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Katja Kullmann

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    Post von daheim

    March 3rd, 2010 — 7:20am

    römer

    ♫ Louis Jordan: Early in the Morning

    Überraschungs-Post aus dem Rhein-Main-Gebiet: der Frankfurter Römerberg auf Höchster Porzellan. Zum Schutz vor etwaigen Transportschäden auf dem Weg nach Nord-Nordwest-Ottensen war er eingewickelt in global gültige Knallpopfolie.

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    Den Fauser im Nacken

    February 8th, 2010 — 9:54pm

    fauserbukowskigesellschaft-1

    Irgendwo las ich kürzlich, dass auf bitterkalte Winter signifikant häufig nasskalte Sommer folgen. Bei Facebook tauschen Menschen sich über die Dicke der Eisschichten an ihren jeweiligen Wohnsitzen aus, viele machen ältere Menschen zum Thema, und dass die praktisch gar nicht mehr vor die Haustür gehen können, seit Wochen nicht. Derweil bin ich selbst erst zwei Mal gestürzt; einmal allein, einmal vor einem Zeugen. Ansonsten trage ich derzeit, nun ja, die Sonne im Herzen, das Licht im Geiste und, as always, den Fauser im Nacken. Besucher der früheren (leider abgestürzten) Kullmann-Seite kennen das unten Stehende vielleicht schon – ein Sampling, aus einigen meiner Lieblingsfausertexte gebastelt. Dass ich mich nicht wiederholen wolle, hatte ich kürzlich als Projekt für 2010 ausgegeben. Naja. Nun gab es aber Anlass, einmal wieder nach dem Fauser zu googeln, und im Blog von Franz Dobler (”Aufräumen” war eines meiner Lieblingsbücher 2008) fand ich eine Notiz über Fauser. Demnach hat er mal in der Krumme Straße gewohnt (Fauser, nicht Dobler), in Berlin-Charlottenburg, nicht weit weg von der Grolmanstraße, in der ich ein unbedeutendes Häufchen Jahre später eine gewisse Zeit verbrachte (sozusagen einen läppischen Steinwurf entfernt). Dass wir beide, Fauser und ich, jeweils an einem 16. Juli in einer kleinen Taunus-Kurstadt mit “Bad” im Namen geboren wurden, dass wir beide nach der Schule erst einmal ziellos kurz in London herumhingen und dass sowohl Fauser, als auch ich durchaus wie Krankenkassenmitarbeiter aussehen können, vom Styling her, auch wenn er es vielleicht ebenso anders gemeint hat wie ich, all das  möchte ich nun wirklich nicht ein zweites Mal erzählen.

    You better read Fauser:

