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Katja Kullmann


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  • Apropos: Kriminalität


    Akte “Ich”

    January 26th, 2010 — 1:45pm

    Erschienen in PETRA 02/2010

    Mit Psycho-Methoden wie aus TV-Krimis durchleuchten Firmen heute ihre Angestellten. Katja Kullmann ließ sich von einer Job-Profilerin analysieren – und stutzte.

    prof1

    Natürlich komme ich zu spät. Murphys Gesetz. Zwar bloß 15 Minuten, aber so abgehetzt, wie ich in den Konferenzraum platze, vor Scham schwitzend, schwer keuchend, sehe ich mich sofort enttarnt, komplett durchschaut: eine Versagerin, Verliererin, Träumerin – was für eine Null! Tja: Zwei, drei Mal im Monat geschieht es eben, dass ich verschlafe oder „rote Welle“ bei allen Fußgängerampeln habe. In der Redaktion kennt man das schon, die Chefin hat das Schimpfen aufgegeben. Heute ist es jedoch wirklich schlimm. Denn heute bin ich mit einer Profilerin verabredet.

    Sie wissen nicht, was eine Profilerin ist? Stellen Sie sich eine Mischung aus Kriminalkommissarin und gestrenger Psychologin vor. Jemanden, dem Sie nichts vormachen können und der Sie bis auf die Knochen durchanalysiert. Auf VOX lief einst die US-Krimi-Serie „Profiler“. Und auch Jodie Foster wendete als FBI-Ermittlerin in „Das Schweigen der Lämmer“ Profiling-Methoden an, um dem Serienmörder Hannibal Lecter auf die Spur zu kommen. Aus Bewegungsmustern, handschriftlichen Spuren und anderen Fundstücken basteln die Spezialermittler Täterprofile.

    Nicht für die Polizei, sondern im Dienst der freien Marktwirtschaft arbeitet Top-Profilerin Suzanne Grieger-Langer. Ursprünglich eine rein kriminalistische Methode, werden Profiling-Techniken nun nämlich auch in der Arbeitswelt angewandt. Gut 50 Prozent britischer und skandinavischer Arbeitgeber lassen Bewerbungsunterlagen nach dem Ermittlungs-Prinzip durchleuchten – meist, ohne dass der Betroffene davon weiß. In Deutschland greifen Schätzungen zufolge schon zehn Prozent der Firmen auf Krimi-Methoden zurück, Tendenz steigend. Sie beauftragen Experten wie Grieger-Langer mit einem Psychogramm des oder der Job-Suchenden.

    Was verraten meine arglos herausgegebenen Daten wirklich über mich? Und: Wäre es mir recht, wenn fremde Menschen Faktor X und Tatsache Y über mich erführen? Tapfer stelle ich mich einem Selbstversuch und melde mich bei der Expertin an. Wie verlangt, sende ich ein Foto ein, nenne mein Geburtsdatum – und gebe meinen Namen zum Googeln frei. Ich erwarte ein unbestechliches Spiegelbild, einen erleuchtenden Blick auf meine Performance als Weltbürgerin, Frau und Arbeitskraft, ein Gesamt-Zeugnis für mich als Mensch. Kurz: Ich rechne mit dem Schlimmsten.

    „Schön, dass Sie auch noch erschienen sind, Frau Kullmann“, begrüßt mich die Profilerin nachsichtig lächelnd, als ich mich kleinlaut auf meinen Platz schleiche. Vorwurfsvoll blitzen mich die rund 20 (pünktlich erschienenen) Teilnehmerinnen an, gestandene Chefsekretärinnen und Marketingfrauen. Fast möchte ich rufen: „Glotzt nicht so! Ich habe andere Talente. Mit dem rechten Ohr wackeln. Nur zum Beispiel.“ Mittlerweile ist das „Profiling“ tatsächlich auch von Einzelpersonen buchbar, zum Beispiel in einschlägigen Seminaren. Zwischen 250 und 1.000 Euro kostet die Analyse des eigenen (Bewerbungs-) Materials. „Es hilft zu wissen, welche Tätigkeit am erfüllendsten wäre, wie Sie sich im Beruf einbringen und ausleben können“, sagt Grieger-Langer. Etwas kritischer könnte man es auch so betrachten: Druck erzeugt Gegendruck. Während die einen Profiler im Auftrag von Firmen potenzielle Angestellte ausleuchten, helfen andere Profiler den Bewerbern, sich selbst möglichst gut zu präsentieren und etwaige Schwächen zu verschleiern. Ein wechselseitiger Spionage-Wahn – fast schon albern.

