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ECHTLEBEN live im Hamburger Gängeviertel

An diesem Wochenende feiert das Hamburger Gängeviertel sein Zweijähriges. Also sein zweijähriges … was genau eigentlich? Manche nennen es eine Besetzung, andere sprechen von der freundlichen Übernahme verfallener und vom Abriss bedrohter Innenstadt-Häuser. Im Sommer 2009 hatten rund 200 Anfangs-Aktivisten – beteiligt war auch der außerhalb Hamburgs bekannte (mittlerweile nach Berlin umgezogene!) Maler Daniel Richter – sich in den Gebäuden und auf dem Gelände niedergelassen bzw. hatten begonnen, dort Veranstaltungen auszurichten. Mittlerweile ist eine Genossenschaft aus dieser Bewegung entstanden – und die verhandelt, was für eine klassische Besetzung eher untypisch ist, auf friedlichem Wege mit der Stadt Hamburg über den weiteren Erhalt und die Nutzung des Geländes. Es geht dabei um die Selbstverwaltung – und vor allem geht es dabei keinesfalls nur um “Künstler”-Belange – sondern ganz allgemein und prinzipiell um das Recht auf Stadt. In der taz gab es gerade einen aktuellen Überblick zur Lage – und die WELT, deren Thema solche Sachen ja eher nicht sind, schreibt vom Übergang von einer “chaotischen Improvisation” zu einer “geordneten Improvisation”.

Das Gängeviertel ist jedenfalls ein schönes Beispiel für das vielerorts, tatsächlich bundesweit nun wieder aufkommende Ringen um faires Wohnen für alle. In vielen Städten formieren sich inzwischen ja zum Beispiel wieder Mieterinitiativen oder -Kollektive – mit dem Ziel, den Organismus Stadt als Lebensraum für die Allgemeinheit zu erhalten – und die Entwicklung hin zu privatisierten Showroom-Cities (Stichwort “Gentrifizierung”) aufzuhalten. Im Januar haben wir zu diesem Thema allgemein schon mal gebloggt. Und einen kleinen Seitenblick auf diese Bewegungen gibt es auch im ECHTLEBEN – und nun haben wir die Ehre, bei den Gängeviertel-Feierlichkeiten ein bisschen aus dem Buch vorlesen zu dürfen – und zwar diesen Samstag, 27. August, gegen 14 Uhr. Alle Infos zum Programm gibt’s hier.

Filmtipp: Eine flexible Frau

Oben sehen Sie Greta M., Anfang 40, arbeitslose Architektin, geschieden, Mutter eines 12 Jahre alten Sohnes, Berlin-Bewohnerin – und verwirrter Neuankömmling im weltumspannenden, 1a-ausgebildeten, voll-flexibilisierten Prekariat der früher eigentlich doch mal ganz Erfolgreichen. Einst war sie zahlendes Mitglied der hauptstädtischen Hipster-Herde, nun ist der Job weg, die Aufforderung zum Bewerberinnentraining da, vom präpubertären Sohn schlägt ihr unverstellte Verachtung entgegen, und die früheren Freunde erweisen sich als irritierend illoyale, teils schmerzhaft verbürgerlichte “Spießer” (O-Ton Greta).

Greta (Mira Partecke) ist die – tragische, traurige, manchmal aggressive, dann wieder apathische – Heldin im Film Eine flexible Frau, dem Erstlingswerk der Regisseurin Tatjana Turanskyj.  Seit Anfang dieses Jahres zieht der Film durch ausgewählte Programmkinos, in den kommenden zwei Wochen wird er zum Beispiel im Hamburger Kino 3001 zu sehen sein – und ich empfehle hiermit ausdrücklich den Besuch. Aber nur denjenigen, die 90 Minuten scharfkantig verfilmte Gegenwart tatsächlich ertragen können und mögen.

