Und das Buch ist so schlecht nicht.

♫ The Jaynetts: Sally go round the roses

Filmtipp: Eine flexible Frau

Oben sehen Sie Greta M., Anfang 40, arbeitslose Architektin, geschieden, Mutter eines 12 Jahre alten Sohnes, Berlin-Bewohnerin – und verwirrter Neuankömmling im weltumspannenden, 1a-ausgebildeten, voll-flexibilisierten Prekariat der früher eigentlich doch mal ganz Erfolgreichen. Einst war sie zahlendes Mitglied der hauptstädtischen Hipster-Herde, nun ist der Job weg, die Aufforderung zum Bewerberinnentraining da, vom präpubertären Sohn schlägt ihr unverstellte Verachtung entgegen, und die früheren Freunde erweisen sich als irritierend illoyale, teils schmerzhaft verbürgerlichte “Spießer” (O-Ton Greta).

Greta (Mira Partecke) ist die – tragische, traurige, manchmal aggressive, dann wieder apathische – Heldin im Film Eine flexible Frau, dem Erstlingswerk der Regisseurin Tatjana Turanskyj.  Seit Anfang dieses Jahres zieht der Film durch ausgewählte Programmkinos, in den kommenden zwei Wochen wird er zum Beispiel im Hamburger Kino 3001 zu sehen sein – und ich empfehle hiermit ausdrücklich den Besuch. Aber nur denjenigen, die 90 Minuten scharfkantig verfilmte Gegenwart tatsächlich ertragen können und mögen.

Greta – “Sie haben alle fest-freien Architekten wie mich gefeuert” – nimmt zunächst den nächstbesten Job an – als Telefonistin in einem Call Center – in dem sie ausgerechnet Fertighäuser eines norwegischen Konsortiums verkaufen soll. Ihre ambitionierten Jung-Kolleginnen, überwiegend topmodische Mittzwanzigerinnen, zeigen einen deutlichen Erfolgswillen und legen genau die “Geschmeidigkeit” an den Tag, die die Marketing-Chefin (Laura Tonke) fordert. Doch Greta, der 40Jährigen, die ihren Beruf und die Architektur liebt, geht der falsche Verkäuferinnen-Ton in Sachen globalisierter Standard-Waren-Vertrieb einfach nicht über die Lippen, sie quält sich mit dem Headset auf dem Haar durch die Telefonate – wird schließlich erneut gekündigt und damit zur Agentur-”Kundin” mit Hartz-IV-Ticket. In so genannten Townhouses, bewachten, gruselig einförmigen Nobel-Wohnanlagen mitten in der Stadt (“Privatstraßen!”, wie Greta bemerkt), glaubt sie ihren zu Stein gewordenen Feind zu erkennen – und flüchtet sich vorerst in Trinkexzesse.

Als “kalte, leere Welt” hat ein Zuschauer das Szenario des Films am Donnerstagabend, im Anschluss an die Hamburger Premiere, bezeichnet. Es war ein älterer Herr, der das Milieu und eben das  “Berlin” nicht zu kennen scheint, von dem Turanskyj in ihrem Film erzählt. Vor allem sei es ein Film über existenzielle Einsamkeit, antwortete die Regisseurin – und so habe auch ich die Flexible Frau gelesen. Die 90 Minuten erzählten lediglich einen Sommer in Gretas Leben, sagte Turanskyj – sozusagen den Absturzsommer. Und die “Kälte” und “Leere”, die der ältere Herr bemerkt hat, sind schon erstaunlich akkurat gefilmt – was nicht nur an den mustergültigen Räumen, Oberflächen und Farben liegt (es dominiert im ganzen Film dieses sophisticated-te Berlin-Mitte-Beige), sondern auch an der verwirrenden Ungreifbarkeit der … Verhältnisse.