    Ich weiß, dass die Expertin und ihr Team  vor unserer Begegnung den Abstand meiner Augen, die Form meiner Ohrläppchen und den Wölbungsgrad meiner Stirn vermessen haben. Dass sie meine Unterschrift nach grafologischen Auffälligkeiten untersucht haben. Auch die Formulierungen in meiner Anmeldung wurden interpretiert, nach mir unbekannten Kriterien. Und meine Geburtsdaten brauchen die bloß durch ein gängiges Online-Astro-Programm zu jagen, um zu erfahren: Sternzeichen Krebs, Aszendent Skorpion – Wasserbetonung, „ein tiefgründiger Gefühlsmensch“.

    Auf dem Fußboden in der Mitte des Seminarraums klebt der Umriss eines Hauses mit sechs Zimmern und einem Dach – mit sieben Feldern also, es ähnelt einem mit Kreide aufgemalten „Himmel und Hölle“-Kinderhüpfspiel. Die sieben „Räume“, vom Keller über die Belle Etage bis zum Dachboden, stünden für die sieben Persönlichkeitsbereiche, die jeder in sich trage, erklärt Grieger-Langer. Ich muss sagen: eine sehr sympathische, lebendige Person. Mit ihrem sportlichen Kurzhaarschnitt könnte man sie sich gut als „Tatort“-Ersatzbesetzung für Ulrike Folkerts vorstellen.

    Ganz unten, im „Keller“, befänden sich die Schattenbereiche, die andere nur selten zu Gesicht bekämen, erklärt sie, und ich notiere: „Achtung – Leichen im Keller!“ In der Belle Etage liegt die seelische Haustür samt Entree – wie man sich nach außen zeigt, sein Gegenüber empfängt. Dann noch das Wohnzimmer, der Bereich, in dem man sich rundum sicher fühlt. Und im Dachstübchen ganz oben hause das übergeordnete Talent, mit dem ein Mensch die darunter liegenden Eigenschaften auslebe. Das alles klingt spielerisch, und in den Gesichtern der Teilnehmerinnen lese ich, was auch in mir selbst vorgeht: „Wo wohnt wohl meine Warmherzigkeit?“ Oder: „Ich wette, es kommt heraus, dass ich ein Genie der Zwischenmenschlichkeit und des Wagemuts bin.“

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    Doch dann grätscht erst mal ein ziemlich wissenschaftlicher Tonfall in unsere Ego-Fantasien: „Psychogenetik“ lautet der Überbegriff für die Methode. Gearbeitet werde mit 50 Persönlichkeits- oder auch „Kompetenz-Clustern“, referiert Grieger-Langer. Diese Cluster hießen zum Beispiel „Tatkraft“, „Expansion“ oder „Emotionalität“. Jeder Mensch lebe nur sieben der 50 möglichen Cluster aus. Und diese sieben  seien wiederum verteilt auf sieben Persönlichkeits-Areale – die „Zimmer“ im „Haus“. Atemlos schreibe ich mit: „Sieben Haupt-Cluster pro Mensch, in sieben Zimmern“. Und sehe mich im Grundkurs Mathe wieder, Jahrgangsstufe 12: Kullmann kommt kaum mit.

