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Katja Kullmann


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  • Apropos: Prostitution


    Durch diese Eiterbeule fließt Blut

    January 20th, 2010 — 9:32pm

    Für die Deutsche Presse-Agentur (dpa), September 2008

    Junkies, Huren, Freier, Dreck: Die Zürcher Langstraße liegt am schmutzigen Ende der Globalisierung. Doch mit einem feinfühligen Förderprojekt wollen Stadt, Künstler und Gastronomen die Meile vor dem Untergang retten. Die Angst vor “Gentrification” oder “Yuppisierung” mag durch Berlin geistern – in Zürich winkt man bei diesen Schlagworten mild lächelnd ab.

    langstrasse

    Wieder einmal gibt es Ärger an der Bushaltestelle Militär-/Langstraße. Eine zerknitterte Frau, vielleicht Mitte 30, vielleicht auch schon Mitte 50, zetert auf einen krummen Mann ein. “Ich sauf’ wegen Dir!”, schreit sie, “nur wegen Dir, Du Hueresack!” Der verdammte Alkohol, “der Alkohol und Du!” Ihre Stimme überschlägt sich, kippt in ein verzweifeltes Kieksen, und der Mann sinkt tiefer in sich zusammen, scheint fast umzukippen, während sie mit der flachen Hand auf ihn einschlägt, kraftlos, müde. “Hueresack!” Fliegen kreisen um eine zertretene Döner-Flade zu ihren Füßen, eine Plastiktüte segelt im Sog eines anfahrenden Busses vorbei.

    Niemand schenkt der Szene Beachtung. Es ist eine gewöhnliche Unterhaltung zweier Liebender, der übliche raue Ton in dieser Gegend, mitten in Zürich, und doch in einem beinahe vergessenen Viertel der Stadt: im Kreis 4, dem umstrittenen, bemitleideten, verschrieenen Kreis “Cheib” – “Cheib” wie “Scherbe”, Scherbenviertel. Auch “Eiterbeule” wurde das Quartier schon genannt, oder: “Fußmatte der Schweiz”. Es ist der schmutzige Rücken der ansonsten auf Hochglanz polierten Metropole.

    Nur wenige Kilometer südöstlich sitzt das Geld. Dort besichtigt der internationale Jet-Set fußbodenbeheizte Immobilien mit Blick auf den Zürichsee, trägt Geld in schwarzen Koffern zu Banken, lässt sich in Schönheitskliniken liften oder probiert im Luxuskaufhaus Globus seltene Mineralwässer, die umgerechnet bis zu 35 Euro kosten - pro Flasche. Etwa ebenso viel bezahlt man im Kreis 4 für fünf Gramm Haschisch, das man hier auf offener Straße kaufen kann, unter der staubigen Nachmittagssonne eines gewöhnlichen Werktages. Vielleicht, um sich das Leben für Momente etwas erträglicher zu machen.

    Es gibt ähnliche Orte in anderen Städten, und meist markiert eine berühmt-berüchtigte Straße die so genannten Problemviertel: In Paris ist es etwa die Rue Saint-Denis, in Amsterdam sind es die Gassen rund um die Voorburgwal-Gracht, in Frankfurt am Main ist es die Kaiser-, in Dortmund die Linienstraße und in Hamburg das Agglomerat St. Pauli, glimmernd beleuchtet von der berühmten Reeperbahn. In Zürich trägt die Hauptschlagader des urbanen Elends den Namen “Langstraße”.

    Es ist einer der Orte, an denen die so genannte Globalisierung ihr hässliches Gesicht zeigt: Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen leben hier auf etwa vier Quadratkilometern zusammen. Manche betreiben Im- und Exportläden mit schrottreifen Elektronikartikeln, einige verkaufen in Kiosks Zeitungen und Sandwiches mit “scharfer Salami”. Andere haben sich auf den Drogenhandel im Gebüsch verlegt oder auf die Prostitution in Dachkammern und Hinterhöfen. Bei “Hermés” im Bankenviertel suchen pelzbemäntelte Russinnen nach Seidenschals. In der “Lambada Bar” an der Langstraße werben Dominikanerinnen in Miniröcken um Freier. Jeder schlägt sich eben durch, so gut er kann – die einen mit Juwelen, die anderen mit Drogen, manche verkaufen Schlösser, wieder andere ihre Körper.

    “Lugano Bar”, “Chicago Bar”, “Café Memphis” oder “Rösti-Bar-Karibik-Restaurant”: Die Etablissements entlang der Langstraße tragen weltläufige Namen. Im Volksmund heißen einzelne Häuserblocks “Bermuda Dreieck” oder “Dominikaner Eck”. Fast wie eine Beschreibung der hier ansässigen Schicht lesen sich die Straßenschilder: “Diener-” oder “Nietengasse”. Vom “Mordpflaster Langstraße” berichtet schließlich die örtliche Boulevardpresse, schildert “Balkan-Schießereien” und listet die Herkunftsländer der Täter und Opfer auf: Italien, Bosnien, Türkei, Guinea, Kamerun, Großbritannien. Glaubt man den einschlägigen Statistiken, gibt es schweizweit wohl keinen internationaleren, vor allem: keinen gefährlicheren Ort.

    Und doch ist das Viertel nicht ganz vergessen, wird nicht von allen als hoffnungsloser Fall abgeschrieben. Wer genau hinsieht, der entdeckt: “Es” lebt. Jeden Tag ändert sich etwas, jeden Tag ist etwas ein bisschen anders. Man muss nur hinsehen wollen: Wie “es” sich erholt, zu Kräften kommt. Die Langstraße ist ein geschundener Körper, der sich gerade keuchend, schwitzend berappelt. Und mit ihrem Überlebenskampf könnte die Meile ein Beispiel für andere europäische “Problemstraßen” sein.

    Da ist zum Beispiel diese karge Halle, weiß getüncht, die Wände etwa fünf Meter hoch: “Autogarage” steht an der Fassade, doch Autos werden hier schon lange nicht mehr repariert. Eine Weile stand der Raum leer, wie vergessen. Doch plötzlich, im Spätsommer 2008, bewegen sich wieder Menschen darin, streichen die Wände, putzen die Scheiben, bauen Stellwände aus Sperrholz in die Leere, machen ab und an eine Pause auf klapprigen Campingstühlen, rauchen Zigaretten, trinken Kaffee, arbeiten weiter. Jeden Tag sieht es etwas aufgeräumter, sauberer, frischer aus. Nach einigen Wochen hängt ein kleines, schlichtes Pappschild an der Glastür, und der Passant erfährt: Hier entsteht die “Galerie Freymond-Guth & Co. Fine Art”, Eröffnungs-Vernissage Ende August, gezeigt werden Installationen der renommierten französischen Video-Künstlerin Elodie Pong.

    “Ich will meine Vision von Poesie und Schönheit hier anbringen, und zwar genau hier”, sagt der Inhaber und Namensgeber der Galerie, Jean-Claude Freymond-Guth. Beeindruckende 28 Jahre jung ist der zierliche Mann, der küftig Kunstwerke für umgerechnet bis zu 12.000 Euro je Exemplar verkaufen will – ausgerechnet in der Brauerstraße, einer Quergasse der Langstraße und eine der wichtigsten Drogen-Meilen im Schmuddelkiez. “Kscht, kscht, kscht”, zischen einem die Dealer hier am hellichten Tag zu, “willst ein Chügeli kaufe”, eine Portion Kokain, und die Augäpfel der Männer sind rot oder gelb unterlaufen, welche Droge auch immer das mit ihnen gemacht hat. Wenige Meter weiter bieten Karibinnen in einem Salon “Vier-Hand-Massagen” an, und das Werbeschild eines Afro-Friseurladens verspricht Haarverlängerungen und anderes, “sehr günstig”, oder vielmehr “very chip”, wie es im Kreis 4-typischen Pigeon-Englisch heißt.

