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The School of Pulp

So muss man schreiben. Genau so. Siehe das Text-Sampling, das hier unten gleich folgt – es ist aus Loren d. Estlemans Kriminalroman “Lady Detroit” (“Lady Yesterday”, 1987) zusammengebaut.

Vorab dies: Mit Kriminalromanen kenne ich mich nicht aus. Nicht mein Genre, sozusagen. Aber nun habe ich, aus gewissen Gründen, doch mal wieder einen in die Hand genommen: Lady Detroit (Lady Yesterday,1987) von Loren D. Estleman – in der 1988er Ullstein-Übersetzung von Sibylle Bayer. Es ist einer von fünf, sechs oder sieben Romanen, in denen Estleman seinen Helden, den fiktiven Privatdetektiv Amos Walker, auf Ermittlungen in den Schmutz der Großstadt schickt – und die Sprache hat mich an vielen Stellen umgehauen (wie der Held, Amos Walker, es vielleicht ausdrücken würde). “Anti-lyrisch” nenne ich es, weil mir im Moment keine bessere Beschreibung einfällt und weil “lakonisch” oder “konkret” es allein nicht treffen. Jedenfalls gefällt es mir wahnsinnig gut. Loren D. Estleman ist in den USA ein angesehener Publikums-Autor und kümmert sich nebenbei, etwa mit Anthologien, auch um das Vermächtnis der Pulp Fiction - der amerikanischen “Schund-Lektüre” für kleine Leute, Sex’n'Crime-Romanheftchen, solche Dinge. In einem Interview beschrieb Estleman seinen Romanhelden Amos Walker mal mit den Attributen “ein Typ von spöttischer Güte” und “ein romantischer Realist”, und ein bisschen liest sich das im Interview-Zusammenhang so, als ob der Schriftsteller auch sich selbst damit meint.

Wie auch immer: Literaturkurse sind eh ein Quatsch. Man sollte sie abschaffen. Man muss ja nur ab und zu etwas wie dieses kleine, schmierige, hier unten zitierte Büchlein lesen. Oder etwas anderes. Irgendwas. In jedem Fall: lesen und zuhören. Und sich merken, wie die guten Sätze klingen. Was ist ein guter Satz? Ein Satz, der stimmt. Ein Satz, der alles enthält, was man, zum Zeitpunkt, da er fällt, wissen muss. Ein Satz, der für sich schon eine kleine Geschichte ist.

Loren D. Estleman bzw. Amos Walker – kleines Best-of-Sampling – von einer Lernenden mit Liebe erstellt (hoffentlich hat niemand etwas dagegen):

Sie war zweiundvierzig und sah danach aus, aber auf keine schlechte Art ● Das Haus sah so leer aus wie das Gesicht eines Idioten. ● “Ein großes, saftiges Stück Neunzehnhundertfünfundfünfzig”, sagte er. “Das kannste mir ranschaffen. Hab’s zu schnell gegessen beim ersten Mal.” ● Der Pickup lief immer noch nicht, als ich den Hörer einhängte. Er klang wie ein Schwein, das an einer Ananas vorbeischürft. ● Und danach fing ich wieder an zu denken. Nichts, wofür ich einen Preis bekommen hätte. ● “Er war der typische kleine Mex frisch vom Bananenboot, kannte gerade mal sechs englische Wörter, drei davon waren ,Mama’. Er las mich in ‘nem Bumsladen am Fluss auf, und wir gingen in seine Rattenfalle von Hotel. Er bot mir fünfhundert für sechs Wochen Ehe mit ihm. Ich schaute mir das Bündel an und ihn und sagte: , Mach tausend draus, und wir lassen uns morgen scheiden.’” ● “Name?” Der Ton des Portiers war nicht hundertprozentig freundlich. ● “Überall in Europa rasen Terroristen in Bettlaken durch die Gegend und murksen Leute ab, weil sie amerikanisch aussehen, und in jeder Hemisphäre lagert genug Sprengstoff, um die Welt ein paar mal in die Luft zu jagen. Die Sonne brennt aus, und was der Gouverneur für den Friseur ausgibt, würde ein Drittweltland ein Jahr lang am Leben erhalten.” ● Auf das Klingeln hin kam eine Frau an die Tür, die ich nicht kannte, ein starkes Stück mit einem mörderischen Kliff spröder blonder Haare vor der Stirn, löffelförmigem Gesicht, Lippen, die aussahen wie nach einem Bienenstich, und einer Nase, die heftig bearbeitet worden sein musste, damit sie wie ein Knöpfchen in der Mitte ihres Gesichts wirkte. Sie trug einen orange geblümten Hausmantel, den sie in der Taille mit einem Plastikgürtel festgeschnallt hatte, und roch nach der Art Parfum, die etwa so viel kostet wie Diesel und sich ähnlich bemerkbar macht.” ● Eine böse Schönheit lag in seinem Gang. ● “Die Kinder kriegten ein Lager auf dem Boden im Wohnzimmer, und ich musste in ‘nem Bett mit Miami-Vice-Wäsche schlafen.”

Hackney. Please stop burning.

♫ Marcia Griffiths: Tell me now

67 D Sandringham Road, Dalston, Hackney, London E 8 – my transition-home in 1990/91. I worked in a snackbar-kitchen, 6 hours a day, 6 days a week, 2,50 £ per hour, no insurance. My job was to prepare cheese-tomato-sandwiches. Apart from that, I went out dancing often, learned some Nigerian words and let a fortune teller read my palm for the first time. One year later, I started to study political science and sociology. Hackney made me erwachsen, I like the people. And I hope they stop destroying modest homes and small shops there. The aggression is heading in the wrong direction, oh-so-definitely.

Facebook – ein Kriminalreport

Ich war ein anderer

Und ein anderer war ich: Wie unsere Autorin einmal den Facebook-Tod starb. Und sich durch dir Wirklichkeit ins virtuelle Leben zurückkämpfte. Erschienen am 7. August 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Okay, ich bin eine von Millionen. Ich unterhalte ein Facebook-Konto. Und wie alle, die dort angemeldet sind, verfluche ich es in regelmäßigen Abständen. Facebook ist bekanntlich ein werbeverseuchter Kraken-Organismus, der mit den Daten argloser Bürger spielt und unsere Gehirne so manipuliert, dass wir uns mindestens alle 36 Stunden einloggen und Details aus unserem Intimleben preisgeben. Und das nur, damit mafiöse multinationale Marketingfirmen mitschreiben können. Eigentlich müsste man es sofort verbieten, und jeder weiß es.

Aber nun habe ich zwei neue Dinge herausgefunden, die mich einigermaßen überrascht haben: Erstens, dass es sich beim Großen Bruder in Wahrheit um eine Große Schwester handelt. Zweitens, dass man die korrupte Maschine sofort vermisst, wenn man plötzlich nicht mehr mit ihr herumspielen darf.