Greta – “Sie haben alle fest-freien Architekten wie mich gefeuert” – nimmt zunächst den nächstbesten Job an – als Telefonistin in einem Call Center – in dem sie ausgerechnet Fertighäuser eines norwegischen Konsortiums verkaufen soll. Ihre ambitionierten Jung-Kolleginnen, überwiegend topmodische Mittzwanzigerinnen, zeigen einen deutlichen Erfolgswillen und legen genau die “Geschmeidigkeit” an den Tag, die die Marketing-Chefin (Laura Tonke) fordert. Doch Greta, der 40Jährigen, die ihren Beruf und die Architektur liebt, geht der falsche Verkäuferinnen-Ton in Sachen globalisierter Standard-Waren-Vertrieb einfach nicht über die Lippen, sie quält sich mit dem Headset auf dem Haar durch die Telefonate – wird schließlich erneut gekündigt und damit zur Agentur-”Kundin” mit Hartz-IV-Ticket. In so genannten Townhouses, bewachten, gruselig einförmigen Nobel-Wohnanlagen mitten in der Stadt (“Privatstraßen!”, wie Greta bemerkt), glaubt sie ihren zu Stein gewordenen Feind zu erkennen – und flüchtet sich vorerst in Trinkexzesse.

Als “kalte, leere Welt” hat ein Zuschauer das Szenario des Films am Donnerstagabend, im Anschluss an die Hamburger Premiere, bezeichnet. Es war ein älterer Herr, der das Milieu und eben das  “Berlin” nicht zu kennen scheint, von dem Turanskyj in ihrem Film erzählt. Vor allem sei es ein Film über existenzielle Einsamkeit, antwortete die Regisseurin – und so habe auch ich die Flexible Frau gelesen. Die 90 Minuten erzählten lediglich einen Sommer in Gretas Leben, sagte Turanskyj – sozusagen den Absturzsommer. Und die “Kälte” und “Leere”, die der ältere Herr bemerkt hat, sind schon erstaunlich akkurat gefilmt – was nicht nur an den mustergültigen Räumen, Oberflächen und Farben liegt (es dominiert im ganzen Film dieses sophisticated-te Berlin-Mitte-Beige), sondern auch an der verwirrenden Ungreifbarkeit der … Verhältnisse.

“Die Muttis hier, diese Schnulli-Bulli-Welt, diese Zuverdienerinnengesellschaft”, schimpft Greta – während sie einer Freundin gegenübersitzt, die gerade das dritte Kind bekommen hat und das Geldverdienen inzwischen dem Ehegatten überlässt. “Wir sind ein Team”, sagt die in die Vollmutterschaft übergewechselte Freundin über ihre Ehe – und betrachtet Greta in jenem Moment sehr offensichtlich als Freak. “Konservativer Feminismus” ist ein Begriff, den Ursula von der Leyen 2007, damals noch als Bundesfamilienministerin, geprägt hat – immer wieder taucht jene Formel im Film auf, als Zitat, als böser Running Gag. Und ebenjener Hass, den Greta auf die saturierten Hipster-Mütter spürt – der Hass, der unter den Schlagworten “Macchiato-Mütter” oder “Bionade-Bourgeoisie” auch in den Medien seit einer Weile ausgiebig diskutiert wird -, ist hier erstmals filmisch grell beleuchtet. Feminismus und Geldnot gehen hier eine ganz schön schlecht gelaunte Allianz ein – und verweisen ganz ernsthaft, mitunter explizit, auch auf “typisch weibliche” Erwerbsbiografien im schlecht oder gar nicht entlohnten Dienstleistungssektor.

Es ist ein hochstilisierter Film, sehr formal gehalten, in jedem Fall sperrig, manchmal beinahe streng -  was etwa der Kritiker der ZEIT erstaunlicherweise nicht verstanden hat oder vielmehr: nicht zu schätzen weiß. Turanskyj selbst nannte gestern Abend Alexander Kluge als eines ihrer Vorbilder – doch scheinen die Erwartungen eines männlichen Film-Kritikers  an einen “Frauenfilm” ganz anders gelagert zu sein. Der ZEIT-Autor mäkelt über ein “flaches Psychogramm”, eine “Ansammlung von Phrasen”, vermisst eine anständige “Gesellschaftsstudie” – und hat insbesondere den (Film-)Komplex “Ohnmacht gegenüber dem konservativen Feminismus” brutal missverstanden. Derweil bemängelt die Film-KritikerIN der Berliner Zeitung, dass die Hauptfigur Greta eine “notorische Nervensäge” sei und es nicht schaffe, “den Zuschauer für sich einzunehmen”. Hm. Interessant, wie man so kilometerweit an einem Film vorbeidenken und -schreiben kann – sagt hier die unbezahlte Bloggerin, Laien-Filmkritikerin und Aushilfs-Feuilletonistin.

Wer etwas Kluges über den Film lesen möchte, dem empfehle ich diesen Text von Eleonora Szemerey, die unter anderem auf Godard verweist. Und außerdem rate ich eben zum Kinobesuch.

