Tag Archives: Hessen

Yellow Arrow


Website von Stefan Rohrer
Website zur Ausstellung Blickachsen 8

Taubengraublau

Frankfurt am Main/Westhafen, Juli 2011

Fauser, Jörg Christian – geboren an einem 16. Juli im hessischen Bad Schwalbach

Immer am 16. Juli denke ich an Jörg Fauser. An jenem Datum im Jahr 1944 kam Fauser im hessischen Bad Schwalbach zur Welt – so wie ich, zwar einige Jahre später, aber am selben Datum, im hessischen Bad Homburg geboren wurde, ein paar läppische Kilometer Luftlinie entfernt. Neben dem gemeinsamen Geburtstag und der selben Heimatregion verbindet uns noch vieles andere. Das behaupte ich jedenfalls gern. (Von irgendwas muss eine Hybris zehren.)

Einmal, in den frühen 80ern, ich war ungefähr 13, Jörg ungefähr 39, hielten wir uns sogar im selben Raum auf und hörten die selbe Musik: in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Dort gab Achim Reichel ein Konzert – mit Songtexten von Jörg Fauser. Fauser drückte sich backstage herum (und schrieb später eine Reportage über die Reichel-Tour), ich saß im Publikum, neben meinem Vater, der ein großer Reichel- und Fauser-Fan war und ist. Seit jenen Tagen, seit dem siebten Schuljahr, sitzt der Fauser mir fest im Nacken – und zu verdanken habe ich das eben meinem Vater – dem ich auch, irgendwann in den frühen 90ern dann, als ich selbst schon ein paar Texte für Geld geschrieben hatte, die Original-Ullstein-Ausgabe von Rohstoff (Foto oben) aus dem Bücherregal entwendete, ein Buch, das ich bis heute in Ehren halte.

Öfters blättere ich im Rohstoff herum, einfach so. Auch als es beim Schreiben vom Echtleben mal ganz, ganz mies lief, zwischendrin, habe ich wieder hineingeschaut. Mir genügt dann meist der Tonfall … irgendetwas genügt dann tatsächlich immer daran … und etwas löst sich in meinem Kopf und ich kann dann besser weiterschreiben. Vielleicht kann man sagen: Ich orientiere mich an seiner, hm, Haltung. Weil sie mir etwas sagt, weil sie mir einleuchtet, weil ich ihr glaube. Auf Seite 159/160 im Echtleben kommt der Jörg sogar vor – er wird da von einer Bekannten im Buch ein bisschen fies von der Seite angemacht – ich verteidige ihn nicht, im Buch, und dass ich das dort eben nicht tue, ist ein Witz, den nur der Fauser und ich verstehen. Auch das schöne Wort “Kulturproduktionsbürokratie” habe ich ihm geklaut und im Echtleben verwendet. Fauser findet: “Meinetwegen, mach’ halt.”

Inzwischen habe ich natürlich fast alles von ihm gelesen. (Nicht alles ist superspitzenklasse, aber bei wem schon?) Und beide, der Jörg und ich, haben auch das Riesen-Fauser-Revival ganz gut überstanden, das vor ein paar Jahren kurz aufbrandete – war es zu seinem  60.  Geburts- oder zu seinem 30. Todestag? – und bei dem Benjamin von Stuckrad-Barre mit einer Fauser-Texte-Lesetour durchs Land zog. “Ach”, haben der Fauser und ich da kurz gedacht und ein kleinbisschen quasi-bösartig gekeckert, auf die hessisch-verschlagene Tour, “wir beide kennen uns aber schon ungefähr ein Vierteljahrhundert lang, gell?” Das zweite Foto oben zeigt übrigens Jörgs, nicht meinen Schreibtisch.

Manche sagen, der Fauser habe die Frauen gehasst, zumindest: verachtet. Ich denke, es ist was dran, und dann aber auch wieder nicht. Er kam einfach nicht sonderlich gut mit ihnen aus. Und als Frau sage ich: So wie der Fauser mit seinem Mannsein umgegangen ist, so gehe ich vielleicht mit meinem Frausein um. Schon ein bisschen rüpel(innen)haft, vielleicht. Aber womöglich (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch wieder nicht. Im Grunde interessiert es mich gar nicht so besonders. Ich war auch nie “verliebt” in den Fauser oder sowas. We’ve got a different thing going on.