Die Sache ist die: Jemand will mich bei Facebook ermorden. „Identity Theft“ heißt der kriminologische Fachbegriff. Ein Fremder versucht seit einer Weile, mein Profil plattzumachen und sich meine Online-Identität unter den Nagel zu reißen. Facebook glaubt dem Fremden, dass er ich ist – und hat mich zur Dissidentin erklärt und rausgeworfen, ohne Vorwarnung, mit sofortiger Wirkung. Es traf mich so, wie ich mir einen Streifschuss vorstelle. Es tat schon weh.

Seit zweieinhalb Jahren bin ich dabei. Und stimme meinen Facebook-Freunden zu: Die Postings sind ein Quatsch, die Wichtigtuereien endlos, es ist ein Zeitfresser und monströser Ablenkungsapparat. Aber jetzt, nach dem Abschuss, sehe ich, dass es eben doch auch eine Menschlichkeits-Maschine ist. Da gibt es die Labertaschen, die beflissenen Rund-um-die-Uhr-Verlinker und diejenigen, die Usambaraveilchen in 3-D versenden; andere berichten live von Bahnverspätungen in Mittelgebirgslandschaften oder fotografieren täglich ihr Mittagessen; wieder andere zitieren ausschließlich Intellektuelle aus dem 20. Jahrhundert, um mit ihrem inkorporierten Kulturkapital zu prahlen; manche fechten sogar ihre Beziehungskräche auf ihren Pinnwänden aus, und eigentlich ist man ja immer ein bisschen verliebt in den einen oder anderen User, weil der so tolle Lieder postet oder so freundliche Sätze sendet. Oder man ist wenigstens in sich selbst verschossen, so gut, wie man da immer aussieht, auf den hart bearbeiteten Urlaubsfotos. Wie ich das alles verachte. Aber gelegentlich wärmt es eben doch. Bei Facebook war ich immer ganz Mensch.

Bis ein blassroter Balken mir die Sicht versperrte. Wie jeden Montagmorgen hatte ich mich pünktlich gegen 9.30 Uhr eingeloggt, als plötzlich dies auf meinem Bildschirm aufleuchtete: „Profil gesperrt“. In einer E-Mail mit dem Betreff „Identity Request“ hieß es, ich solle unverzüglich meinen Personalausweis scannen und rübermailen. Dann könnten wir weitersehen. Vielleicht. Ich hielt es für einen technisch erklärbaren bug, fluchte über übereifrige Security-Programmentwickler, über den hardcore-kapitalistischen Polizeistaat, die Volkszählung, die totale Enteignung des Selbst und folgte treu der Anweisung und sendete also meinen Pass da hin, zweimal sogar, weil beim ersten Scan ein schwarzer Krümel mit aufs Bild geraten war.

48 fade Stunden später eine neue Nachricht aus der großen Familie: „Danke, dass Du Deine Identität bestätigt hast. Nach weiterer Untersuchung der Angelegenheit haben wir festgestellt, dass Dein Konto fälschlicherweise gesperrt wurde. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten sehr! Danke, Louisa, User Operations“. Ich stellte mir Louisa als jeanshosentragende Mittdreißigerin mit etwas übertriebenen Grübchen vor und nahm an, sie säße als unterbezahlte Leiharbeitskraft in einem zugigen Gewerbegebiet in einem Containerbüro, da, wo sonst immer die Call-Center-Leute sitzen und heimlich Baudelaire lesen, wenn sie gerade einmal für drei Minuten die Leitung frei haben. Louisa war in Ordnung, fand ich, und mein Profil wieder freigeschaltet. „Schön, dass Du wieder da bist“, schrieben ein paar Freunde, heimlich atmete ich auf, und alles lief erst einmal weiter wie vorher.

Bis ich dann, zwei Wochen später, aufs Neue rausflog. Diesmal unter dem Betreff „Fake Name“. Jetzt hieß es: „Dein Konto wurde gesperrt, weil es unter einem falschen Namen registriert war. Wir gestatten es den Nutzern nicht, sich mit falschen Namen zu registrieren, andere Personen oder Dinge nachzuahmen oder sich selbst falsch darzustellen.“

„Was, zur Hölle, ist an meiner Existenz zweifelhaft?“, schrie ich den Computer an. „,Katja Kullmann‘ heiße ich, und das seit 41 Jahren: Geht es, bitteschön, gewöhnlicher?“ Außerdem hatten die ja gerade erst meine Papiere inspiziert. Sofort googelte ich, nur zur Sicherheit, mich selbst und fand mich bestätigt: Natürlich gibt es „Katja Kullmann“, das ganze verdammte Internet ist voll mit dieser Frau! Und sie hat halblange dunkle Haare, genau wie ich! Andererseits . . . Es soll Leute geben, die denken, sie seien Napoleon oder Hildegard Hamm-Brücher. Und der Schriftsteller Wolfgang Welt, der wirklich so heißt, hielt sich mal eine Zeitlang für J. R. Ewing und randalierte in einem Tchibo-Laden.

Für zwei, drei Tage schwankte ich zwischen Abscheu, Wut und Resignation. Unterdessen entdeckten einige Freunde ein neues, öffentliches Facebook-Profil mit meinem Namen und schickten mir den Link. Es war kalt, leer, unbespielt. Kein Foto, kein einziger Freund bei der neuen „Katja Kullmann“, der Identity-Hijackerin. Und mir schien, dass es hier ums Prinzip gehen könnte, sozusagen ums Überleben, auch um einen Restbestand meiner Verbraucher- und Staatsbürgerinnenrechte, ganz abgesehen von meiner Ehre. Also beschloss ich zu handeln.

Als Erstes meldete ich mich aus Trotz bei Google+ an. Aber nur, um schnell zu merken, dass es dasselbe ist wie Facebook, bloß ohne Menschen. Bei Google+ ist niemand außer Sascha Lobo. Es ist wirklich schrecklich einsam dort.

Dann nutzte ich Google, um nach Facebook zu suchen, nach Louisa, einer Telefonnummer, nach irgendeinem Weg, vernünftig ins Gespräch zu kommen, von Mensch zu Maschine. Und tatsächlich: Seit Anfang dieses Jahres gibt es ein Facebook-Büro in Deutschland. Es befindet sich in Hamburg, fand ich mühsam heraus, und Hamburg ist zufällig mein ordnungsgemäß gemeldeter Wohnort. Nur wo genau? Drei verschiedene Postadressen fand ich im Netz. „Alles, was wir verzeichnet haben, ist eine Nummer in Amerika“, erklärte die Telefonauskunft. Schließlich fiel mir das Amtsgericht ein, das Handelsregister. Dort war, ganz frisch, erst seit Juni, wiederum eine ganz andere Adresse angegeben. Ein investigativer Schauer lief mir über den Rücken. Und ich nahm mir vor, am nächsten Tag persönlich bei meiner Identitätsverwaltung vorzusprechen.