    *** Ich bin Geschäftsmann, das ist mein Business *** Und die literarische Welt? Sie war so weit entfernt für mich wie der Mond *** Erst auf der Straße fiel mir ein, dass ich ganz vergessen hatte, nach dem Honorar zu fragen *** Germanistik studieren und seinen Arsch auf ein warmes Plätzchen hieven kann jeder *** Ich brachte meine Zeit als Aushilfsangestellter hinter mich *** “Und Du?”, fragte Jonas. “Hast Du dieses Buch jetzt endlich geschrieben, das Du immer schreiben wolltest?” “Hm.” “Tja, und jetzt?” “Ich will ein neues schreiben.” “Wozu das denn?” Mir ist keine Antwort eingefallen, und ich bin dann bald gegangen *** Verkäuferinnen von Bilka mit phantastisch schwarz umrandeten Augen, müde Bibliothekarinnen mit einer Schwäche für schwarze Zigaretten und oralen Sex, technische Zeichnerinnen mit blauen Fingernägeln, die von Reisen in die Südsee träumten und drei Kinder großzogen – nur gelegentlich nahm mich eine mit ins Bett, aber es genügte mir schon, sie zu sehen, zu wissen, dass sie existierten und zwei Stück Zucker nahmen und den Saft der Rindswurst von den Fingern leckten wie Millionen andere auch, um mich in einen Zustand tiefster Befriedigung und gewaltiger Erwartung zu versetzen. Sie berauschten mich. Endlich ging es nicht mehr um Liebe, ich war die Liebe los und das Bewusstsein auch, es war ganz einfach, man konnte sie ertränken und auslöschen, alles in einer Nacht, in einem Rausch, mit einer wilden, bösen Nummer. Wenn man drei, vier Frauen brauchte, dann bekam man sie auch, und die Liebe störte nur, wie das alberne Suchen nach dem Sinn der Geschichte. Es gab keinen Sinn, es gab nur Mord und Totschlag und das Auf und Ab von unten und oben. Auch Frauen konnten oben liegen, Hauptsache ich war es, auf dem sie lagen *** Jeder wächst doch in irgendeinem Iserlohn auf und entfaltet sich in einem Castrop-Rauxel und geht in einem Wanne-Eickel vor die Hunde *** Frankfurt/Main Hbf.  Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Stadt wieder zusammenwuchs. Ein halber Tag auf dem Land, und schon hatte man Sehnsucht nach den Gleisen, den Stellwerken, dem Togal-Schild über den abgestellten Zügen, dem Ruß, dem Lärm, den Möwen, dem Geheul, dem Gesicht der Masse, in der man verschwinden konnte, um sein eigenes Gesicht zu wahren *** Wir wollten kein Hobby-Magazin für Eleven irgendwelcher Avantgarde-Kränzchen: nix mehr für die Cliquen, für die Subkultur, für die sog. Scene, die es gar nicht gibt *** Mittlerweile setzt sich der deutsche Alptraum, Kultur, in den Hirnen unserer Pop-Bastarde munter fort, und kein Wunder, der Apfel fällt nicht weit, bei uns wird mit Begriffen grundsätzlich wie mit Feuerwaffen, Mordwaffen operiert, der Mief der Analyse, das politische Teutonentum, das “Kapital” verqualmt die Köpfe, legt die Vagina der Imagination trocken, klägliches Jammerspiel, diese jasminorientierte Knautschlack-Bohème zwischen “Zoom” und Jazzhaus, der gleiche germanische Erbswurst-Furz auch wenn der Arsch in Jingle-Jeans steckt. Pseudo User. Einen Alltag erfahren diese Schreckgespenste eines troglodytischen Alptraums nicht, greifen ihre Finger doch stets wie gehabt nach Höherem. Für sie unbeschreibbar, vollzieht sich der Alltag an ihnen um so zerstörender: Wenn sie ihn nicht zur Boutique stilisieren können, jagt er sie in die Latrinen der Theorie ***

    Das Foto mit Charles Bukowski (links), Jörg Fauser (rechts) und zwei (mir) unbekannten Geschöpfen in der Mitte wurde der Webseite der Charles Bukowski Gesellschaft entnommen. Charles Bukowski mag ich nicht.

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    Toleranzzone

    December 28th, 2008 — 12:30am

    Erschienen in der FAZ, 1996

    FFM-7Rita hat sich bäuchlings auf der Liege mit der dünngelegenen Daunendecke ausgestreckt. Schwül ist es in der kleinen Kammer im mehrgeschossigen Altbau an der Taunusstraße. Den Kopf auf die linke Hand gestützt, fingert die nur mit Unterwäsche bekleidete junge Frau mit der Rechten nach dem Feuerzeug auf dem Nachttisch. Gelangweilt zündet sie sich eine Zigarette an, die zwölfte an diesem Abend. Nicht für eine Sekunde weicht ihr Blick dabei vom Fernsehapparat, der von der Kommode gegenüber ihres Betts aus seit Stunden bunte Bilder ausspuckt. Von Nachrichtensendungen, Quiz-Shows und Werbespots versteht die 25 Jahre alte Dunkelhaarige kein Wort.

    Rita (Name von der Redaktion geändert) stammt aus Kolumbien. Erst seit zwei Monaten hält sie sich in Deutschland auf. Viel länger will sie auch nicht bleiben. Die alleinerziehende Mutter möchte in Frankfurt „in kurzer Zeit viel Geld“ verdienen, mit dem sie ihre Familie, die sechs Jahre alte Tochter, die Mutter und zwei Schwestern in ihrer Heimatstadt Cali im Westen Kolumbiens unterstützen möchte. Rita weiß, dass sie als Südamerikanerin mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland nicht arbeiten darf. Es ist kein gewöhnlicher Beruf, dem sie nachgeht. Rita verdient sich ihr Geld als Prostituierte in dem durch die Sperrgebietsverordnung als „Toleranzzone“ ausgewiesenen Viertel zwischen Mosel-, Weser-, Nidda- und Taunusstraße.