    Er habe sich der Kunst aus der “Post-Everything-Ära” verschrieben, sagt Freymond-Guth. Es gehe um Kunst, die sich mit dem Zeitalter jenseits traditioneller Werte, jenseits sozialer Verträge und gesellschaftlicher Orientierungspunkte auseinandersetzt. Auch deshalb passe seine Galerie so gut in die Gegend: “Der Kreis 4 ist vielleicht der einzige Ort in der Schweiz, an dem nicht alles unter Klarsichtfolie verpackt ist, sondern lebt.” Neun Künstler vertritt, drei Mitarbeiter beschäftigt er. Bei aller Liebe dürfe man das Viertel jedoch nicht zu romantisch sehen: “Es geht hier hart zu. Aber die Mieten sind einfach niedriger als in anderen Vierteln Zürichs.”

    Der 28Jährige ist nicht der einzige Kulturschaffende, der die Reize der Langstraße zu nutzen weiß. Wer aufmerksam durchs Viertel läuft, sieht immer neue Inseln entstehen, an denen “es” anders zugeht: Da sind die Musik-Bars “Longstreet” und “La Catrina”. Da ist die vor Jahresfrist eröffnete Rock-Kneipe “Alte Metzgerei”, deren neuer Betreiber den Schriftzug des Vorgängerlokals fast im Original beibehalten hat: Statt “Schnellimbiss” steht dort jetzt “Hellimbiss”, “Höllenimbiss”. Da ist der Club “Das Haus”, der mit Membership-Ausweis und Edelholzeinrichtung zu Live-Konzerten aus den Sparten Funk und Soul locken will. Oder die Programmkinos “Xenix” und “Riff Raff”; oder der Platten-Laden “Sixteen Tons”; oder Kunsträume wie “Perlamode” und das “atelieroffen”, in dem Nadja Ullmann malt, baut und ausstellt – sichtbar für jeden, der zufällig am Schaufenster vorbei spaziert ; und nicht zuletzt das asiatische In-Restaurant “Lily’s”, bei dem die Kundschaft derzeit allabendlich bis auf den Bürgersteig um einen Sitzplatz ansteht, als handele es sich um ein Star-Café am Hollywood Boulevard.

    All diese vor nicht allzu langer Zeit entstandenen Orte ziehen junge Leute an, die ausgehen, Kunst machen und betrachten, rare Schallplatten einkaufen oder anspruchsvolle Filme sehen wollen, abseits des gängigen Diskotheken- und Museen-Einerleis. “Ja, es mischt sich langsam wieder hier im Viertel, und darüber sind wir sehr froh”, sagt Rolf Vieli, der von der Stadt Zürich eigens angestellte Stadtteil-Beaufragte für den Kreis 4.

    Vieli ist einer der Väter des sanften Wandels im Quartier und in seiner Position und Arbeitsweise bislang ein Unikat in Europa. Seit 2001 koordiniert der ehemalige Wirtschaftsjournalist, Verlagsmitarbeiter, Sozialpädagoge und Stadtteilpolitiker das kommunale Projekt “Langstraße Plus”, bei dem Stadtplaner, Polizei und Sozialarbeiter zusammenwirken. Mit der europaweit beispiellosen Initiative will die Stadt dem Niedergang des Viertels entgegenwirken - und greift mitunter dirigistisch ein. Zu den wichtigsten Strategien gehört der Rückkauf einzelner Häuser, die in den vergangenen Jahren in die Hände des “Milieus” gefallen waren. Ziel ist die Ent-Ghettoisierung des Gebiets.

    Vieli erklärt, wie es zum Niedergang des Kreises 4 kommen konnte, der seit jeher ein proletarischer Stadtteil war: Die Wirtschaftskrise der 70er Jahre hat weite Teile der eingesessenen Arbeiterschaft vertrieben, Händler und Arztpraxen mussten schließen.  “Systematisch haben Spekulanten, teils aus dem halblegalen Milieu, sich dann hier eingekauft.” Aus ehemaligen Gemüseläden wurden Kontaktbars, aus Wohnungen Bordell-Etagen. Zwischen 1992 und 2006 sei die Zahl der Einwohner gleich geblieben, die Zahl der registrierten Prostituierten habe sich jedoch verdoppelt, auf heute rund 4.500 im gesamten Stadtgebiet, darunter gut 1.000 so genannte Straßenhuren, die rund um die Langstraße tätig sind. Und nachdem die Ordnungskräfte 1995 auch noch den so genannten Needle-Park geräumt hatten, eine Grünanlage am Limmatufer, auf der Hunderte Fixer und Dealer sich trafen, drängte auch das Drogen-Milieu zunehmend in den sowieso schon heruntergekommenen Stadtteil.

    Das harte Durchgreifen gegen den Zürcher Fixer-Park stieß damals auf herbe Kritik, auch international. Doch Vieli, der sich als “überzeugter Linker” bezeichnet und einst selbst mit “Drögelern” gearbeitet hat, wie Süchtige auf Schweizerdeutsch genannt werden, sagt: “Die Räumung war nötig, um der Verelendung ein Ende zu setzen.” Er zeigt Fotos aus der Hochphase der Fixer-Ära: Süchtige, die sich im Park unter Plastikplanen notdürftige Behausungen gebastelt haben, andere, die mit offen eiternden Wunden heulend auf dem Boden sitzen. Viele dieser Menschen gehören jetzt im Kreis 4 als versprengte Einzelfälle erneut zu seiner Klientel. Wenn der 62Jährige über das Langstraßen-Areal spricht, spricht er wie von einem Patienten und nennt sich selbst einen “Therapeuten”: Es gehe ums Heilen, langsam, nachhaltig.

    Heute zählt es zu seinen wichtigsten Aufgaben, geeignete neue Mieter für die städtisch erworbenen Liegenschaften zu gewinnen. Vieli führt geduldig Gesprüche, macht Tresenbesuche und Ortsbegehungen, wirbt um Gastronomen und Händler, die “ein anderes Publikum anziehen”, wie er sagt. So gut ist mittlerweile sein Kontakt in beide Szenen, ins Schmuddel- wie ins Kulturmilieu, und so hoch sein Ansehen, dass Einheimische ihn liebevoll “Mister Langstraße” nennen. Bei Begriffen wie Gentrification, dem ursprünglichen angelsächsischen Wort für “Yuppisierung”, winkt er ab: “Wir wollen keinen schicken Glamour, sondern den Charakter des Viertels erhalten. Es geht bloß darum, die Angst aus den Straßen zu vertreiben.”

    Zu den Vorzeigeprojekten im Langstraßenquartier gehört die Bar Rossi, die vor vier Jahren in einem vom “Mileu” zurückeroberten Haus eröffnet hat, unweit der zugigen Bushaltestelle, an der alkoholisierte Pärchen sich manchmal streiten. “Zu uns kommen Gäste, die Musik mögen und Kultur, Studenten, Nachtschwärmer”, sagt Philipp Rohner, der die Bar mit einem Kompagnon betreibt. Besonders beliebt beim Publikum ist der “Blind Test”: Einmal im Monat legt ein DJ Musik auf, und die Gäste müssen in einem Gruppen-Gesellschaftsspiel raten, von welcher Band der Song stammt. “Ohne den Mister Langstraße hätten wir das alles hier nicht gemacht”, sagt Rohner.