Am nächsten Tag stehe ich vor einem schmalen, schmucklosen Business-Portal. Eine fest verschlossene Glastür. Kein Namens- oder Firmenschild, kein Klingelknopf. Nur eine kleine Tastatur, in die man einen Code eingeben muss. Während ich überlege, ob ich es mit meinem Facebook-Passwort versuchen soll, rumpelt ein Handwerker mit einem Wägelchen heran und öffnet die Tür. Ich drängele mich hinterher und frage: „Entschuldigung, sitzt hier im Haus die Firma Facebook?“ Ja, im zweiten Stock, soweit er wisse.

Ich schleiche nach oben. Nach etwa vierzig Stufen leuchtet es mir von der Wand entgegen: das blauweiße Logo. Daneben wieder eine Glastür, wieder verschlossen. Ich sehe den Ausschnitt eines gewöhnlichen Büroflurs, kahle weiße Wände, keine Tischtennisplatte, kein Flipper, nichts. Ich winke, falls irgendwo eine Kamera installiert ist, aber sie sehen mich nicht. Dann entdecke ich den Klingelknopf, Weiß auf Weiß, und drücke drauf.

Eine blonde Frau, höchstens 23, eilt über den Flur und öffnet strahlend die Tür. „Louisa“, denke ich, „du bist aber hübsch.“ „Ja bitte?“, fragt sie. „Guten Tag, ich bin bei Facebook. Also als Mitglied. Und nun haben Sie mich schon wieder rausgeworfen. Weil ich angeblich ein Fake bin. Aber es gibt mich wirklich, und ich bin hier, um das zu beweisen.“ Louisas freundlicher Blick zerfließt binnen Sekunden zu etwas anderem. Ich rede weiter und sehe genau, was sie gerade sieht: Eine ältere Frau, die mit den Nutzungsbestimmungen nicht klarkommt. Eine bekloppte Userin, die nervt. „Ich habe vier Ausweise dabei“, sage ich, „Personal, Presse, Führerschein und Rückenschule, und ich wüsste gern, was hier los ist.“ Sie lächelt falsch, aber milde und sagt, während sie die Tür wieder zuschiebt: „Moment, ich hole jemanden.“

Eine halbe Minute später jagt eine zweite Frau auf die Glastür zu. Sie ist etwa in meinem Alter, trägt einen Kurzhaarschnitt und eine blauweiß gestreifte Bluse. Zackig reißt sie die Tür auf. „Ich bin die Sprecherin Deutschland, worum geht es?“ Ich begreife: Die Große Schwester steht vor mir, und sie hat wenig Zeit. „Ich will nicht stören, ich heiße Katja Kullmann und möchte gern wieder mitmachen. Da ist jemand, der meinen Namen geklaut hat, und ich frage mich . . .“ Sie schnaubt verächtlich, versucht aber, freundlich-verbindlich dabei auszusehen. „Ja und? Mein Bruder heißt Stefan Müller, was glauben Sie, wie viele Namensdoppelgänger der hat?“ Mit einem Schnell-Scanner-Blick fliegt sie über meine mickrige Statur, von unten nach oben. „Journalistin sind Sie?“ Ich nicke. Sie wedelt mit einer Visitenkarte. „Wir werden Ihr Anliegen prüfen, hier mein Kontakt.“ Ich nehme die Karte, und sie wedelt mit der leeren Hand weiter. „Tut mir leid, ich kann jetzt nicht.“ Sie schließt die Tür. Und ich trolle mich nach Hause.

Vier Stunden später schreibt die Große Schwester mir eine E-Mail. Die Prüfung meiner Identität werde schnellstmöglich erfolgen, sie werde persönlich dafür sorgen, dass ich keine Probleme mehr bekäme. Und dass eindeutig „ein Dritter“ mein Profil mehrfach als gefälscht gemeldet habe. Ich schreibe ihr zurück. Bedanke mich für die Bemühungen. Sage ihr, dass ich vielleicht einen Artikel über das kleine Abenteuer verfassen wolle und stelle ihr fünf Fragen. Wie man sich gegen Identitätsdiebstahl schützen könne, zum Beispiel. Warum es keine Hotline gebe. Und ob sie mir verrate, wer da mein digitales Selbst an sich reißen will. „Wenn nicht den Namen, vielleicht das Geschlecht oder den Ort?“

Doch die Große Schwester ist verstummt. Tags drauf meldet sich eine PR-Agentur, „im Auftrag von Facebook“. Die PR-Agentur hat ein paar belanglose Standardsätze aus den Facebook-AGB in die E-Mail kopiert, teils auf Englisch. Jenes Material dürfe ich jederzeit zitieren, aber bitte ohne die PR-Agentur zu erwähnen. „Gerne können Sie die Aussagen allgemein einem Facebook-Sprecher zuordnen.“

Noch am selben Tag wird mein Profil wieder freigeschaltet. Die Hijackerin ist gelöscht. Ich überlege, was ich jetzt in meine Statuszeile schreiben könnte, und entscheide mich für das Wort „Verbrecherverein!“. Ich sehe fünf ungelesene E-Mails. Nehme zwei neue Freunde auf. Poste ein Video, was sonst. Und tue vor mir selber so, als freute ich mich kein bisschen, dass ich wieder da bin.

Die Zürcher Langstraße – ein Gentrifizierungs-Feature

Durch diese Eiterbeule fließt Blut

Für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), September 2008

Junkies, Huren, Freier, Dreck: Die Zürcher Langstraße liegt am rauen Ende der Globalisierung. Mit einem Förderprojekt wollen Stadt, Künstler und Gastronomen die Meile vor dem befürchteten Untergang retten. Die Angst vor “Gentrification” oder “Yuppisierung” mag durch Berlin geistern – in Zürich winkt man bei diesen Schlagworten mild lächelnd ab.

Wieder einmal gibt es Ärger an der Bushaltestelle Militär-/Langstraße. Eine zerknitterte Frau, vielleicht Mitte 30, vielleicht auch schon Mitte 50, zetert auf einen krummen Mann ein. “Ich sauf’ wegen Dir!”, schreit sie, “nur wegen Dir, Du Hueresack!” Der verdammte Alkohol, “der Alkohol und Du!” Ihre Stimme überschlägt sich, kippt in ein verzweifeltes Kieksen, und der Mann sinkt tiefer in sich zusammen, scheint fast umzukippen, während sie mit der flachen Hand auf ihn einschlägt, kraftlos, müde. “Hueresack!” Fliegen kreisen um eine zertretene Döner-Flade zu ihren Füßen, eine Plastiktüte segelt im Sog eines anfahrenden Busses vorbei.