    Etwa ein- bis zweitausend Prostituierte arbeiten nach Erkenntnissen der Polizei in den Bordellen im Bahnhofsviertel und an der Breiten Gasse. Annähernd 90 Prozent davon sind Ausländerinnen. Etwa die Hälfte aller Prostituierten in Frankfurt stammt aus Kolumbien, Frauen aus der Dominikanischen Republik, Brasilien, Thailand und verschiedenen afrikanischen Ländern kommen hinzu. Bei der „Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung“ (agisra) hat man eine Vokabel für die Kurzzeit-Prostitution ausländischer Frauen in Deutschland gefunden: „Arbeitsmigration“ ist das Schlagwort für die meist aus finanzieller Not begonnene Tätigkeit in Europa.

    Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen und ehemalige Prostituierte, die inzwischen mit deutschen Männern verheiratet sind, arbeiten für den Verein, der Zuschüsse von Stadt und Land erhält. Regelmäßig suchen die Mitarbeiterinnen Bordelle auf und versuchen, die Prostituierten bei gesundheitlichen und seelischen Schwierigkeiten zu beraten. Auch zu Behörden, wie dem Ordnungsamt, zu Gerichten oder der Polizei begleiten die „agisra“-Frauen die „Sexarbeiterinnen“, wie die Prostituierten im Vereinsjargon heißen.

    Christiane Howe, die Sprecherin von „agisra“, kennt die Lebensgeschichten vieler der Betreuten. „Die Biografien ähneln sich“, sagt sie. Arbeitslosigkeit, oft gepaart mit dem Wunsch, im Heimatland ein „eigenes Geschäft“, wie etwa einen Friseursalon, zu gründen, veranlasse jedes Jahr Tausende von jungen Frauen, für eine „Saison“ in einem europäischen Bordell anzuheuern. Frankfurt sei dabei eine beliebte Anlaufstelle, nicht zuletzt wegen des internationalen Flughafens. Meisten hielten die als Touristinnen einreisenden Frauen die ihnen vom Staat gewährte Frist für ihre Ausreise ein und verließen das Gastland nach drei Monaten.

    Was so nüchtern kalkuliert wie ein lukrativer Ferienjob erscheint, birgt einige Risiken für die Ausländerinnen. „Strikt katholisch“ seien die meisten Südamerikanerinnen erzogen. Nur die Hälfte der in Frankfurt „anschaffenden“ Kolumbianerinnen etwa habe schon einmal in ihrem Heimatland als Prostituierte gearbeitet. „Das sind unvorstellbare Gewissenskonflikte, die die im Grunde ‚anständigen’ Frauen hier quälen“, berichtet Howe. Die Frauen seien sich bewusst, dass ihre Arbeit illegal sei. Sie müssten ständig befürchten „aufzufliegen“ und des Landes verwiesen zu werden. Etwa 100 ausländischen Prostituierten habe das Ordnungsamt 1995 eine Aufforderung zur Ausreise zugestellt, bestätigt Heiko Kleinsteuber, stellvertretender Leiter der Abteilung „Ausländerfragen“ im Amt.

    Der illegale Status und der sexuelle Kontakt zu fremden Männern, der im Widerspruch zur religiösen Erziehung stehe, setzt die Frauen nach Einschätzung der „agisra“-Mitarbeiterinnen einer „moralischen Zwangslage“ aus. „Einige halten nicht einmal vier Tage lang durch“, sagt Howe. Breche eine Frau ihren Aufenthalt vorzeitig ab, so erwarteten sie in ihrer Heimat erhebliche Schwierigkeiten. Auch wenn die Prostituierten in Deutschland augenscheinlich „in Eigenregie“ arbeiteten, so seien sie doch von Geldgebern abhängig, die ihnen zumindest die Flugkosten vorgestreckt hätten.

    Hauptkommissar Wolfgang Meyer vom Kommissariat für Menschenhandel und Milieukriminalität der Frankfurter Polizei schildert die Voraussetzungen für die Arbeit ausländischer Prostituierter ähnlich: In den großen Städten Lateinamerikas gebe es so genannte Vermittlungsbüros. Dort erhielten die Frauen Kontaktadressen, die beispielsweise „Haus x, Elbestraße y, Frankfurt, Deutschland“ lauten könnten. Die Büros finanzierten das Flugticket und das bei der Einreise vorzuweisende „Show Money“ vor. Diese Kredite seien mit hohen Zinsen belegt, so dass die Frauen bei ihrer Heimreise oft mehr als 5000 Mark Schulden hätten, die sie von ihrem in europäischen Bordellen verdienten Geld zurückzahlen müssten. Wenn die Frauen nicht schnell genug zahlten, würde ihre Familien im Heimatland von den Vermittlern bedroht. „Hinter all dem steht aber keine großflächig organisierte kriminelle Vereinigung“, stellt der Hauptkommissar fest. Es handele sich stets um „kleine Büros“, die keine Abgesandten in Europa unterhielten und deshalb für die hiesige Polizei nicht zu fassen seien.