“Die Muttis hier, diese Schnulli-Bulli-Welt, diese Zuverdienerinnengesellschaft”, schimpft Greta – während sie einer Freundin gegenübersitzt, die gerade das dritte Kind bekommen hat und das Geldverdienen inzwischen dem Ehegatten überlässt. “Wir sind ein Team”, sagt die in die Vollmutterschaft übergewechselte Freundin über ihre Ehe – und betrachtet Greta in jenem Moment sehr offensichtlich als Freak. “Konservativer Feminismus” ist ein Begriff, den Ursula von der Leyen 2007, damals noch als Bundesfamilienministerin, geprägt hat – immer wieder taucht jene Formel im Film auf, als Zitat, als böser Running Gag. Und ebenjener Hass, den Greta auf die saturierten Hipster-Mütter spürt – der Hass, der unter den Schlagworten “Macchiato-Mütter” oder “Bionade-Bourgeoisie” auch in den Medien seit einer Weile ausgiebig diskutiert wird -, ist hier erstmals filmisch grell beleuchtet. Feminismus und Geldnot gehen hier eine ganz schön schlecht gelaunte Allianz ein – und verweisen ganz ernsthaft, mitunter explizit, auch auf “typisch weibliche” Erwerbsbiografien im schlecht oder gar nicht entlohnten Dienstleistungssektor.

Es ist ein hochstilisierter Film, sehr formal gehalten, in jedem Fall sperrig, manchmal beinahe streng -  was etwa der Kritiker der ZEIT erstaunlicherweise nicht verstanden hat oder vielmehr: nicht zu schätzen weiß. Turanskyj selbst nannte gestern Abend Alexander Kluge als eines ihrer Vorbilder – doch scheinen die Erwartungen eines männlichen Film-Kritikers  an einen “Frauenfilm” ganz anders gelagert zu sein. Der ZEIT-Autor mäkelt über ein “flaches Psychogramm”, eine “Ansammlung von Phrasen”, vermisst eine anständige “Gesellschaftsstudie” – und hat insbesondere den (Film-)Komplex “Ohnmacht gegenüber dem konservativen Feminismus” brutal missverstanden. Derweil bemängelt die Film-KritikerIN der Berliner Zeitung, dass die Hauptfigur Greta eine “notorische Nervensäge” sei und es nicht schaffe, “den Zuschauer für sich einzunehmen”. Hm. Interessant, wie man so kilometerweit an einem Film vorbeidenken und -schreiben kann – sagt hier die unbezahlte Bloggerin, Laien-Filmkritikerin und Aushilfs-Feuilletonistin.

Wer etwas Kluges über den Film lesen möchte, dem empfehle ich diesen Text von Eleonora Szemerey, die unter anderem auf Godard verweist. Und außerdem rate ich eben zum Kinobesuch.

Die Vinylista spricht

Foto (C): dontparty.co.za

“Wie viele Leute, die auf gute Musik stehen, habe ich schon mein ganzes Leben lang in Archiven herumgewühlt. Ich hatte nie das Gefühl, in eine vergangene Ära einzutauchen. (…) Auch wenn Vinyl immer weniger alltäglich wird, wirkt es noch sehr lebendig. Je weiter wir uns in eine digitale Welt bewegen, umso mehr braucht man physische Dinge, die einen glücklich machen” – sagt der britische Filmemacher, Grafiker und Schallplatten-Liebhaber Jony Lyle. Einen 90minütigen Film hat er über das Vinyl gedreht, über dessen Hersteller, Verkäufer, Sammler, Gestalter, Anhänger. To Have & to hold heißt das Werk, das “im Laufe des Jahres” in die Kinos kommen soll. So berichtet es jedenfalls das Magazin für elektronische Musik und Clubkultur GROOVE in seiner aktuellen Ausgabe. (Aus GROOVE stammt auch der Interview-Auszug.) Einen immerhin acht Minuten langen Film-Trailer gibt’s hier zu sehen. Und Ich-Ich-Ich werde zahlender Gast sein, sobald sich ein Kino in meiner Umgebung bereit erklärt, den Film zu zeigen.