Nach einer kleinen Trinkerei zu seinem 43. Geburtstag kam der Jörg im Sommer 1987 ums Leben. Er lief nachts auf die Autobahn bei München-Riem und wurde von einem Lastwagen überfahren. Das ist nur einer der Gründe, warum ich bis heute mit Alkohol vorsichtig bin und den Großraum München meide.

Und da er morgen nun eben Geburtstag hat, beziehungsweise gehabt hätte, hommagiere ich ihn heute hier mal kurz in die Höhe. Wie ein echter Hesse klingt (es ist nicht unbedingt schön), das können Sie hier hören, er liest eines seiner “Gedichte” (es reimt sich aber gar nicht):

Und schließlich habe ich eine Art “Best of” aus einem Interview hier zusammengesampelt (ich hoffe, es hat niemand etwas dagegen), das Jörg Fauser anderthalb Jahre vor seinem Tod gegeben hat – dem Frankfurter Germanistik-Studenten Ralf Firle, der das Gespräch damals in seine Magisterarbeit über Fausers Prosa einbaute. Erstmals öffentlich nachzulesen ist das Gespräch im wunderbaren (!), chronologisch aufgebauten Jörg-Fauser-Sammelband Der Strand der Städte (1.600 Seiten!), der 2009 im Berliner Alexander Verlag erschienen ist, dem Verlag, der sich heute verdienstvoll um Fausers Werk kümmert. Der Student hatte Fauser über das Schreiben im Allgemeinen und Besonderen befragt (wofür Ralf Firle größter Dank gebührt) … und Fausers Antworten sind auch wieder so etwas … Naja. Wir verstehen uns halt einfach gut.

FAUSER spricht:

Die Schreiberei ist ja immer ökonomisch abhängig, wenn man davon lebt. (…) Mir haben die ökonomischen Faktoren geholfen bei der schriftstellerischen Arbeit, denn ohne das Eine wäre das Andere nicht möglich gewesen, d.h., wenn man für Zeitschriften arbeitet, hat man für eine gewisse Zeitspanne Geld und kann den eigenen Schmus machen, wenn man also trennen will. Aber ich will das nicht trennen. Dazu sagen möchte ich noch, dass es für mich nicht ehrenrührig ist, wie für viele deutsche Feuilletonisten, für Geld zu schreiben.

Intensivieren möchte ich eigentlich in Zukunft das Romanschreiben, schließe aber nicht aus, dass auch andere Sachen kommen können, auf die man plötzlich gestoßen wird und die dann auch sehr wichtig werden können.

Das kann einmal sehr gut laufen und dann – weg! So etwas wie Sicherheit gibt es auf keinen Fall.

Schriftsteller sind keine trotzigen Außenseiter, wären sie nämlich trotzige Außenseiter, dann würden sie nämlich nichts erfahren über diese Gesellschaft. (…) Der Schriftsteller (…) will teilhaben, denn nur woran er teilhat, darüber kann er mit Fug und Recht schreiben. Das ist die Sache, da wollen sie uns haben (…)  um Gottes Willen keine Teilhabe, es sei denn Böll, weil der ja – Nobelpreis und so – aber selbst der wurde ja noch angepfiffen. Das finde ich – pah! Nicht trotzige Abgeschiedenheit – Teilhabe an der Welt, das ist schon schöner.

Bukowski war eine starke Erfahrung für mich. Das gebe ich ehrlich zu. Und zwar einfach als jemand, der eine ungeheure Selbstbehauptung hat, der gegen Widrigkeiten, woran sehr viele andere gescheitert wären, sich behauptet hat, als jemand, der schreiben will. Das hat mir unheimlich imponiert, zumal das in einer Zeit war, wo ich selbst mit schweren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Der Auslöser ist meistens etwas, was ich erfahren habe. Danach kommt eine lange Phase, wo man sich sagt: Aha, das ist ein Thema, das ist ein Stoff – da bahnt sich etwas an, das geht einem dann länger, wie auch immer, im Kopf herum. Bis zum Schritt, das dann aufzuschreiben, muss noch einiges im Kopf passieren.

Es ist nicht so, dass der Verlag kommt und sagt: Du musst mal wieder was machen. Das ist sekundär. Ich mache es dann, wenn ich weiß, jetzt muss es sein.

Mit den reinen Außenseitern habe ich es eigentlich nicht, eher mit Leuten, die auf Schattenlinien operieren, die halb drin sein  wollen, aber auch halt sehen, es geht eigentlich gar nicht.

Nein, ich lasse mich nicht festlegen.