    Auffälliger stellten sich dagegen die Praktiken osteuropäischer Zuhälter dar, die meist sehr junge Frauen nach Deutschland schleusten und diese zur Wohnungsprostitution zwängen, sagt Meyer. Oft würden die „manchmal erst 19 Jahre alten“ Osteuropäerinnen unter einem Vorwand nach Deutschland gelockt. Säßen sie dann im Bordell anstatt wie erwartet als Zimmermädchen in einem Hotel, nähmen die Schlepper ihnen die Pässe ab, bewachten sie und zögen den Großteil der Einnahmen ein. Damit sei der Strafbestand des Menschenhandels erfüllt, sagt Meyer. Dennoch gebe es auch im Osten keine Organisationen, die solche Geschäfte in großem Stil betrieben. „Die ‚Russen-Mafia’ ist eine Erfindung der Medien und, zumindest in Frankfurt, keine reale Basis.“ Im vergangenen Jahr seien zwar eine Handvoll Fälle von Menschenhandel vor Frankfurter Gerichten verhandelt worden, doch habe es sich bei den Angeklagten um „Einzeltäter aus den verschiedensten Regionen Osteuropas“ gehandelt.

    Juanita Henning, die im November vergangenen Jahres ihre Diplomarbeit zum Thema „Kolumbianische Prostituierte in Frankfurt“ fertig gestellt hat, glaubt, dass nicht in jedem Fall wirtschaftliche Not der Auslöser für die Prostitution sei. Viele der Frauen, mit denen sie Gespräche geführt habe, kämen aus der Mittelschicht des südamerikanischen Landes, sagt die 34 Jahre alte Sozialarbeiterin. Einige kehrten regelmäßig zurück nach Deutschland und führten freiwillig eine Art „Dienstleistungs-Pendelverkehr“. Auch Ritas Geschichte ist in die Diplomarbeit eingeflossen, in der Hennig auf 155 Seiten den Alltag der „Gastarbeiterinnen“ schildert: Im Durchschnitt 15 Quadratmeter groß sind die heruntergekommenen Zimmer, in denen die Prostituierten bis zu zwölf Stunden täglich Freier empfangen. Zwischen 200 und 300 Mark müssen jeden Tag als Miete an den „Wirtschafter“ des Bordells gezahlt werden. Kondome, Papiertaschentücher und andere Utensilien können die Prostituierten in den Häusern nur zu überhöhten Preisen kaufen. „Strafgelder“ drohen ihnen, wenn sie beispielsweise den Zimmerschlüssel verlieren oder an ihrem Arbeitsplatz eine Mahlzeit zubereiten oder auch nur verzehren. Zum Schlafen kommen die Frauen nach Darstellung von Hennig meist nur für wenige Stunden in stickigen Verschlägen im Dachgeschoss der Bordelle.

    Etwa 200 Millionen Mark würden allein in Frankfurt jedes Jahr im „Sexgeschäft“ umgesetzt, schätzt Hauptkommissar Meyer. Bei dieser Nachfrage und der hohen Zahl – auch illegal arbeitender – Prostituierter habe es wenig Sinn, ständig Razzien zu veranstalten. „Da erwischt man doch sowieso nur die schwächsten Glieder. Das Geschäft läuft doch weiter.“ Für ausgewiesene Prostituierte rückten sofort neue Frauen aus Südamerika, Asien oder Afrika nach.

    Auch Rita wird wohl, wenn sie wieder in Cali ist, mit dem in Deutschland sauer verdienten Geld prahlen und damit vielleicht zwei oder drei andere junge Kolumbianerinnen zur Prostitution auf Zeit in Europa verleiten. Ihre Mutter und ihre Tochter dürften hingegen nie erfahren, woher der plötzliche, für südamerikanische Verhältnisse beachtliche Reichtum kommt. Den beiden hat sie erzählt, sie arbeite als Hausmädchen bei einer reichen Familie. „Die Wahrheit würde sie umbringen.“

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