    Berechnet man alle möglichen Kombinationen aus sieben von 50 Clustern – verteilt auf sieben „Räume“ und auf unterschiedliche Ausprägungsgrade –, so ergeben sich 350 Millionen denkbare Varianten, höre ich. Anders ausgedrückt: Jedes Psycho-Profil kommt weltweit im Schnitt 19,5 Mal vor. „Das heißt“, sagt die Profilerin und macht eine Kunstpause, „das heißt also: Jede von uns hat, statistisch gesehen, 18,5 psycho-mentale Doppelgänger.“ Ein Raunen geht durch den Raum, und auch mir entfährt ein ungläubiges „Boah, echt?“ 18,5 Kullmann-Klone laufen irgendwo frei herum. Wie absolut unheimlich und erschreckend!

    Ein Sparpotenzial in Milliardenhöhe ergäbe sich für die Unternehmen, wenn Arbeitnehmer „stärker entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten eingesetzt werden“, sagt Prof. Dr. Manfred Amelang von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Nach dieser Logik ist ein Angestellter vor allem Menschenmaterial, in das der Arbeitgeber investiert. Und diese Investition soll sich lohnen. Nicht nur das Profiling, auch andere „Auswahlverfahren“, die einiges Misstrauen erwecken und einen üblen Beigeschmack haben, sind beliebt. Zuletzt gerieten der Stuttgarter Autokonzern Daimler und der Hamburger Sender NDR mit Bluttests von Bewerbern in die Presse. Es gehe bloß um die gesundheitliche Eignung der Mitarbeiter, hieß es.

    Was ist mit den Persönlichkeitsrechten und dem Datenschutz, fragt man sich da unweigerlich. „Juristisch gesehen, geben Sie die Informationen mit Ihrer Bewerbungsmappe freiwillig heraus. Es obliegt dem Arbeitgeber, sich seinen Reim darauf zu machen“, so nüchtern erklärt es jedenfalls die Profilerin. Fest steht: Jede(r) Job-Bewerber(in) muss heute damit rechnen, einmal durch den Psycho-Scanner gejagt zu werden – Zeugnisse hin, Schulnoten her. Das gefällt mir nicht.

    Ich möchte nicht als „Potenzial“ gesehen werden, auch nicht als fleißige Ameise. Das wird mir immer klarer, je länger ich zuhöre. Am Ende des Seminars werden die Analyse-Ergebnisse der Teilnehmerinnen präsentiert – und ich muss zugeben: Ich stutze. Denn mein stärkster Charakterzug sei eine „stark ausgeprägte Urteilskraft“, erfahre ich. Also doch ein Kopfmensch? Ja, sagt Grieger-Langer. Mein Seelen-Wohnzimmer sei mit „Kommunikation“ eingerichtet, auf dem Dachboden lagere meine „Kreativität“. Und nach außen träte ich als „Machtmensch“ auf. Ich? Ausgerechnet ich superzartes, niedliches, nachgerade liebliches Geschöpf? „Alles in allem sind Sie ein extremer Typus“, fügt die Profilerin noch hinzu – und ich überschlage, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Urteilskraft, Kommunikation, ein starkes Macht-Bedürfnis – alles in extremer Ausprägung: Hochgerechnet auf die kriminelle Branche, stünde einer glorreichen Karriere in den Bereichen Anlagebetrug, Erpressung und Heiratsschwindel wohl nichts entgegen.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Verbrechen (3)

    Durch diese Eiterbeule fließt Blut

    January 20th, 2010 — 9:32pm

    Für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), September 2008

    Junkies, Huren, Freier, Dreck: Die Zürcher Langstraße liegt am schmutzigen Ende der Globalisierung. Doch mit einem feinfühligen Förderprojekt wollen Stadt, Künstler und Gastronomen die Meile vor dem Untergang retten. Die Angst vor “Gentrification” oder “Yuppisierung” mag durch Berlin geistern – in Zürich winkt man bei diesen Schlagworten mild lächelnd ab.

    langstrasse

    Wieder einmal gibt es Ärger an der Bushaltestelle Militär-/Langstraße. Eine zerknitterte Frau, vielleicht Mitte 30, vielleicht auch schon Mitte 50, zetert auf einen krummen Mann ein. “Ich sauf’ wegen Dir!”, schreit sie, “nur wegen Dir, Du Hueresack!” Der verdammte Alkohol, “der Alkohol und Du!” Ihre Stimme überschlägt sich, kippt in ein verzweifeltes Kieksen, und der Mann sinkt tiefer in sich zusammen, scheint fast umzukippen, während sie mit der flachen Hand auf ihn einschlägt, kraftlos, müde. “Hueresack!” Fliegen kreisen um eine zertretene Döner-Flade zu ihren Füßen, eine Plastiktüte segelt im Sog eines anfahrenden Busses vorbei.