    Schon einmal hatte der Mittvierziger eine Kneipe im Kreis 4 betrieben, die “Sansibar”. Aber Ende der 90er Jahre sei es unerträglich geworden, und er gab das Lokal ab. “Zu viel Krawall, zu viel Ärger.” Jetzt, nachdem die Stadt sich mit dem Langstraßen-Projekt eingeschaltet habe, gebe es zum einen mehr Polizeipräsenz im Viertel. Aber eben auch mehr und entspannteren Kontakt zu den eingesessenen Anwohnern. “Ich kenne Leute, die verbringen ihr ganzes Leben hier an der Bushaltestelle, denen geht es dreckig.” Aber: Man respektiere sich gegenseitig. “Wir brauchen keinen Türsteher, und die anderen brauchen keine Angst vor uns zu haben.” Rohner, der selbst im Viertel wohnt, sieht seine Bar nicht als “Yuppie”-Faktor. “Wir sind keine Investoren, die alles platt machen. Wir bringen einfach ein etwas anderes Leben hier hinein.”

    So erfolgreich ist das Konzept des Förderprojekts “Langstraße Plus”, dass es in Teilen nun auch von der Amsterdamer Stadtverwaltung übernommen wurde: Niederländischen Medienberichten zufolge hat die Kommune bereits für mehrere hundert Millionen Euro Häuser aus dem Rotlichtbezirk zurückgekauft, etwa in Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs. Künftig sollen dort Cafés und Buchläden unterkommen. Als “Modell für Großstädte der Zukunft” hat der deutsche Soziologieprofessor Bruno Hildenbrand von der Universität Jena den sanften Strukturwandel in der Schweizer Metropole schon vor Jahren gelobt, in seiner Studie “Die Stadt der Zukunft” (Leske & Budrich, 2002).

    Auch der mutige Neu-Galerist Freymond-Guth, der privat schon einmal eine Weile in Berlin gelebt hat, kennt das Schreckgespenst der Yuppisierung: “Manchmal ist das schwierig - wenn etwa ein Großinvestor, der hier ganze Häuserzeilen aufkaufen will, sich privat für Kunst aus meiner Galerie interessiert.” Dann gelte es abzuwägen: “Wie will ich mich dazu verhalten? So jemand ist gleichzeitig mein Kunde und vielleicht ein Feind meiner Umgebung.” Angesichts knapper werdenden Wohnraums in der Boom-Region Zürich halte er es nicht für ausgeschlossen, dass das Langstraßen-Areal künftig auch für Luxus-Sanierer interessanter werde.

    Als abschreckendes Beispiel für eine “Yuppisierung im Schnelldurchlauf” nennt er den Prenzlauer Berg in Berlin: Binnen 15 Jahren habe sich der ehemals lebendige Ost-Berliner Aufbruchbezirk in einen Hort neo-bürgerlicher Hipness für Westdeutsche verwandelt: “Mit Retro-Nippes-Shops für Touristen, und ansonsten komplett ausländerfrei.” In der Tat entstehen am Prenzlauer Berg dieser Tage gleich mehrere luxuriös aufgemachte neue Siedlungskomplexe, neudeutsch “Urban Villages” genannt, etwa die “Kastaniengärten” an der Schwedter Straße und der Block “Kolle Belle” an der Kollwitzstraße. Letzterer stellt seinen Bewohnern Appartements mit den Flairs “Royal”, “Elégante”oder “Exceptionélle” in Aussicht.

    So etwas sei rund um die Langstraße nicht möglich, sagt Freymond-Guth. Zum einen, weil die Gassen zu eng und verwinkelt seien, als dass derart großräumige Überbauungen denkbar wären. “Zum anderen gibt es hier einfach eine gewachsene alternative und autonome Struktur, die eine Substanz hat. Es ist eben auch ein traditionelles Arbeiterviertel, die Leute sind stur.” Und tatsächlich: Erst im August haben Anwohner der benachbarten Neufrankengasse mit einem Quartierfest gegen den Abriss von 20 Häusern zu Gunsten einer Schnellstraße protestiert, in guter alter Bürgerinitiativen-Tradition. Auch die jüdisch-orthodoxe Familie, die seit Generationen das angestaubte Modegeschäft “Belladonna 88″ schräg gegenüber führe, habe sich von Investorenangeboten bislang nicht bestechen lassen, sagt der Galerist und deutet lächelnd auf die andere Straßenseite. Hier hochmoderne Videokunst, drüben trutschige Damenkleider, dazwischen ausgetretene Joints im Rinnstein – der Kreis 4 ist eine Großstadt für sich.

    Während im unruhigen Berlin Investoren sowie Kultur- und Sozialpessimisten hektisch schon den Bezirk Neukölln ins Auge fassen, als potenziell nächstes Yuppisierungs-Gebiet, gesundet die Zürcher “Eiterbeule” geduldig, aber verlässlich vor sich hin. Zufällig trägt das nächste Reform-Projekt einen deutschen Namen: Das Striplokal “St. Pauli Bar” an der zentralen Bushaltestelle Militär-/Langstraße, wo ab und an die Säuferromantik aufflackert, genau schräg gegenüber der Bar Rossi, wird Ende des Jahres schließen. In den unteren Geschossen sei eine Café-Bar geplant, weiter oben vier bis fünf familienfreundliche Wohnungen, meldeten unlängst örtliche Zeitungen. Die Monatsmiete für eines der rund 100 Quadratmeter großen, kernsanierten Domizile soll nach Architektenangaben rund 2.500 Franken (1.600 Euro) betragen. Das ist zwar etwa so viel wie man am Prenzlauer Berg für ein Luxus-Loft bezahlt – nach Zürcher Maßstab, in dem alles ein bisschen teurer ist, jedoch sagenhaft günstig.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Vermischtes (1)

    Surf-Sex-Click-Date

    December 28th, 2009 — 1:00am

    Diese Reportage  über Internet-Sex im Selbstversuch ist 2009 in EMMA erschienen. Die zitierten E-Mails sind in Original-Orthographie und Zeichensetzung wiedergegeben; die Namen der Absender wurden geändert, sind jedoch den tatsächlichen Internet-Namen angelehnt.

    Schwüle E-Mails, 400 Euro-Angebote und Fesselspiele zum Nulltarif: Katja Kullmann hat sich beim Internet-Portal  poppen.de angemeldet – und den schmalen Grat zwischen Online-Flirt und Hobby-Prostitution kennen gelernt.

    „ScorpioBaby“ ist mein Name. Ich bin 35 Jahre alt, 1,65 m groß, wiege 50 Kilogramm, habe Körbchengröße A, dunkles, langes Haar und stehe auf „Poppen, Oralsex, Outdoor, Rollenspiele, Devot, Reizwäsche“. Was mir nicht so liegt, ist „Natursekt, Kaviar, SadoMaso, Parkplatz, Porno-Kinos“. Ganz oben links auf meiner Profilseite steht „In einer Beziehung“. Mit voller Absicht habe ich das dort angekreuzt. Damit es jeder gleich sehen kann. Damit keine falschen Hoffnungen aufkommen. Damit am Ende kein Herz zerbrochen geht. Damit von Anfang an klar ist: Ich will Sex – sonst nichts.

