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Facebook – ein Kriminalreport

Ich war ein anderer

Und ein anderer war ich: Wie unsere Autorin einmal den Facebook-Tod starb. Und sich durch dir Wirklichkeit ins virtuelle Leben zurückkämpfte. Erschienen am 7. August 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Okay, ich bin eine von Millionen. Ich unterhalte ein Facebook-Konto. Und wie alle, die dort angemeldet sind, verfluche ich es in regelmäßigen Abständen. Facebook ist bekanntlich ein werbeverseuchter Kraken-Organismus, der mit den Daten argloser Bürger spielt und unsere Gehirne so manipuliert, dass wir uns mindestens alle 36 Stunden einloggen und Details aus unserem Intimleben preisgeben. Und das nur, damit mafiöse multinationale Marketingfirmen mitschreiben können. Eigentlich müsste man es sofort verbieten, und jeder weiß es.

Aber nun habe ich zwei neue Dinge herausgefunden, die mich einigermaßen überrascht haben: Erstens, dass es sich beim Großen Bruder in Wahrheit um eine Große Schwester handelt. Zweitens, dass man die korrupte Maschine sofort vermisst, wenn man plötzlich nicht mehr mit ihr herumspielen darf.

Die Sache ist die: Jemand will mich bei Facebook ermorden. „Identity Theft“ heißt der kriminologische Fachbegriff. Ein Fremder versucht seit einer Weile, mein Profil plattzumachen und sich meine Online-Identität unter den Nagel zu reißen. Facebook glaubt dem Fremden, dass er ich ist – und hat mich zur Dissidentin erklärt und rausgeworfen, ohne Vorwarnung, mit sofortiger Wirkung. Es traf mich so, wie ich mir einen Streifschuss vorstelle. Es tat schon weh.

Seit zweieinhalb Jahren bin ich dabei. Und stimme meinen Facebook-Freunden zu: Die Postings sind ein Quatsch, die Wichtigtuereien endlos, es ist ein Zeitfresser und monströser Ablenkungsapparat. Aber jetzt, nach dem Abschuss, sehe ich, dass es eben doch auch eine Menschlichkeits-Maschine ist. Da gibt es die Labertaschen, die beflissenen Rund-um-die-Uhr-Verlinker und diejenigen, die Usambaraveilchen in 3-D versenden; andere berichten live von Bahnverspätungen in Mittelgebirgslandschaften oder fotografieren täglich ihr Mittagessen; wieder andere zitieren ausschließlich Intellektuelle aus dem 20. Jahrhundert, um mit ihrem inkorporierten Kulturkapital zu prahlen; manche fechten sogar ihre Beziehungskräche auf ihren Pinnwänden aus, und eigentlich ist man ja immer ein bisschen verliebt in den einen oder anderen User, weil der so tolle Lieder postet oder so freundliche Sätze sendet. Oder man ist wenigstens in sich selbst verschossen, so gut, wie man da immer aussieht, auf den hart bearbeiteten Urlaubsfotos. Wie ich das alles verachte. Aber gelegentlich wärmt es eben doch. Bei Facebook war ich immer ganz Mensch.

Bis ein blassroter Balken mir die Sicht versperrte. Wie jeden Montagmorgen hatte ich mich pünktlich gegen 9.30 Uhr eingeloggt, als plötzlich dies auf meinem Bildschirm aufleuchtete: „Profil gesperrt“. In einer E-Mail mit dem Betreff „Identity Request“ hieß es, ich solle unverzüglich meinen Personalausweis scannen und rübermailen. Dann könnten wir weitersehen. Vielleicht. Ich hielt es für einen technisch erklärbaren bug, fluchte über übereifrige Security-Programmentwickler, über den hardcore-kapitalistischen Polizeistaat, die Volkszählung, die totale Enteignung des Selbst und folgte treu der Anweisung und sendete also meinen Pass da hin, zweimal sogar, weil beim ersten Scan ein schwarzer Krümel mit aufs Bild geraten war.

48 fade Stunden später eine neue Nachricht aus der großen Familie: „Danke, dass Du Deine Identität bestätigt hast. Nach weiterer Untersuchung der Angelegenheit haben wir festgestellt, dass Dein Konto fälschlicherweise gesperrt wurde. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten sehr! Danke, Louisa, User Operations“. Ich stellte mir Louisa als jeanshosentragende Mittdreißigerin mit etwas übertriebenen Grübchen vor und nahm an, sie säße als unterbezahlte Leiharbeitskraft in einem zugigen Gewerbegebiet in einem Containerbüro, da, wo sonst immer die Call-Center-Leute sitzen und heimlich Baudelaire lesen, wenn sie gerade einmal für drei Minuten die Leitung frei haben. Louisa war in Ordnung, fand ich, und mein Profil wieder freigeschaltet. „Schön, dass Du wieder da bist“, schrieben ein paar Freunde, heimlich atmete ich auf, und alles lief erst einmal weiter wie vorher.

Bis ich dann, zwei Wochen später, aufs Neue rausflog. Diesmal unter dem Betreff „Fake Name“. Jetzt hieß es: „Dein Konto wurde gesperrt, weil es unter einem falschen Namen registriert war. Wir gestatten es den Nutzern nicht, sich mit falschen Namen zu registrieren, andere Personen oder Dinge nachzuahmen oder sich selbst falsch darzustellen.“

„Was, zur Hölle, ist an meiner Existenz zweifelhaft?“, schrie ich den Computer an. „,Katja Kullmann‘ heiße ich, und das seit 41 Jahren: Geht es, bitteschön, gewöhnlicher?“ Außerdem hatten die ja gerade erst meine Papiere inspiziert. Sofort googelte ich, nur zur Sicherheit, mich selbst und fand mich bestätigt: Natürlich gibt es „Katja Kullmann“, das ganze verdammte Internet ist voll mit dieser Frau! Und sie hat halblange dunkle Haare, genau wie ich! Andererseits . . . Es soll Leute geben, die denken, sie seien Napoleon oder Hildegard Hamm-Brücher. Und der Schriftsteller Wolfgang Welt, der wirklich so heißt, hielt sich mal eine Zeitlang für J. R. Ewing und randalierte in einem Tchibo-Laden.

Für zwei, drei Tage schwankte ich zwischen Abscheu, Wut und Resignation. Unterdessen entdeckten einige Freunde ein neues, öffentliches Facebook-Profil mit meinem Namen und schickten mir den Link. Es war kalt, leer, unbespielt. Kein Foto, kein einziger Freund bei der neuen „Katja Kullmann“, der Identity-Hijackerin. Und mir schien, dass es hier ums Prinzip gehen könnte, sozusagen ums Überleben, auch um einen Restbestand meiner Verbraucher- und Staatsbürgerinnenrechte, ganz abgesehen von meiner Ehre. Also beschloss ich zu handeln.

Als Erstes meldete ich mich aus Trotz bei Google+ an. Aber nur, um schnell zu merken, dass es dasselbe ist wie Facebook, bloß ohne Menschen. Bei Google+ ist niemand außer Sascha Lobo. Es ist wirklich schrecklich einsam dort.

Dann nutzte ich Google, um nach Facebook zu suchen, nach Louisa, einer Telefonnummer, nach irgendeinem Weg, vernünftig ins Gespräch zu kommen, von Mensch zu Maschine. Und tatsächlich: Seit Anfang dieses Jahres gibt es ein Facebook-Büro in Deutschland. Es befindet sich in Hamburg, fand ich mühsam heraus, und Hamburg ist zufällig mein ordnungsgemäß gemeldeter Wohnort. Nur wo genau? Drei verschiedene Postadressen fand ich im Netz. „Alles, was wir verzeichnet haben, ist eine Nummer in Amerika“, erklärte die Telefonauskunft. Schließlich fiel mir das Amtsgericht ein, das Handelsregister. Dort war, ganz frisch, erst seit Juni, wiederum eine ganz andere Adresse angegeben. Ein investigativer Schauer lief mir über den Rücken. Und ich nahm mir vor, am nächsten Tag persönlich bei meiner Identitätsverwaltung vorzusprechen.