Ich lebe vom Bücherschreiben, und ein Buch sollte sich schon verkaufen, denn sonst kann ich ja das Schreiben einstellen. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Jetzt muss das geschrieben werden, denn das verkauft sich gut. Das geht nicht.

Ich hoffe auch, dass ich mit den Lesern immer weiter gehen kann, dass, wenn ich den nächsten Schritt mache, die nicht sagen: Abfiff! Sondern sagen: Aha – jetzt hat er sich das vorgenommen, vielleicht falsch, aber man kann es auf jeden Fall lesen. Grundsätzlich: Publikumserwartungen bestimmen nicht direkt oder indirekt mein Schreiben.

Doch. Ich kann mich schon gegen (Feuilleton-Kritik) wehren. Das hat ja Böll auch schon getan. Irgendwo gibt es ein Forum, wo man dies tun kann. Mir ist es aber letztlich wurscht. Aber wenn die mir zu blöde kommen, dann wehre ich mich. Ich glaube nicht, dass der Schriftsteller die Funktion hat, still dazusitzen und zu sagen: Äh. (streckt die Zunge raus) Es ist ja ein Dialog, man nimmt das hin, aber wenn da mir einer zu blöd kommt, dann ist aber auch Randale angesagt. Sicher. (…) Das kann man schon machen. (…) Es muss einen Kampf geben, sonst lohnt sich das Ganze auch nicht.

(…) dass der Schriftsteller Partei ergreift gegen die Macht. Das ist sein Auftrag. (…) Man muss darstellen, wo die Macht ist – wer hat die Macht, wie wirkt sie sich aus -, wenn man die Möglichkeiten dazu hat, wenn man genug darüber weiß.

Solange überhaupt im Kopf etwas los ist, finde ich das toll. Ich diskutiere auch mit jedem.

Wissen Sie, Moral ist für die Seite 3 oder 4 in der Zeitung, Leitartikel. Ich bin für die Unterhaltung zuständig. Ich glaube, ein Schriftsteller, der sagt, ich will jetzt hier Moral verbreiten, ist sofort weg vom Fenster. (…) Es muss Richtlinien geben. Nicht von oben, sondern in einem drin, wo man einfach sagt, bestimmte Sachen mache ich nicht. Meine Figuren haben das sicher, wie ich das auch habe. Soviel zur Moral.

Man wird auf die Welt gesetzt. Bekommt es sofort mit Uannehmlichkeiten zu tun, und die Frage ist: Wie schafft man es trotzdem, ohne das Handtuch zu werfen? Das beschäftigt mich schon immer und wird mich weiter beschäftigen.

Alles Gute, Fauser!

Jörg Fauser – ein Geburtstagsgruß

Alles Gute, Fauser!

Der folgende Text ist, genau wie der Diedrich-Diederichsen-Text, niemals irgendwo erschienen außer hier, er ist in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2011 so zusammengeschrieben.

Immer am 16. Juli denke ich an Jörg Fauser. An jenem Datum im Jahr 1944 kam Fauser im hessischen Bad Schwalbach zur Welt – so wie ich, zwar einige Jahre später, aber am selben Datum, im hessischen Bad Homburg geboren wurde, ein paar läppische Kilometer Luftlinie entfernt. Neben dem gemeinsamen Geburtstag und der selben Heimatregion verbindet uns noch vieles andere. Das behaupte ich jedenfalls gern. (Von irgendwas muss eine Hybris zehren.)

Einmal, in den frühen 80ern, ich war ungefähr 13, Jörg ungefähr 39, hielten wir uns sogar im selben Raum auf und hörten die selbe Musik: in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Dort gab Achim Reichel ein Konzert – mit Songtexten von Jörg Fauser. Fauser drückte sich derweil backstage herum (und schrieb später eine Reportage über die Reichel-Tour), ich saß im Publikum, neben meinem Vater, der ein großer Reichel- und Fauser-Fan war und ist. Seit jenen Tagen, seit dem siebten Schuljahr, sitzt der Fauser mir fest im Nacken – und zu verdanken habe ich das eben meinem Vater – dem ich auch, irgendwann in den frühen 90ern dann, als ich selbst schon ein paar Texte für Geld geschrieben hatte, die Original-Ullstein-Ausgabe von Rohstoff aus dem Bücherregal entwendete, ein Buch, das ich bis heute in Ehren halte.