    ;)hey. hallo… …na du, hast du heute auch frei? klopf klopf klopf, darf ich denn mal eintreten? oh, sag bloß ich bin schon drin. achtung, bin auch bald für ein paar wochen in deiner nähe. bengel69 aus Baden-Württemberg

    Seit knapp zwei Monaten unterhalte ich einen Web-Account bei poppen.de. Es  ist eines dieser so genannten Kennenlern-Portale im Internet. Kostenlos und unter falschem Namen habe ich mir dort eine Profilseite eingerichtet, auf der steckbriefartige Angaben zu meiner Person nachzulesen sind, vielmehr: zu der Person, als die ich mich ausgebe. Auch ein Bild habe ich dort veröffentlicht, denn ohne Bild werden die anderen User früher oder später misstrauisch. Das Foto ist per Selbstauslöser aufgenommen und zeigt meinen Hintern in Großaufnahme. Ich strecke der Welt meinen Arsch entgegen – aber die Welt, wie sie bei poppen.de funktioniert, versteht diese Geste nicht. Das Bild sagt: „Leckt mich!“ Bloß schreckt das dort niemanden ab. Im Gegenteil: Nur zu gern wollen die mich lecken – alle und alles an mir.

    :D Einladend sieht es ja aus was du da von HINTEN zu bieten hast. dann komm doch einfach langsam rüchwärts und spüre. LG Kurt

    Jeden Tag erhalte ich zwischen 25 und 120 Zuschriften. Schnell  hat es sich auf rund 400 E-Mails pro Woche eingependelt. Die ersten Kontaktanfragen gingen schon in der ersten Stunde nach meiner Anmeldung ein – als ich mich zunächst noch inkognito dort umschauen wollte, noch keinerlei persönliche Angaben gemacht, mein Alter noch mit fantastischen „106“ angegeben und auch noch kein Bild hochgeladen hatte. „Hallo Schöne“, begann die erste Zuschrift, die inzwischen leider verloren gegangen ist. Das liegt daran, dass „Scorpiobabys“ Postfach überquillt und das Programm die ältesten E-Mails nach einer Weile automatisch löscht, um Speicherplatz für neue zu schaffen. „Hallo Schöne, siehst sexy aus.“ Nie werde ich diese Zeilen vergessen, denn außer der standardisiert dunkelgrauen Webseitenoberfläche war noch nichts, aber auch gar nichts unter „Scorpiobabys“ Account zu sehen.

    Heute bin ich schlauer, heute weiß ich: Es war eine im copy&paste-Verfahren vervielfältigte Standard-Nachricht von einem Verzweifelten, der unbesehen alles anschreibt, was nicht bei fünf auf den Bäumen ist, vermutlich in der Hoffnung, einen kostenlosen Erotik-Chat hinzubekommen, vielleicht ein Real Life-Treffen. Es war einer von denen, die auf Neuanmeldungen spitzen, um vielleicht eine poppen.de-Anfängerin fix herumzukriegen, bevor alle anderen sich auf sie stürzen. Mittlerweile habe ich weit Bemerkenswerteres gelesen, Orthographisches, Zwischenmenschliches, Genitales.

    In jenem ersten Moment aber, gleich zu Anfang, als ich noch sehr unsicher und verwirrt in dieser speziellen online-Welt herumstakste und, mit Herzklopfen, glaube ich, meine erste Nachricht öffnete, hat die Öde dieser Zeilen mich überwältigt. „Hallo Schöne, siehst sexy aus“, hatte jener Mensch einer unsichtbaren 106-Jährigen geschrieben. Es war eine der einsamsten, seelenlosesten Minuten, die ich seit langem vor dem Computer verbracht habe. Heute weiß ich: In ebendiesem Moment mechanischer Kälte verbirgt sich das ganze Drama von poppen.de, und von allem, was damit in Zusammenhang steht.

    :ohi, gerne würde ich mal mit dir in die “pilze” fahren  lg paule

    Porno ist die Einheitstapete im zeitgenössischen Standardleben; ist der Horizont hinter der eigenen Duschtrennwand; die milchige Perspektive am leise vor sich hin rödelnden Heimcomputer; das Bürofrühstück für den kleinen Hunger zwischendurch. Porno ist so alt wie ein lila angelaufenes Schnitzel. Neu ist: Nun machen auch die Erfolgreichen mit. „Ich bin die beste Nutte, die es gibt“, schrie unlängst Charlotte Roche vom Titel des Schweizer Magazins „Weltwoche“ und läutete damit die alpenländische Werbekampagne für ihre „Feuchtgebiete“ ein. Unterdessen avancieren die Prostitutions-Reports finanzknapper Studentinnen zum Top-Thema der Feuilletons, und beim Fernsehsender ProSieben darf Oswalt Kolle noch einmal den abgeklärten Aufklärer geben: „Der große ProSieben Sex-Report“ verrät in mehreren Sendefolgen, wie, wo, wann die Deutschen „es“ am liebsten mögen. Wer eine oder zwei Folgen gesehen hat, weiß, was er oder sie auch schon vorher wusste: „Handschellen“ und „Krankenschwesteruniformen“ sind unabdingbare Zutaten für das geordnete fleischliche Vergnügen. In jedem Larry ein Flint, in jeder Teresa eine Orlowski. Im Grunde ist es toll: Rein, raus, abspritzen und wegputzen. Alle wissen jetzt, wie’s geht. Wenn wir schon keine Vollbeschäftigung mehr haben: Ficken geht immer. Kannst Du mitmachen auch ohne Abi. Kannst Du Deine Dissertation schreiben, und trotzdem auf den Strich gehen. Alles kann, nichts muss.

    ;)Hallo bin der Bernd und 43 j alt  Also Ich bin sehr offen und für fast alle Spielarten, ob an ungewöhnlichen Orten über Frivoles ausgehen  rollen spiele, Sex in der Öffentlichkeit und habe fast keine Tabus .Bin neuem gegenüber sehr offen, also wie gesagt ich mag es sehr zärtlich bis hin zu wild hemmungslos Frivol und grenzen kenn ich dabei fast keine außer das was ins Klo gehört und Kinder und Tiere sonst bin ich sehr offen und auch für neue Sachen zu begeistern Ich mag es auch Dom / Dev spiele mit Augen verbinden Hände und Füße und so weiter. Auch rollen spiele sprechen mich sehr an ob verrucht oder harmlose wie freier und hure oder Lehrer /in Schüller oder auch einfach mal nur verkleiden und in eine andere rolle schlüpfen. bernd_schleswig

    Natürlich will auch ich Sex, da bin ich ganz Mensch, da bin ganz Tier. Eine Frau und ein Mann aus meinem engeren Freundeskreis, beide derzeit ebenso partnerlos herumstolpernd wie ich, beide Personen meines Vertrauens, haben mich auf die Idee mit poppen.de gebracht, ganz unabhängig voneinander. Mit beiden hatte ich einzeln, kurz hintereinander, eines jener Freunde-Gespräche geführt, in denen es um Frauen und Männer geht. Beide hatten bei einem gewissen Intimitätsgrad der Unterhaltung ihre Stimme gesenkt: „Ich bin jetzt übrigens bei poppen.de angemeldet.“

