Terry Richardson– der Ed Hardy der Fotografie
Heute früh bin ich recht erhitzt aufgewacht, ich nehme an: aus feuchten Träumen, die mir sicherlich viel Freude bereitet haben. Und noch während ich mir den Schlaf aus den Augen rieb, kam mir der folgende Satz in den Sinn, wirklich als erster Gedanke des Tages: TERRY RICHARDSON IST DER ED HARDY DER FOTOGRAFIE. Das bedeutet so viel wie: Terry Richardson ist ein maßlos überbewerterer Vollspacko, dessen Bilder den Doofen und Braven gefallen. Nur stromlinienförmig angepasste, fantasielose Nullprozentseelen kriegen bei Richardsons Billig-Effekten Gefühle. Wenn Dir jemand sagt, er stehe auf Terry Richardson, den – oh la la – „Bad Boy Photographer”, kannst Du sicher sein: Es ist ein tumber Karpfen von Mensch mit drei Lebens- und einer Hausratversicherung, dafür ohne jeden Stil, einer der unbesehen alles nachplappert, was gerade so getwittert wird, ein Kreuzworträtsellöser im „urbanen” Gewand, ein Langweiler, den man ein bisschen quälen darf und sollte (der liebe Gott hat nichts dagegen).



Dutzende so genannter Fashion Companies bezahlen Hunderttausende Dollars für Richardsons abgeschmackte Teenie-Porn-Ästhetik – und die Kleinbürgerseelen im Publikum klatschen Applaus und finden es vermutlich so halbwegs „shocking”. Dabei handelt es sich bei Richardsons Arbeiten doch bloß um einen vollkommen abgelutschten („lutschen” = geiles Wort!) Fummel-Style für Vollverklemmte, den wir längst kennen, der uralt ist. Wir kennen das vom so genannten Heroin Chique der frühen 90er, wir kennen es von den Party-Shoots von Jürgen Teller aus den fortgeschrittenen 90ern, wir kennen es sogar noch länger: Do you remember David Hamilton? Die pastellfarben überzogenen W*chsvorlagen der späten 70er und frühen 80er, Nastassja Kinski usw.? Exakt dasselbe macht Richardson heute, nur dem aktuellen Look angepasst: Er bedient zu 100% die spießigsten Fantasien über naturgeilen Junge-Leute-Party-Sex und so genannten Hinterzimmer-Rock’n’Roll. Das gefällt alten Säcken mit leeren Herzen, zum Beispiel verhinderten Art Direktoren mit Magenschleimhautreizung, Anzeigenleitern, die sich die Gold-Box der digital ge-remasterten „Sex Pistols”-Edition für „Sammler” kaufen und anderen Medien-affinen Super-Prolls ohne jeden Funken von Witz und ohne jegliche Anzeichen erotischer Mentalkraft. Terry Richardson ist so dermaßen schei*e mit seiner biederen Hipness für Schafe, dass es einfach einmal jemand laut und deutlich sagen muss. (Wie Sie sehen, übernehme ich das.) Und, übrigens: Der Lolita-Ranz, den Richardson verbreitet, ist keineswegs nur ein weiblicher. (Nicht dass es wieder heißt: „Ach, das Kullmann ist ja bloß eine Frau – deswegen regt es sich so auf.”). Richardson fotografiert auch männliche Lolitas wie den südamerikanischen Marlon, in nicht minder erwartbaren Posen und Szenarien.


Auch homosexuelle Betrachter können sich also gemütlich einen von der Palme wedeln und dann 320 Euro für eine industriell zerfetzte Jeanshose mit Spezial-Design-Applikationen bezahlen. Eigentlich läuft immer irgendeine Körperflüssigkeit übers Motiv (Schweiß, Spucke, manchmal Kuhmilch, vielleicht auch Menschensperma, so what), und alles in allem ist es so pseudo, dass es Mitleid erregen müsste, dass wir uns an den Händen fassen müssten, rund um den Globus, und eine peinlich betretene Schweigeminute einlegen müssten (wäre der Fotoschmodder nicht so gut bezahlt). Extra für Terry Richardson habe ich soeben das tag „Mainstream-Schleim” erfunden (siehe unten). Ich glaube wirklich: Terry Richardson-Anhänger, Ed Hardy-Träger, Käufer von „Best of Punk in Gold”-Editionen und Burlesque-Show-Besucher – alles derselbe Stamm. So viel Arroganz muss erlaubt sein, an einem sonnigen Mai-Mittwoch, an dem ich zum Beispiel von etwas Dunkelblondem träume, wovon träumen Sie?
Das Foto von Ed Hardy (3. v. o.) wurde der Webseite des Bielefelder Möbelhauses Wohnzentrum Zurbrueggen entnommen, die anderen Bilder stammen von Terry Richardson und sind aus verschiedenen Quellen zusammengegoogelt.