Niemand schenkt der Szene Beachtung. Es ist eine gewöhnliche Unterhaltung zweier Liebender, der übliche raue Ton in dieser Gegend, mitten in Zürich, und doch in einem beinahe vergessenen Viertel der Stadt: im Kreis 4, dem umstrittenen, bemitleideten, verschrieenen Kreis “Cheib” – “Cheib” wie “Scherbe”, Scherbenviertel. Auch “Eiterbeule” wurde das Quartier schon genannt, oder: “Fußmatte der Schweiz”. Es ist der schmutzige Rücken der ansonsten auf Hochglanz polierten Metropole.

Nur wenige Kilometer südöstlich sitzt das Geld. Dort besichtigt der internationale Jet-Set fußbodenbeheizte Immobilien mit Blick auf den Zürichsee, trägt Geld in schwarzen Koffern zu Banken, lässt sich in Schönheitskliniken liften oder probiert im Luxuskaufhaus Globus seltene Mineralwässer, die umgerechnet bis zu 35 Euro kosten – pro Flasche. Etwa ebenso viel bezahlt man im Kreis 4 für fünf Gramm Haschisch, das man hier auf offener Straße kaufen kann, unter der staubigen Nachmittagssonne eines gewöhnlichen Werktages. Vielleicht, um sich das Leben für Momente etwas erträglicher zu machen.

Es gibt ähnliche Orte in anderen Städten, und meist markiert eine berühmt-berüchtigte Straße die so genannten Problemviertel: In Paris ist es etwa die Rue Saint-Denis, in Amsterdam sind es die Gassen rund um die Voorburgwal-Gracht, in Frankfurt am Main ist es die Kaiser-, in Dortmund die Linienstraße und in Hamburg das Agglomerat St. Pauli, glimmernd beleuchtet von der berühmten Reeperbahn. In Zürich trägt die Hauptschlagader des urbanen Elends den Namen “Langstraße”.

Es ist einer der Orte, an denen die so genannte Globalisierung ihr ungeschminktes Gesicht zeigt: Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben hier auf etwa vier Quadratkilometern zusammen. Manche betreiben Im- und Exportläden mit schrottreifen Elektronikartikeln, einige verkaufen in Kiosks Zeitungen und Sandwiches mit “scharfer Salami”. Andere haben sich auf den Drogenhandel im Gebüsch verlegt oder auf die Prostitution in Dachkammern und Hinterhöfen. Bei “Hermés” im Bankenviertel suchen pelzbemäntelte Russinnen nach Seidenschals. In der “Lambada Bar” an der Langstraße werben Dominikanerinnen in Miniröcken um Freier. Jeder schlägt sich eben durch, so gut er kann – die einen mit Juwelen, die anderen mit Drogen, manche verkaufen Schlösser, wieder andere ihre Körper.

“Lugano Bar”, “Chicago Bar”, “Café Memphis” oder “Rösti-Bar-Karibik-Restaurant”: Die Etablissements entlang der Langstraße tragen weltläufige Namen. Im Volksmund heißen einzelne Häuserblocks “Bermuda Dreieck” oder “Dominikaner Eck”. Fast wie eine Beschreibung der hier ansässigen Schicht lesen sich die Straßenschilder: “Diener-” oder “Nietengasse”. Vom “Mordpflaster Langstraße” berichtet schließlich die örtliche Boulevardpresse, schildert “Balkan-Schießereien” und listet die Herkunftsländer der Täter und Opfer auf: Italien, Bosnien, Türkei, Guinea, Kamerun, Großbritannien. Glaubt man den einschlägigen Statistiken, gibt es schweizweit wohl keinen internationaleren, vor allem: keinen gefährlicheren Ort.

Und doch ist das Viertel nicht ganz vergessen, wird nicht von allen als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Wer genau hinsieht, der entdeckt: “Es” lebt. Jeden Tag ändert sich etwas, jeden Tag ist etwas ein bisschen anders. Man muss nur hinsehen wollen: Wie “es” sich erholt, zu Kräften kommt. Die Langstraße ist ein geschundener Körper, der sich gerade keuchend, schwitzend berappelt. Und mit ihrem Überlebenskampf könnte die Meile ein Beispiel für andere europäische “Problemstraßen” sein.

Da ist zum Beispiel diese karge Halle, weiß getüncht, die Wände etwa fünf Meter hoch: “Autogarage” steht an der Fassade, doch Autos werden hier schon lange nicht mehr repariert. Eine Weile stand der Raum leer, wie vergessen. Doch plötzlich, im Spätsommer 2008, bewegen sich wieder Menschen darin, streichen die Wände, putzen die Scheiben, bauen Stellwände aus Sperrholz in die Leere, machen ab und an eine Pause auf klapprigen Campingstühlen, rauchen Zigaretten, trinken Kaffee, arbeiten weiter. Jeden Tag sieht es etwas aufgeräumter, sauberer, frischer aus. Nach einigen Wochen hängt ein kleines, schlichtes Pappschild an der Glastür, und der Passant erfährt: Hier entsteht die “Galerie Freymond-Guth & Co. Fine Art”, Eröffnungs-Vernissage Ende August, gezeigt werden Installationen der renommierten französischen Video-Künstlerin Elodie Pong.

“Ich will meine Vision von Poesie und Schönheit hier anbringen, und zwar genau hier”, sagt der Inhaber und Namensgeber der Galerie, Jean-Claude Freymond-Guth. Beeindruckende 28 Jahre jung ist der zierliche Mann, der küftig Kunstwerke für umgerechnet bis zu 12.000 Euro je Exemplar verkaufen will – ausgerechnet in der Brauerstraße, einer Quergasse der Langstraße und eine der wichtigsten Drogen-Meilen im Schmuddelkiez. “Kscht, kscht, kscht”, zischen einem die Dealer hier am hellichten Tag zu, “willst ein Chügeli kaufe”, eine Portion Kokain, und die Augäpfel der Männer sind rot oder gelb unterlaufen, welche Droge auch immer das mit ihnen gemacht hat. Wenige Meter weiter bieten Karibinnen in einem Salon “Vier-Hand-Massagen” an, und das Werbeschild eines Afro-Friseurladens verspricht Haarverlängerungen und anderes, “sehr günstig”, oder vielmehr “very chip”, wie es im Kreis 4-typischen Pigeon-Englisch heißt.

Er habe sich der Kunst aus der “Post-Everything-Ära” verschrieben, sagt Freymond-Guth. Es gehe um Kunst, die sich mit dem Zeitalter jenseits traditioneller Werte, jenseits sozialer Verträge und gesellschaftlicher Orientierungspunkte auseinandersetzt. Auch deshalb passe seine Galerie so gut in die Gegend: “Der Kreis 4 ist vielleicht der einzige Ort in der Schweiz, an dem nicht alles unter Klarsichtfolie verpackt ist, sondern lebt.” Neun Künstler vertritt, drei Mitarbeiter beschäftigt er. Bei aller Liebe dürfe man das Viertel jedoch nicht zu romantisch sehen: “Es geht hier hart zu. Aber die Mieten sind einfach niedriger als in anderen Vierteln Zürichs.”

