Tag Archives: Hamburg

Wolfgang Welt

♫ Weezer: Buddy Holly

Wolfgang Welt (“Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” u.a.) bei Wikipedia
Wolfgang Welt bei Suhrkamp
Mann mit Gitarre (rechts): Knarf Rellöm
Mann mit Gitarre (links): Carsten Hellberg
Veranstaltung ausgerichtet vom Magazin OPAK .

Hamburg>Berlin>Hamburg 03/11

Wütender wohnen


♫ Hans Unstern, remixed von Viktor Marek: Be my parachute

Neulich habe ich etwas entdeckt: die Yuppies gegen Gentrification, kurz YGG. Es handelt sich um eine (spaßpolitische Internet-)Kampagne, die ihre Wurzeln im Hamburger Sigmund-Lachs-Institut für Nuklearakrobatik hat.  Auf der YGG-Internetseite kann man eine ganze Serie von Fotos und Slogans bestaunen, wie das obige von  “Finn, 25, Mediendesigner”. Nicht alle Motive bestechen mit Subtilität, manche kommen eher holzhammer-ironisch daher. Interessant finde ich es dennoch, beschäftigte ich mich doch seit Jahren mit besagten Themenfeldern – so genannten Yuppies, so genannter Gentrification und wer wo wie und warum wohl was genau dazu sagt.

“Was ist noch mal Gentrification?” Ein pfiffiger Mensch (ich vergaß, wer) hat es einmal ungefähr so umschrieben: “Spätestens wenn der dritte Laden für Filz-Design in Deiner Nachbarschaft aufmacht, ist es Zeit zu gehen.”  Vergessen wird manchmal, dass es für andere Menschen, die Ur-Uranwohner, dann schon viel früher “Zeit gewesen ist”, meist schon mit dem ersten Zipfelmützenshop. Ziemlich klug erklärt es der Hamburger Journalist Christoph Twickel in seinem Buch Gentrifidingsbums. Oder: Eine Stadt für alle.

Einen interessanten Blog-Beitrag zum Thema hat unlängst Dummy-Herausgeber Oliver Gehrs veröffentlicht, Titel: Vom Argwohn gegenüber der eigenen Saturiertheit. Ähnliches ging mir 2009 durch den Kopf, als ich gerade von Berlin nach Hamburg gezogen war, in den – so sagt man hier – hardcore-gentrifizierten Stadtteil Altona-Ottensen. Ungefähr das Folgende  hatte ich damals (in meinem leider abgestürzten Vorläufer-Blog) notiert: “Ich hoffe wirklich, dass nicht noch mehr Leute von meiner Sorte hierherziehen. Allerhöchstens noch ungefähr 14, vielleicht.” Ebendies ist ein gewisser Grundschmerz, um den auch Oliver Gehrs’ Überlegungen kreisen.

Der wohl berühmteste einheimische Schnellkochtopf der Gentrifizierung liegt natürlich an der Kastanienallee am Prenzlauer Berg in Berlin. Derzeit brodelt es dort besonders wütend, links und rechts der Straße. Zahlreiche Anwohner wehren sich gegen eine soeben gestartete verkehrsbezogene Sanierung – in Erwartung eines weiteren “Aufwertungs”-Schubs. (Es geht unter anderem um neue Parkbuchten und Radwege – die die Anwohner verhindern wollen – womöglich geht es also auch um so called Wutbürgertum.)  In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtete Tobias Rüther vor einigen Wochen, ein “Schlichter” sei für den Fall bestellt worden, und der heiße tatsächlich “Heiner” mit Vornamen. (Leider ist der Text online nicht verfügbar). Recht hämisch äußerte sich der örtliche (grüne) Bezirksstadtdrat Jens-Holger Kirchner in dem Artikel, er sagte: “Die Leute leben in Designerwohnungen, 150 Quadratmeter abgezogene  Dielen, aber die Straße vor dem Fenster soll schön verranzt aussehen.” Die Allee ganz gut kennend, mittlerweile aber von fern behaupte ich: Der Protest kann tatsächlich nur symbolischen Charakter haben – das Areal ist bekanntermaßen weitgehend verloren.  Für das Schlagwort “Casting Allee” sind mir inzwischen übrigens drei angebliche Urheber(innen) bekannt: 1) Ein selbstbewusster Privatkumpel, der von sich behauptet, er habe es schon 1999 erfunden 2.) Kerstin Grether 3.) die Betreiber des Café 103 an der Ecke Kastanienallee/Zionskirchstraße (< so schreibt es Peter Richter in diesem Buch).