Die Zürcher Langstraße – ein Gentrifizierungs-Feature

Durch diese Eiterbeule fließt Blut

Für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), September 2008

Junkies, Huren, Freier, Dreck: Die Zürcher Langstraße liegt am rauen Ende der Globalisierung. Mit einem Förderprojekt wollen Stadt, Künstler und Gastronomen die Meile vor dem befürchteten Untergang retten. Die Angst vor “Gentrification” oder “Yuppisierung” mag durch Berlin geistern – in Zürich winkt man bei diesen Schlagworten mild lächelnd ab.

Wieder einmal gibt es Ärger an der Bushaltestelle Militär-/Langstraße. Eine zerknitterte Frau, vielleicht Mitte 30, vielleicht auch schon Mitte 50, zetert auf einen krummen Mann ein. “Ich sauf’ wegen Dir!”, schreit sie, “nur wegen Dir, Du Hueresack!” Der verdammte Alkohol, “der Alkohol und Du!” Ihre Stimme überschlägt sich, kippt in ein verzweifeltes Kieksen, und der Mann sinkt tiefer in sich zusammen, scheint fast umzukippen, während sie mit der flachen Hand auf ihn einschlägt, kraftlos, müde. “Hueresack!” Fliegen kreisen um eine zertretene Döner-Flade zu ihren Füßen, eine Plastiktüte segelt im Sog eines anfahrenden Busses vorbei.

Niemand schenkt der Szene Beachtung. Es ist eine gewöhnliche Unterhaltung zweier Liebender, der übliche raue Ton in dieser Gegend, mitten in Zürich, und doch in einem beinahe vergessenen Viertel der Stadt: im Kreis 4, dem umstrittenen, bemitleideten, verschrieenen Kreis “Cheib” – “Cheib” wie “Scherbe”, Scherbenviertel. Auch “Eiterbeule” wurde das Quartier schon genannt, oder: “Fußmatte der Schweiz”. Es ist der schmutzige Rücken der ansonsten auf Hochglanz polierten Metropole.

Nur wenige Kilometer südöstlich sitzt das Geld. Dort besichtigt der internationale Jet-Set fußbodenbeheizte Immobilien mit Blick auf den Zürichsee, trägt Geld in schwarzen Koffern zu Banken, lässt sich in Schönheitskliniken liften oder probiert im Luxuskaufhaus Globus seltene Mineralwässer, die umgerechnet bis zu 35 Euro kosten – pro Flasche. Etwa ebenso viel bezahlt man im Kreis 4 für fünf Gramm Haschisch, das man hier auf offener Straße kaufen kann, unter der staubigen Nachmittagssonne eines gewöhnlichen Werktages. Vielleicht, um sich das Leben für Momente etwas erträglicher zu machen.

Es gibt ähnliche Orte in anderen Städten, und meist markiert eine berühmt-berüchtigte Straße die so genannten Problemviertel: In Paris ist es etwa die Rue Saint-Denis, in Amsterdam sind es die Gassen rund um die Voorburgwal-Gracht, in Frankfurt am Main ist es die Kaiser-, in Dortmund die Linienstraße und in Hamburg das Agglomerat St. Pauli, glimmernd beleuchtet von der berühmten Reeperbahn. In Zürich trägt die Hauptschlagader des urbanen Elends den Namen “Langstraße”.

Es ist einer der Orte, an denen die so genannte Globalisierung ihr ungeschminktes Gesicht zeigt: Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben hier auf etwa vier Quadratkilometern zusammen. Manche betreiben Im- und Exportläden mit schrottreifen Elektronikartikeln, einige verkaufen in Kiosks Zeitungen und Sandwiches mit “scharfer Salami”. Andere haben sich auf den Drogenhandel im Gebüsch verlegt oder auf die Prostitution in Dachkammern und Hinterhöfen. Bei “Hermés” im Bankenviertel suchen pelzbemäntelte Russinnen nach Seidenschals. In der “Lambada Bar” an der Langstraße werben Dominikanerinnen in Miniröcken um Freier. Jeder schlägt sich eben durch, so gut er kann – die einen mit Juwelen, die anderen mit Drogen, manche verkaufen Schlösser, wieder andere ihre Körper.