Der 28Jährige ist nicht der einzige Kulturschaffende, der die Reize der Langstraße zu nutzen weiß. Wer aufmerksam durchs Viertel läuft, sieht immer neue Inseln entstehen, an denen “es” anders zugeht: Da sind die Musik-Bars “Longstreet” und “La Catrina”. Da ist die vor Jahresfrist eröffnete Rock-Kneipe “Alte Metzgerei”, deren neuer Betreiber den Schriftzug des Vorgängerlokals fast im Original beibehalten hat: Statt “Schnellimbiss” steht dort jetzt “Hellimbiss”, “Höllenimbiss”. Da ist der Club “Das Haus”, der mit Membership-Ausweis und Edelholzeinrichtung zu Live-Konzerten aus den Sparten Funk und Soul locken will. Oder die Programmkinos “Xenix” und “Riff Raff”; oder der Platten-Laden “Sixteen Tons”; oder Kunsträume wie “Perlamode” und das “atelieroffen”, in dem Nadja Ullmann malt, baut und ausstellt – sichtbar für jeden, der zufällig am Schaufenster vorbei spaziert ; und nicht zuletzt das asiatische In-Restaurant “Lily’s”, bei dem die Kundschaft derzeit allabendlich bis auf den Bürgersteig um einen Sitzplatz ansteht, als handele es sich um ein Star-Café am Hollywood Boulevard.

All diese vor nicht allzu langer Zeit entstandenen Orte ziehen junge Leute an, die ausgehen, Kunst machen und betrachten, rare Schallplatten einkaufen oder anspruchsvolle Filme sehen wollen, abseits des gängigen Diskotheken- und Museen-Einerleis. “Ja, es mischt sich langsam wieder hier im Viertel, und darüber sind wir sehr froh”, sagt Rolf Vieli, der von der Stadt Zürich eigens angestellte Stadtteil-Beaufragte für den Kreis 4.

Vieli ist einer der Väter des sanften Wandels im Quartier und in seiner Position und Arbeitsweise bislang ein Unikat in Europa. Seit 2001 koordiniert der ehemalige Wirtschaftsjournalist, Verlagsmitarbeiter, Sozialpädagoge und Stadtteilpolitiker das kommunale Projekt “Langstraße Plus”, bei dem Stadtplaner, Polizei und Sozialarbeiter zusammenwirken. Mit der europaweit beispiellosen Initiative will die Stadt dem Niedergang des Viertels entgegenwirken – und greift mitunter dirigistisch ein. Zu den wichtigsten Strategien gehört der Rückkauf einzelner Häuser, die in den vergangenen Jahren in die Hände des “Milieus” gefallen waren. Ziel ist die Ent-Ghettoisierung des Gebiets.

Vieli erklärt, wie es zum Niedergang des Kreises 4 kommen konnte, der seit jeher ein proletarischer Stadtteil war: Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre hat weite Teile der eingesessenen Arbeiterschaft vertrieben, Händler und Arztpraxen mussten schließen. “Systematisch haben Spekulanten, teils aus dem halblegalen Milieu, sich dann hier eingekauft.” Aus ehemaligen Gemüseläden wurden Kontaktbars, aus Wohnungen Bordell-Etagen. Zwischen 1992 und 2006 sei die Zahl der Einwohner gleich geblieben, die Zahl der registrierten Prostituierten habe sich jedoch verdoppelt, auf heute rund 4.500 im gesamten Stadtgebiet, darunter gut 1.000 so genannte Straßenhuren, die rund um die Langstraße tätig sind. Und nachdem die Ordnungskräfte 1995 auch noch den so genannten Needle-Park geräumt hatten, eine Grünanlage am Limmatufer, auf der Hunderte Fixer und Dealer sich trafen, drängte auch das Drogen-Milieu zunehmend in den sowieso schon heruntergekommenen Stadtteil.

Das harte Durchgreifen gegen den Zürcher Fixer-Park stieß damals auf herbe Kritik, auch international. Doch Vieli, der sich als “überzeugter Linker” bezeichnet und einst selbst mit “Drögelern” gearbeitet hat, wie Süchtige auf Schweizerdeutsch genannt werden, sagt: “Die Räumung war nötig, um der Verelendung ein Ende zu setzen.” Er zeigt Fotos aus der Hochphase der Fixer-Ära: Süchtige, die sich im Park unter Plastikplanen notdürftige Behausungen gebastelt haben, andere, die mit offen eiternden Wunden heulend auf dem Boden sitzen. Viele dieser Menschen gehören jetzt im Kreis 4 als versprengte Einzelfälle erneut zu seiner Klientel. Wenn der 62Jährige über das Langstraßen-Areal spricht, spricht er wie von einem Patienten und nennt sich selbst einen “Therapeuten”: Es gehe ums Heilen, langsam, nachhaltig.

Heute zählt es zu seinen wichtigsten Aufgaben, geeignete neue Mieter für die städtisch erworbenen Liegenschaften zu gewinnen. Vieli führt geduldig Gesprüche, macht Tresenbesuche und Ortsbegehungen, wirbt um Gastronomen und Händler, die “ein anderes Publikum anziehen”, wie er sagt. So gut ist mittlerweile sein Kontakt in beide Szenen, ins Schmuddel- wie ins Kulturmilieu, und so hoch sein Ansehen, dass Einheimische ihn liebevoll “Mister Langstraße” nennen. Bei Begriffen wie Gentrification, dem ursprünglichen angelsächsischen Wort für “Yuppisierung”, winkt er ab: “Wir wollen keinen schicken Glamour, sondern den Charakter des Viertels erhalten. Es geht bloß darum, die Angst aus den Straßen zu vertreiben.”

Zu den Vorzeigeprojekten im Langstraßenquartier gehört die Bar Rossi, die vor vier Jahren in einem vom “Mileu” zurückeroberten Haus eröffnet hat, unweit der zugigen Bushaltestelle, an der alkoholisierte Pärchen sich manchmal streiten. “Zu uns kommen Gäste, die Musik mögen und Kultur, Studenten, Nachtschwärmer”, sagt Philipp Rohner, der die Bar mit einem Kompagnon betreibt. Besonders beliebt beim Publikum ist der “Blind Test”: Einmal im Monat legt ein DJ Musik auf, und die Gäste müssen in einem Gruppen-Gesellschaftsspiel raten, von welcher Band der Song stammt. “Ohne den Mister Langstraße hätten wir das alles hier nicht gemacht”, sagt Rohner.

