Tag Archives: Fotografie

ECHTLEBEN in Frankfurt/M

Das tolle Foto hier links stammt von Ralf Barthelmes, einem Fotografen aus Frankfurt am Main, meiner Heimatstadt (im großzügigen Sinne betrachtet) – und es wurde vor ein paar Tagen in den (schönen, großen, hellen) Räumen der Evangelischen Stadtakademie Römer9 in Frankfurt aufgenommen – wo sich eine ECHTLEBEN-Lesung zutrug – die dann in einen ganz, ganz angenehmen Abend mündete. (Endlich einmal nicht nach dem Job allein in einem Tour-Hotel vor dem Fernseher einschlafen, sondern mit Freunden noch essen, trinken, wirres Zeug reden bis spät.) Eingeladen hatte die Evangelische Akademie Arnoldshain. In den Frankfurter Römer9-Hallen läuft derzeit übrigens gerade eine Austellung, in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Raum 121, zu sehen ist die (Polit- & Aktions-)Kunst der Münchnerin Lucia Dellefant – einen kleinen Bildausschnitt sehen Sie unten links.

“Smile Detection”: Auch Holler Back ist fasziniert

Die Freundin einer Freundin nennt Michel Houellebecq angeblich immer “Hollerbeck” oder “Holler Back” (was Englisch wäre und so viel bedeutet wie “zurückpöbeln”). Nun hat der Hollerbeck ja diesen Roman geschrieben, Karte und Gebiet, und ich hab’s gelesen, und es hat mich nicht gerade umgehauen, es ist ja doch eher ein Referat als ein Roman. “Auch hierzulande bereits als Sensation gefeiert”, sagt der deutsche Verlag (Dumont), und “sensationell” ist in jedem Fall der Preis, gut 22 Euro für eine doch eher bescheidene Ausstattung/Aufmachung. Ein rotes Lesebändchen gibt es, aber dieser Pappdeckel: Schon nach der Hälfte der Lektüre löst sich ja beinahe alles auf. 18 Euro wären angemessen gewesen. Kritiken gibt’s zum Beispiel hier, dort und da.

Anyway, wie wir globalisierten Franzosen sagen, sensationell ist das Buch nicht, aber auch nicht ganz schlecht oder langweilig. (In Sachen Literaturkritik vermeide ich am liebsten jeden “Expertinnen-Ton”, da ziehe ich mich gern auf die Aussage zurück: “Ich habe Politiksen studiert, nicht Belletristik.”) Gelesen habe ich’s auf der Ferien-, Blumen- und Rentner-Insel Madeira, woraus sich ganz ulkige Effekte ergaben. Denn der Holler Back schreibt nun einiges über Blumen – etwa auf S. 31, f.: Jed wusste es damals nicht, und Vanessa ebensowenig, aber Blumen sind reine Sexualorgane, farbenprächtige Scheiden, die die Oberfläche der Welt schmücken und der Lüsternheit der Insekten preisgegeben sind.

Außerdem schreibt er eben über Michelin-Karten und das Urlaubswesen, etwa über mittel- bis oberschichtige Liebespaare in den Ferien, S. 90,f. : Ein junges reiches Paar aus der Stadt, kinderlos, hübsch anzuschauen und noch in der ersten Phase ihrer Liebe – und aufgrund dessen stets bereit, beim geringsten Anlass in Entzücken zu geraten, und zwar in der Hoffnung, sich einen Vorrat an ,schönen Erinnerungen’ zu schaffen, der ihnen helfen würde, eine Partnerschaftskrise zu überwinden -: Die beiden stellten für jeden Hotelier oder Gastronom den Archetypen der idealen Gäste dar.

Vor allem aber – und das rührt mich wirklich - hat der Holler Back über eine bestimmte Digital-Kamera-Eigenschaft geschrieben, nämlich über die auch in diesem Blog hier schon erwähnte Smile Detection-Funktion. Beim Franzosen heißt es, S. 156: Das Modell ZRT-AV2 von Samsung verband, der Einführung des Handbuchs zufolge, originelle technische Erfindungen – wie zum Beispiel die automatische Erkennung eines Lächelns – mit der geradezu legendären Benutzerfreundlichkeit, die den Ruf der Marke begründete.

Worauf ich hinauswill: Lesen Sie den Hollerbeck oder lassen Sie’s bleiben, ganz wie’s Ihnen angenehmer ist – aber bleiben Sie in jedem Fall an diesem Blog hier dran. Guten Abend.