    Niemand schenkt der Szene Beachtung. Es ist eine gewöhnliche Unterhaltung zweier Liebender, der übliche raue Ton in dieser Gegend, mitten in Zürich, und doch in einem beinahe vergessenen Viertel der Stadt: im Kreis 4, dem umstrittenen, bemitleideten, verschrieenen Kreis “Cheib” – “Cheib” wie “Scherbe”, Scherbenviertel. Auch “Eiterbeule” wurde das Quartier schon genannt, oder: “Fußmatte der Schweiz”. Es ist der schmutzige Rücken der ansonsten auf Hochglanz polierten Metropole.

    Nur wenige Kilometer südöstlich sitzt das Geld. Dort besichtigt der internationale Jet-Set fußbodenbeheizte Immobilien mit Blick auf den Zürichsee, trägt Geld in schwarzen Koffern zu Banken, lässt sich in Schönheitskliniken liften oder probiert im Luxuskaufhaus Globus seltene Mineralwässer, die umgerechnet bis zu 35 Euro kosten - pro Flasche. Etwa ebenso viel bezahlt man im Kreis 4 für fünf Gramm Haschisch, das man hier auf offener Straße kaufen kann, unter der staubigen Nachmittagssonne eines gewöhnlichen Werktages. Vielleicht, um sich das Leben für Momente etwas erträglicher zu machen.

    Es gibt ähnliche Orte in anderen Städten, und meist markiert eine berühmt-berüchtigte Straße die so genannten Problemviertel: In Paris ist es etwa die Rue Saint-Denis, in Amsterdam sind es die Gassen rund um die Voorburgwal-Gracht, in Frankfurt am Main ist es die Kaiser-, in Dortmund die Linienstraße und in Hamburg das Agglomerat St. Pauli, glimmernd beleuchtet von der berühmten Reeperbahn. In Zürich trägt die Hauptschlagader des urbanen Elends den Namen “Langstraße”.

    Es ist einer der Orte, an denen die so genannte Globalisierung ihr hässliches Gesicht zeigt: Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben hier auf etwa vier Quadratkilometern zusammen. Manche betreiben Im- und Exportläden mit schrottreifen Elektronikartikeln, einige verkaufen in Kiosks Zeitungen und Sandwiches mit “scharfer Salami”. Andere haben sich auf den Drogenhandel im Gebüsch verlegt oder auf die Prostitution in Dachkammern und Hinterhöfen. Bei “Hermés” im Bankenviertel suchen pelzbemäntelte Russinnen nach Seidenschals. In der “Lambada Bar” an der Langstraße werben Dominikanerinnen in Miniröcken um Freier. Jeder schlägt sich eben durch, so gut er kann – die einen mit Juwelen, die anderen mit Drogen, manche verkaufen Schlösser, wieder andere ihre Körper.

    “Lugano Bar”, “Chicago Bar”, “Café Memphis” oder “Rösti-Bar-Karibik-Restaurant”: Die Etablissements entlang der Langstraße tragen weltläufige Namen. Im Volksmund heißen einzelne Häuserblocks “Bermuda Dreieck” oder “Dominikaner Eck”. Fast wie eine Beschreibung der hier ansässigen Schicht lesen sich die Straßenschilder: “Diener-” oder “Nietengasse”. Vom “Mordpflaster Langstraße” berichtet schließlich die örtliche Boulevardpresse, schildert “Balkan-Schießereien” und listet die Herkunftsländer der Täter und Opfer auf: Italien, Bosnien, Türkei, Guinea, Kamerun, Großbritannien. Glaubt man den einschlägigen Statistiken, gibt es schweizweit wohl keinen internationaleren, vor allem: keinen gefährlicheren Ort.

