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ECHTLEBEN in der JUNGEN WELT – gelesen von der TÖDLICHEN DORIS

Foto: Wolfgang Müller by Tom Neubauer

Wolfgang Müller (oben) hat das ECHTLEBEN in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung JUNGE WELT besprochen – in der dortigen Literatur-Rubrik Die tödliche Doris liest (Folge 28). Dazu gibt es eine Menge zu sagen – vor allem über Wolfgang Müller und Die tödliche Doris. Beide werden wir hier gleich noch ein wenig vorstellen. Aber zunächst freuen wir uns ganz arg über die feine Rezension (die man hier online lesen kann – wobei wir auch in diesem Fall, aus Solidaritätsgründen, zum alt-ökonomischen Kiosk-Erwerb der Zeitung raten, genau wie wir’s bei der Zeitung einen Eintrag weiter unten getan haben.)

Wolfgang Müller schreibt über das Buch u.a.:

“Was (das) Buch so angenehm macht – obwohl es von unerfreulichen Ereignissen ja nur so strotzt – ist seine Offenheit und seine Ironie. Diese webt die Autorin elegant in die geschilderten Grausamkeiten und kalten Fakten. Dabei fehlt jener überlegen-allwissende Gestus, der beispielsweise die ,Terrorexperten’ bei ihren kapitalen Fehlprognosen in ZDF und ARD immer so unerträglich macht.”

“Hier wird Dichtung und Wahrheit untersucht, wobei sich eine unterschwellige Melancholie, mitunter verzweifelte Fröhlichkeit offenbart. Diese entsteht, weil sich die Autorin selbst deutlich markiert, ihre jeweilige Position im Chaos der neuen Unübersichtlichkeit wie eine Fledermaus ortet und sich selbst nur wenig schont. Kullmanns Zusammentreffen mit dem Talkshow-Dauergast Hans-Olaf Henkel beispielsweise. Schrecklich schön. Nie taucht eine Spur Bemühen auf, kein Versuch, den Anschein von Neutralität, Objektivität, Abgeklärtheit und Distanziertheit zu erwecken. Eher Zweifel, schöne Wortreihen und böse Gedanken: ,Schleime ich mich durch meine Zickzack-Existenz wie eine grenzdebile Nacktschnecke auf Speed?’”

“(Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Joschka Fischer, die “neue Bürgerlichkeit”:) Kullmann wirft einen Fluch auf die ganze Bande: ,Oh, mögen eure Leipziger-Schule-Sammlungen zu Staub zerfallen, die Privatschulen eurer weltgewandten Kinder wegen Asbestbefundes auf unbestimmte Zeit geschlossen werden!’ Manchmal ist man eben nur sprachlos. Und wovon man nicht sprechen kann, davon könnte man dann singen, beispielsweise.”

Viel, viel Ehre wurde unserem blau-gelben Büchlein schon zuteil – wofür wir uns bei dieser Gelegenheit nun einfach mal ganz allgemein, in den Äther, ins Weltall hinein bedanken. Und neben Nils Minkmars Besprechung in der FAS ist Müllers/Doris’ Rezension nun unsere liebste, irgendwie.

Wer ist aber der Mann mit dem weltläufigen Namen Wolfgang Müller – warum ist die Doris tödlich – und was soll das mit dem “Singen” am Ende der Buch-Besprechung?

Wolfgang Müller ist jemand, den man vermutlich am besten als Künstler und Aktivisten beschreiben könnte – auf seiner Homepage unterhält er sich unter anderem ganz ernsthaft und seriös mit isländischen Elfen, und für einige Furore sorgte vor knapp zwei Jahren seine Polit-Kampagne Gays against Guido – bei der Müller blau-gelbe Buttons mit ebenjenem Schriftzug unter die Leute brachte – um darauf hinzuweisen, dass, nur weil der Westerwelle Jungs mag, der FDP-Politiker nicht automatisch ein Kämpfer für Freiheit, Gleichheit, Emanzipation und Toleranz ist – sondern ein Hardcore-Verfechter des Neo-Individualliberalismus (siehe dazu auch: Matthias Mergl im Unrast Verlag). Zuletzt hat Wolfgang Müller ein Buch über die faszinierende 20er-Jahre-Tänzerin Valeska Gert geschrieben.

In den frühen Achtzigern hatte Müller Die tödliche Doris mitbegründet – eine Berliner Künstler(innen)-Gruppe, die vor allem Musik gemacht hat (welche man so noch nicht gehört hatte) – mit Wahnsinnstexten – und die aber auch in den Feldern Literatur, Performance, Fotografie, Video sehr aktiv war. Ein umfangreiches Archiv mit Download-Möglichkeit bietet die Doris-Homepage. Im Grunde war Die tödliche Doris von Anfang an weltberühmt, wenn auch nicht bei allen Der-Preis-ist-heiß-Zuschauern, hier sieht man sie z.B. 1984 in New York, vor dem World Trade Center (v.l.n.r.: Käthe Kruse, Wolfgang Müller, Nikolaus Utermöhlen):

Damals war ich 14 und quälte mich, in einem Doppelhaushälften-Kinderzimmer im Vordertaunus, durch die schlimmste aller Lebensphasen, die Pubertät – und hatte irgendwie irgendwo ein paar Versatzstücke von der tödlichen Doris aufgeschnappt, zum Beispiel das Lied über 7 tödliche Unfälle im Haushalt. Diese Leute bei der Doris waren die entscheidenden zehn Jahr älter als ich, und sie waren in Berlin – und ich bewunderte sie ziemlich ungebrochen – als eine Art Vorbild, eine Inspiration – als große Brüder und Schwestern, die Sachen machten, die ich eines Tages auch tun wollte. Und genau deshalb … ist es nun halt ein so großartiges Gefühl, dass Die tödliche Doris mein Buch gelesen und für okay befunden hat. Ich muss ganz klar sagen: Die Verehrung von der anderen Seite, von mir aus, ist größer und älter. Und weil nun gerade ein Sommer ist, der wie ein November wirkt, habe ich zur Feier dieses tollen Samstags zwei Doris-Videos ausgewählt, die sich mit dem Wetter im Allgemeinen und Besonderen beschäftigen.

Das Naturkatastrophen-Konzert:

Und das Naturkatastrophen-Ballett:

Hamburg>Berlin>Hamburg 03/11