Schon einmal hatte der Mittvierziger eine Kneipe im Kreis 4 betrieben, die “Sansibar”. Aber Ende der 90er Jahre sei es unerträglich geworden, und er gab das Lokal ab. “Zu viel Krawall, zu viel Ärger.” Jetzt, nachdem die Stadt sich mit dem Langstraßen-Projekt eingeschaltet habe, gebe es zum einen mehr Polizeipräsenz im Viertel. Aber eben auch mehr und entspannteren Kontakt zu den eingesessenen Anwohnern. “Ich kenne Leute, die verbringen ihr ganzes Leben hier an der Bushaltestelle, denen geht es dreckig.” Aber: Man respektiere sich gegenseitig. “Wir brauchen keinen Türsteher, und die anderen brauchen keine Angst vor uns zu haben.” Rohner, der selbst im Viertel wohnt, sieht seine Bar nicht als “Yuppie”-Faktor. “Wir sind keine Investoren, die alles platt machen. Wir bringen einfach ein etwas anderes Leben hier hinein.”

So erfolgreich ist das Konzept des Förderprojekts “Langstraße Plus”, dass es in Teilen nun auch von der Amsterdamer Stadtverwaltung übernommen wurde: Niederländischen Medienberichten zufolge hat die Kommune bereits für mehrere hundert Millionen Euro Häuser aus dem Rotlichtbezirk zurückgekauft, etwa in Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs. Künftig sollen dort Cafés und Buchläden unterkommen. Als “Modell für Großstädte der Zukunft” hat der deutsche Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand von der Universität Jena den sanften Strukturwandel in der Schweizer Metropole schon vor Jahren gelobt, in seiner Studie “Die Stadt der Zukunft” (Leske & Budrich, 2002).

Auch der mutige Neu-Galerist Freymond-Guth, der privat schon einmal eine Weile in Berlin gelebt hat, kennt das Schreckgespenst der Yuppisierung: “Manchmal ist das schwierig – wenn etwa ein Großinvestor, der hier ganze Häuserzeilen aufkaufen will, sich privat für Kunst aus meiner Galerie interessiert.” Dann gelte es abzuwägen: “Wie will ich mich dazu verhalten? So jemand ist gleichzeitig mein Kunde und vielleicht ein Feind meiner Umgebung.” Angesichts knapper werdenden Wohnraums in der Boom-Region Zürich halte er es nicht für ausgeschlossen, dass das Langstraßen-Areal künftig auch für Luxus-Sanierer interessanter werde.

Als abschreckendes Beispiel für eine “Yuppisierung im Schnelldurchlauf” nennt er den Prenzlauer Berg in Berlin: Binnen 15 Jahren habe sich der ehemals lebendige Ost-Berliner Aufbruchbezirk in einen Hort neo-bürgerlicher Hipness für Westdeutsche verwandelt: “Mit Retro-Nippes-Shops für Touristen, und ansonsten komplett ausländerfrei.” In der Tat entstehen am Prenzlauer Berg dieser Tage gleich mehrere luxuriös aufgemachte neue Siedlungskomplexe, neudeutsch “Urban Villages” genannt, etwa die “Kastaniengärten” an der Schwedter Straße und der Block “Kolle Belle” an der Kollwitzstraße. Letzterer stellt seinen Bewohnern Appartements mit den Flairs “Royal”, “Elégante”oder “Exceptionélle” in Aussicht.

So etwas sei rund um die Langstraße nicht möglich, sagt Freymond-Guth. Zum einen, weil die Gassen zu eng und verwinkelt seien, als dass derart großräumige Überbauungen denkbar wären. “Zum anderen gibt es hier einfach eine gewachsene alternative und autonome Struktur, die eine Substanz hat. Es ist eben auch ein traditionelles Arbeiterviertel, die Leute sind stur.” Und tatsächlich: Erst im August haben Anwohner der benachbarten Neufrankengasse mit einem Quartierfest gegen den Abriss von 20 Häusern zu Gunsten einer Schnellstraße protestiert, in guter alter Bürgerinitiativen-Tradition. Auch die jüdisch-orthodoxe Familie, die seit Generationen das angestaubte Modegeschäft “Belladonna 88″ schräg gegenüber führe, habe sich von Investorenangeboten bislang nicht bestechen lassen, sagt der Galerist und deutet lächelnd auf die andere Straßenseite. Hier hochmoderne Videokunst, drüben trutschige Damenkleider, dazwischen ausgetretene Joints im Rinnstein – der Kreis 4 ist eine Großstadt für sich.

Während im unruhigen Berlin Investoren sowie Kultur- und Sozialpessimisten hektisch schon den Bezirk Neukölln ins Auge fassen, als potenziell nächstes Yuppisierungs-Gebiet, gesundet die Zürcher “Eiterbeule” geduldig, aber verlässlich vor sich hin. Zufällig trägt das nächste Reform-Projekt einen deutschen Namen: Das Striplokal “St. Pauli Bar” an der zentralen Bushaltestelle Militär-/Langstraße, wo ab und an die Säuferromantik aufflackert, genau schräg gegenüber der Bar Rossi, wird Ende des Jahres schließen. In den unteren Geschossen sei eine Café-Bar geplant, weiter oben vier bis fünf familienfreundliche Wohnungen, meldeten unlängst örtliche Zeitungen. Die Monatsmiete für eines der rund 100 Quadratmeter großen, kernsanierten Domizile soll nach Architektenangaben rund 2.500 Franken (1.600 Euro) betragen. Das ist zwar etwa so viel wie man am Prenzlauer Berg für ein Luxus-Loft bezahlt – nach Zürcher Maßstab, in dem alles ein bisschen teurer ist, jedoch sagenhaft günstig.

Das Fenster zum Hof


Soeben, es war wohl halb vier in der Nacht, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die 110 gewählt, um der Polizei ein Verbrechen zu melden, live, noch während es vonstatten ging. Keine große Sache: Ein vermutlich junger Mann (so weit man das Alter “von hinten” schätzen kann) ist hier in ein Fotostudio eingebrochen; mit vielen, vielen Tritten, einem ziemlichen Gedonner hat er versucht, da rein zu kommen, Glas hat geklirrt, pipapo. Ich im Haus gegenüber, auf der anderen Hofseite, in meinem Schlafzimmer, werde vom Krach wach, schiele durch die Jalousie, sehe alles  – und greife wie automatisch zum Telefon, wirklich: wie ferngesteuert. Ganz seriös und ruhig habe ich dem Mann von der 110 erst meine Adresse genannt, dann meinen Namen (woher weiß ich, dass man es wohl am besten so herum macht, genau in der Reihenfolge, es erschien mir logisch, während ich es aufsagte, aber wie komme ich darauf, mitten in der Nacht, “wie aus dem EffEff”?), dann was gerade  passiert, den Typen beschrieben, den Tatort beschrieben, und noch während der Täter rumorte, habe ich – im Auftrag des Telefonpolizisten – meinen Blick über die Straße und die angrenzenden Häuser schweifen lasssen und nach möglichen Fluchtwegen Auschau gehalten, die ich dem Telefonpolizisten nannte. Plötzlich war es still, und der junge Mann war weg. Keine Ahnung, wohin er so schnell abgehauen ist, die Fluchtwegefrage hatte mich abgelenkt. Ganz kurz darauf kamen acht (8) blaue Polizist(inn)en, darunter drei langhaarige Blondinen. (Das mit den Blondinen schreibe ich nur, weil es in einer solch dunklen Einsatznacht ja wahnsinnig auffällig ist – das hellblonde Haar in voller Pracht auf den dunkelblauen Uniformen ausgebreitet. Das leuchtet ja wirklich engelsgleich, und schon von Weitem. Ob das ermittlungstaktisch klug ist? Jedenfalls dachte ich immer, das gibt’s nur im Fernsehen, dass Polizistinnen so aussehen. Maria-Furtwängler-like. Nein, die gibt’s wirklich.) Gut. Der Mensch also weg, der Einbruch ersichtlich und protokolliert, gestohlen worden war wohl nichts, die blauen Leute machten sich auf zu ihrem nächsten Einsatz.