    Hätte nur Er, Akademiker aus dem Westfälischen, mir das erzählt, ich hätte es vielleicht abgetan, hätte Witze darüber gemacht, hätte es damit zu erklären versucht, dass er vielleicht einfach, wie heißt das noch, „Druck“ hat. So als Mann. „Sag’ mir Jochen, hast Du Dich da etwa schon mit Frauen getroffen?“, habe ich ihn gefragt. „Und zeigst Du da etwa Dein Geschlechtsteil im Internet herum?“ Ja und nein, antwortete er. Sein Geschlechtsteil sei zu groß, als dass es auf ein Foto passe. Aber getroffen habe er sich durchaus schon mit der einen oder anderen. Passiert sei allerdings nur einmal etwas, und das sei seltsam gewesen, weil diese Frau, erstens, ganz anders ausgesehen habe als er sich von ihren Fotos versprochen habe und weil sie, zweitens, auf dominant gemacht habe. „Und das fand ich etwas merkwürdig, so eine Fremde, die mir Befehle erteilt, da habe ich das abgebrochen.“

    Als einige Wochen später auch meine Hauptstadt-Freundin mir diese www-Sache zuflüsterte, wurde mir heiß und kalt. „Du also auch?“, fragte ich. „Aber ja“, sagte sie. Es gehe dort nur um „das Eine“, um die reine Materie, und sie finde das erfrischend, erleichternd. Alles funktioniere schnell und einfach, ohne viel Trara – „Ideal! Gerade für die Frau! Gerade auch für Dich!“ Man müsse ankreuzen, ob man „professionell“ oder „privat“ auf der Suche sei, dann checke man die Fotos der Typen ab und mache zunächst ein kurzes „Schnupperdate“ mit etwaigen Kandidaten aus. Schließlich überlege man sich, ob man den wiedersehen wolle. „Ich habe da schon Typen für eine Viertelstunde auf eine Parkbank bestellt, habe die von oben bis unten gemustert und wieder weggeschickt. Die machen alles, was Du willst. Glaub’ mir, das ist fantastisch.“ Mit einer Handvoll Typen habe sie sich schon getroffen, mit zweien sei auch etwas gelaufen.

    Nie hätte ich das gedacht. Dass meine Freundin so etwas macht. „Darfst natürlich nie Deine Nummer herausgeben, ist ja klar. Und Du musst Fotos von Dir veröffentlichen. Aber ohne Gesicht, würde ich raten. Tittenbilder halt.“ Es mache Spaß, und für  Romantik sei heute einfach nicht die Zeit, ich sähe ja selbst, wie weit ich damit gekommen sei.

    Und so war es eine Mischung aus Neugierde und Neid, oder sagen wir: eine Mischung aus Sozial-Voyeurismus und dem Gefühl, zu kurz zu kommen, die mich sodann ebenfalls zu poppen.de trieb. Wo war ich eigentlich abgeblieben, die letzten Jahre über? Womit habe ich meine Zeit vertändelt? Warum war ich nicht einfach fickenfickenficken? Wie der Rest der Welt?

    :cool:ich stehe vor dir, sehe deinen tollen körper. mein schwanz richtet sich langsam auf, mit daumen und zeigefinger beginne ich meine vorhaut langsam zurück und wieder vor zu schieben…….du bist total geilgeilgeil… ich sehe wie dein blick auf meinem immer weiter wachsenden ständer ruht und dann wie du deinen slip mit leisem stöhnen zur seite schiebst, sehe deine pralle nasse muschi, deine harte clit und wie deine finger diese tolle pussy beginnen zu massieren. ich habe einen ständer so dick und hart wie noch nie, meine vorhaut rollt zurück und ich zeige dir wie dick und glänzend meine eichel herausragt. ErwinX, 39, aus dem Rhein-Main-Gebiet

    Ich entwarf einige hohle Eckdaten, machte mich 35, obwohl ich 38 bin, und 1,65m groß, obwohl in Wahrheit zwei Zentimeter kleiner. Ansonsten blieb ich weitgehend bei der Wahrheit. Es bringt ja nichts, sich auf 23 oder auf Doppel-D zu schummeln, wenn man ein Treffen mit einem Mann ins Auge fasst. Gegebenenfalls soll er dann ja können, nicht vor Enttäuschung schlapp machen, wie mein Kumpel aus dem Westfälischen. In die Rubrik „Selbstbeschreibung“ notierte ich: „Küssen kann ich nur, wenn ich verliebt bin.“ Das entspricht nicht nur meiner persönlichen, tatsächlich sträflich romantischen Wahrheit, es ist in gewisser Weise auch genau gegenteilig zu deuten, als sehr „nuttig“. Ich klickte durch die Profile der anderen Teilnehmer, sah gespreizte Frauenschenkel auf pastellfarbenen Ikea-Sofas, Männerrücken mit Totenkopf-Tattoos, faltige Dekolletees aus der Vogelperspektive, skurrile Bäuche von der Seite, Schamhaare, Achselhaare, Glatzen, glänzende Sixpacks und knatschrote Schmollmünder. Und irgendwo in diese Galaxie hatte ich jetzt meinen Hintern gehängt, quasi als Vollmond über die Weide. Es war von Anfang an sehr unwirklich und sehr unentschieden von mir, um nicht zu sagen: halbgar.

    Als ich das nächste Mal mein Sex-Mailfach öffnete, geschah, was ich so nicht erwartet hatte: Ich geriet in einen Rausch. Beinahe 240 Zuschriften hatte ich seit der Veröffentlichung meines Popo-Fotos erhalten. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich schmeckte: Macht.

    :ohi scorpiobaby. also erstmal wow.  habe dir für dein bild die 10 punkte verteilt und dein profil als sexy bewertet. so nun zum text. ich bin ulf 28 aus berlin. bin 189 cm groß sportliche 89 kg schwer, habe blaue augen und kurzes haar. so das nun zu mir. ich habe dich hier gesehen und auch alles gelesen. ich bin der meinung, das du echt gut gelungen bist. wulfman

    „Bitte, bitte schreib’ mir“, bettelten manche. Eine „Lustbombe“ wie ich bekäme sicherlich sehr viel Post, vermutete ein anderer. Mehrere widmeten sich ausführlich meiner dargebotenen Rückseite, und ich gebe zu: Ich fühlte mich unerwartet geschmeichelt und wollte mehr davon. Ein sexueller Größenwahn bemächtigte sich meiner, eine irre Machbarkeits-Fantasie: Fast die Hälfte der Männer hatte eine „wahre“ E-Mail-Adresse dazugeschrieben. Etwa 30 waren sogar so wahnsinnig, mir auf Anhieb ihre Handynummer anzudienen. Ich hätte eine Stalkerin sein können. Eine Massenmörderin. Die eigene Ehefrau.

    Der Jüngste war 19, der älteste 57, die Kerngruppe zwischen 26 und 43. Während die einen fürs erste ein gepflegtes Glas Wein vorschlugen, stellten die anderen mir direkt ihren Onkel Willie vor. So wie Frauen bei poppen.de ihre Körbchengröße angeben müssen, sind die männlichen Teilnehmer verpflichtet, eine Penislänge zu nennen, und unter 20 Zentimetern war kaum einer dabei. Meinen Vorurteilen entgegen kommend, war etwa ein Drittel der poppen-Männer der Grammatik und Rechtschreibung nur ansatzweise mächtig, schwärmte von meinem „Profiel“ oder schrieb nur das Nötigste, etwa: „Na? Poppen?“ Viele sahen scheußlich aus, schmerbäuchige Idioten in Tangalips.