Öfters blättere ich im Rohstoff herum, einfach so. Auch als es beim Schreiben vom Echtleben mal ganz, ganz mies lief, zwischendrin, habe ich wieder hineingeschaut. Mir genügt dann meist der Tonfall … irgendetwas genügt dann tatsächlich immer daran … und etwas löst sich in meinem Kopf und ich kann dann besser weiterschreiben. Vielleicht kann man sagen: Ich orientiere mich an seiner, hm, Haltung. Weil sie mir etwas sagt, weil sie mir einleuchtet, weil ich ihr glaube. Auf Seite 159/160 im Echtleben kommt der Jörg sogar vor – er wird da von einer Bekannten im Buch ein bisschen fies von der Seite angemacht – ich verteidige ihn nicht, im Buch, und dass ich das dort eben nicht tue, ist ein Witz, den nur der Fauser und ich verstehen. Auch das schöne Wort “Kulturproduktionsbürokratie” habe ich ihm geklaut und im Echtleben verwendet. Fauser findet: “Meinetwegen, mach’ halt.”

Inzwischen habe ich natürlich fast alles von ihm gelesen. (Nicht alles ist superspitzenklasse, aber bei wem schon?) Und beide, der Jörg und ich, haben auch das Riesen-Fauser-Revival ganz gut überstanden, das vor ein paar Jahren kurz aufbrandete – war es zu seinem 60. Geburts- oder zu seinem 30. Todestag? – und bei dem Benjamin von Stuckrad-Barre mit einer Fauser-Texte-Lesetour durchs Land zog. “Ach”, haben der Fauser und ich da kurz gedacht und ein kleinbisschen quasi-bösartig gekeckert, auf die hessisch-verschlagene Tour, “wir beide kennen uns aber schon ungefähr ein Vierteljahrhundert lang, gell?”

Manche sagen, der Fauser habe die Frauen gehasst, zumindest: verachtet. Ich denke, es ist was dran, und dann aber auch wieder nicht. Er kam einfach nicht sonderlich gut mit ihnen aus. Und als Frau sage ich: So wie der Fauser mit seinem Mannsein umgegangen ist, so gehe ich vielleicht mit meinem Frausein um. Schon ein bisschen rüpel(innen)haft, vielleicht. Aber womöglich (aller Wahrscheinlichkeit nach) auch wieder nicht. Im Grunde interessiert es mich gar nicht so besonders. Ich war auch nie “verliebt” in den Fauser oder sowas. We’ve got a different thing going on.

Nach einer kleinen Trinkerei zu seinem 43. Geburtstag kam der Jörg im Sommer 1987 ums Leben. Er lief nachts auf die Autobahn bei München-Riem und wurde von einem Lastwagen überfahren. Das ist nur einer der Gründe, warum ich bis heute mit Alkohol vorsichtig bin und den Großraum München meide.

Alles Gute, Fauser!

Hessen ganz groß

Wird hier verlegt. Bisschen Info hier.

Prostitution – ein Bericht

Toleranzzone

Erschienen in der FAZ, 1996

Rita hat sich bäuchlings auf der Liege mit der dünngelegenen Daunendecke ausgestreckt. Schwül ist es in der kleinen Kammer im mehrgeschossigen Altbau an der Taunusstraße. Den Kopf auf die linke Hand gestützt, fingert die nur mit Unterwäsche bekleidete junge Frau mit der Rechten nach dem Feuerzeug auf dem Nachttisch. Gelangweilt zündet sie sich eine Zigarette an, die zwölfte an diesem Abend. Nicht für eine Sekunde weicht ihr Blick dabei vom Fernsehapparat, der von der Kommode gegenüber ihres Betts aus seit Stunden bunte Bilder ausspuckt. Von Nachrichtensendungen, Quiz-Shows und Werbespots versteht die 25 Jahre alte Dunkelhaarige kein Wort.

Rita (Name von der Redaktion geändert) stammt aus Kolumbien. Erst seit zwei Monaten hält sie sich in Deutschland auf. Viel länger will sie auch nicht bleiben. Die alleinerziehende Mutter möchte in Frankfurt „in kurzer Zeit viel Geld“ verdienen, mit dem sie ihre Familie, die sechs Jahre alte Tochter, die Mutter und zwei Schwestern in ihrer Heimatstadt Cali im Westen Kolumbiens unterstützen möchte. Rita weiß, dass sie als Südamerikanerin mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland nicht arbeiten darf. Es ist kein gewöhnlicher Beruf, dem sie nachgeht. Rita verdient sich ihr Geld als Prostituierte in dem durch die Sperrgebietsverordnung als „Toleranzzone“ ausgewiesenen Viertel zwischen Mosel-, Weser-, Nidda- und Taunusstraße.