    Und doch ist das Viertel nicht ganz vergessen, wird nicht von allen als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Wer genau hinsieht, der entdeckt: “Es” lebt. Jeden Tag ändert sich etwas, jeden Tag ist etwas ein bisschen anders. Man muss nur hinsehen wollen: Wie “es” sich erholt, zu Kräften kommt. Die Langstraße ist ein geschundener Körper, der sich gerade keuchend, schwitzend berappelt. Und mit ihrem Überlebenskampf könnte die Meile ein Beispiel für andere europäische “Problemstraßen” sein.

    Da ist zum Beispiel diese karge Halle, weiß getüncht, die Wände etwa fünf Meter hoch: “Autogarage” steht an der Fassade, doch Autos werden hier schon lange nicht mehr repariert. Eine Weile stand der Raum leer, wie vergessen. Doch plötzlich, im Spätsommer 2008, bewegen sich wieder Menschen darin, streichen die Wände, putzen die Scheiben, bauen Stellwände aus Sperrholz in die Leere, machen ab und an eine Pause auf klapprigen Campingstühlen, rauchen Zigaretten, trinken Kaffee, arbeiten weiter. Jeden Tag sieht es etwas aufgeräumter, sauberer, frischer aus. Nach einigen Wochen hängt ein kleines, schlichtes Pappschild an der Glastür, und der Passant erfährt: Hier entsteht die “Galerie Freymond-Guth & Co. Fine Art”, Eröffnungs-Vernissage Ende August, gezeigt werden Installationen der renommierten französischen Video-Künstlerin Elodie Pong.

    “Ich will meine Vision von Poesie und Schönheit hier anbringen, und zwar genau hier”, sagt der Inhaber und Namensgeber der Galerie, Jean-Claude Freymond-Guth. Beeindruckende 28 Jahre jung ist der zierliche Mann, der küftig Kunstwerke für umgerechnet bis zu 12.000 Euro je Exemplar verkaufen will – ausgerechnet in der Brauerstraße, einer Quergasse der Langstraße und eine der wichtigsten Drogen-Meilen im Schmuddelkiez. “Kscht, kscht, kscht”, zischen einem die Dealer hier am hellichten Tag zu, “willst ein Chügeli kaufe”, eine Portion Kokain, und die Augäpfel der Männer sind rot oder gelb unterlaufen, welche Droge auch immer das mit ihnen gemacht hat. Wenige Meter weiter bieten Karibinnen in einem Salon “Vier-Hand-Massagen” an, und das Werbeschild eines Afro-Friseurladens verspricht Haarverlängerungen und anderes, “sehr günstig”, oder vielmehr “very chip”, wie es im Kreis 4-typischen Pigeon-Englisch heißt.

    Er habe sich der Kunst aus der “Post-Everything-Ära” verschrieben, sagt Freymond-Guth. Es gehe um Kunst, die sich mit dem Zeitalter jenseits traditioneller Werte, jenseits sozialer Verträge und gesellschaftlicher Orientierungspunkte auseinandersetzt. Auch deshalb passe seine Galerie so gut in die Gegend: “Der Kreis 4 ist vielleicht der einzige Ort in der Schweiz, an dem nicht alles unter Klarsichtfolie verpackt ist, sondern lebt.” Neun Künstler vertritt, drei Mitarbeiter beschäftigt er. Bei aller Liebe dürfe man das Viertel jedoch nicht zu romantisch sehen: “Es geht hier hart zu. Aber die Mieten sind einfach niedriger als in anderen Vierteln Zürichs.”