Am nächsten Tag stehe ich vor einem schmalen, schmucklosen Business-Portal. Eine fest verschlossene Glastür. Kein Namens- oder Firmenschild, kein Klingelknopf. Nur eine kleine Tastatur, in die man einen Code eingeben muss. Während ich überlege, ob ich es mit meinem Facebook-Passwort versuchen soll, rumpelt ein Handwerker mit einem Wägelchen heran und öffnet die Tür. Ich drängele mich hinterher und frage: „Entschuldigung, sitzt hier im Haus die Firma Facebook?“ Ja, im zweiten Stock, soweit er wisse.

Ich schleiche nach oben. Nach etwa vierzig Stufen leuchtet es mir von der Wand entgegen: das blauweiße Logo. Daneben wieder eine Glastür, wieder verschlossen. Ich sehe den Ausschnitt eines gewöhnlichen Büroflurs, kahle weiße Wände, keine Tischtennisplatte, kein Flipper, nichts. Ich winke, falls irgendwo eine Kamera installiert ist, aber sie sehen mich nicht. Dann entdecke ich den Klingelknopf, Weiß auf Weiß, und drücke drauf.

Eine blonde Frau, höchstens 23, eilt über den Flur und öffnet strahlend die Tür. „Louisa“, denke ich, „du bist aber hübsch.“ „Ja bitte?“, fragt sie. „Guten Tag, ich bin bei Facebook. Also als Mitglied. Und nun haben Sie mich schon wieder rausgeworfen. Weil ich angeblich ein Fake bin. Aber es gibt mich wirklich, und ich bin hier, um das zu beweisen.“ Louisas freundlicher Blick zerfließt binnen Sekunden zu etwas anderem. Ich rede weiter und sehe genau, was sie gerade sieht: Eine ältere Frau, die mit den Nutzungsbestimmungen nicht klarkommt. Eine bekloppte Userin, die nervt. „Ich habe vier Ausweise dabei“, sage ich, „Personal, Presse, Führerschein und Rückenschule, und ich wüsste gern, was hier los ist.“ Sie lächelt falsch, aber milde und sagt, während sie die Tür wieder zuschiebt: „Moment, ich hole jemanden.“

Eine halbe Minute später jagt eine zweite Frau auf die Glastür zu. Sie ist etwa in meinem Alter, trägt einen Kurzhaarschnitt und eine blauweiß gestreifte Bluse. Zackig reißt sie die Tür auf. „Ich bin die Sprecherin Deutschland, worum geht es?“ Ich begreife: Die Große Schwester steht vor mir, und sie hat wenig Zeit. „Ich will nicht stören, ich heiße Katja Kullmann und möchte gern wieder mitmachen. Da ist jemand, der meinen Namen geklaut hat, und ich frage mich . . .“ Sie schnaubt verächtlich, versucht aber, freundlich-verbindlich dabei auszusehen. „Ja und? Mein Bruder heißt Stefan Müller, was glauben Sie, wie viele Namensdoppelgänger der hat?“ Mit einem Schnell-Scanner-Blick fliegt sie über meine mickrige Statur, von unten nach oben. „Journalistin sind Sie?“ Ich nicke. Sie wedelt mit einer Visitenkarte. „Wir werden Ihr Anliegen prüfen, hier mein Kontakt.“ Ich nehme die Karte, und sie wedelt mit der leeren Hand weiter. „Tut mir leid, ich kann jetzt nicht.“ Sie schließt die Tür. Und ich trolle mich nach Hause.

Vier Stunden später schreibt die Große Schwester mir eine E-Mail. Die Prüfung meiner Identität werde schnellstmöglich erfolgen, sie werde persönlich dafür sorgen, dass ich keine Probleme mehr bekäme. Und dass eindeutig „ein Dritter“ mein Profil mehrfach als gefälscht gemeldet habe. Ich schreibe ihr zurück. Bedanke mich für die Bemühungen. Sage ihr, dass ich vielleicht einen Artikel über das kleine Abenteuer verfassen wolle und stelle ihr fünf Fragen. Wie man sich gegen Identitätsdiebstahl schützen könne, zum Beispiel. Warum es keine Hotline gebe. Und ob sie mir verrate, wer da mein digitales Selbst an sich reißen will. „Wenn nicht den Namen, vielleicht das Geschlecht oder den Ort?“

Doch die Große Schwester ist verstummt. Tags drauf meldet sich eine PR-Agentur, „im Auftrag von Facebook“. Die PR-Agentur hat ein paar belanglose Standardsätze aus den Facebook-AGB in die E-Mail kopiert, teils auf Englisch. Jenes Material dürfe ich jederzeit zitieren, aber bitte ohne die PR-Agentur zu erwähnen. „Gerne können Sie die Aussagen allgemein einem Facebook-Sprecher zuordnen.“

Noch am selben Tag wird mein Profil wieder freigeschaltet. Die Hijackerin ist gelöscht. Ich überlege, was ich jetzt in meine Statuszeile schreiben könnte, und entscheide mich für das Wort „Verbrecherverein!“. Ich sehe fünf ungelesene E-Mails. Nehme zwei neue Freunde auf. Poste ein Video, was sonst. Und tue vor mir selber so, als freute ich mich kein bisschen, dass ich wieder da bin.

Ein ÄPPÄRÄTE-Roman – und mehr

Nicht alle “Bestseller” sind automatisch junk. Auch nicht dieser hier. Was für ein großartiges Buch! Eines jener Bücher, die einen fertig machen können. Weil alles Wesentliche, was es augenblicklich zur Gegenwart noch zu sagen, zu vermuten, zu unken gäbe, womöglich schon drin steht. Lese ich etwas dieses Kalibers (und das geschieht nicht allzu oft), denke ich: Okay – hiermit kannst Du Deine Bemühungen einstellen – es ist alles längst aufgeschrieben. Lesen Sie Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story (Rowohlt) – und bedauern schon bald auch Sie, dass die Geschichte ein (solches) Ende haben muss. Zur Einstimmung taugt ein interessantes Interview in der FAS, das Johanna Adorjan mit dem Autor geführt hat.

Es geht um ein zu Tode gebeuteltes Amerika – um ein von Verschuldung und allerlei gesellschaftlicher Degeneration abgewürgtes, Smiley-krankes, irr in den Abgrund trudelndes Land – um die Apokalypse des Hier und Heute – um Social Networks, Disziplin & Gruppenzwang, durchsichtige Size-Zero-Jeans, plattgewalzte Träume, sittsam nachgeplapperte Win-Win-Ideale, um blutige Gentrifizierung, verzweifeltes Altern, die Angst vor China, müffelnde Bücher, Rassenhass und Kreditlinien, um Distinktion via Maschinengewehr, um Kampf- und Lügen-Shopping, um den heftigsten und zugleich belanglosesten Sex, den man sich vorstellen kann, und um irritierend reale, nach ungewaschenen Haaren duftende Liebe – die, selbstverständlich, schief geht. Und das alles ist so dermaßen schnell, scharf und unterhaltsam aufgeschrieben, dass ich die 460 Seiten in zwei Tagen weggerissen und das zwischenzeitliche Schlafenmüssen einigermaßen bedauert habe.