“Lugano Bar”, “Chicago Bar”, “Café Memphis” oder “Rösti-Bar-Karibik-Restaurant”: Die Etablissements entlang der Langstraße tragen weltläufige Namen. Im Volksmund heißen einzelne Häuserblocks “Bermuda Dreieck” oder “Dominikaner Eck”. Fast wie eine Beschreibung der hier ansässigen Schicht lesen sich die Straßenschilder: “Diener-” oder “Nietengasse”. Vom “Mordpflaster Langstraße” berichtet schließlich die örtliche Boulevardpresse, schildert “Balkan-Schießereien” und listet die Herkunftsländer der Täter und Opfer auf: Italien, Bosnien, Türkei, Guinea, Kamerun, Großbritannien. Glaubt man den einschlägigen Statistiken, gibt es schweizweit wohl keinen internationaleren, vor allem: keinen gefährlicheren Ort.

Und doch ist das Viertel nicht ganz vergessen, wird nicht von allen als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Wer genau hinsieht, der entdeckt: “Es” lebt. Jeden Tag ändert sich etwas, jeden Tag ist etwas ein bisschen anders. Man muss nur hinsehen wollen: Wie “es” sich erholt, zu Kräften kommt. Die Langstraße ist ein geschundener Körper, der sich gerade keuchend, schwitzend berappelt. Und mit ihrem Überlebenskampf könnte die Meile ein Beispiel für andere europäische “Problemstraßen” sein.

Da ist zum Beispiel diese karge Halle, weiß getüncht, die Wände etwa fünf Meter hoch: “Autogarage” steht an der Fassade, doch Autos werden hier schon lange nicht mehr repariert. Eine Weile stand der Raum leer, wie vergessen. Doch plötzlich, im Spätsommer 2008, bewegen sich wieder Menschen darin, streichen die Wände, putzen die Scheiben, bauen Stellwände aus Sperrholz in die Leere, machen ab und an eine Pause auf klapprigen Campingstühlen, rauchen Zigaretten, trinken Kaffee, arbeiten weiter. Jeden Tag sieht es etwas aufgeräumter, sauberer, frischer aus. Nach einigen Wochen hängt ein kleines, schlichtes Pappschild an der Glastür, und der Passant erfährt: Hier entsteht die “Galerie Freymond-Guth & Co. Fine Art”, Eröffnungs-Vernissage Ende August, gezeigt werden Installationen der renommierten französischen Video-Künstlerin Elodie Pong.

“Ich will meine Vision von Poesie und Schönheit hier anbringen, und zwar genau hier”, sagt der Inhaber und Namensgeber der Galerie, Jean-Claude Freymond-Guth. Beeindruckende 28 Jahre jung ist der zierliche Mann, der küftig Kunstwerke für umgerechnet bis zu 12.000 Euro je Exemplar verkaufen will – ausgerechnet in der Brauerstraße, einer Quergasse der Langstraße und eine der wichtigsten Drogen-Meilen im Schmuddelkiez. “Kscht, kscht, kscht”, zischen einem die Dealer hier am hellichten Tag zu, “willst ein Chügeli kaufe”, eine Portion Kokain, und die Augäpfel der Männer sind rot oder gelb unterlaufen, welche Droge auch immer das mit ihnen gemacht hat. Wenige Meter weiter bieten Karibinnen in einem Salon “Vier-Hand-Massagen” an, und das Werbeschild eines Afro-Friseurladens verspricht Haarverlängerungen und anderes, “sehr günstig”, oder vielmehr “very chip”, wie es im Kreis 4-typischen Pigeon-Englisch heißt.

Er habe sich der Kunst aus der “Post-Everything-Ära” verschrieben, sagt Freymond-Guth. Es gehe um Kunst, die sich mit dem Zeitalter jenseits traditioneller Werte, jenseits sozialer Verträge und gesellschaftlicher Orientierungspunkte auseinandersetzt. Auch deshalb passe seine Galerie so gut in die Gegend: “Der Kreis 4 ist vielleicht der einzige Ort in der Schweiz, an dem nicht alles unter Klarsichtfolie verpackt ist, sondern lebt.” Neun Künstler vertritt, drei Mitarbeiter beschäftigt er. Bei aller Liebe dürfe man das Viertel jedoch nicht zu romantisch sehen: “Es geht hier hart zu. Aber die Mieten sind einfach niedriger als in anderen Vierteln Zürichs.”