Gekauft habe ich GROOVE einmal wieder (zum ersten Mal seit etwa 58 Jahren) wegen der Titelschlagzeile “Generation Vinyl” – und erfreulicherweise geht es weder im Magazin, noch offenbar im Film To Have & to hold um eine Retro-Nostalgie im klaustrophobischen Sinne – also nicht um einen bestimmten geschlossenen Stil-Kosmos, wie Spartensammler ihn natürlich gern betreiben (etwa “Sixties-Nazis”, “Bossanova-Junkies” oder andere) – sondern, Genre-übergreifend, eher um den Stoff, das Material, den Gegenstand “Schallplatte”, Haptik, Optik, und so weiter. Und um die identitätsstiftende Wirkung des Mediums. “It’s the soundtrack of my life”, sagt jemand im Film – was sehr, sehr abgedroschen klingt, aber ja doch wahr ist für jede(n) Sammler(in). Eine blonde Vinylista von vielleicht 45 oder 50 Jahren sagt: “The records are my children.” Das alte Nick-Hornby-Ding eben – und doch bin ich immer wieder aufs Neue gerührt, interessiert und … etwas erschüttert. Denn “die Schallplatte” als solche erzählt einer 40-Jährigen (wie mir) eben schon auch übers Älterwerden.

Ja: Manchmal erscheint es mir noch immer merkwürdig, dass die Schallplatte als Ding tatsächlich jenen unwiderruflichen Exoten-Status erreicht hat – dass Sonderhefte dazu produziert und Filme darüber gedreht werden. Ich bin eben damit aufgewachsen. Und ich weiß natürlich, dass die gesamt-menschliche Ingenieursleistung längst schon drei Folge-Medien hervorgebracht hat, das Tonband, die CD und den/das mp3-file. Aber, bitte: Was soll ein Mensch mit einem Medium, über dessen grammatikalisches Geschlecht er/sie sich nicht einmal sicher ist? “Demokratisierung der Produktionsmittel und Vertriebswege” – ja, ja – schon gut – ich spreche hier ja aber als Konsumentin, nicht als Produzentin, ich spreche als Fetischistin.

Oft ruft der Besitz und Gebrauch von Schallplatten, gerade im privaten, häuslichen Bereich, heute ja tatsächlich Verwunderung hervor – vor allem, weil Du doch eine Frau bist – und noch nicht einmal DJane. Das große Missverständnis, jedenfalls was meine bescheidene Plattensammlung angeht: Es handelt sich keineswegs um ein “Statement”, eine bestimmte populärkulturelle “Strategie” oder gar “Stil-Aussage” – ich bin da einfach stecken geblieben. Ich liebe das 30x30cm-Cover-Format und den Charme der kleinen Schwarzen, die auf 45 Umdrehungen in der Minute laufen. Daran hat sich seit meinem siebten Lebensjahr schlicht nichts geändert. Es macht mir nichts, wenn eine Hülle ein wenig verknickert, verkritzelt oder fleckig ist, auch nicht, wenn der Sound spratzt und knistert, zum “Musikhören” gehört für mich die Tätigkeit des “Auflegens” dazu, auch zu Hause: Scheibe aus der Papier-Innen-Hülle gleiten lassen, auf den Teller legen, eventuell den Staub abnehmen, den Tornarm drauf setzen und so weiter. Der Vorgang ist ein Element des Genießens (der Rezeption), es ist gekoppelt bei mir, ganz tief unten, im dunklen Innendrin, sozusagen habituell aufs Engste verknotet.