Vielleicht lese ich, nach der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke, doch noch mal das Original. Die Wortschöpfungen und Fantasie-Firmennamen sind genial, ich möchte wissen, wie das alles auf Englisch klingt. Das, was wir heute gemeinhin “Smartphones” nennen, heißt im Buch Äppäräte. Jeder im Roman trägt seinen Äppärät stets bei sich, fast jeder streamt quasi rund um die Uhr seinen Alltag, 24/7, und die Geräte ermitteln und vermelden auch den Charakter und den Fickfaktor von allen Menschen, denen man begegnet. Das digitale Rating-Verfahren wird als FECen bezeichnet. Das, was wir “Facebook” nennen (manche ziehen gerade ja zu “Google+” um), heißt bei Shteyngart Global Teen Network und wird auch von Berufsjugendlichen im Seniorenalter (70 +) eifrigst betrieben. Und da, wo wir vielleicht rufen würden “Mensch, ist das cool!”, jubeln die Figuren im Roman: “Hey, das ist ja voll medien!”

Falsch wäre es jedoch, nur von der spaßigen Vokabel-Satire zu berichten. Es wird gemordet und gestorben in diesem Roman, das Amerika, das hier untergeht, ist ein psychokapitalistischer Terrorstaat. Zu seinem Instrumentarium zählen allerlei Orwell’sch anmutende Überwachungseinrichtungen und Ermahnungen – wie etwa der überall immer wieder auftauchende Satz: “Es ist verboten, die Existenz dieses Objekts zur Kenntnis zu nehmen, indem Sie dieses Schild lesen, leugnen Sie die Existenz des Objekts und stimmen dieser Vereinbarung zu.”

Mehr zur Faszination, die von amerikanischen Ruinen und Restbeständen ausgeht, hier: zum Beispiel über Detroit – und über den Ford Mustang.

Außerdem auf meiner Leseliste in diesem merkwürdig trüben, stinkfaulen und zugleich arg beschäftigten Juli:

Der Terror der Selbstverständlichkeit. Widerstand und Utopien im Neo-Individualliberalismus vom Berliner Kulturarchäologen Matthias Mergl (Unrast Verlag). Das Wort-Ungetüm “Neo-Individualliberalismus” kürzt Mergl mit N.I.L. ab – und meint damit den naiven Glauben an die Formel “Jeder ist seines Glückes Schmied”. Mergl untersucht einen weit verbreiteten Ellenbogen-Dogmatismus, mit dem ich mich zuletzt ja auch stark beschäftigt habe. Der Künstler und Aktivist Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat das von Mergl entworfene N.I.L.-Prinzip einmal ziemlich anschaulich erklärt

Noch völlig fasziniert von Shteyngarts “Fickfaktor”, blättere ich auch sehr interessiert in dem Sachbuch Die intellektuelle Liebe. Der Plan vom Leben als Paar von Hannelore Schlaffer (Hanser). Simone de Bauvoir und Jean-Paul Sartre sind auf dem Cover zu sehen – sie lächeln klug – und blicken in entgegengesetzte Richtungen. Besonders gespannt bin ich auf das Kapitel “Sexualität und Intelligenz”.

Auch freue ich mich auf den bislang noch nicht aus seiner Folie geschälten Roman Das Buch Gabriel von DBC Pierre (Eichborn). Oh – ich glaube, das Buch ist noch gar nicht im Handel – aber ich unterhalte eben gewisse Beziehungen in das Verlagshaus mit der Fliege. In der Ankündigung heißt es: “In seinem neuen Roman zeigt uns der Träger des Booker Prize DBC Pierre unsere Gegenwart, als hätten Burroughs, de Sade und David Foster Wallace sich zusammengetan: als letztes großes Gelage.” Das klingt doch ganz vielversprechend.

Und schließlich habe ich gerade auch mal wieder die Romantrilogie Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe von Wolfgang Welt (Suhrkamp) in die Hand genommen. Denn in ein paar Tagen wird Wolfgang Welt, der Musikkritiker, Fußballfan, Alltagschronist, Psychiatrie-Kunde, Schriftsteller und Nachtportier in Hamburg lesen – musikalisch begleitet vom fantastischen Knarf Rellöm, der übrigens im ganz wahrhaftig echten Leben mein geschätzter Nachbar ist. Aber das klingt wirklich unglaubwürdig und führt jetzt außerdem zu weit.

ALWAYS REMEMBER: THE MORE YOU READ, THE BETTER YOUR SEX-LIFE.

Hier geht’s zu einer Lese-Liste aus dem Herbst.

Sex-Dating im Internet – ein Selbstversuch

Surf-Sex-Click-Date

Diese Reportage über Internet-Sex im Selbstversuch ist 2009 in EMMA erschienen. Die zitierten E-Mails sind in Original-Orthographie und Zeichensetzung wiedergegeben; die Namen der Absender wurden geändert, sind jedoch den tatsächlichen Internet-Namen angelehnt.

Schwüle E-Mails, 400 Euro-Angebote und Fesselspiele zum Nulltarif: Katja Kullmann hat sich beim Internet-Portal poppen.de angemeldet – und den schmalen Grat zwischen Online-Flirt und Hobby-Prostitution kennen gelernt.

„ScorpioBaby“ ist mein Name. Ich bin 35 Jahre alt, 1,65 m groß, wiege 50 Kilogramm, habe Körbchengröße A, dunkles, langes Haar und stehe auf „Poppen, Oralsex, Outdoor, Rollenspiele, Devot, Reizwäsche“. Was mir nicht so liegt, ist „Natursekt, Kaviar, SadoMaso, Parkplatz, Porno-Kinos“. Ganz oben links auf meiner Profilseite steht „In einer Beziehung“. Mit voller Absicht habe ich das dort angekreuzt. Damit es jeder gleich sehen kann. Damit keine falschen Hoffnungen aufkommen. Damit am Ende kein Herz zerbrochen geht. Damit von Anfang an klar ist: Ich will Sex – sonst nichts.

;)hey. hallo… …na du, hast du heute auch frei? klopf klopf klopf, darf ich denn mal eintreten? oh, sag bloß ich bin schon drin. achtung, bin auch bald für ein paar wochen in deiner nähe. bengel69 aus Baden-Württemberg

Seit knapp zwei Monaten unterhalte ich einen Web-Account bei poppen.de. Es ist eines dieser so genannten Kennenlern-Portale im Internet. Kostenlos und unter falschem Namen habe ich mir dort eine Profilseite eingerichtet, auf der steckbriefartige Angaben zu meiner Person nachzulesen sind, vielmehr: zu der Person, als die ich mich ausgebe. Auch ein Bild habe ich dort veröffentlicht, denn ohne Bild werden die anderen User früher oder später misstrauisch. Das Foto ist per Selbstauslöser aufgenommen und zeigt meinen Hintern in Großaufnahme. Ich strecke der Welt meinen Arsch entgegen – aber die Welt, wie sie bei poppen.de funktioniert, versteht diese Geste nicht. Das Bild sagt: „Leckt mich!“ Bloß schreckt das dort niemanden ab. Im Gegenteil: Nur zu gern wollen die mich lecken – alle und alles an mir.

:D Einladend sieht es ja aus was du da von HINTEN zu bieten hast. dann komm doch einfach langsam rüchwärts und spüre. LG Kurt

Jeden Tag erhalte ich zwischen 25 und 120 Zuschriften. Schnell hat es sich auf rund 400 E-Mails pro Woche eingependelt. Die ersten Kontaktanfragen gingen schon in der ersten Stunde nach meiner Anmeldung ein – als ich mich zunächst noch inkognito dort umschauen wollte, noch keinerlei persönliche Angaben gemacht, mein Alter noch mit fantastischen „106“ angegeben und auch noch kein Bild hochgeladen hatte. „Hallo Schöne“, begann die erste Zuschrift, die inzwischen leider verloren gegangen ist. Das liegt daran, dass „Scorpiobabys“ Postfach überquillt und das Programm die ältesten E-Mails nach einer Weile automatisch löscht, um Speicherplatz für neue zu schaffen. „Hallo Schöne, siehst sexy aus.“ Nie werde ich diese Zeilen vergessen, denn außer der standardisiert dunkelgrauen Webseitenoberfläche war noch nichts, aber auch gar nichts unter „Scorpiobabys“ Account zu sehen.