Um eine etwas anders gelagerte “Aufwertung” handelt es sich bei den Vorgängen rund um die Zürcher Langstraße. Durch diese Eiterbeule fließt Blut heißt eine Reportage, die ich 2008 für die dpa geschrieben habe – über das von Künstlern invadierte Junkie- und Huren-Areal der heimlichen Hauptstadt der Schweiz. (Später hat man hat mir erklärt, dass das biologisch-medizinisch unmöglich ist: ein Blutfluss durch einen Eiter, dass es eine völlig schiefe Metapher sei.) Ob die Langstraßen-Geschichte jetzt, zwei, drei Jahre später, in Tonfall oder Gestaltung anders ausfallen würde … ? Möglich wär’s.

Erstmals sprangen die “Yuppies gegen Gentrification” mir übrigens ein paar Tage vor Weihnachten in den Blick, bei der Operation Pudel Gala, einer feierlichen Festveranstaltung zum 21jährigen Bestehen des Golden Pudel Club. Dort hatten die zornigen Yuppies ein Transparent aufgehängt, das mich unmittelbar in seinen Bann zog, mittlerweile hat die taz über die YGG berichtet. Auf nämlicher Gala habe ich auch die jüngste Pudel-Productions-Compilation, “Operation Pudel 2010″, erworben, die bei Staatsakt erschienen ist, mit dem Schwerpunkt auf Electronica – und von der der oben eingeblendete Track stammt. (Eigentlich sage ich ja immer noch “das Lied” statt Track, wohlwissend, dass man von mir erwartet, dass ich es mir endlich abgewöhne.)

Das Fenster zum Hof


Soeben, es war wohl halb vier in der Nacht, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die 110 gewählt, um der Polizei ein Verbrechen zu melden, live, noch während es vonstatten ging. Keine große Sache: Ein vermutlich junger Mann (so weit man das Alter “von hinten” schätzen kann) ist hier in ein Fotostudio eingebrochen; mit vielen, vielen Tritten, einem ziemlichen Gedonner hat er versucht, da rein zu kommen, Glas hat geklirrt, pipapo. Ich im Haus gegenüber, auf der anderen Hofseite, in meinem Schlafzimmer, werde vom Krach wach, schiele durch die Jalousie, sehe alles  – und greife wie automatisch zum Telefon, wirklich: wie ferngesteuert. Ganz seriös und ruhig habe ich dem Mann von der 110 erst meine Adresse genannt, dann meinen Namen (woher weiß ich, dass man es wohl am besten so herum macht, genau in der Reihenfolge, es erschien mir logisch, während ich es aufsagte, aber wie komme ich darauf, mitten in der Nacht, “wie aus dem EffEff”?), dann was gerade  passiert, den Typen beschrieben, den Tatort beschrieben, und noch während der Täter rumorte, habe ich – im Auftrag des Telefonpolizisten – meinen Blick über die Straße und die angrenzenden Häuser schweifen lasssen und nach möglichen Fluchtwegen Auschau gehalten, die ich dem Telefonpolizisten nannte. Plötzlich war es still, und der junge Mann war weg. Keine Ahnung, wohin er so schnell abgehauen ist, die Fluchtwegefrage hatte mich abgelenkt. Ganz kurz darauf kamen acht (8) blaue Polizist(inn)en, darunter drei langhaarige Blondinen. (Das mit den Blondinen schreibe ich nur, weil es in einer solch dunklen Einsatznacht ja wahnsinnig auffällig ist – das hellblonde Haar in voller Pracht auf den dunkelblauen Uniformen ausgebreitet. Das leuchtet ja wirklich engelsgleich, und schon von Weitem. Ob das ermittlungstaktisch klug ist? Jedenfalls dachte ich immer, das gibt’s nur im Fernsehen, dass Polizistinnen so aussehen. Maria-Furtwängler-like. Nein, die gibt’s wirklich.) Gut. Der Mensch also weg, der Einbruch ersichtlich und protokolliert, gestohlen worden war wohl nichts, die blauen Leute machten sich auf zu ihrem nächsten Einsatz.