Nun sitze ich hier, hellwach, obwohl ich wieder früh raus muss, und frage mich, warum diese unspektakuläre kleine Nummer mir ein so seltsames Gefühl bereitet. Merkwürdig, wie verdächtig ich mir selbst vorkam, als ich mit denen sprach. Denunziatorisch auch. So … blockwärterinnenhaft. “Ich bin diejenige, die nichts besseres zu tun hat, als die Nachbarschaft vom Fenster aus auszuspähen und Leute bei der Polizei anzuschwärzen.” Einerseits ist das natürlich Quatsch. Der Typ hat Mist gebaut, ich war dabei, die Leute vom Fotostudio sind in Ordnung, so weit ich weiß, zwei, drei Mal im Jahr geben die ein großes kubanisches Fest mit vielen süßen, kleinen Kindern, und es ist eine Schweinerei, deren Laden zu zerdeppern. Andererseits sind die Fotoleute bestimmt versichert, und es mag ein armer Hund gewesen sein, ein Dilettant noch dazu, vielleicht Beschaffungskriminalität unter Druck, man weiß es nicht. Schließlich sind für solcherlei Abwägungen dann ja aber die Gerichte da. So oder so – es bleibt etwas Unangenehmes zurück. Als hätte ich mich brutal in etwas eingemischt, das mich absolut nichts angeht. Womöglich habe ich soeben eine Art “bürgerliche Wachsamkeit” erwiesen, könnte man das so nennen? Oder eher “Bürgerwehr”? Hätte ich mich einfach wieder hinlegen sollen? War es eine gute Tat, die Polizei zu rufen? Vermutlich schon. Woher kommt mein Mitleid mit dem Typen, den ich hier gerade – sehr einfühlsam – als  “armen Hund” bezeichnet habe? Und wie interessant, dass es wirklich wie im Fernsehen funktioniert. “Hier 110, Roger” – “Hier unbescholtene Bürgerin, check, melde Verbrechen, over.” – und dann sind die tatsächlich  zwei, drei Minuten später da. Wirklich wie eine Filmszene, die man x-mal, bis zum Erbrechen geübt hat, das Polizistsein, das Bürgerinnensein. Alles in allem aber: echt doof. Ich schaue nie Krimis, auch nicht den Tatort. Überhaupt nicht mein Genre.

Prostitution – ein Bericht

Toleranzzone

Erschienen in der FAZ, 1996

Rita hat sich bäuchlings auf der Liege mit der dünngelegenen Daunendecke ausgestreckt. Schwül ist es in der kleinen Kammer im mehrgeschossigen Altbau an der Taunusstraße. Den Kopf auf die linke Hand gestützt, fingert die nur mit Unterwäsche bekleidete junge Frau mit der Rechten nach dem Feuerzeug auf dem Nachttisch. Gelangweilt zündet sie sich eine Zigarette an, die zwölfte an diesem Abend. Nicht für eine Sekunde weicht ihr Blick dabei vom Fernsehapparat, der von der Kommode gegenüber ihres Betts aus seit Stunden bunte Bilder ausspuckt. Von Nachrichtensendungen, Quiz-Shows und Werbespots versteht die 25 Jahre alte Dunkelhaarige kein Wort.

Rita (Name von der Redaktion geändert) stammt aus Kolumbien. Erst seit zwei Monaten hält sie sich in Deutschland auf. Viel länger will sie auch nicht bleiben. Die alleinerziehende Mutter möchte in Frankfurt „in kurzer Zeit viel Geld“ verdienen, mit dem sie ihre Familie, die sechs Jahre alte Tochter, die Mutter und zwei Schwestern in ihrer Heimatstadt Cali im Westen Kolumbiens unterstützen möchte. Rita weiß, dass sie als Südamerikanerin mit begrenzter Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland nicht arbeiten darf. Es ist kein gewöhnlicher Beruf, dem sie nachgeht. Rita verdient sich ihr Geld als Prostituierte in dem durch die Sperrgebietsverordnung als „Toleranzzone“ ausgewiesenen Viertel zwischen Mosel-, Weser-, Nidda- und Taunusstraße.

Etwa ein- bis zweitausend Prostituierte arbeiten nach Erkenntnissen der Polizei in den Bordellen im Bahnhofsviertel und an der Breiten Gasse. Annähernd 90 Prozent davon sind Ausländerinnen. Etwa die Hälfte aller Prostituierten in Frankfurt stammt aus Kolumbien, Frauen aus der Dominikanischen Republik, Brasilien, Thailand und verschiedenen afrikanischen Ländern kommen hinzu. Bei der „Arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung“ (agisra) hat man eine Vokabel für die Kurzzeit-Prostitution ausländischer Frauen in Deutschland gefunden: „Arbeitsmigration“ ist das Schlagwort für die meist aus finanzieller Not begonnene Tätigkeit in Europa.

Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen und ehemalige Prostituierte, die inzwischen mit deutschen Männern verheiratet sind, arbeiten für den Verein, der Zuschüsse von Stadt und Land erhält. Regelmäßig suchen die Mitarbeiterinnen Bordelle auf und versuchen, die Prostituierten bei gesundheitlichen und seelischen Schwierigkeiten zu beraten. Auch zu Behörden, wie dem Ordnungsamt, zu Gerichten oder der Polizei begleiten die „agisra“-Frauen die „Sexarbeiterinnen“, wie die Prostituierten im Vereinsjargon heißen.

Christiane Howe, die Sprecherin von „agisra“, kennt die Lebensgeschichten vieler der Betreuten. „Die Biografien ähneln sich“, sagt sie. Arbeitslosigkeit, oft gepaart mit dem Wunsch, im Heimatland ein „eigenes Geschäft“, wie etwa einen Friseursalon, zu gründen, veranlasse jedes Jahr Tausende von jungen Frauen, für eine „Saison“ in einem europäischen Bordell anzuheuern. Frankfurt sei dabei eine beliebte Anlaufstelle, nicht zuletzt wegen des internationalen Flughafens. Meisten hielten die als Touristinnen einreisenden Frauen die ihnen vom Staat gewährte Frist für ihre Ausreise ein und verließen das Gastland nach drei Monaten.