Heute bin ich schlauer, heute weiß ich: Es war eine im copy&paste-Verfahren vervielfältigte Standard-Nachricht von einem Verzweifelten, der unbesehen alles anschreibt, was nicht bei fünf auf den Bäumen ist, vermutlich in der Hoffnung, einen kostenlosen Erotik-Chat hinzubekommen, vielleicht ein Real Life-Treffen. Es war einer von denen, die auf Neuanmeldungen spitzen, um vielleicht eine poppen.de-Anfängerin fix herumzukriegen, bevor alle anderen sich auf sie stürzen. Mittlerweile habe ich weit Bemerkenswerteres gelesen, Orthographisches, Zwischenmenschliches, Genitales.

In jenem ersten Moment aber, gleich zu Anfang, als ich noch sehr unsicher und verwirrt in dieser speziellen online-Welt herumstakste und, mit Herzklopfen, glaube ich, meine erste Nachricht öffnete, hat die Öde dieser Zeilen mich überwältigt. „Hallo Schöne, siehst sexy aus“, hatte jener Mensch einer unsichtbaren 106-Jährigen geschrieben. Es war eine der einsamsten, seelenlosesten Minuten, die ich seit langem vor dem Computer verbracht habe. Heute weiß ich: In ebendiesem Moment mechanischer Kälte verbirgt sich das ganze Drama von poppen.de und von allem, was damit in Zusammenhang steht.

:ohi, gerne würde ich mal mit dir in die “pilze” fahren lg paule

Porno ist die Einheitstapete im zeitgenössischen Standardleben; ist der Horizont hinter der eigenen Duschtrennwand; die milchige Perspektive am leise vor sich hin rödelnden Heimcomputer; das Bürofrühstück für den kleinen Hunger zwischendurch. Porno ist so alt wie ein lila angelaufenes Schnitzel. Neu ist: Nun machen auch die Erfolgreichen mit. „Ich bin die beste Nutte, die es gibt“, schrie unlängst Charlotte Roche vom Titel des Schweizer Magazins „Weltwoche“ und läutete damit die alpenländische Werbekampagne für ihre „Feuchtgebiete“ ein. Unterdessen avancieren die Prostitutions-Reports finanzknapper Studentinnen zum Top-Thema der Feuilletons, und beim Fernsehsender ProSieben darf Oswalt Kolle noch einmal den abgeklärten Aufklärer geben: „Der große ProSieben Sex-Report“ verrät in mehreren Sendefolgen, wie, wo, wann die Deutschen „es“ am liebsten mögen. Wer eine oder zwei Folgen gesehen hat, weiß, was er oder sie auch schon vorher wusste: „Handschellen“ und „Krankenschwesteruniformen“ sind unabdingbare Zutaten für das geordnete fleischliche Vergnügen. In jedem Larry ein Flint, in jeder Teresa eine Orlowski. Im Grunde ist es toll: Rein, raus, abspritzen und wegputzen. Alle wissen jetzt, wie’s geht. Wenn wir schon keine Vollbeschäftigung mehr haben: Ficken geht immer. Kannst Du mitmachen auch ohne Abi. Kannst Du Deine Dissertation schreiben, und trotzdem auf den Strich gehen. Alles kann, nichts muss.

;)Hallo bin der Bernd und 43 j alt Also Ich bin sehr offen und für fast alle Spielarten, ob an ungewöhnlichen Orten über Frivoles ausgehen rollen spiele, Sex in der Öffentlichkeit und habe fast keine Tabus .Bin neuem gegenüber sehr offen, also wie gesagt ich mag es sehr zärtlich bis hin zu wild hemmungslos Frivol und grenzen kenn ich dabei fast keine außer das was ins Klo gehört und Kinder und Tiere sonst bin ich sehr offen und auch für neue Sachen zu begeistern Ich mag es auch Dom / Dev spiele mit Augen verbinden Hände und Füße und so weiter. Auch rollen spiele sprechen mich sehr an ob verrucht oder harmlose wie freier und hure oder Lehrer /in Schüller oder auch einfach mal nur verkleiden und in eine andere rolle schlüpfen. bernd_schleswig

Natürlich will auch ich Sex, da bin ich ganz Mensch, da bin ganz Tier. Eine Frau und ein Mann aus meinem engeren Freundeskreis, beide derzeit ebenso partnerlos herumstolpernd wie ich, beide Personen meines Vertrauens, haben mich auf die Idee mit poppen.de gebracht, ganz unabhängig voneinander. Mit beiden hatte ich einzeln, kurz hintereinander, eines jener Freunde-Gespräche geführt, in denen es um Frauen und Männer geht. Beide hatten bei einem gewissen Intimitätsgrad der Unterhaltung ihre Stimme gesenkt: „Ich bin jetzt übrigens bei poppen.de angemeldet.“

Hätte nur Er, Akademiker aus dem Westfälischen, mir das erzählt, ich hätte es vielleicht abgetan, hätte Witze darüber gemacht, hätte es damit zu erklären versucht, dass er vielleicht einfach, wie heißt das noch, „Druck“ hat. So als Mann. „Sag’ mir Jochen, hast Du Dich da etwa schon mit Frauen getroffen?“, habe ich ihn gefragt. „Und zeigst Du da etwa Dein Geschlechtsteil im Internet herum?“ Ja und nein, antwortete er. Sein Geschlechtsteil sei zu groß, als dass es auf ein Foto passe. Aber getroffen habe er sich durchaus schon mit der einen oder anderen. Passiert sei allerdings nur einmal etwas, und das sei seltsam gewesen, weil diese Frau, erstens, ganz anders ausgesehen habe als er sich von ihren Fotos versprochen habe und weil sie, zweitens, auf dominant gemacht habe. „Und das fand ich etwas merkwürdig, so eine Fremde, die mir Befehle erteilt, da habe ich das abgebrochen.“

Als einige Wochen später auch meine Hauptstadt-Freundin mir diese www-Sache zuflüsterte, wurde mir heiß und kalt. „Du also auch?“, fragte ich. „Aber ja“, sagte sie. Es gehe dort nur um „das Eine“, um die reine Materie, und sie finde das erfrischend, erleichternd. Alles funktioniere schnell und einfach, ohne viel Trara – „Ideal! Gerade für die Frau! Gerade auch für Dich!“ Man müsse ankreuzen, ob man „professionell“ oder „privat“ auf der Suche sei, dann checke man die Fotos der Typen ab und mache zunächst ein kurzes „Schnupperdate“ mit etwaigen Kandidaten aus. Schließlich überlege man sich, ob man den wiedersehen wolle. „Ich habe da schon Typen für eine Viertelstunde auf eine Parkbank bestellt, habe die von oben bis unten gemustert und wieder weggeschickt. Die machen alles, was Du willst. Glaub’ mir, das ist fantastisch.“ Mit einer Handvoll Typen habe sie sich schon getroffen, mit zweien sei auch etwas gelaufen.

Nie hätte ich das gedacht. Dass meine Freundin so etwas macht. „Darfst natürlich nie Deine Nummer herausgeben, ist ja klar. Und Du musst Fotos von Dir veröffentlichen. Aber ohne Gesicht, würde ich raten. Tittenbilder halt.“ Es mache Spaß, und für Romantik sei heute einfach nicht die Zeit, ich sähe ja selbst, wie weit ich damit gekommen sei.

Und so war es eine Mischung aus Neugierde und Neid, oder sagen wir: eine Mischung aus Sozial-Voyeurismus und dem Gefühl, zu kurz zu kommen, die mich sodann ebenfalls zu poppen.de trieb. Wo war ich eigentlich abgeblieben, die letzten Jahre über? Womit habe ich meine Zeit vertändelt? Warum war ich nicht einfach fickenfickenficken? Wie der Rest der Welt?