    Der 28Jährige ist nicht der einzige Kulturschaffende, der die Reize der Langstraße zu nutzen weiß. Wer aufmerksam durchs Viertel läuft, sieht immer neue Inseln entstehen, an denen “es” anders zugeht: Da sind die Musik-Bars “Longstreet” und “La Catrina”. Da ist die vor Jahresfrist eröffnete Rock-Kneipe “Alte Metzgerei”, deren neuer Betreiber den Schriftzug des Vorgängerlokals fast im Original beibehalten hat: Statt “Schnellimbiss” steht dort jetzt “Hellimbiss”, “Höllenimbiss”. Da ist der Club “Das Haus”, der mit Membership-Ausweis und Edelholzeinrichtung zu Live-Konzerten aus den Sparten Funk und Soul locken will. Oder die Programmkinos “Xenix” und “Riff Raff”; oder der Platten-Laden “Sixteen Tons”; oder Kunsträume wie “Perlamode” und das “atelieroffen”, in dem Nadja Ullmann malt, baut und ausstellt – sichtbar für jeden, der zufällig am Schaufenster vorbei spaziert ; und nicht zuletzt das asiatische In-Restaurant “Lily’s”, bei dem die Kundschaft derzeit allabendlich bis auf den Bürgersteig um einen Sitzplatz ansteht, als handele es sich um ein Star-Café am Hollywood Boulevard.

    All diese vor nicht allzu langer Zeit entstandenen Orte ziehen junge Leute an, die ausgehen, Kunst machen und betrachten, rare Schallplatten einkaufen oder anspruchsvolle Filme sehen wollen, abseits des gängigen Diskotheken- und Museen-Einerleis. “Ja, es mischt sich langsam wieder hier im Viertel, und darüber sind wir sehr froh”, sagt Rolf Vieli, der von der Stadt Zürich eigens angestellte Stadtteil-Beaufragte für den Kreis 4.

    Vieli ist einer der Väter des sanften Wandels im Quartier und in seiner Position und Arbeitsweise bislang ein Unikat in Europa. Seit 2001 koordiniert der ehemalige Wirtschaftsjournalist, Verlagsmitarbeiter, Sozialpädagoge und Stadtteilpolitiker das kommunale Projekt “Langstraße Plus”, bei dem Stadtplaner, Polizei und Sozialarbeiter zusammenwirken. Mit der europaweit beispiellosen Initiative will die Stadt dem Niedergang des Viertels entgegenwirken - und greift mitunter dirigistisch ein. Zu den wichtigsten Strategien gehört der Rückkauf einzelner Häuser, die in den vergangenen Jahren in die Hände des “Milieus” gefallen waren. Ziel ist die Ent-Ghettoisierung des Gebiets.

    Vieli erklärt, wie es zum Niedergang des Kreises 4 kommen konnte, der seit jeher ein proletarischer Stadtteil war: Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre hat weite Teile der eingesessenen Arbeiterschaft vertrieben, Händler und Arztpraxen mussten schließen.  “Systematisch haben Spekulanten, teils aus dem halblegalen Milieu, sich dann hier eingekauft.” Aus ehemaligen Gemüseläden wurden Kontaktbars, aus Wohnungen Bordell-Etagen. Zwischen 1992 und 2006 sei die Zahl der Einwohner gleich geblieben, die Zahl der registrierten Prostituierten habe sich jedoch verdoppelt, auf heute rund 4.500 im gesamten Stadtgebiet, darunter gut 1.000 so genannte Straßenhuren, die rund um die Langstraße tätig sind. Und nachdem die Ordnungskräfte 1995 auch noch den so genannten Needle-Park geräumt hatten, eine Grünanlage am Limmatufer, auf der Hunderte Fixer und Dealer sich trafen, drängte auch das Drogen-Milieu zunehmend in den sowieso schon heruntergekommenen Stadtteil.