“Hast Du gar keine CDs?”, fragen Erstbesucher meiner Wohnung manchmal. Dann sage ich “doch” und öffne die Schiebetür eines Sideboards, das vollgestopft ist mit öden Silberlingen in hässlich leichtgewichtigen Plastikhüllen, es sind ebenfalls mehrere Hundert Exemplare – sie lagern unsortiert, kreuz und quer und weitgehend unbeachtet in dem Möbel, ich mag mich einfach nicht weiter mit ihnen befassen. Und auch, wenn die CD ja erst in den 90ern ihren Durchbruch fand, so lautet einer meiner liebsten selbsterfundenen Alltags-Sätze: CDs sind voll Achtziger. In GROOVE ist an anderer Stelle lustigerweise ein früherer Frankfurter Kumpel aus den späten 80ern/frühen 90ern erwähnt, Daniel Haaksman, Produzent, DJ und Gründer des Labels Man Recordings - und es heißt über ihn: “Obwohl er mittlerweile mit CDs auflegt, hat er sich von seinen etwa 5000 Alben und Maxis bisher nicht trennen wollen.”

Aktuell schüttelt mich schon die Vorfreude. Demnächst werde ich nämlich wieder einmal das größte Dorf besuchen, das dieses Land zu bieten hat, und dort meinen supergeheimen Extrem-Schallplatten-Laden im Westen der Stadt aufsuchen und sicher wieder deutlich zu viel Geld für sehr seltsame Aufnahmen ausgeben. Dass Schallplatten nicht zwingend die bessere Musik liefern, ist klar. Man sieht es an der Scheibe auf dem Foto hier unten, die ich vergangenen Samstag hier in Hamburg auf dem Flohmarkt zum absolut fairen Preis von 50 Cent erworben habe. Ich wollte sie immer haben, im Großformat, mit Originalcover und Pipapo.

Hedy Lamarr – ein Kurzporträt

Rakete mit Mittelscheitel

HEDY LAMARR, Schauspielerin, Ladendiebin, Nazi-Gegnerin, multiple Ehe-Gattin – und Erfinderin der funkgesteuerten Torpedo-Rakete
FÜR SIE, 2008

Haben Sie heute schon ihr Handy benutzt? Wenn ja, hatten Sie es mit Hollywood-Legende Hedy Lamarr zu tun. Sie war nicht nur die erste Nackte auf der Leinwand, galt als „schönste Frau des 20. Jahrhunderts“, stand als Ladendiebin vor Gericht, war Nazi-Gegnerin, sechsfache Ehefrau, dreifache Mutter – sie hat, ganz nebenbei, auch eine der Grundlagen der heutigen Mobilfunktechnik erfunden. Mit ihrem vielschichtigen Lebenslauf ist sie eine Pionierin dessen, was wir heute „Multitasking“ oder “Bastel-Biografie” nennen.

„Ich liebe Neuanfänge“, soll die Schöne mit sentimental verhangenen Blick einmal gesagt haben. Als Hedwig Maria Kiesler war sie 1914 in Wien geboren worden. Ihre Karriere begann mit einem Skandal: Mit gerade einmal 19 Jahren ging sie in dem Streifen „Ekstase“ nackt in einem See baden. Eine andere Szene zeigt ihr Gesicht in Großaufnahme, lustvoll verzerrt. Es war der erste auf Celluloid gebannte weibliche Orgasmus.

Noch im selben Jahr heiratete sie den 14 Jahre älteren Salzburger Waffenhändler Fritz Mandl, der von Eifersucht derart zerfressen war, dass er ihr umgehend nicht nur die Schauspielerei, sondern auch das Schwimmen verbat. Er behängte die junge Hedwig mit Juwelen und stellte ein Dienstmädchen ein, dessen einzige Aufgabe es war, die schöne junge Ehefrau zu bewachen. Ganze vier Jahre hielt sie diesen Psychoterror aus. Dann betäubte sie, ganz wie in einem Kino-Melodram, das Dienstmädchen mit Schlaftabletten und floh, zwei Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in einer Nacht- und Nebelaktion über Paris und London in die USA.