:cool:ich stehe vor dir, sehe deinen tollen körper. mein schwanz richtet sich langsam auf, mit daumen und zeigefinger beginne ich meine vorhaut langsam zurück und wieder vor zu schieben…….du bist total geilgeilgeil… ich sehe wie dein blick auf meinem immer weiter wachsenden ständer ruht und dann wie du deinen slip mit leisem stöhnen zur seite schiebst, sehe deine pralle nasse muschi, deine harte clit und wie deine finger diese tolle pussy beginnen zu massieren. ich habe einen ständer so dick und hart wie noch nie, meine vorhaut rollt zurück und ich zeige dir wie dick und glänzend meine eichel herausragt. ErwinX, 39, aus dem Rhein-Main-Gebiet

Ich entwarf einige hohle Eckdaten, machte mich 35, obwohl ich 38 bin, und 1,65m groß, obwohl in Wahrheit zwei Zentimeter kleiner. Ansonsten blieb ich weitgehend bei der Wahrheit. Es bringt ja nichts, sich auf 23 oder auf Doppel-D zu schummeln, wenn man ein Treffen mit einem Mann ins Auge fasst. Gegebenenfalls soll er dann ja können, nicht vor Enttäuschung schlapp machen, wie mein Kumpel aus dem Westfälischen. In die Rubrik „Selbstbeschreibung“ notierte ich: „Küssen kann ich nur, wenn ich verliebt bin.“ Das entspricht nicht nur meiner persönlichen, tatsächlich sträflich romantischen Wahrheit, es ist in gewisser Weise auch genau gegenteilig zu deuten, als sehr „nuttig“. Ich klickte durch die Profile der anderen Teilnehmer, sah gespreizte Frauenschenkel auf pastellfarbenen Ikea-Sofas, Männerrücken mit Totenkopf-Tattoos, faltige Dekolletees aus der Vogelperspektive, skurrile Bäuche von der Seite, Schamhaare, Achselhaare, Glatzen, glänzende Sixpacks und knatschrote Schmollmünder. Und irgendwo in diese Galaxie hatte ich jetzt meinen Hintern gehängt, quasi als Vollmond über die Weide. Es war von Anfang an sehr unwirklich und sehr unentschieden von mir, um nicht zu sagen: halbgar.

Als ich das nächste Mal mein Sex-Mailfach öffnete, geschah, was ich so nicht erwartet hatte: Ich geriet in einen Rausch. Beinahe 240 Zuschriften hatte ich seit der Veröffentlichung meines Popo-Fotos erhalten. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich schmeckte: Macht.

:ohi scorpiobaby. also erstmal wow. habe dir für dein bild die 10 punkte verteilt und dein profil als sexy bewertet. so nun zum text. ich bin ulf 28 aus berlin. bin 189 cm groß sportliche 89 kg schwer, habe blaue augen und kurzes haar. so das nun zu mir. ich habe dich hier gesehen und auch alles gelesen. ich bin der meinung, das du echt gut gelungen bist. wulfman

„Bitte, bitte schreib’ mir“, bettelten manche. Eine „Lustbombe“ wie ich bekäme sicherlich sehr viel Post, vermutete ein anderer. Mehrere widmeten sich ausführlich meiner dargebotenen Rückseite, und ich gebe zu: Ich fühlte mich unerwartet geschmeichelt und wollte mehr davon. Ein sexueller Größenwahn bemächtigte sich meiner, eine irre Machbarkeits-Fantasie: Fast die Hälfte der Männer hatte eine „wahre“ E-Mail-Adresse dazugeschrieben. Etwa 30 waren sogar so wahnsinnig, mir auf Anhieb ihre Handynummer anzudienen. Ich hätte eine Stalkerin sein können. Eine Massenmörderin. Die eigene Ehefrau.

Der Jüngste war 19, der älteste 57, die Kerngruppe zwischen 26 und 43. Während die einen fürs erste ein gepflegtes Glas Wein vorschlugen, stellten die anderen mir direkt ihren Onkel Willie vor. So wie Frauen bei poppen.de ihre Körbchengröße angeben müssen, sind die männlichen Teilnehmer verpflichtet, eine Penislänge zu nennen, und unter 20 Zentimetern war kaum einer dabei. Meinen Vorurteilen entgegen kommend, war etwa ein Drittel der poppen-Männer der Grammatik und Rechtschreibung nur ansatzweise mächtig, schwärmte von meinem „Profiel“ oder schrieb nur das Nötigste, etwa: „Na? Poppen?“ Viele sahen scheußlich aus, schmerbäuchige Idioten in Tangalips.

Andere aber wussten sich erstaunlich gut auszudrücken und hatten beeindruckend ansprechende Fotos von sich hochgeladen. Dass 24jährige Dreamboys mir ihre Urlaubsfotos zur Verfügung stellten, ihre tadellos trainierten Casting-Körper zu meiner freien gedanklichen Verfügung, und mir ihre Fantasien von der „erfahrenen Frau, die weiß, was sie will“ schenkten – ich gebe zu, das brachte mich kurzzeitig auf Ideen. Einer, angeblich 21, dem Bild nach höchstens 17, bat mich gar um seine „Entjungferung“. Etwa zwei Drittel gaben sich als Single aus, ein Drittel räumte ein, gebunden zu sein wie „Scorpiobaby“. Manche suchten nur „eine Frau“, andere suchten gleichzeitig auch „Paare“ oder „Transsexuelle.“ Und noch während ich diese ersten zwanzig Dutzend Zuschriften überflog, trudelten neue ein.

:DEine Frau die ich erst kurz kenne, finger ich viel lieber und wenn sie soweit ist, macht es von hinten eh am meisten Spass. Schau einfach mal bei mir vorbei und dann sieht Du ja ob passen könnte. Wenn Du Fragen hast immer raus damit… scharfinberlin, 32

So ging das etwa ein, zwei Wochen lang. Ich war kaum noch für anderes ansprechbar und schaltete nach 19 Uhr oft den Anrufbeantworter ein. Fast jeden Abend war ich online, ließ mich virtuell umgarnen, umwerben, umschleimen, betatschen, begatten. Einerseits gab es mich, „ScorpioBaby“, in Wirklichkeit gar nicht – andererseits war ich unglaublich beliebt. Weder war „ScorpioBaby“ witzig, originell, schlagfertig, schlau, noch war mit Sicherheit zu sagen, ob sie ein hübsches Gesicht hatte. Sie hätte hängende Mundwinkel haben können, fehlende Schneidezähne und keinen einzigen geraden Satz sprechen können. Aber das war ihren Verehrern egal. Allein drei Dinge zählten: Pobacke Eins, Pobacke Zwei und die halterlosen Strümpfe.

Selten meldete ich mich bei einem der Männer zurück, und wenn, dann nur sehr kurz. „Danke für Deine freundlichen Zeilen“, antwortete ich auf einige besonders explizite E-Mails, und stellte ein niedliches Smiley mit Sonnenbrille dazu – quasi als Konter auf all das Vorhautgeplapper. Doch für Subtilitäten wie diese ist bei poppen.de nicht das passende Klima. Ich sei zu „schüchtern“, beschwerte sich einer. Ab und an schickte ich auch eine Andeutung wie: „Männer in Anzügen sind ein Schlüsselreiz für mich…“ Belanglose Buchstaben sendete ich ab und an hinüber, ans andere Ende der Leitung. Was hätte ich auch sonst schreiben sollen? Und wem von diesen Männern? Es waren zu viele. Unmöglich, den Überblick zu behalten. Schwierig auch, auf all dem Speichel nicht auszurutschen. Anhand der „RE:“’s in den Betreffzeilen konnte ich sehen, wem ich schon geantwortet hatte und wer nun erneut zurückschrieb. Manchmal las ich eine solche neuerliche Antwort, manchmal klickte ich nur die neuen Bewerber durch. Niemand konnte mich sehen, niemand wusste, wer ich war, ich konnte die zappeln lassen oder locken, ich war Gott, ich war Venus, und eine Körperteilelawine rollte über mich hinweg. Beim Einschlafen sah ich blinkende Smileys vor meinem inneren Auge, im Internetdeutsch „Emoticons“ genannt. Und Penisse natürlich. Viele.