Kleine Smile-Detection-Krise

Fotografieren kann ich nicht. Aber ich liebe es. Meine Digitalkamera ist ein annähernd lächerliches, beinahe schon Mitleid erregendes Gerät des Fabrikats Rollei, und soeben habe ich auf der Produktseite im Internet entdeckt, dass die Kamera über eine Smile Detection-Funktion verfügt. Soso. Seit bald zwei Jahren trage ich den Apparat nun also mit mir herum, ohne mir der Smile Detection-Option bewusst gewesen zu sein, ohne deren Möglichkeiten geahnt, geschweige denn erschlossen zu haben. Diese Erkenntnis schließt an mein aktuelles, sinnkrisenartig gelagertes Problem an: Trotz des bescheidenen Handwerkszeugs und bar jeder bildgestalterischer Kenntnisse habe ich just in den vergangenen Tagen erkannt (und leide aktuell sehr darunter): Viel lieber wäre ich Fotografin geworden als Autorin. Auch die Fotografie ist, gewissermaßen, ja ein Channelling-Handwerk – man lässt die Welt an sich heran, durch sich hindurch (mit dem Objektiv als semi-permeable Schleuse), gibt sie auf bestimmte Art wieder, stellt sich mit seinem Gerät irgendwo in die Gegenwart – und erzählt von ihr. Vor allem handelt es sich um Zeugenschaft. Für nichts anderes wird man bezahlt, als fürs Zugegensein, Zusehen, Beleuchten, Einordnen und Weitergeben. (Wenn man denn bezahlt wird, aber das ist wieder ein anderes Thema.) Auch die Fotografie bildet ein Denken ab und bietet es an, sie ist dem Schreiben damit sehr ähnlich – aber sie ist die deutlich diskretere Tätigkeit. Augenblicklich kommt die Fotografie mir sehr viel vornehmer, klüger, weniger aufdringlich vor als das Schreiben.

Das Paradies hat einen Namen

♫ The Dirtbombs: Underdog

Und der Name lautet: Detroit/Michigan. Menschen, die mich in echt kennen, wissen, dass ich seit annähernd einem Jahrzehnt davon träume, einmal die (mittlerweile arg abgerissene und zugerichtete) Autobauer-Metropole im Norden der USA zu besuchen. X Städte habe ich dort drüben schon kennen gelernt, bislang aber nicht die Motor City. Sie erzählt vor allem ja die Geschichte eines Untergangs – the rise and fall der Industrie-Moderne. Selbstverständlich interessiert das mein Soziologinnen-Gehirn, rührt das mein abendländisches Herz, of course zieht es mich also dorthin. Bei Steidl ist kürzlich der Fotoband The Ruins of Detroit erschienen, von oben nach unten sehen Sie drei Motive daraus: das verlassene Fort Shelby-Hotel, den verwaisten Rich-Dex-Appartment-Block sowie den brach liegenden Ballsaal des American Hotel. Die so genannte Zivilisation ist hier im Eimer. Ich finde das wirklich faszinierend, wie gesagt: schon seit mindestens zehn Jahren, und mit Häme hat das überhaupt nichts zu tun. Ich mag die USA. Fotografiert wurden die Ruins of Detroit von Yves Marchand and Romain Meffre, geboren 1981 und 1987 “in the Parisian suburbs”, wie auf der Homepage nachzulesen ist. In der Kurzbeschreibung des Fotobandes heißt es: “Detroit, industrial capital of the XXth Century, played a fundamental role shaping the modern world. The logic that created the city also destroyed it. Nowadays, unlike anywhere else, the city’s ruins are not isolated details in the urban environment. They have become a natural component of the landscape. Detroit presents all archetypal buildings of an American city in a state of mummification. Its splendid decaying monuments are, no less than the Pyramids of Egypt, the Coliseum of Rome, or the Acropolis in Athens, remnants of the passing of a great Empire.”

Was Detroit außerdem zu meinem persönlichen Fetisch-Ort macht, ist – natürlich – seine Musik-Geschichte. ALLES kommt letztlich immer irgendwie aus Detroit, ob Soul, Garagenpunk oder House. Etwa 2/3 meiner Schallplatten dürften den einen oder anderen Umweg über Detroit genommen haben, tausend Songs könnte ich dazu jetzt abspielen, ein frühes Motown-Stück, vielleicht von den Marvelettes, oder etwas von Mitch Ryder und den Detroit Wheelers, oder MC5 (“The Motor City 5″). Oder, oder, oder. Spontan, halbwegs unüberlegt habe ich mich nun für die zeitgenössischen Dirtbombs entschieden, eine Rumpel-Rock’n'Roll-Band, die aus den legendären Gories hervorgegangen ist und vom verehrten Mick Collins zusammen gehalten wird. Es ist nicht mein Lieblingslied der Dirtbombs, aber sie singen hier so passend über das Phänomen “Underdog”, dass es mir gleich eingefallen ist.

Sollte ich es in diesem Jahr endlich einmal dorthin schaffen, werde ich selbstverständlich eine Postkarte schreiben.