Etwa ein- bis zweitausend Prostituierte arbeiten nach Erkenntnissen der Polizei in den Bordellen im Bahnhofsviertel und an der Breiten Gasse. Annähernd 90 Prozent davon sind Ausländerinnen. Etwa die Hälfte aller Prostituierten in Frankfurt stammt aus Kolumbien, Frauen aus der Dominikanischen Republik, Brasilien, Thailand und verschiedenen afrikanischen Ländern kommen hinzu. Bei der „Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung“ (agisra) hat man eine Vokabel für die Kurzzeit-Prostitution ausländischer Frauen in Deutschland gefunden: „Arbeitsmigration“ ist das Schlagwort für die meist aus finanzieller Not begonnene Tätigkeit in Europa.

Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen und ehemalige Prostituierte, die inzwischen mit deutschen Männern verheiratet sind, arbeiten für den Verein, der Zuschüsse von Stadt und Land erhält. Regelmäßig suchen die Mitarbeiterinnen Bordelle auf und versuchen, die Prostituierten bei gesundheitlichen und seelischen Schwierigkeiten zu beraten. Auch zu Behörden, wie dem Ordnungsamt, zu Gerichten oder der Polizei begleiten die „agisra“-Frauen die „Sexarbeiterinnen“, wie die Prostituierten im Vereinsjargon heißen.

Christiane Howe, die Sprecherin von „agisra“, kennt die Lebensgeschichten vieler der Betreuten. „Die Biografien ähneln sich“, sagt sie. Arbeitslosigkeit, oft gepaart mit dem Wunsch, im Heimatland ein „eigenes Geschäft“, wie etwa einen Friseursalon, zu gründen, veranlasse jedes Jahr Tausende von jungen Frauen, für eine „Saison“ in einem europäischen Bordell anzuheuern. Frankfurt sei dabei eine beliebte Anlaufstelle, nicht zuletzt wegen des internationalen Flughafens. Meisten hielten die als Touristinnen einreisenden Frauen die ihnen vom Staat gewährte Frist für ihre Ausreise ein und verließen das Gastland nach drei Monaten.

Was so nüchtern kalkuliert wie ein lukrativer Ferienjob erscheint, birgt einige Risiken für die Ausländerinnen. „Strikt katholisch“ seien die meisten Südamerikanerinnen erzogen. Nur die Hälfte der in Frankfurt „anschaffenden“ Kolumbianerinnen etwa habe schon einmal in ihrem Heimatland als Prostituierte gearbeitet. „Das sind unvorstellbare Gewissenskonflikte, die die im Grunde ‚anständigen’ Frauen hier quälen“, berichtet Howe. Die Frauen seien sich bewusst, dass ihre Arbeit illegal sei. Sie müssten ständig befürchten „aufzufliegen“ und des Landes verwiesen zu werden. Etwa 100 ausländischen Prostituierten habe das Ordnungsamt 1995 eine Aufforderung zur Ausreise zugestellt, bestätigt Heiko Kleinsteuber, stellvertretender Leiter der Abteilung „Ausländerfragen“ im Amt.

Der illegale Status und der sexuelle Kontakt zu fremden Männern, der im Widerspruch zur religiösen Erziehung stehe, setzt die Frauen nach Einschätzung der „agisra“-Mitarbeiterinnen einer „moralischen Zwangslage“ aus. „Einige halten nicht einmal vier Tage lang durch“, sagt Howe. Breche eine Frau ihren Aufenthalt vorzeitig ab, so erwarteten sie in ihrer Heimat erhebliche Schwierigkeiten. Auch wenn die Prostituierten in Deutschland augenscheinlich „in Eigenregie“ arbeiteten, so seien sie doch von Geldgebern abhängig, die ihnen zumindest die Flugkosten vorgestreckt hätten.

Hauptkommissar Wolfgang Meyer vom Kommissariat für Menschenhandel und Milieukriminalität der Frankfurter Polizei schildert die Voraussetzungen für die Arbeit ausländischer Prostituierter ähnlich: In den großen Städten Lateinamerikas gebe es so genannte Vermittlungsbüros. Dort erhielten die Frauen Kontaktadressen, die beispielsweise „Haus x, Elbestraße y, Frankfurt, Deutschland“ lauten könnten. Die Büros finanzierten das Flugticket und das bei der Einreise vorzuweisende „Show Money“ vor. Diese Kredite seien mit hohen Zinsen belegt, so dass die Frauen bei ihrer Heimreise oft mehr als 5000 Mark Schulden hätten, die sie von ihrem in europäischen Bordellen verdienten Geld zurückzahlen müssten. Wenn die Frauen nicht schnell genug zahlten, würde ihre Familien im Heimatland von den Vermittlern bedroht. „Hinter all dem steht aber keine großflächig organisierte kriminelle Vereinigung“, stellt der Hauptkommissar fest. Es handele sich stets um „kleine Büros“, die keine Abgesandten in Europa unterhielten und deshalb für die hiesige Polizei nicht zu fassen seien.