Etwas an mir enttäuschte mich. Einiges wunderte mich. Erstaunt hat mich zum Beispiel meine eigene Kühle. Es war tatsächlich meine eigene Macht als „ScorpioBaby“, die mich eine Weile lang an diesem Spiel faszinierte. Etwa „BomberJoe“ hinzuhalten, mit wohldosierten E-Mail-Häppchen zu füttern, indem ich andeutete, dass ich Ganzkörperstrumpfhosen mit Loch trage, „Du weißt schon an welcher Stelle“. Solche billigen Tricks genügten, und „Bomberjoe“ schrieb bald dreimal täglich und immer weinerlicher: Warum ich mich so selten melden würde? Ich wisse doch, dass er nur werktags vom Büro aus Zugang zu seinem Account habe. Erst las ich seine E-Mails nicht mehr. Dann löschte ich seinen Zugang zu meinem Profil.

In Sachen Mindfuck entwickelte ich mich rasend schnell zur Domina und gerierte mich so gemein und brutal wie ich es im realen Leben nie fertig brächte. Auch entwickelte ich rasch einen gewissen Ehrgeiz, die Geilste auf diesem Portal zu sein und stellte mit Befriedigung fest, dass mein Hintern zu den Top Drei in seiner Altersklasse gehörte. Dass ich so zutiefst zynisch und so ungeheuer romantisch zugleich sein konnte: Für eine Weile faszinierte mich das ungemein. Zynisch, weil ich mehr und mehr mit den Sehnsüchten anderer Leute spielte. Romantisch, weil meine eigene Sehnsucht nach etwas Echtem, Großem mir jeden weiterführenden, gar körperlichen Kontakt mit einer solchen Bekanntschaft verwehren würde. Von Anfang an ahnte ich: So konnte ich keinen Sex haben. Nie würde etwas daraus werden. Ich fühlt mich gleichzeitig überlegen und als Versagerin. Schrecklich kompliziert kam ich mir selbst vor. Kurz: Für eine Weile kegelte poppen.de mich aus dem Gleichgewicht.

:cool:Hallo Scorpio, ich finde dein Profil sehr ansprechend. Auch ich bin gebunden und suche einen Blick über den Tellerrand meiner Beziehung, bei Gefallen gerne längerfristig. Mad Max, 33, Berlin

Erstaunlich, wie schnell der eigene Blickwinkel sich verändern kann: Im Busfahrer, im Postboten, in meinem Nachbarn sah ich mit einem Mal willige Stücke Fleisch. Eine Frau mit Pumps tippelte vorbei, und ich dachte „Schlampe, Luder, Miststück, Sau“. Ausgerechnet in jener heißen poppen.de-Phase begann im echten Leben ein recht sympathischer Mann mit mir zu flirten. Bloß war ich seltsam drauf, in jenen Wochen, und habe es wohl verdorben, mit furchterregenden Sprüchen, die niemand witzig finden konnte außer „ScorpioBaby, 35 – Oralsex ja bitte“.

Rasch stellte sich ein gewisser E-Mail-Rhythmus heraus: Montags und dienstags, wenn die Bürowoche gerade erst anfängt, wenn die Schreibtische voll sind und die Laune im Keller, wenn es viel zu tun gibt in den Büros, kommen etwas weniger Zuschriften. Mittwochs steigt die Kurve merklich an. Donnerstags und freitags, wenn es aufs Gute-Laune-Wochenende zugeht, rappelte eine Zuschrift nach der anderen in „ScorpioBabys“ Postfach. Sonntags bricht es dann rapide ab. Sonntags müssen die meisten en famille machen, die Kinder in einen Märchenpark oder auf einen Ponyhof schleppen, mit der Freundin Komödien anschauen oder gemeinsam Ratatouille kochen und Rotwein trinken, der Beziehungshygiene wegen, damit es einmal wieder ein Gemeinschaftserlebnis gibt. Trübsal heißt der Fluss, auf dem die poppen.de-Flotte segelt.

Üblicherweise weiß ich mir als alleinstehende Frau zu helfen. In meinen poppen.de-Wochen aber ging bald gar nichts mehr. Meine Libido tendierte gen null. „Weißt Du was: Je mehr Bums- und Rammel-Mails ich lese, desto ungeiler werde ich“, gestand ich meiner Freundin. „Nun triff Dich halt mal mit einem, so wie ich“, hielt sie dagegen. Und so suchte ich mir eben zwei heraus, denn doppelt gemoppelt hält besser.

Als ersten traf ich „Dauerficker“, 38, und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, hatte ich mir einen gewählt, der nicht einmal ein Bild von sich hochgeladen hatte. Das Entscheidende aber, was für „Dauerficker“ sprach: Er kam nicht aus Berlin, sondern wohnte weit weg im Fränkischen. Vielleicht hatte ich insgeheim gehofft, dass es ihn gar nicht gibt. Mit folgenden Worten hatte er sich bei mir empfohlen:

;)Hi!Dein Profil/Deine Beschreibung macht mich an!Könnte dir einen One Night Stand anbieten,am 24./25.Sept.bin ich in Berlin.Schau dir doch mal meines an,vielleicht sagt es dir ja zu.Würde mich freuen von dir zu höhren. LG …. Dauerficker

Nichtssagend, mit zwei, drei Rechtschreibfehlern und einem unmissverständlichen Angebot: Überschaubarer ging es nicht. Was konnte mir da schon passieren? Wir verabredeten uns für den frühen Mittwochabend. Er schlug das Brandenburger Tor als Treffpunkt vor, und zuerst dachte ich, der wolle mich veräppeln. Aber dann sendete er mir seine Handynummer, ich rief ihn an und war beinahe gerührt von seinem unbedarft wirkenden Akzent. Er kannte sich offenbar nicht aus in Berlin, das Brandenburger Tor war das einzige, was ihm eingefallen war. Schließlich einigten wir uns auf die Gedächtniskirche am Kudamm, 18 Uhr. Mit meiner Freundin hatte ich ausgemacht, dass sie gegen 19 Uhr auf meinem Handy anruft – damit ich gegebenenfalls eine Ausrede für einen eiligen Aufbruch hätte. Wie ein Schwein kam ich mir vor, wie ein Psycho. Es gab keinen Grund, diesen Mann zu treffen. Außer, dass ich irgendetwas testen wollte, von dem mir selbst nicht ganz klar war, was das sein sollte.

Am frühen Nachmittag begann ich, nervös zu werden. Hatte ich mich als Natascha oder als Natalie am Telefon ausgegeben? Auch war ich unsicher, was ich anziehen sollte. Alles mögliche probierte ich aus und entschied mich schließlich, warum zur Hölle auch immer, für mein Lieblingskleid. Vermutlich ist es eine Art Ur-Situation, fest programmiert: Frau trifft Mann und will gut aussehen.

Als ich durch den Nieselregen zum Treffpunkt stakste, hätte ich mich für die Kleiderwahl jedoch ohrfeigen können. Mir fiel ein, dass ich in jenem Kleid einmal einen bedeutenden Preis überreicht bekommen hatte, und dass ich jenes Kleid auch bei der ersten Verabredung mit meinem letzten Freund getragen hatte, als ich wirklich, wirklich verliebt war, und ich fühlte mich unendlich schmutzig und verkommen, als ich an der Gedächtniskirche ankam, um dort: auf Cliff Richard zu treffen. „Dauerficker“ sah tatsächlich aus wie jener Schnulzensänger, seine Jeans schienen gebügelt, seine Windjacke auch. Ja, wir fanden uns beide wohl auf Anhieb komplett unsexy.