    Das harte Durchgreifen gegen den Zürcher Fixer-Park stieß damals auf herbe Kritik, auch international. Doch Vieli, der sich als “überzeugter Linker” bezeichnet und einst selbst mit “Drögelern” gearbeitet hat, wie Süchtige auf Schweizerdeutsch genannt werden, sagt: “Die Räumung war nötig, um der Verelendung ein Ende zu setzen.” Er zeigt Fotos aus der Hochphase der Fixer-Ära: Süchtige, die sich im Park unter Plastikplanen notdürftige Behausungen gebastelt haben, andere, die mit offen eiternden Wunden heulend auf dem Boden sitzen. Viele dieser Menschen gehören jetzt im Kreis 4 als versprengte Einzelfälle erneut zu seiner Klientel. Wenn der 62Jährige über das Langstraßen-Areal spricht, spricht er wie von einem Patienten und nennt sich selbst einen “Therapeuten”: Es gehe ums Heilen, langsam, nachhaltig.

    Heute zählt es zu seinen wichtigsten Aufgaben, geeignete neue Mieter für die städtisch erworbenen Liegenschaften zu gewinnen. Vieli führt geduldig Gesprüche, macht Tresenbesuche und Ortsbegehungen, wirbt um Gastronomen und Händler, die “ein anderes Publikum anziehen”, wie er sagt. So gut ist mittlerweile sein Kontakt in beide Szenen, ins Schmuddel- wie ins Kulturmilieu, und so hoch sein Ansehen, dass Einheimische ihn liebevoll “Mister Langstraße” nennen. Bei Begriffen wie Gentrification, dem ursprünglichen angelsächsischen Wort für “Yuppisierung”, winkt er ab: “Wir wollen keinen schicken Glamour, sondern den Charakter des Viertels erhalten. Es geht bloß darum, die Angst aus den Straßen zu vertreiben.”

    Zu den Vorzeigeprojekten im Langstraßenquartier gehört die Bar Rossi, die vor vier Jahren in einem vom “Mileu” zurückeroberten Haus eröffnet hat, unweit der zugigen Bushaltestelle, an der alkoholisierte Pärchen sich manchmal streiten. “Zu uns kommen Gäste, die Musik mögen und Kultur, Studenten, Nachtschwärmer”, sagt Philipp Rohner, der die Bar mit einem Kompagnon betreibt. Besonders beliebt beim Publikum ist der “Blind Test”: Einmal im Monat legt ein DJ Musik auf, und die Gäste müssen in einem Gruppen-Gesellschaftsspiel raten, von welcher Band der Song stammt. “Ohne den Mister Langstraße hätten wir das alles hier nicht gemacht”, sagt Rohner.

    Schon einmal hatte der Mittvierziger eine Kneipe im Kreis 4 betrieben, die “Sansibar”. Aber Ende der 90er Jahre sei es unerträglich geworden, und er gab das Lokal ab. “Zu viel Krawall, zu viel Ärger.” Jetzt, nachdem die Stadt sich mit dem Langstraßen-Projekt eingeschaltet habe, gebe es zum einen mehr Polizeipräsenz im Viertel. Aber eben auch mehr und entspannteren Kontakt zu den eingesessenen Anwohnern. “Ich kenne Leute, die verbringen ihr ganzes Leben hier an der Bushaltestelle, denen geht es dreckig.” Aber: Man respektiere sich gegenseitig. “Wir brauchen keinen Türsteher, und die anderen brauchen keine Angst vor uns zu haben.” Rohner, der selbst im Viertel wohnt, sieht seine Bar nicht als “Yuppie”-Faktor. “Wir sind keine Investoren, die alles platt machen. Wir bringen einfach ein etwas anderes Leben hier hinein.”

    So erfolgreich ist das Konzept des Förderprojekts “Langstraße Plus”, dass es in Teilen nun auch von der Amsterdamer Stadtverwaltung übernommen wurde: Niederländischen Medienberichten zufolge hat die Kommune bereits für mehrere hundert Millionen Euro Häuser aus dem Rotlichtbezirk zurückgekauft, etwa in Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs. Künftig sollen dort Cafés und Buchläden unterkommen. Als “Modell für Großstädte der Zukunft” hat der deutsche Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand von der Universität Jena den sanften Strukturwandel in der Schweizer Metropole schon vor Jahren gelobt, in seiner Studie “Die Stadt der Zukunft” (Leske & Budrich, 2002).