Der 28Jährige ist nicht der einzige Kulturschaffende, der die Reize der Langstraße zu nutzen weiß. Wer aufmerksam durchs Viertel läuft, sieht immer neue Inseln entstehen, an denen “es” anders zugeht: Da sind die Musik-Bars “Longstreet” und “La Catrina”. Da ist die vor Jahresfrist eröffnete Rock-Kneipe “Alte Metzgerei”, deren neuer Betreiber den Schriftzug des Vorgängerlokals fast im Original beibehalten hat: Statt “Schnellimbiss” steht dort jetzt “Hellimbiss”, “Höllenimbiss”. Da ist der Club “Das Haus”, der mit Membership-Ausweis und Edelholzeinrichtung zu Live-Konzerten aus den Sparten Funk und Soul locken will. Oder die Programmkinos “Xenix” und “Riff Raff”; oder der Platten-Laden “Sixteen Tons”; oder Kunsträume wie “Perlamode” und das “atelieroffen”, in dem Nadja Ullmann malt, baut und ausstellt – sichtbar für jeden, der zufällig am Schaufenster vorbei spaziert ; und nicht zuletzt das asiatische In-Restaurant “Lily’s”, bei dem die Kundschaft derzeit allabendlich bis auf den Bürgersteig um einen Sitzplatz ansteht, als handele es sich um ein Star-Café am Hollywood Boulevard.

All diese vor nicht allzu langer Zeit entstandenen Orte ziehen junge Leute an, die ausgehen, Kunst machen und betrachten, rare Schallplatten einkaufen oder anspruchsvolle Filme sehen wollen, abseits des gängigen Diskotheken- und Museen-Einerleis. “Ja, es mischt sich langsam wieder hier im Viertel, und darüber sind wir sehr froh”, sagt Rolf Vieli, der von der Stadt Zürich eigens angestellte Stadtteil-Beaufragte für den Kreis 4.

Vieli ist einer der Väter des sanften Wandels im Quartier und in seiner Position und Arbeitsweise bislang ein Unikat in Europa. Seit 2001 koordiniert der ehemalige Wirtschaftsjournalist, Verlagsmitarbeiter, Sozialpädagoge und Stadtteilpolitiker das kommunale Projekt “Langstraße Plus”, bei dem Stadtplaner, Polizei und Sozialarbeiter zusammenwirken. Mit der europaweit beispiellosen Initiative will die Stadt dem Niedergang des Viertels entgegenwirken – und greift mitunter dirigistisch ein. Zu den wichtigsten Strategien gehört der Rückkauf einzelner Häuser, die in den vergangenen Jahren in die Hände des “Milieus” gefallen waren. Ziel ist die Ent-Ghettoisierung des Gebiets.

Vieli erklärt, wie es zum Niedergang des Kreises 4 kommen konnte, der seit jeher ein proletarischer Stadtteil war: Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre hat weite Teile der eingesessenen Arbeiterschaft vertrieben, Händler und Arztpraxen mussten schließen. “Systematisch haben Spekulanten, teils aus dem halblegalen Milieu, sich dann hier eingekauft.” Aus ehemaligen Gemüseläden wurden Kontaktbars, aus Wohnungen Bordell-Etagen. Zwischen 1992 und 2006 sei die Zahl der Einwohner gleich geblieben, die Zahl der registrierten Prostituierten habe sich jedoch verdoppelt, auf heute rund 4.500 im gesamten Stadtgebiet, darunter gut 1.000 so genannte Straßenhuren, die rund um die Langstraße tätig sind. Und nachdem die Ordnungskräfte 1995 auch noch den so genannten Needle-Park geräumt hatten, eine Grünanlage am Limmatufer, auf der Hunderte Fixer und Dealer sich trafen, drängte auch das Drogen-Milieu zunehmend in den sowieso schon heruntergekommenen Stadtteil.

Das harte Durchgreifen gegen den Zürcher Fixer-Park stieß damals auf herbe Kritik, auch international. Doch Vieli, der sich als “überzeugter Linker” bezeichnet und einst selbst mit “Drögelern” gearbeitet hat, wie Süchtige auf Schweizerdeutsch genannt werden, sagt: “Die Räumung war nötig, um der Verelendung ein Ende zu setzen.” Er zeigt Fotos aus der Hochphase der Fixer-Ära: Süchtige, die sich im Park unter Plastikplanen notdürftige Behausungen gebastelt haben, andere, die mit offen eiternden Wunden heulend auf dem Boden sitzen. Viele dieser Menschen gehören jetzt im Kreis 4 als versprengte Einzelfälle erneut zu seiner Klientel. Wenn der 62Jährige über das Langstraßen-Areal spricht, spricht er wie von einem Patienten und nennt sich selbst einen “Therapeuten”: Es gehe ums Heilen, langsam, nachhaltig.