    Andere aber wussten sich erstaunlich gut auszudrücken und hatten beeindruckend ansprechende Fotos von sich hochgeladen. Dass 24jährige Dreamboys mir ihre Urlaubsfotos zur Verfügung stellten, ihre tadellos trainierten Casting-Körper zu meiner freien gedanklichen Verfügung, und mir ihre Fantasien von der „erfahrenen Frau, die weiß, was sie will“ schenkten – ich gebe zu, das brachte mich kurzzeitig auf Ideen. Einer, angeblich 21, dem Bild nach höchstens 17, bat mich gar um seine „Entjungferung“. Etwa zwei Drittel gaben sich als Single aus, ein Drittel räumte ein, gebunden zu sein wie „Scorpiobaby“. Manche suchten nur „eine Frau“, andere suchten gleichzeitig auch „Paare“ oder „Transsexuelle.“ Und noch während ich diese ersten zwanzig Dutzend Zuschriften überflog, trudelten neue ein.

    :DEine Frau die ich erst kurz kenne, finger ich viel lieber und wenn sie soweit ist, macht es von hinten eh am meisten Spass. Schau einfach mal bei mir vorbei und dann sieht Du ja ob passen könnte. Wenn Du Fragen hast immer raus damit… scharfinberlin, 32

    So ging das etwa ein, zwei Wochen lang. Ich war kaum noch für anderes ansprechbar und schaltete nach 19 Uhr oft den Anrufbeantworter ein. Fast jeden Abend war ich online, ließ mich virtuell umgarnen, umwerben, umschleimen, betatschen, begatten. Einerseits gab es mich, „ScorpioBaby“, in Wirklichkeit gar nicht – andererseits war ich unglaublich beliebt. Weder war „ScorpioBaby“ witzig, originell, schlagfertig, schlau, noch war mit Sicherheit zu sagen, ob sie ein hübsches Gesicht hatte. Sie hätte hängende Mundwinkel haben können, fehlende Schneidezähne und keinen einzigen geraden Satz sprechen können. Aber das war ihren Verehrern egal. Allein drei Dinge zählten: Pobacke Eins, Pobacke Zwei und die halterlosen Strümpfe.

    Selten meldete ich mich bei einem der Männer zurück, und wenn, dann nur sehr kurz. „Danke für Deine freundlichen Zeilen“, antwortete ich auf einige besonders explizite E-Mails, und stellte ein niedliches Smiley mit Sonnenbrille dazu – quasi als Konter auf all das Vorhautgeplapper. Doch für Subtilitäten wie diese ist bei poppen.de nicht das passende Klima. Ich sei zu „schüchtern“, beschwerte sich einer. Ab und an schickte ich auch eine Andeutung wie: „Männer in Anzügen sind ein Schlüsselreiz für mich…“ Belanglose Buchstaben sendete ich ab und an hinüber, ans andere Ende der Leitung. Was hätte ich auch sonst schreiben sollen? Und wem von diesen Männern? Es waren zu viele. Unmöglich, den Überblick zu behalten. Schwierig auch, auf all dem Speichel nicht auszurutschen. Anhand der „RE:“’s in den Betreffzeilen konnte ich sehen, wem ich schon geantwortet hatte und wer nun erneut zurückschrieb. Manchmal las ich eine solche neuerliche Antwort, manchmal klickte ich nur die neuen Bewerber durch. Niemand konnte mich sehen, niemand wusste, wer ich war, ich konnte die zappeln lassen oder locken, ich war Gott, ich war Venus, und eine Körperteilelawine rollte über mich hinweg. Beim Einschlafen sah ich blinkende Smileys vor meinem inneren Auge, im Internetdeutsch „Emoticons“ genannt. Und Penisse natürlich. Viele.

    Etwas an mir enttäuschte mich. Einiges wunderte mich. Erstaunt hat mich zum Beispiel meine eigene Kühle. Es war tatsächlich meine eigene Macht als „ScorpioBaby“, die mich eine Weile lang an diesem Spiel faszinierte. Etwa „BomberJoe“ hinzuhalten, mit wohldosierten E-Mail-Häppchen zu füttern, indem ich andeutete, dass ich Ganzkörperstrumpfhosen mit Loch trage, „Du weißt schon an welcher Stelle“. Solche billigen Tricks genügten, und „Bomberjoe“ schrieb bald dreimal täglich und immer weinerlicher: Warum ich mich so selten melden würde? Ich wisse doch, dass er nur werktags vom Büro aus Zugang zu seinem Account habe. Erst las ich seine E-Mails nicht mehr. Dann löschte ich seinen Zugang zu meinem Profil.

    In Sachen Mindfuck entwickelte ich mich rasend schnell zur Domina und gerierte mich so gemein und brutal wie ich es im realen Leben nie fertig brächte. Auch entwickelte ich rasch einen gewissen Ehrgeiz, die Geilste auf diesem Portal zu sein und stellte mit Befriedigung fest, dass mein Hintern zu den Top Drei in seiner Altersklasse gehörte. Dass ich so zutiefst zynisch und so ungeheuer romantisch zugleich sein konnte: Für eine Weile faszinierte mich das ungemein. Zynisch, weil ich mehr und mehr mit den Sehnsüchten anderer Leute spielte. Romantisch, weil meine eigene Sehnsucht nach etwas Echtem, Großem mir jeden weiterführenden, gar körperlichen Kontakt mit einer solchen Bekanntschaft verwehren würde. Von Anfang an ahnte ich: So konnte ich keinen Sex haben. Nie würde etwas daraus werden. Ich fühlt mich gleichzeitig überlegen und als Versagerin. Schrecklich kompliziert kam ich mir selbst vor. Kurz: Für eine Weile kegelte poppen.de mich aus dem Gleichgewicht.

    :cool:Hallo Scorpio, ich finde dein Profil sehr ansprechend. Auch ich bin gebunden und suche einen Blick über den Tellerrand meiner Beziehung, bei Gefallen gerne längerfristig. Mad Max, 33, Berlin

    Erstaunlich, wie schnell der eigene Blickwinkel sich verändern kann: Im Busfahrer, im Postboten, in meinem Nachbarn sah ich mit einem Mal willige Stücke Fleisch. Eine Frau mit Pumps tippelte vorbei, und ich dachte „Schlampe, Luder, Miststück, Sau“. Ausgerechnet in jener heißen poppen.de-Phase begann im echten Leben ein recht sympathischer Mann mit mir zu flirten. Bloß war ich seltsam drauf, in jenen Wochen, und habe es wohl verdorben, mit furchterregenden Sprüchen, die niemand witzig finden konnte außer „ScorpioBaby, 35 – Oralsex ja bitte“.

    Rasch stellte sich ein gewisser E-Mail-Rhythmus heraus: Montags und dienstags, wenn die Bürowoche gerade erst anfängt, wenn die Schreibtische voll sind und die Laune im Keller, wenn es viel zu tun gibt in den Büros, kommen etwas weniger Zuschriften. Mittwochs steigt die Kurve merklich an. Donnerstags und freitags, wenn es aufs Gute-Laune-Wochenende zugeht, rappelte eine Zuschrift nach der anderen in „ScorpioBabys“ Postfach. Sonntags bricht es dann rapide ab. Sonntags müssen die meisten en famille machen, die Kinder in einen Märchenpark oder auf einen Ponyhof schleppen, mit der Freundin Komödien anschauen oder gemeinsam Ratatouille kochen und Rotwein trinken, der Beziehungshygiene wegen, damit es einmal wieder ein Gemeinschaftserlebnis gibt. Trübsal heißt der Fluss, auf dem die poppen.de-Flotte segelt.

