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Ke-tschi-go-king, ge-tschi-ko-king, ke-tschi-ko-king-kong-tsching-tschong-ge-king

Hamburg>Berlin>Hamburg 03/11

Das Fenster zum Hof


Soeben, es war wohl halb vier in der Nacht, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die 110 gewählt, um der Polizei ein Verbrechen zu melden, live, noch während es vonstatten ging. Keine große Sache: Ein vermutlich junger Mann (so weit man das Alter “von hinten” schätzen kann) ist hier in ein Fotostudio eingebrochen; mit vielen, vielen Tritten, einem ziemlichen Gedonner hat er versucht, da rein zu kommen, Glas hat geklirrt, pipapo. Ich im Haus gegenüber, auf der anderen Hofseite, in meinem Schlafzimmer, werde vom Krach wach, schiele durch die Jalousie, sehe alles  – und greife wie automatisch zum Telefon, wirklich: wie ferngesteuert. Ganz seriös und ruhig habe ich dem Mann von der 110 erst meine Adresse genannt, dann meinen Namen (woher weiß ich, dass man es wohl am besten so herum macht, genau in der Reihenfolge, es erschien mir logisch, während ich es aufsagte, aber wie komme ich darauf, mitten in der Nacht, “wie aus dem EffEff”?), dann was gerade  passiert, den Typen beschrieben, den Tatort beschrieben, und noch während der Täter rumorte, habe ich – im Auftrag des Telefonpolizisten – meinen Blick über die Straße und die angrenzenden Häuser schweifen lasssen und nach möglichen Fluchtwegen Auschau gehalten, die ich dem Telefonpolizisten nannte. Plötzlich war es still, und der junge Mann war weg. Keine Ahnung, wohin er so schnell abgehauen ist, die Fluchtwegefrage hatte mich abgelenkt. Ganz kurz darauf kamen acht (8) blaue Polizist(inn)en, darunter drei langhaarige Blondinen. (Das mit den Blondinen schreibe ich nur, weil es in einer solch dunklen Einsatznacht ja wahnsinnig auffällig ist – das hellblonde Haar in voller Pracht auf den dunkelblauen Uniformen ausgebreitet. Das leuchtet ja wirklich engelsgleich, und schon von Weitem. Ob das ermittlungstaktisch klug ist? Jedenfalls dachte ich immer, das gibt’s nur im Fernsehen, dass Polizistinnen so aussehen. Maria-Furtwängler-like. Nein, die gibt’s wirklich.) Gut. Der Mensch also weg, der Einbruch ersichtlich und protokolliert, gestohlen worden war wohl nichts, die blauen Leute machten sich auf zu ihrem nächsten Einsatz.

Nun sitze ich hier, hellwach, obwohl ich wieder früh raus muss, und frage mich, warum diese unspektakuläre kleine Nummer mir ein so seltsames Gefühl bereitet. Merkwürdig, wie verdächtig ich mir selbst vorkam, als ich mit denen sprach. Denunziatorisch auch. So … blockwärterinnenhaft. “Ich bin diejenige, die nichts besseres zu tun hat, als die Nachbarschaft vom Fenster aus auszuspähen und Leute bei der Polizei anzuschwärzen.” Einerseits ist das natürlich Quatsch. Der Typ hat Mist gebaut, ich war dabei, die Leute vom Fotostudio sind in Ordnung, so weit ich weiß, zwei, drei Mal im Jahr geben die ein großes kubanisches Fest mit vielen süßen, kleinen Kindern, und es ist eine Schweinerei, deren Laden zu zerdeppern. Andererseits sind die Fotoleute bestimmt versichert, und es mag ein armer Hund gewesen sein, ein Dilettant noch dazu, vielleicht Beschaffungskriminalität unter Druck, man weiß es nicht. Schließlich sind für solcherlei Abwägungen dann ja aber die Gerichte da. So oder so – es bleibt etwas Unangenehmes zurück. Als hätte ich mich brutal in etwas eingemischt, das mich absolut nichts angeht. Womöglich habe ich soeben eine Art “bürgerliche Wachsamkeit” erwiesen, könnte man das so nennen? Oder eher “Bürgerwehr”? Hätte ich mich einfach wieder hinlegen sollen? War es eine gute Tat, die Polizei zu rufen? Vermutlich schon. Woher kommt mein Mitleid mit dem Typen, den ich hier gerade – sehr einfühlsam – als  “armen Hund” bezeichnet habe? Und wie interessant, dass es wirklich wie im Fernsehen funktioniert. “Hier 110, Roger” – “Hier unbescholtene Bürgerin, check, melde Verbrechen, over.” – und dann sind die tatsächlich  zwei, drei Minuten später da. Wirklich wie eine Filmszene, die man x-mal, bis zum Erbrechen geübt hat, das Polizistsein, das Bürgerinnensein. Alles in allem aber: echt doof. Ich schaue nie Krimis, auch nicht den Tatort. Überhaupt nicht mein Genre.