Menschen mit dem gewissen Extra
Heute: Miranda July


Im Englischen klingt es besser: “that certain something”. Bei uns heißt es “das gewisse Etwas”. Doch neige ich dazu, versehentlich immer “das gewisse Extra” zu sagen. Inzwischen ist “das gewisse Extra” eine eigenständige Rubrik, eine eigene Speicherabteilung in meinem Gehirn Unter dem “gewissen Extra” verstehe ich eine Sache, ein Ding, ein Kunstwerk, eine fixe Idee, die/das jemand in die Welt gesetzt hat. Leben an sich ist eine Leistung. Eingesehen. Wenn en passant interessante, schöne, verstörende oder beflügelnde Sachen dabei anfallen und abfallen, dann haben wir es mit einem “gewissen Extra” zu tun. Capisce?
Miranda July (geboren am 15. Februar 1974 in Vermont/USA) ist ein solcher Mensch mit gewissem Extra. Manche kennen sie vielleicht als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films “Ich und Du und alle, die wir kennen”. Sie schreibt Kurzgeschichten und macht Kunstsachen, denkt sich spezielle Sätze aus, fotografiert die Sätze und/oder dreht Videos davon. Bei Wikipedia und anderswo findet sich eine Menge Material über sie, einen ganz unmittelbaren Eindruck gibt natürlich Miranda Julys Homepage. Achtung: Um die Homepage besichtigen zu können, müssen Sie ein geheimes Passwort eingeben. Ebendies macht Miranda July mir so sympathisch: Auch Sie hat, so scheint’s, ein Faible für Gerüchte und weiß, wie man sie nicht nur streut, sondern sogleich auch eine Fährte legt, die mal mehr, mal weniger sachte darauf hinweist, dass es nicht zwingend richtig ist, was gerade behauptet wird. Hier oben sehen sie eine Aufnahme von Julys Website, das selbe Buch in zwei Farben, in Gelb und in Pink. Das Foto ist Teil der persönlich von ihr gestalteten Werbekampagne für das Buch. (Ich wünschte, ich wäre auf diese Idee gekommen.) Auf Deutsch heißt es “Zehn Wahrheiten” und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen. Julys Kurzgeschichten sind voll von “guten Stellen”, der ganze Short Story-Band ist eine einzige “gute Stelle”, und hier stelle ich Ihnen meine fünf liebsten guten Stellen vor:
Diese Geschichte wird nicht sehr lang, das Erstaunliche an meinem Jahr in Belvedere ist nämlich, dass so gut wie nichts passierte.”
(Aus: “Das Schwimmteam”)
Im Allgemeinen mögen die Menschen einander nicht. Und das gilt auch für Freunde. Manchmal liege ich im Bett und überlege, an welchen meiner Freunde mir wirklich etwas liegt, und immer komme ich zum selben Schluss: an keinem. Ich hatte sie mir eigentlich als vorläufige Freunde gedacht, später sollten dann die echten Freunde kommen. Aber nein. Das sind meine echten Freunde. Es sind Menschen mit Berufen, die ihren Neigungen entsprechen. (…) Ich dachte immer, ich würde mich irgendwann mit einer Berufssängerin anfreunden. Einer Jazzsängerin. Eine beste Freundin, die Jazzsängerin und außerdem eine verwegene, aber verlässliche Autofahrerin war. Ich hatte mir eher sowas für mich ausgemalt.”
(Aus “Der Mann auf der Treppe”)
Wir hatten einmal Hallo in den Hexenkessel Welt hineingerufen und waren schnell weggerannt, ehe jemand antworten konnte.
(Aus “Es war Romantik”)
Es gab nichts auf der Welt, das kein Trick war, das verstand ich plötzlich.
(Aus “Etwas, das nichts braucht”)
“Ich hasste meinen Job, aber es gefiel mir, dass ich ihn machen konnte.”
(Aus “Etwas, das nichts braucht”)
Das Foto mit der Künstlerin selbst stammt übrigens von der Webseite der Universität von Berkeley/Kalifornien. Und für die Multimedialität, um das Gesamtpaket Miranda July rund zu machen, kommt hier noch ein vierminütiger Kurzfilm voller, nun ja, voller Intelligenz & Wärme, wie ich finde. “Are you the favourite person of anybody?”, heißt er, “Sind Sie jemandes Lieblingsmensch?”