In einem überteuerten Touristenlokal bestellten wir etwas zu essen. Er wirkte routiniert und etwas angestrengt, als er, wie bei einem Vorstellungsgespräch vielleicht, einige Eckdaten von sich zum Besten gab: Freiberuflicher Raumausstatter sei er. Seit acht Jahren mit seiner Freundin zusammen. Da laufe nicht mehr viel. Bloß hätten sie ein Haus zusammen gekauft, und jetzt hänge man da fest. Furchtbar eifersüchtig sei sie außerdem. Er gönne sich ab und an etwas Freiraum. Das sei alles. Dann war ich dran, bedeutete mir sein Blick. Nun, bei mir war es so: Mein Freund war in der Rockkonzertorganisationsbranche tätig, oft unterwegs, und sicher sehr untreu. Das wolle ich mir nicht länger bieten lassen. Ab und an würde ich mir meine Freiräume gönnen, zitierte ich den „Dauerficker“ selbst, und er nickte und schien einverstanden mit meiner Geschichte.

Nach geschätzten vier Minuten hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Das Wetter war kurz ein Thema. Der Berliner Verkehr. „Eigentlich bin ich gar nicht der Typ fürs Fremdgehen“, warf ich schließlich ein. Worauf er eilig sagte: „Ich auch nicht! Ich war immer treu! Du bist die erste Frau, die ich auf diese Art treffe!“ Klar, Cliffi, dachte ich, deshalb firmierst Du auch als „Dauerficker“. Sein Schweinesteak kam, und meine Pfifferlingspfanne, und wir kauten stumm. „Schmeckt’s?“, fragte ich. „Nein“, sagte er. So aßen wir weiter.

„Was machst Du eigentlich gerade in Berlin?“ Da taute er wieder etwas auf, erzählte von einem Freund, den er besuche, mit dem sei er öfter schon in Belzig gewesen, ob ich das kenne, das sei so eine Art Sex-Camp vor den Toren Berlins, freie Liebe und so weiter, ziemlich geil, da habe er schon ein paar Mal… „Nein, kenne ich nicht“, unterbrach ich ihn aufs Höflichste, um ihm die Peinlichkeit seiner Lüge zu ersparen, von wegen er sei noch nie fremdgegangen und so weiter. Wie doof kann ein Cliff Richard eigentlich sein, so ein „Dauerficker“-Dummlack, so ein dammischer? Ob man sich darunter etwas Ähnliches vorstellen müsse wie die Sex-Kommunen in den Houellebecq-Büchern, wollte ich wissen. „Was?“ fragte er zurück, seine Raumausstatterfratze fror wieder ein, und sein Blick sagte: „Diese Tante da ist doch unfickbar.“ Ich strahlte ihn an, und was ich damit sagen wollte war: „Right Sir, diese Tante hier wirst Du niemals ficken.“

Ich wollte weg aus diesem schrecklich faden, verlogenen Raumausstatterleben, weg von der missgelaunten Freundin auf dem Eigenheimsofa, weg vom Gruppensex in gebügelten Jeanshosen, weg von allem, was meine Säfte früher oder später für immer versiegen lassen würde, und als mein Handy endlich, endlich klingelte, roch ich die Freiheit und sagte: „Tut mir leid, das ist mein Freund, der ist noch eifersüchtiger als Deine Freundin, und jetzt muss ich gehen.“

:cool:Ein René Lezard-Anzug ist hoffentlich nach Deinem Geschmack? Cliffhanger

Ein zweites Treffen mit einem Berliner Mann hatte ich für zwei Tage später vereinbart. Nach der „Dauerficker“-Begegnung hätte ich es beinahe abgesagt. Im Nachhinein bin ich aber dankbar für den Film, den jener 43-Jährige „Cliffhanger“ mir dann noch geschenkt hat. Ich nenne ihn lieber FAZ-Boy, „FAZ“ wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, denn das war die Zeitung, die er las, als ich an einem Freitagnachmittag ins Café Einstein kam, wo wir verabredet waren, und wo sich sonst Verleger und Chefredakteure treffen, Malerinnen und Mode-Designerinnen.

FAZ-Boy hatte mächtig dick aufgetragen in seinen E-Mails. Dass er mittags oft im Borchardt speise, einem der wichtigsten Promi-Lokale Berlins, wo auch Joschka Fischers und Boris Beckers lunchen. Dass es schade sei, dass jetzt schon der Herbst komme, im Sommer hätten wir mit seinem Cabrio einen Ausflug nach Potsdam zu seinem Wochenendhaus machen können. Dass er donnerstags leider keine Zeit habe, drei Vernissagen und so weiter. „Poser, Angeber, Lügner“, hatte ich gedacht und eine schmale Nadelstreifenhose angezogen, die Hosenbeine in hohe schwarze Schaftstiefel gesteckt, eine seidig glänzende Bluse als Oberteil, von einem corsage-artigen Gürtel auf Wespentaille eingeschnürt: Reitherrinnenlook, um dem Angeber ein Mindestmaß an Respekt abzunötigen.

Als ich ihn dann von Weitem sehe, erkenne ich jedoch: Er hat nicht gelogen, mit keinem Wort, er ist genau so, wie er sich beschrieben hat: Blond, braun gebrannt, dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, goldener Ehering, ebensolche Manschettenknöpfe, eine atemberaubende Aura von Geld und Gesundheit, ein Upperclass-Sunnyboy wie aus einem Brett Easton Ellis-Roman. Mir wird etwas mulmig zumute. Obwohl die Sonne scheint und das Café voll besetzt ist, voller potenzieller Zeugen für ein etwaiges Verbrechen, sagt mir mein Instinkt, dass hier oberflächlich besehen zwar alles stimmt, aber dennoch Vorsicht angebracht ist.

Glücklicherweise muss ich zunächst nicht viel reden. FAZ-Boy macht die Show ganz alleine. Hält mir als erstes seinen Ehering unter die Nase, sagt: „Du kannst mich erpressen. Niemand macht sich so leicht erpressbar wie ich.“ Handelt mit Kunst, „in großem Stil“. Ist verheiratet, Haus in Zehlendorf, zwei Kinder. Die Ehe am Ende. Also macht er, was er will. Trifft drei bis fünf Frauen im Monat. „Da waren schon Hartz-IV-Empfängerinnen dabei, au weia, ich kann Dir sagen“, lacht er. Auf Anhieb sieht er mich als Verbündete, das ist unverkennbar, und lobt zügig meine Intelligenz, womit er zwar recht hat, aber wie er darauf kommt, ist mir ein Rätsel, denn außer „Aha“ und „Soso“ konnte ich bis dahin noch nicht viel anbringen. Erzählt, dass es bei den letzten drei, vier Malen immer gleich zur Sache gegangen sei, „eine halbe Stunde, und schon war meine Hose offen, haha.“ Hihi, fast freue ich mich mit ihm, so ansteckend ist seine Euphorie. Erzählt mir von Amsterdamer Kunstkollegen, dass er die zum Spaß stets ins Hotel Hilton führe, in dessen Lobby „die Russinnen“ sich aufhielten. „Die Russinnen wollen natürlich 1.500 Euro für die Nacht – ha, da gucken die Amsterdamer immer und sagen: Wir dachten, Berlin sei so günstig“, lacht der FAZ-Boy, und ich schwöre, er hat die weißesten Zähne der Welt. Erzählt mir dann, dass das natürlich nur „eine Show-Nummer“ von ihm sei, und dass er ausländische Geschäftspartner dann meist in ein bestimmtes „Haus“ führe, „da kann man die Nacht wesentlich günstiger verbringen, da habe ich Kontakte.“ Dann, dass er beim Laternenumzug mit seinem kleinen Sohn neulich eine alleinerziehende Mutter kennen gelernt habe, „gleich Nummern getauscht, he-he.“ Gibt mir seine Visitenkarte, seine echte und wahre Visitenkarte, ich habe das später überprüft, seine Galerie gibt es wirklich, und sein Name ist leicht zu googeln.