Die Studiobosse von MGM waren auf Anhieb begeistert von der rätselhaft schönen Europäerin, ihrem unterkühlten Auftreten, ihrem distanzierten Stil, gaben ihr einen Star-Vertrag und verpassten ihr einen international tauglichen Namen: „Hedy Lamarr“, angelehnt an den Mythos der jung verstorbenen Stummfilmschönheit Barbara La Marr. In ihrem ersten US-Film „Algiers“ trug sie einen strengen Mittelscheitel, den zahlreiche Actricen später kopierten, darunter Vivien Leigh und Joan Crawford. Heute noch am bekanntesten ist ihr Historienschinken „Samson und Delilah“ (1949), in dem Hedy, äußerlich inzwischen an den gängigen Leinwand-Standard angepasst, mit überkandideltem Make-up durch knatschbunte Pappmaché-Kulissen stakst.

Da war Hollywood schon zur Alptraum-Fabrik für sie geworden. Einst beim Theater-Genie Max Reinhardt in die Lehre gegangen, litt sie unter der Oberflächlichkeit des Star-Systems. Die Geburt ihres ersten Sohnes 1939 hielt sie zunächst geheim, so verunsichert war sie von den geifernden Blicken der Boulevard-Presse. „Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen“, sagte sie Jahre später. Zu viele kritische Fragen, zu viel Eigensinn zerrütteten schnell das Verhältnis zum Betrieb. Und nicht immer traf sie die richtigen Entscheidungen. So lehnte sie die weibliche Hauptrolle in „Casablanca“ ab, die Ingrid Bergmann später unsterblich machen sollte.

Statt auf Film-Parties in Kameras zu lächeln, interessierte sie sich für Weltpolitik. Mitten in den Kriegsjahren, als die Nazis schon halb Europa überrollt hatten, diskutierte sie mit dem Komponisten Josef Antheil, wie dem Terror ein Ende zu bereiten sei.

Mit Hedys militärischem Wissen aus ihrer ersten Ehe tüftelten die beiden eine Fernsteuerung für Torpedo-Raketen aus, das so genannte Frequency Hopping. Das Steuerungssignal für die Raketen wurde dabei auf mehrere Funkfrequenzen verteilt und war somit weniger anfällig für Störungen durch den Feind. 1942 meldete das Duo ein Patent an, und die US-Armee setzte die Technik zwanzig Jahre später während der Kuba-Krise erstmals ein. Erst 1997, als längst auch Mobiltelefone auf Hedys Frequenz funkten, erhielt sie einen Ingenieurs-Preis für ihre Leistung, den Pioneer Award der Electric Frontier Foundation. „Ich war meiner Zeit eben stets voraus“, kommentierte die damals 83-Jährige die späte Auszeichnung lakonisch.

Fünf weitere Ehemänner hatte sie unterdessen gesammelt und wieder verstoßen, darunter der Schweizer Musiker Teddy Stauffer, der einen Nachtclub im mexikanischen Acapulco betrieb, und der texanische Ölmilliardär Howard Lee. Auch zwei weitere Kinder hatte sie bekommen und über die Jahre geschätzte 30 Millionen Dollar verdient. Doch bereits mit Anfang 50 hatte sie das gesamte Geld verjubelt. Eine eigens gegründete Filmproduktionsfirma war rasch pleite gegangen. 1966 erwischte man sie in einem Kaufhaus in Los Angeles mit Kleidung und Kosmetika im Wert von 86 Dollar, die sie augenscheinlich stehlen wollte.

Kurz vor ihrem Tod gelangte sie noch einmal in die Schlagzeilen, als sie den Software-Hersteller Corel auf 250.000 $ Schadenersatz verklagte. Ungefragt hatte die Firma mit ihrem Konterfei für das Grafik-Programm „Corel Draw 8“ geworben. Zuletzt galt sie als skurril und zickig, nur noch belesenen Filmliebhabern als Ikone, und lebte zurückgezogen in Orlando/Florida, wo sie im Januar 2000 starb.