Auffälliger stellten sich dagegen die Praktiken osteuropäischer Zuhälter dar, die meist sehr junge Frauen nach Deutschland schleusten und diese zur Wohnungsprostitution zwängen, sagt Meyer. Oft würden die „manchmal erst 19 Jahre alten“ Osteuropäerinnen unter einem Vorwand nach Deutschland gelockt. Säßen sie dann im Bordell anstatt wie erwartet als Zimmermädchen in einem Hotel, nähmen die Schlepper ihnen die Pässe ab, bewachten sie und zögen den Großteil der Einnahmen ein. Damit sei der Strafbestand des Menschenhandels erfüllt, sagt Meyer. Dennoch gebe es auch im Osten keine Organisationen, die solche Geschäfte in großem Stil betrieben. „Die ‚Russen-Mafia’ ist eine Erfindung der Medien und, zumindest in Frankfurt, keine reale Basis.“ Im vergangenen Jahr seien zwar eine Handvoll Fälle von Menschenhandel vor Frankfurter Gerichten verhandelt worden, doch habe es sich bei den Angeklagten um „Einzeltäter aus den verschiedensten Regionen Osteuropas“ gehandelt.

Juanita Henning, die im November vergangenen Jahres ihre Diplomarbeit zum Thema „Kolumbianische Prostituierte in Frankfurt“ fertig gestellt hat, glaubt, dass nicht in jedem Fall wirtschaftliche Not der Auslöser für die Prostitution sei. Viele der Frauen, mit denen sie Gespräche geführt habe, kämen aus der Mittelschicht des südamerikanischen Landes, sagt die 34 Jahre alte Sozialarbeiterin. Einige kehrten regelmäßig zurück nach Deutschland und führten freiwillig eine Art „Dienstleistungs-Pendelverkehr“. Auch Ritas Geschichte ist in die Diplomarbeit eingeflossen, in der Hennig auf 155 Seiten den Alltag der „Gastarbeiterinnen“ schildert: Im Durchschnitt 15 Quadratmeter groß sind die heruntergekommenen Zimmer, in denen die Prostituierten bis zu zwölf Stunden täglich Freier empfangen. Zwischen 200 und 300 Mark müssen jeden Tag als Miete an den „Wirtschafter“ des Bordells gezahlt werden. Kondome, Papiertaschentücher und andere Utensilien können die Prostituierten in den Häusern nur zu überhöhten Preisen kaufen. „Strafgelder“ drohen ihnen, wenn sie beispielsweise den Zimmerschlüssel verlieren oder an ihrem Arbeitsplatz eine Mahlzeit zubereiten oder auch nur verzehren. Zum Schlafen kommen die Frauen nach Darstellung von Hennig meist nur für wenige Stunden in stickigen Verschlägen im Dachgeschoss der Bordelle.

Etwa 200 Millionen Mark würden allein in Frankfurt jedes Jahr im „Sexgeschäft“ umgesetzt, schätzt Hauptkommissar Meyer. Bei dieser Nachfrage und der hohen Zahl – auch illegal arbeitender – Prostituierter habe es wenig Sinn, ständig Razzien zu veranstalten. „Da erwischt man doch sowieso nur die schwächsten Glieder. Das Geschäft läuft doch weiter.“ Für ausgewiesene Prostituierte rückten sofort neue Frauen aus Südamerika, Asien oder Afrika nach.

Auch Rita wird wohl, wenn sie wieder in Cali ist, mit dem in Deutschland sauer verdienten Geld prahlen und damit vielleicht zwei oder drei andere junge Kolumbianerinnen zur Prostitution auf Zeit in Europa verleiten. Ihre Mutter und ihre Tochter dürften hingegen nie erfahren, woher der plötzliche, für südamerikanische Verhältnisse beachtliche Reichtum kommt. Den beiden hat sie erzählt, sie arbeite als Hausmädchen bei einer reichen Familie. „Die Wahrheit würde sie umbringen.“