    Auch der mutige Neu-Galerist Freymond-Guth, der privat schon einmal eine Weile in Berlin gelebt hat, kennt das Schreckgespenst der Yuppisierung: “Manchmal ist das schwierig - wenn etwa ein Großinvestor, der hier ganze Häuserzeilen aufkaufen will, sich privat für Kunst aus meiner Galerie interessiert.” Dann gelte es abzuwägen: “Wie will ich mich dazu verhalten? So jemand ist gleichzeitig mein Kunde und vielleicht ein Feind meiner Umgebung.” Angesichts knapper werdenden Wohnraums in der Boom-Region Zürich halte er es nicht für ausgeschlossen, dass das Langstraßen-Areal künftig auch für Luxus-Sanierer interessanter werde.

    Als abschreckendes Beispiel für eine “Yuppisierung im Schnelldurchlauf” nennt er den Prenzlauer Berg in Berlin: Binnen 15 Jahren habe sich der ehemals lebendige Ost-Berliner Aufbruchbezirk in einen Hort neo-bürgerlicher Hipness für Westdeutsche verwandelt: “Mit Retro-Nippes-Shops für Touristen, und ansonsten komplett ausländerfrei.” In der Tat entstehen am Prenzlauer Berg dieser Tage gleich mehrere luxuriös aufgemachte neue Siedlungskomplexe, neudeutsch “Urban Villages” genannt, etwa die “Kastaniengärten” an der Schwedter Straße und der Block “Kolle Belle” an der Kollwitzstraße. Letzterer stellt seinen Bewohnern Appartements mit den Flairs “Royal”, “Elégante”oder “Exceptionélle” in Aussicht.

    So etwas sei rund um die Langstraße nicht möglich, sagt Freymond-Guth. Zum einen, weil die Gassen zu eng und verwinkelt seien, als dass derart großräumige Überbauungen denkbar wären. “Zum anderen gibt es hier einfach eine gewachsene alternative und autonome Struktur, die eine Substanz hat. Es ist eben auch ein traditionelles Arbeiterviertel, die Leute sind stur.” Und tatsächlich: Erst im August haben Anwohner der benachbarten Neufrankengasse mit einem Quartierfest gegen den Abriss von 20 Häusern zu Gunsten einer Schnellstraße protestiert, in guter alter Bürgerinitiativen-Tradition. Auch die jüdisch-orthodoxe Familie, die seit Generationen das angestaubte Modegeschäft “Belladonna 88″ schräg gegenüber führe, habe sich von Investorenangeboten bislang nicht bestechen lassen, sagt der Galerist und deutet lächelnd auf die andere Straßenseite. Hier hochmoderne Videokunst, drüben trutschige Damenkleider, dazwischen ausgetretene Joints im Rinnstein – der Kreis 4 ist eine Großstadt für sich.

    Während im unruhigen Berlin Investoren sowie Kultur- und Sozialpessimisten hektisch schon den Bezirk Neukölln ins Auge fassen, als potenziell nächstes Yuppisierungs-Gebiet, gesundet die Zürcher “Eiterbeule” geduldig, aber verlässlich vor sich hin. Zufällig trägt das nächste Reform-Projekt einen deutschen Namen: Das Striplokal “St. Pauli Bar” an der zentralen Bushaltestelle Militär-/Langstraße, wo ab und an die Säuferromantik aufflackert, genau schräg gegenüber der Bar Rossi, wird Ende des Jahres schließen. In den unteren Geschossen sei eine Café-Bar geplant, weiter oben vier bis fünf familienfreundliche Wohnungen, meldeten unlängst örtliche Zeitungen. Die Monatsmiete für eines der rund 100 Quadratmeter großen, kernsanierten Domizile soll nach Architektenangaben rund 2.500 Franken (1.600 Euro) betragen. Das ist zwar etwa so viel wie man am Prenzlauer Berg für ein Luxus-Loft bezahlt – nach Zürcher Maßstab, in dem alles ein bisschen teurer ist, jedoch sagenhaft günstig.

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