Nun sitze ich hier, hellwach, obwohl ich wieder früh raus muss, und frage mich, warum diese unspektakuläre kleine Nummer mir ein so seltsames Gefühl bereitet. Merkwürdig, wie verdächtig ich mir selbst vorkam, als ich mit denen sprach. Denunziatorisch auch. So … blockwärterinnenhaft. “Ich bin diejenige, die nichts besseres zu tun hat, als die Nachbarschaft vom Fenster aus auszuspähen und Leute bei der Polizei anzuschwärzen.” Einerseits ist das natürlich Quatsch. Der Typ hat Mist gebaut, ich war dabei, die Leute vom Fotostudio sind in Ordnung, so weit ich weiß, zwei, drei Mal im Jahr geben die ein großes kubanisches Fest mit vielen süßen, kleinen Kindern, und es ist eine Schweinerei, deren Laden zu zerdeppern. Andererseits sind die Fotoleute bestimmt versichert, und es mag ein armer Hund gewesen sein, ein Dilettant noch dazu, vielleicht Beschaffungskriminalität unter Druck, man weiß es nicht. Schließlich sind für solcherlei Abwägungen dann ja aber die Gerichte da. So oder so – es bleibt etwas Unangenehmes zurück. Als hätte ich mich brutal in etwas eingemischt, das mich absolut nichts angeht. Womöglich habe ich soeben eine Art “bürgerliche Wachsamkeit” erwiesen, könnte man das so nennen? Oder eher “Bürgerwehr”? Hätte ich mich einfach wieder hinlegen sollen? War es eine gute Tat, die Polizei zu rufen? Vermutlich schon. Woher kommt mein Mitleid mit dem Typen, den ich hier gerade – sehr einfühlsam – als  “armen Hund” bezeichnet habe? Und wie interessant, dass es wirklich wie im Fernsehen funktioniert. “Hier 110, Roger” – “Hier unbescholtene Bürgerin, check, melde Verbrechen, over.” – und dann sind die tatsächlich  zwei, drei Minuten später da. Wirklich wie eine Filmszene, die man x-mal, bis zum Erbrechen geübt hat, das Polizistsein, das Bürgerinnensein. Alles in allem aber: echt doof. Ich schaue nie Krimis, auch nicht den Tatort. Überhaupt nicht mein Genre.

Schnee

Der Videoclip stammt aus dem DEFA-Film Das Kaninchen bin ich (1965) aus der Regie von Kurt Maetzig und zeigt Angelika Waller in der Rolle der Maria Morzeck. Maria ist in Paul (Alfred Müller) verliebt, der hier mit Schneebällen wirft – und ahnt zunächst nicht, dass ebenjener Paul, ein Richter, derjenige ist, der einst ihren geliebten Bruder Dieter hinter Gitter gebracht hat, aus politischen Gründen. Das “Kaninchen” wurde kurz nach seinem Erscheinen in der DDR verboten, wegen seiner Kritik an der dortigen Strafjustiz. Nachfolgend nannte man verbotene Filme in der DDR generell “Keller”- oder “Kaninchenfilme”, weiß Wikipedia. Abgesehen davon drehte Maetzig systemgenehme Werke und galt später als einer der einflussreichsten Kino-Männer der DDR. Some Stills and some info in English are given here. Das Foto zeigt den ersten Schnee des anbrechenden Winters in Ottensen, Donnerstagabend, also viel zu früh, es war ja gerade erst Mai.