Er berichtet von Treffen mit Sponsoren und Kuratoren, stellt Dutzende Namen der Berliner Lokalprominenz in den Raum und erwähnt, dass er durchaus gern einmal fester zupacke. Natürlich nur, wenn die Frau das auch wolle. Weist immer wieder darauf hin, wie erpressbar er sei, „was man mir alles kaputt machen könnte, das ist der helle Wahnsinn“, und sieht bei all dem viel jünger aus als er ist. Ob er auf Koks ist, möchte ich ihn fragen, erkundige mich stattdessen aber, ob er wirklich schon 43 ist. Da freut er sich sichtlich. „Doch doch, 65, guter Jahrgang!“ Sagt mir, ich sei etwas „Besonderes“, das habe er gleich gemerkt, wir hätten viel gemeinsam, und ich habe keinen Schimmer, was er meinen könnte. Seine Augen quietschen so hellblau wie ich noch keine gesehen habe und ich spüre: FAZ-Boy braucht Hilfe. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich habe Politologie studiert, nicht Psychologie. Also sage ich, dass ich gehen muss, dringende Geschäfte, Filmproduktion, Werbung, unregelmäßige Arbeitszeiten. „Und Dein Freund?“ will er wissen. Wohnt in Wien, sage ich. „Schöne Stadt“, meint er. Während er mir in den Mantel hilft: Ob ich mir Fesselspiele vorstellen könne? „Mal sehen“, sage ich und hole mein Portemonnaie heraus, um meinen Kaffee zu bezahlen. Doch FAZ-Boy legt seine Goldjungenhand auf meinen beunruhigt zitternden Unterarm und signalisiert, dass er bezahlen wird.

Am nächsten Morgen kommt eine E-Mail:

:)Es war schön mit Dir. Du bist wirklich eine besondere Frau und sehr sexy. Brenne darauf, Dich wiederzusehen. Kuss, L.

Ich antworte nicht. Montags eine weitere E-Mail:

:o Bin auf dem Oktoberfest in München. An solchen Tagen fühle ich mich frei. Will frei sein mit Dir. Lass’ uns mal wegfahren. Ich lade Dich ein. L.“

Ob er mir danach noch einmal geschrieben hat – ich weiß es nicht. Es wird das letzte Mal sein, dass ich mich bei poppen.de eingeloggt habe. Noch einmal überfliege ich die zuletzt eingegangenen Bewerber-E-Mails, und mein Blick bleibt an einer Betreffzeile mit drei Dollarzeichen hängen: $$$. Ich klicke auf „Lesen“ und sehe dies:

:cool:Hi… sind 400 € interessant? ladornado, 40, Hannover

Für eine Hundertstel Sekunde blitzt der Gedanke in mir auf: „Ja, genau. Wenn überhaupt, dann gegen Geld. Warum umsonst mit einem etwas anfangen, wenn es andere gibt, die dafür zahlen?“

Ich denke, dass es ja wohl nicht sein kann, dass ich das denke, was ich da denke, aber ich denke es tatsächlich, denke ich und erschrecke bei diesem Gedanken. Dann schalte ich die Maschine ab.

Sich vertun

Motiv: gesehen Donnerstagabend in Hamburg-Altona

Es gibt kaum etwas Unangenehmeres als eine unausgegorene Sache voreilig im Internet zu veröffentlichen – und sie dann sofort zurücknehmen zu müssen – weil sie sich (manchmal schon beim Drücken der “Publish”-Taste) als reiner Quatsch erweist, weil man sich geirrt oder etwas missverstanden hat, weil man also wieder einmal komplett daneben lag. Die einzige Hoffnung, die der/die Blogger(in) dann hat, ist die, dass er/sie mit dem Löschen schneller war als der/die/das Google und die Feed Reader, anders ausgedrückt: Dass niemand es mitbekommen hat.

Kopf muss essen. Ernährungstipps

Lesen, analog, Papier und pipapo: eine schöne Sache, gerade in der kalten Jahreszeit. Noch immer habe ich keinen Vampir-Roman an mich herangelassen (nicht einmal Bram Stoker) und habe beschlossen: Das bleibt auch so. Stattdessen blättere ich derzeit durch zwei im Fundus Verlag erschienene Bände von und mit Bazon Brock, sie tragen die hübschen Titel Tarnen und Täuschen sowie Utopie und Evidenzkritik (siehe oben). Brock hat sich ja mehrfach als Internethasser zu erkennen gegeben, so vor nicht allzu langer Zeit in einem Interview mit der FAZ, in dem er seine steile These vom Netz als “Gulag”, “Vorbildhölle” und “Totenreich”  wiederholt hat. Noch blättere ich ein wenig weiter.

Mit einem Monat Verspätung vermelde ich zudem: Ganz hervorragend gut gefällt mir Das Weiße Buch von Rafael Horzon, die sagenhafte Autobiografie eines zeitgenössischen multiplen Fantasie-Unternehmers. Bislang kenne ich auch davon nicht einmal die Hälfte, bin aber schon jetzt von der Großartigkeit des Werks überzeugt. Und: Der Protagonist spricht ein ebenso fließendes Latein wie ich! Das ist mein Running Gag, seit Jahren schon. Nun gut. Jetzt ist er verbraten.

Und schließlich habe ich es nicht nur heruntergeladen, sondern nun auch als gebundenes Werk bei Edition Nautilus bestellt: das anonym verfasste Manifest  Der kommende Aufstand, 2007 unter dem Original-Titel L‘insurrection qui vient in Frankreich erschienen und über verschiedene Internetquellen leicht google- und downloadbar. Schwer umstritten ist es, in manchen Kreisen sorgt gar seine Print-Veröffentlichung bei Nautilus für Empörung (“Dürfen die das?”). Nachdem kürzlich Nils Minkmar in der FAS und Alex Rühle in der SZ darüber geschrieben haben, ist der kleine Band tatsächlich restlos ausverkauft und muss erst nachgedruckt werden, erfuhr ich in den drei nächst gelegenen Buchhandlungen (zwei kleine Läden und eine große Ketten-Filiale, bestellt habe ich’s – natürlich – bei einer der kleinen Handlungen). Und: Nein – ich glaube nicht an die Anarchie.

Von den ungefähr 54 Büchern, die darüber hinaus noch ungelesen in meiner Wohnung herumlungern, freue ich mich am meisten auf das bei Eichborn erschienene Kompendium Äh … Was machst Du da eigentlich. The essential David Shrigley. Von Shrigley stammt die Grafik (hier oben drüber), de facto kenne ich ihn bislang nur aus dem Internet (aus der “Vorbildhölle”), in ebenjenem “Gulag” kann man etwa die Shrigley-Homepage anklicken und sich ein wenig informieren. Der Band wird ein, zwei unterhaltsame Abende ergeben, nehme ich mal an. Noch immer nicht gelesen, aber sicher irgendwann bald, sind Das erotische Talent meines Vaters von Björn Kern und Geschichte der Tränen von Alan Pauls. Ach, und dann möchte ich unter der Parole “Königsberger Klopse” noch auf das absolut wintertaugliche Kochbuch Heimwehküche aufmerksam machen, das die Freundinnen Birgit Hamm und Linn Schmidt in liebevoller Handarbeit erstellt und unlängst bei Dorling Kindersley herausgebracht haben – mit echten Rezept-Omas!

Always remember: The more you read, the better your sex-life!