    Üblicherweise weiß ich mir als alleinstehende Frau zu helfen. In meinen poppen.de-Wochen aber ging bald gar nichts mehr. Meine Libido tendierte gen null. „Weißt Du was: Je mehr Bums- und Rammel-Mails ich lese, desto ungeiler werde ich“, gestand ich meiner Freundin. „Nun triff Dich halt mal mit einem, so wie ich“, hielt sie dagegen. Und so suchte ich mir eben zwei heraus, denn doppelt gemoppelt hält besser.

    Als ersten traf ich „Dauerficker“, 38, und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, hatte ich mir einen gewählt, der nicht einmal ein Bild von sich hochgeladen hatte. Das Entscheidende aber, was für „Dauerficker“ sprach: Er kam nicht aus Berlin, sondern wohnte weit weg im Fränkischen. Vielleicht hatte ich insgeheim gehofft, dass es ihn gar nicht gibt. Mit folgenden Worten hatte er sich bei mir empfohlen:

    ;)Hi!Dein Profil/Deine Beschreibung macht mich an!Könnte dir einen One Night Stand anbieten,am 24./25.Sept.bin ich in Berlin.Schau dir doch mal meines an,vielleicht sagt es dir ja zu.Würde mich freuen von dir zu höhren. LG …. Dauerficker

    Nichtssagend, mit zwei, drei Rechtschreibfehlern und einem unmissverständlichen Angebot: Überschaubarer ging es nicht. Was konnte mir da schon passieren? Wir verabredeten uns für den frühen Mittwochabend. Er schlug das Brandenburger Tor als Treffpunkt vor, und zuerst dachte ich, der wolle mich veräppeln. Aber dann sendete er mir seine Handynummer, ich rief ihn an und war beinahe gerührt von seinem unbedarft wirkenden Akzent. Er kannte sich offenbar nicht aus in Berlin, das Brandenburger Tor war das einzige, was ihm eingefallen war. Schließlich einigten wir uns auf die Gedächtniskirche am Kudamm, 18 Uhr. Mit meiner Freundin hatte ich ausgemacht, dass sie gegen 19 Uhr auf meinem Handy anruft – damit ich gegebenenfalls eine Ausrede für einen eiligen Aufbruch hätte. Wie ein Schwein kam ich mir vor, wie ein Psycho. Es gab keinen Grund, diesen Mann zu treffen. Außer, dass ich irgendetwas testen wollte, von dem mir selbst nicht ganz klar war, was das sein sollte.

    Am frühen Nachmittag begann ich, nervös zu werden. Hatte ich mich als Natascha oder als Natalie am Telefon ausgegeben? Auch war ich unsicher, was ich anziehen sollte. Alles mögliche probierte ich aus und entschied mich schließlich, warum zur Hölle auch immer, für mein Lieblingskleid. Vermutlich ist es eine Art Ur-Situation, fest programmiert: Frau trifft Mann und will gut aussehen.

    Als ich durch den Nieselregen zum Treffpunkt stakste, hätte ich mich für die Kleiderwahl jedoch ohrfeigen können. Mir fiel ein, dass ich in jenem Kleid einmal einen bedeutenden Preis überreicht bekommen hatte, und dass ich jenes Kleid auch bei der ersten Verabredung mit meinem letzten Freund getragen hatte, als ich wirklich, wirklich verliebt war, und ich fühlte mich unendlich schmutzig und verkommen, als ich an der Gedächtniskirche ankam, um dort: auf Cliff Richard zu treffen. „Dauerficker“ sah tatsächlich aus wie jener Schnulzensänger, seine Jeans schienen gebügelt, seine Windjacke auch. Ja, wir fanden uns beide wohl auf Anhieb komplett unsexy.

    In einem überteuerten Touristenlokal bestellten wir etwas zu essen. Er wirkte routiniert und etwas angestrengt, als er, wie bei einem Vorstellungsgespräch vielleicht, einige Eckdaten von sich zum Besten gab: Freiberuflicher Raumausstatter sei er. Seit acht Jahren mit seiner Freundin zusammen. Da laufe nicht mehr viel. Bloß hätten sie ein Haus zusammen gekauft, und jetzt hänge man da fest. Furchtbar eifersüchtig sei sie außerdem. Er gönne sich ab und an etwas Freiraum. Das sei alles. Dann war ich dran, bedeutete mir sein Blick. Nun, bei mir war es so: Mein Freund war in der Rockkonzertorganisationsbranche tätig, oft unterwegs, und sicher sehr untreu. Das wolle ich mir nicht länger bieten lassen. Ab und an würde ich mir meine Freiräume gönnen, zitierte ich den „Dauerficker“ selbst, und er nickte und schien einverstanden mit meiner Geschichte.

    Nach geschätzten vier Minuten hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Das Wetter war kurz ein Thema. Der Berliner Verkehr. „Eigentlich bin ich gar nicht der Typ fürs Fremdgehen“, warf ich schließlich ein. Worauf er eilig sagte: „Ich auch nicht! Ich war immer treu! Du bist die erste Frau, die ich auf diese Art treffe!“ Klar, Cliffi, dachte ich, deshalb firmierst Du auch als „Dauerficker“. Sein Schweinesteak kam, und meine Pfifferlingspfanne, und wir kauten stumm. „Schmeckt’s?“, fragte ich. „Nein“, sagte er. So aßen wir weiter.

    „Was machst Du eigentlich gerade in Berlin?“ Da taute er wieder etwas auf, erzählte von einem Freund, den er besuche, mit dem sei er öfter schon in Belzig gewesen, ob ich das kenne, das sei so eine Art Sex-Camp vor den Toren Berlins, freie Liebe und so weiter, ziemlich geil, da habe er schon ein paar Mal… „Nein, kenne ich nicht“, unterbrach ich ihn aufs Höflichste, um ihm die Peinlichkeit seiner Lüge zu ersparen, von wegen er sei noch nie fremdgegangen und so weiter. Wie doof kann ein Cliff Richard eigentlich sein, so ein „Dauerficker“-Dummlack, so ein dammischer? Ob man sich darunter etwas Ähnliches vorstellen müsse wie die Sex-Kommunen in den Houellebecq-Büchern, wollte ich wissen. „Was?“ fragte er zurück, seine Raumausstatterfratze fror wieder ein, und  sein Blick sagte: „Diese Tante da ist doch unfickbar.“ Ich strahlte ihn an, und was ich damit sagen wollte war: „Right Sir, diese Tante hier wirst Du niemals ficken.“

    Ich wollte weg aus diesem schrecklich faden, verlogenen Raumausstatterleben, weg von der missgelaunten Freundin auf dem Eigenheimsofa, weg vom Gruppensex in gebügelten Jeanshosen, weg von allem, was meine Säfte früher oder später für immer versiegen lassen würde, und als mein Handy endlich, endlich klingelte, roch ich die Freiheit und sagte: „Tut mir leid, das ist mein Freund, der ist noch eifersüchtiger als Deine Freundin, und jetzt muss ich gehen.“

    :cool:Ein René Lezard-Anzug ist hoffentlich nach Deinem Geschmack? Cliffhanger

    Ein zweites Treffen mit einem Berliner Mann hatte ich für zwei Tage später vereinbart. Nach der „Dauerficker“-Begegnung hätte ich es beinahe abgesagt. Im Nachhinein bin ich aber dankbar für den Film, den jener 43-Jährige „Cliffhanger“ mir dann noch geschenkt hat. Ich nenne ihn lieber FAZ-Boy, „FAZ“ wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, denn das war die Zeitung, die er las, als ich an einem Freitagnachmittag ins Café Einstein kam, wo wir verabredet waren, und wo sich sonst Verleger und Chefredakteure treffen, Malerinnen und Mode-Designerinnen.