Heute zählt es zu seinen wichtigsten Aufgaben, geeignete neue Mieter für die städtisch erworbenen Liegenschaften zu gewinnen. Vieli führt geduldig Gesprüche, macht Tresenbesuche und Ortsbegehungen, wirbt um Gastronomen und Händler, die “ein anderes Publikum anziehen”, wie er sagt. So gut ist mittlerweile sein Kontakt in beide Szenen, ins Schmuddel- wie ins Kulturmilieu, und so hoch sein Ansehen, dass Einheimische ihn liebevoll “Mister Langstraße” nennen. Bei Begriffen wie Gentrification, dem ursprünglichen angelsächsischen Wort für “Yuppisierung”, winkt er ab: “Wir wollen keinen schicken Glamour, sondern den Charakter des Viertels erhalten. Es geht bloß darum, die Angst aus den Straßen zu vertreiben.”

Zu den Vorzeigeprojekten im Langstraßenquartier gehört die Bar Rossi, die vor vier Jahren in einem vom “Mileu” zurückeroberten Haus eröffnet hat, unweit der zugigen Bushaltestelle, an der alkoholisierte Pärchen sich manchmal streiten. “Zu uns kommen Gäste, die Musik mögen und Kultur, Studenten, Nachtschwärmer”, sagt Philipp Rohner, der die Bar mit einem Kompagnon betreibt. Besonders beliebt beim Publikum ist der “Blind Test”: Einmal im Monat legt ein DJ Musik auf, und die Gäste müssen in einem Gruppen-Gesellschaftsspiel raten, von welcher Band der Song stammt. “Ohne den Mister Langstraße hätten wir das alles hier nicht gemacht”, sagt Rohner.

Schon einmal hatte der Mittvierziger eine Kneipe im Kreis 4 betrieben, die “Sansibar”. Aber Ende der 90er Jahre sei es unerträglich geworden, und er gab das Lokal ab. “Zu viel Krawall, zu viel Ärger.” Jetzt, nachdem die Stadt sich mit dem Langstraßen-Projekt eingeschaltet habe, gebe es zum einen mehr Polizeipräsenz im Viertel. Aber eben auch mehr und entspannteren Kontakt zu den eingesessenen Anwohnern. “Ich kenne Leute, die verbringen ihr ganzes Leben hier an der Bushaltestelle, denen geht es dreckig.” Aber: Man respektiere sich gegenseitig. “Wir brauchen keinen Türsteher, und die anderen brauchen keine Angst vor uns zu haben.” Rohner, der selbst im Viertel wohnt, sieht seine Bar nicht als “Yuppie”-Faktor. “Wir sind keine Investoren, die alles platt machen. Wir bringen einfach ein etwas anderes Leben hier hinein.”

So erfolgreich ist das Konzept des Förderprojekts “Langstraße Plus”, dass es in Teilen nun auch von der Amsterdamer Stadtverwaltung übernommen wurde: Niederländischen Medienberichten zufolge hat die Kommune bereits für mehrere hundert Millionen Euro Häuser aus dem Rotlichtbezirk zurückgekauft, etwa in Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs. Künftig sollen dort Cafés und Buchläden unterkommen. Als “Modell für Großstädte der Zukunft” hat der deutsche Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand von der Universität Jena den sanften Strukturwandel in der Schweizer Metropole schon vor Jahren gelobt, in seiner Studie “Die Stadt der Zukunft” (Leske & Budrich, 2002).

Auch der mutige Neu-Galerist Freymond-Guth, der privat schon einmal eine Weile in Berlin gelebt hat, kennt das Schreckgespenst der Yuppisierung: “Manchmal ist das schwierig – wenn etwa ein Großinvestor, der hier ganze Häuserzeilen aufkaufen will, sich privat für Kunst aus meiner Galerie interessiert.” Dann gelte es abzuwägen: “Wie will ich mich dazu verhalten? So jemand ist gleichzeitig mein Kunde und vielleicht ein Feind meiner Umgebung.” Angesichts knapper werdenden Wohnraums in der Boom-Region Zürich halte er es nicht für ausgeschlossen, dass das Langstraßen-Areal künftig auch für Luxus-Sanierer interessanter werde.