Was so nüchtern kalkuliert wie ein lukrativer Ferienjob erscheint, birgt einige Risiken für die Ausländerinnen. „Strikt katholisch“ seien die meisten Südamerikanerinnen erzogen. Nur die Hälfte der in Frankfurt „anschaffenden“ Kolumbianerinnen etwa habe schon einmal in ihrem Heimatland als Prostituierte gearbeitet. „Das sind unvorstellbare Gewissenskonflikte, die die im Grunde ‚anständigen’ Frauen hier quälen“, berichtet Howe. Die Frauen seien sich bewusst, dass ihre Arbeit illegal sei. Sie müssten ständig befürchten „aufzufliegen“ und des Landes verwiesen zu werden. Etwa 100 ausländischen Prostituierten habe das Ordnungsamt 1995 eine Aufforderung zur Ausreise zugestellt, bestätigt Heiko Kleinsteuber, stellvertretender Leiter der Abteilung „Ausländerfragen“ im Amt.

Der illegale Status und der sexuelle Kontakt zu fremden Männern, der im Widerspruch zur religiösen Erziehung stehe, setzt die Frauen nach Einschätzung der „agisra“-Mitarbeiterinnen einer „moralischen Zwangslage“ aus. „Einige halten nicht einmal vier Tage lang durch“, sagt Howe. Breche eine Frau ihren Aufenthalt vorzeitig ab, so erwarteten sie in ihrer Heimat erhebliche Schwierigkeiten. Auch wenn die Prostituierten in Deutschland augenscheinlich „in Eigenregie“ arbeiteten, so seien sie doch von Geldgebern abhängig, die ihnen zumindest die Flugkosten vorgestreckt hätten.

Hauptkommissar Wolfgang Meyer vom Kommissariat für Menschenhandel und Milieukriminalität der Frankfurter Polizei schildert die Voraussetzungen für die Arbeit ausländischer Prostituierter ähnlich: In den großen Städten Lateinamerikas gebe es so genannte Vermittlungsbüros. Dort erhielten die Frauen Kontaktadressen, die beispielsweise „Haus x, Elbestraße y, Frankfurt, Deutschland“ lauten könnten. Die Büros finanzierten das Flugticket und das bei der Einreise vorzuweisende „Show Money“ vor. Diese Kredite seien mit hohen Zinsen belegt, so dass die Frauen bei ihrer Heimreise oft mehr als 5000 Mark Schulden hätten, die sie von ihrem in europäischen Bordellen verdienten Geld zurückzahlen müssten. Wenn die Frauen nicht schnell genug zahlten, würde ihre Familien im Heimatland von den Vermittlern bedroht. „Hinter all dem steht aber keine großflächig organisierte kriminelle Vereinigung“, stellt der Hauptkommissar fest. Es handele sich stets um „kleine Büros“, die keine Abgesandten in Europa unterhielten und deshalb für die hiesige Polizei nicht zu fassen seien.

Auffälliger stellten sich dagegen die Praktiken osteuropäischer Zuhälter dar, die meist sehr junge Frauen nach Deutschland schleusten und diese zur Wohnungsprostitution zwängen, sagt Meyer. Oft würden die „manchmal erst 19 Jahre alten“ Osteuropäerinnen unter einem Vorwand nach Deutschland gelockt. Säßen sie dann im Bordell anstatt wie erwartet als Zimmermädchen in einem Hotel, nähmen die Schlepper ihnen die Pässe ab, bewachten sie und zögen den Großteil der Einnahmen ein. Damit sei der Strafbestand des Menschenhandels erfüllt, sagt Meyer. Dennoch gebe es auch im Osten keine Organisationen, die solche Geschäfte in großem Stil betrieben. „Die ‚Russen-Mafia’ ist eine Erfindung der Medien und, zumindest in Frankfurt, keine reale Basis.“ Im vergangenen Jahr seien zwar eine Handvoll Fälle von Menschenhandel vor Frankfurter Gerichten verhandelt worden, doch habe es sich bei den Angeklagten um „Einzeltäter aus den verschiedensten Regionen Osteuropas“ gehandelt.

Juanita Henning, die im November vergangenen Jahres ihre Diplomarbeit zum Thema „Kolumbianische Prostituierte in Frankfurt“ fertig gestellt hat, glaubt, dass nicht in jedem Fall wirtschaftliche Not der Auslöser für die Prostitution sei. Viele der Frauen, mit denen sie Gespräche geführt habe, kämen aus der Mittelschicht des südamerikanischen Landes, sagt die 34 Jahre alte Sozialarbeiterin. Einige kehrten regelmäßig zurück nach Deutschland und führten freiwillig eine Art „Dienstleistungs-Pendelverkehr“. Auch Ritas Geschichte ist in die Diplomarbeit eingeflossen, in der Hennig auf 155 Seiten den Alltag der „Gastarbeiterinnen“ schildert: Im Durchschnitt 15 Quadratmeter groß sind die heruntergekommenen Zimmer, in denen die Prostituierten bis zu zwölf Stunden täglich Freier empfangen. Zwischen 200 und 300 Mark müssen jeden Tag als Miete an den „Wirtschafter“ des Bordells gezahlt werden. Kondome, Papiertaschentücher und andere Utensilien können die Prostituierten in den Häusern nur zu überhöhten Preisen kaufen. „Strafgelder“ drohen ihnen, wenn sie beispielsweise den Zimmerschlüssel verlieren oder an ihrem Arbeitsplatz eine Mahlzeit zubereiten oder auch nur verzehren. Zum Schlafen kommen die Frauen nach Darstellung von Hennig meist nur für wenige Stunden in stickigen Verschlägen im Dachgeschoss der Bordelle.

Etwa 200 Millionen Mark würden allein in Frankfurt jedes Jahr im „Sexgeschäft“ umgesetzt, schätzt Hauptkommissar Meyer. Bei dieser Nachfrage und der hohen Zahl – auch illegal arbeitender – Prostituierter habe es wenig Sinn, ständig Razzien zu veranstalten. „Da erwischt man doch sowieso nur die schwächsten Glieder. Das Geschäft läuft doch weiter.“ Für ausgewiesene Prostituierte rückten sofort neue Frauen aus Südamerika, Asien oder Afrika nach.

Auch Rita wird wohl, wenn sie wieder in Cali ist, mit dem in Deutschland sauer verdienten Geld prahlen und damit vielleicht zwei oder drei andere junge Kolumbianerinnen zur Prostitution auf Zeit in Europa verleiten. Ihre Mutter und ihre Tochter dürften hingegen nie erfahren, woher der plötzliche, für südamerikanische Verhältnisse beachtliche Reichtum kommt. Den beiden hat sie erzählt, sie arbeite als Hausmädchen bei einer reichen Familie. „Die Wahrheit würde sie umbringen.“