    FAZ-Boy hatte mächtig dick aufgetragen in seinen E-Mails. Dass er mittags oft im Borchardt speise, einem der wichtigsten Promi-Lokale Berlins, wo auch Joschka Fischers und Boris Beckers lunchen. Dass es schade sei, dass jetzt schon der Herbst komme, im Sommer hätten wir mit seinem Cabrio einen Ausflug nach Potsdam zu seinem Wochenendhaus machen können. Dass er donnerstags leider keine Zeit habe, drei Vernissagen und so weiter. „Poser, Angeber, Lügner“, hatte ich gedacht und eine schmale Nadelstreifenhose angezogen, die Hosenbeine in hohe schwarze Schaftstiefel gesteckt, eine seidig glänzende Bluse als Oberteil, von einem corsage-artigen Gürtel auf Wespentaille eingeschnürt: Reitherrinnenlook, um dem Angeber ein Mindestmaß an Respekt abzunötigen.

    Als ich ihn dann von Weitem sehe, erkenne ich jedoch: Er hat nicht gelogen, mit keinem Wort, er ist genau so, wie er sich beschrieben hat: Blond, braun gebrannt, dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, goldener Ehering, ebensolche Manschettenknöpfe, eine atemberaubende Aura von Geld und Gesundheit, ein Upperclass-Sunnyboy wie aus einem Brett Easton Ellis-Roman. Mir wird etwas mulmig zumute. Obwohl die Sonne scheint und das Café voll besetzt ist, voller potenzieller Zeugen für ein etwaiges Verbrechen, sagt mir mein Instinkt, dass hier oberflächlich besehen zwar alles stimmt, aber dennoch Vorsicht angebracht ist.

    Glücklicherweise muss ich zunächst nicht viel reden. FAZ-Boy macht die Show ganz alleine. Hält mir als erstes seinen Ehering unter die Nase, sagt: „Du kannst mich erpressen. Niemand macht sich so leicht erpressbar wie ich.“ Handelt mit Kunst, „in großem Stil“. Ist verheiratet, Haus in Zehlendorf, zwei Kinder. Die Ehe am Ende. Also macht er, was er will. Trifft drei bis fünf Frauen im Monat. „Da waren schon Hartz-IV-Empfängerinnen dabei, au weia, ich kann Dir sagen“, lacht er. Auf Anhieb sieht er mich als Verbündete, das ist unverkennbar, und lobt zügig meine Intelligenz, womit er zwar recht hat, aber wie er darauf kommt, ist mir ein Rätsel, denn außer „Aha“ und „Soso“ konnte ich bis dahin noch nicht viel anbringen. Erzählt, dass es bei den letzten drei, vier Malen immer gleich zur Sache gegangen sei, „eine halbe Stunde, und schon war meine Hose offen, haha.“ Hihi, fast freue ich mich mit ihm, so ansteckend ist seine Euphorie. Erzählt mir von Amsterdamer Kunstkollegen, dass er die zum Spaß stets ins Hotel Hilton führe, in dessen Lobby „die Russinnen“ sich aufhielten. „Die Russinnen wollen natürlich 1.500 Euro für die Nacht – ha, da gucken die Amsterdamer immer und sagen: Wir dachten, Berlin sei so günstig“, lacht der FAZ-Boy, und ich schwöre, er hat die weißesten Zähne der Welt. Erzählt mir dann, dass das natürlich nur „eine Show-Nummer“ von ihm sei, und dass er ausländische Geschäftspartner dann meist in ein bestimmtes „Haus“ führe, „da kann man die Nacht wesentlich günstiger verbringen, da habe ich Kontakte.“ Dann, dass er beim Laternenumzug mit seinem kleinen Sohn neulich eine alleinerziehende Mutter kennen gelernt habe, „gleich Nummern getauscht, he-he.“ Gibt mir seine Visitenkarte, seine echte und wahre Visitenkarte, ich habe das später überprüft, seine Galerie gibt es wirklich, und sein Name ist leicht zu googeln.

    Er berichtet von Treffen mit Sponsoren und Kuratoren, stellt Dutzende Namen der Berliner Lokalprominenz in den Raum und erwähnt, dass er durchaus gern einmal fester zupacke. Natürlich nur, wenn die Frau das auch wolle. Weist immer wieder darauf hin, wie erpressbar er sei, „was man mir alles kaputt machen könnte, das ist der helle Wahnsinn“, und sieht bei all dem viel jünger aus als er ist. Ob er auf Koks ist, möchte ich ihn fragen, erkundige mich stattdessen aber, ob er wirklich schon 43 ist. Da freut er sich sichtlich. „Doch doch, 65, guter Jahrgang!“ Sagt mir, ich sei etwas „Besonderes“, das habe er gleich gemerkt, wir hätten viel gemeinsam, und ich habe keinen Schimmer, was er meinen könnte. Seine Augen quietschen so hellblau wie ich noch keine gesehen habe und ich spüre: FAZ-Boy braucht Hilfe. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich habe Politologie studiert, nicht Psychologie. Also sage ich, dass ich gehen muss, dringende Geschäfte, Filmproduktion, Werbung, unregelmäßige Arbeitszeiten. „Und Dein Freund?“ will er wissen. Wohnt in Wien, sage ich. „Schöne Stadt“, meint er. Während er mir in den Mantel hilft: Ob ich mir Fesselspiele vorstellen könne? „Mal sehen“, sage ich und hole mein Portemonnaie heraus, um meinen Kaffee zu bezahlen. Doch FAZ-Boy legt seine Goldjungenhand auf meinen beunruhigt zitternden Unterarm und signalisiert, dass er bezahlen wird.

    Am nächsten Morgen kommt eine E-Mail:

    :)Es war schön mit Dir. Du bist wirklich eine besondere Frau und sehr sexy. Brenne darauf, Dich wiederzusehen. Kuss, L.

    Ich antworte nicht. Montags eine weitere E-Mail:

    :o Bin auf dem Oktoberfest in München. An solchen Tagen fühle ich mich frei. Will frei sein mit Dir. Lass’ uns mal wegfahren. Ich lade Dich ein. L.“

    Ob er mir danach noch einmal geschrieben hat – ich weiß es nicht. Es wird das letzte Mal sein, dass ich mich bei poppen.de eingeloggt habe. Noch einmal überfliege ich die zuletzt eingegangenen Bewerber-E-Mails, und mein Blick bleibt an einer Betreffzeile mit drei Dollarzeichen hängen: $$$. Ich klicke auf „Lesen“ und sehe dies:

    :cool:Hi… sind 400 € interessant? ladornado, 40, Hannover

    Für eine Hundertstel Sekunde blitzt der Gedanke in mir auf: „Ja, genau. Wenn überhaupt, dann gegen Geld. Warum umsonst mit einem etwas anfangen, wenn es andere gibt, die dafür zahlen?“

    Ich denke, dass es ja wohl nicht sein kann, dass ich das denke, was ich da denke, aber ich denke es tatsächlich, denke ich und erschrecke bei diesem Gedanken. Dann schalte ich die Maschine ab.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Verbrechen (3)

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