Als abschreckendes Beispiel für eine “Yuppisierung im Schnelldurchlauf” nennt er den Prenzlauer Berg in Berlin: Binnen 15 Jahren habe sich der ehemals lebendige Ost-Berliner Aufbruchbezirk in einen Hort neo-bürgerlicher Hipness für Westdeutsche verwandelt: “Mit Retro-Nippes-Shops für Touristen, und ansonsten komplett ausländerfrei.” In der Tat entstehen am Prenzlauer Berg dieser Tage gleich mehrere luxuriös aufgemachte neue Siedlungskomplexe, neudeutsch “Urban Villages” genannt, etwa die “Kastaniengärten” an der Schwedter Straße und der Block “Kolle Belle” an der Kollwitzstraße. Letzterer stellt seinen Bewohnern Appartements mit den Flairs “Royal”, “Elégante”oder “Exceptionélle” in Aussicht.

So etwas sei rund um die Langstraße nicht möglich, sagt Freymond-Guth. Zum einen, weil die Gassen zu eng und verwinkelt seien, als dass derart großräumige Überbauungen denkbar wären. “Zum anderen gibt es hier einfach eine gewachsene alternative und autonome Struktur, die eine Substanz hat. Es ist eben auch ein traditionelles Arbeiterviertel, die Leute sind stur.” Und tatsächlich: Erst im August haben Anwohner der benachbarten Neufrankengasse mit einem Quartierfest gegen den Abriss von 20 Häusern zu Gunsten einer Schnellstraße protestiert, in guter alter Bürgerinitiativen-Tradition. Auch die jüdisch-orthodoxe Familie, die seit Generationen das angestaubte Modegeschäft “Belladonna 88″ schräg gegenüber führe, habe sich von Investorenangeboten bislang nicht bestechen lassen, sagt der Galerist und deutet lächelnd auf die andere Straßenseite. Hier hochmoderne Videokunst, drüben trutschige Damenkleider, dazwischen ausgetretene Joints im Rinnstein – der Kreis 4 ist eine Großstadt für sich.

Während im unruhigen Berlin Investoren sowie Kultur- und Sozialpessimisten hektisch schon den Bezirk Neukölln ins Auge fassen, als potenziell nächstes Yuppisierungs-Gebiet, gesundet die Zürcher “Eiterbeule” geduldig, aber verlässlich vor sich hin. Zufällig trägt das nächste Reform-Projekt einen deutschen Namen: Das Striplokal “St. Pauli Bar” an der zentralen Bushaltestelle Militär-/Langstraße, wo ab und an die Säuferromantik aufflackert, genau schräg gegenüber der Bar Rossi, wird Ende des Jahres schließen. In den unteren Geschossen sei eine Café-Bar geplant, weiter oben vier bis fünf familienfreundliche Wohnungen, meldeten unlängst örtliche Zeitungen. Die Monatsmiete für eines der rund 100 Quadratmeter großen, kernsanierten Domizile soll nach Architektenangaben rund 2.500 Franken (1.600 Euro) betragen. Das ist zwar etwa so viel wie man am Prenzlauer Berg für ein Luxus-Loft bezahlt – nach Zürcher Maßstab, in dem alles ein bisschen teurer ist, jedoch sagenhaft günstig.

Wütender wohnen


♫ Hans Unstern, remixed von Viktor Marek: Be my parachute

Neulich habe ich etwas entdeckt: die Yuppies gegen Gentrification, kurz YGG. Es handelt sich um eine (spaßpolitische Internet-)Kampagne, die ihre Wurzeln im Hamburger Sigmund-Lachs-Institut für Nuklearakrobatik hat.  Auf der YGG-Internetseite kann man eine ganze Serie von Fotos und Slogans bestaunen, wie das obige von  “Finn, 25, Mediendesigner”. Nicht alle Motive bestechen mit Subtilität, manche kommen eher holzhammer-ironisch daher. Interessant finde ich es dennoch, beschäftigte ich mich doch seit Jahren mit besagten Themenfeldern – so genannten Yuppies, so genannter Gentrification und wer wo wie und warum wohl was genau dazu sagt.

“Was ist noch mal Gentrification?” Ein pfiffiger Mensch (ich vergaß, wer) hat es einmal ungefähr so umschrieben: “Spätestens wenn der dritte Laden für Filz-Design in Deiner Nachbarschaft aufmacht, ist es Zeit zu gehen.”  Vergessen wird manchmal, dass es für andere Menschen, die Ur-Uranwohner, dann schon viel früher “Zeit gewesen ist”, meist schon mit dem ersten Zipfelmützenshop. Ziemlich klug erklärt es der Hamburger Journalist Christoph Twickel in seinem Buch Gentrifidingsbums. Oder: Eine Stadt für alle.

Einen interessanten Blog-Beitrag zum Thema hat unlängst Dummy-Herausgeber Oliver Gehrs veröffentlicht, Titel: Vom Argwohn gegenüber der eigenen Saturiertheit. Ähnliches ging mir 2009 durch den Kopf, als ich gerade von Berlin nach Hamburg gezogen war, in den – so sagt man hier – hardcore-gentrifizierten Stadtteil Altona-Ottensen. Ungefähr das Folgende  hatte ich damals (in meinem leider abgestürzten Vorläufer-Blog) notiert: “Ich hoffe wirklich, dass nicht noch mehr Leute von meiner Sorte hierherziehen. Allerhöchstens noch ungefähr 14, vielleicht.” Ebendies ist ein gewisser Grundschmerz, um den auch Oliver Gehrs’ Überlegungen kreisen.

Der wohl berühmteste einheimische Schnellkochtopf der Gentrifizierung liegt natürlich an der Kastanienallee am Prenzlauer Berg in Berlin. Derzeit brodelt es dort besonders wütend, links und rechts der Straße. Zahlreiche Anwohner wehren sich gegen eine soeben gestartete verkehrsbezogene Sanierung – in Erwartung eines weiteren “Aufwertungs”-Schubs. (Es geht unter anderem um neue Parkbuchten und Radwege – die die Anwohner verhindern wollen – womöglich geht es also auch um so called Wutbürgertum.)  In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtete Tobias Rüther vor einigen Wochen, ein “Schlichter” sei für den Fall bestellt worden, und der heiße tatsächlich “Heiner” mit Vornamen. (Leider ist der Text online nicht verfügbar). Recht hämisch äußerte sich der örtliche (grüne) Bezirksstadtdrat Jens-Holger Kirchner in dem Artikel, er sagte: “Die Leute leben in Designerwohnungen, 150 Quadratmeter abgezogene  Dielen, aber die Straße vor dem Fenster soll schön verranzt aussehen.” Die Allee ganz gut kennend, mittlerweile aber von fern behaupte ich: Der Protest kann tatsächlich nur symbolischen Charakter haben – das Areal ist bekanntermaßen weitgehend verloren.  Für das Schlagwort “Casting Allee” sind mir inzwischen übrigens drei angebliche Urheber(innen) bekannt: 1) Ein selbstbewusster Privatkumpel, der von sich behauptet, er habe es schon 1999 erfunden 2.) Kerstin Grether 3.) die Betreiber des Café 103 an der Ecke Kastanienallee/Zionskirchstraße (< so schreibt es Peter Richter in diesem Buch).

Um eine etwas anders gelagerte “Aufwertung” handelt es sich bei den Vorgängen rund um die Zürcher Langstraße. Durch diese Eiterbeule fließt Blut heißt eine Reportage, die ich 2008 für die dpa geschrieben habe – über das von Künstlern invadierte Junkie- und Huren-Areal der heimlichen Hauptstadt der Schweiz. (Später hat man hat mir erklärt, dass das biologisch-medizinisch unmöglich ist: ein Blutfluss durch einen Eiter, dass es eine völlig schiefe Metapher sei.) Ob die Langstraßen-Geschichte jetzt, zwei, drei Jahre später, in Tonfall oder Gestaltung anders ausfallen würde … ? Möglich wär’s.

Erstmals sprangen die “Yuppies gegen Gentrification” mir übrigens ein paar Tage vor Weihnachten in den Blick, bei der Operation Pudel Gala, einer feierlichen Festveranstaltung zum 21jährigen Bestehen des Golden Pudel Club. Dort hatten die zornigen Yuppies ein Transparent aufgehängt, das mich unmittelbar in seinen Bann zog, mittlerweile hat die taz über die YGG berichtet. Auf nämlicher Gala habe ich auch die jüngste Pudel-Productions-Compilation, “Operation Pudel 2010″, erworben, die bei Staatsakt erschienen ist, mit dem Schwerpunkt auf Electronica – und von der der oben eingeblendete Track stammt. (Eigentlich sage ich ja immer noch “das Lied” statt Track, wohlwissend, dass man von mir erwartet, dass ich es mir endlich abgewöhne.)