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Facebook – ein Kriminalreport

Ich war ein anderer

Und ein anderer war ich: Wie unsere Autorin einmal den Facebook-Tod starb. Und sich durch dir Wirklichkeit ins virtuelle Leben zurückkämpfte. Erschienen am 7. August 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Okay, ich bin eine von Millionen. Ich unterhalte ein Facebook-Konto. Und wie alle, die dort angemeldet sind, verfluche ich es in regelmäßigen Abständen. Facebook ist bekanntlich ein werbeverseuchter Kraken-Organismus, der mit den Daten argloser Bürger spielt und unsere Gehirne so manipuliert, dass wir uns mindestens alle 36 Stunden einloggen und Details aus unserem Intimleben preisgeben. Und das nur, damit mafiöse multinationale Marketingfirmen mitschreiben können. Eigentlich müsste man es sofort verbieten, und jeder weiß es.

Aber nun habe ich zwei neue Dinge herausgefunden, die mich einigermaßen überrascht haben: Erstens, dass es sich beim Großen Bruder in Wahrheit um eine Große Schwester handelt. Zweitens, dass man die korrupte Maschine sofort vermisst, wenn man plötzlich nicht mehr mit ihr herumspielen darf.

Die Sache ist die: Jemand will mich bei Facebook ermorden. „Identity Theft“ heißt der kriminologische Fachbegriff. Ein Fremder versucht seit einer Weile, mein Profil plattzumachen und sich meine Online-Identität unter den Nagel zu reißen. Facebook glaubt dem Fremden, dass er ich ist – und hat mich zur Dissidentin erklärt und rausgeworfen, ohne Vorwarnung, mit sofortiger Wirkung. Es traf mich so, wie ich mir einen Streifschuss vorstelle. Es tat schon weh.

Seit zweieinhalb Jahren bin ich dabei. Und stimme meinen Facebook-Freunden zu: Die Postings sind ein Quatsch, die Wichtigtuereien endlos, es ist ein Zeitfresser und monströser Ablenkungsapparat. Aber jetzt, nach dem Abschuss, sehe ich, dass es eben doch auch eine Menschlichkeits-Maschine ist. Da gibt es die Labertaschen, die beflissenen Rund-um-die-Uhr-Verlinker und diejenigen, die Usambaraveilchen in 3-D versenden; andere berichten live von Bahnverspätungen in Mittelgebirgslandschaften oder fotografieren täglich ihr Mittagessen; wieder andere zitieren ausschließlich Intellektuelle aus dem 20. Jahrhundert, um mit ihrem inkorporierten Kulturkapital zu prahlen; manche fechten sogar ihre Beziehungskräche auf ihren Pinnwänden aus, und eigentlich ist man ja immer ein bisschen verliebt in den einen oder anderen User, weil der so tolle Lieder postet oder so freundliche Sätze sendet. Oder man ist wenigstens in sich selbst verschossen, so gut, wie man da immer aussieht, auf den hart bearbeiteten Urlaubsfotos. Wie ich das alles verachte. Aber gelegentlich wärmt es eben doch. Bei Facebook war ich immer ganz Mensch.

Bis ein blassroter Balken mir die Sicht versperrte. Wie jeden Montagmorgen hatte ich mich pünktlich gegen 9.30 Uhr eingeloggt, als plötzlich dies auf meinem Bildschirm aufleuchtete: „Profil gesperrt“. In einer E-Mail mit dem Betreff „Identity Request“ hieß es, ich solle unverzüglich meinen Personalausweis scannen und rübermailen. Dann könnten wir weitersehen. Vielleicht. Ich hielt es für einen technisch erklärbaren bug, fluchte über übereifrige Security-Programmentwickler, über den hardcore-kapitalistischen Polizeistaat, die Volkszählung, die totale Enteignung des Selbst und folgte treu der Anweisung und sendete also meinen Pass da hin, zweimal sogar, weil beim ersten Scan ein schwarzer Krümel mit aufs Bild geraten war.

48 fade Stunden später eine neue Nachricht aus der großen Familie: „Danke, dass Du Deine Identität bestätigt hast. Nach weiterer Untersuchung der Angelegenheit haben wir festgestellt, dass Dein Konto fälschlicherweise gesperrt wurde. Wir bedauern die Unannehmlichkeiten sehr! Danke, Louisa, User Operations“. Ich stellte mir Louisa als jeanshosentragende Mittdreißigerin mit etwas übertriebenen Grübchen vor und nahm an, sie säße als unterbezahlte Leiharbeitskraft in einem zugigen Gewerbegebiet in einem Containerbüro, da, wo sonst immer die Call-Center-Leute sitzen und heimlich Baudelaire lesen, wenn sie gerade einmal für drei Minuten die Leitung frei haben. Louisa war in Ordnung, fand ich, und mein Profil wieder freigeschaltet. „Schön, dass Du wieder da bist“, schrieben ein paar Freunde, heimlich atmete ich auf, und alles lief erst einmal weiter wie vorher.

Bis ich dann, zwei Wochen später, aufs Neue rausflog. Diesmal unter dem Betreff „Fake Name“. Jetzt hieß es: „Dein Konto wurde gesperrt, weil es unter einem falschen Namen registriert war. Wir gestatten es den Nutzern nicht, sich mit falschen Namen zu registrieren, andere Personen oder Dinge nachzuahmen oder sich selbst falsch darzustellen.“

„Was, zur Hölle, ist an meiner Existenz zweifelhaft?“, schrie ich den Computer an. „,Katja Kullmann‘ heiße ich, und das seit 41 Jahren: Geht es, bitteschön, gewöhnlicher?“ Außerdem hatten die ja gerade erst meine Papiere inspiziert. Sofort googelte ich, nur zur Sicherheit, mich selbst und fand mich bestätigt: Natürlich gibt es „Katja Kullmann“, das ganze verdammte Internet ist voll mit dieser Frau! Und sie hat halblange dunkle Haare, genau wie ich! Andererseits . . . Es soll Leute geben, die denken, sie seien Napoleon oder Hildegard Hamm-Brücher. Und der Schriftsteller Wolfgang Welt, der wirklich so heißt, hielt sich mal eine Zeitlang für J. R. Ewing und randalierte in einem Tchibo-Laden.

Für zwei, drei Tage schwankte ich zwischen Abscheu, Wut und Resignation. Unterdessen entdeckten einige Freunde ein neues, öffentliches Facebook-Profil mit meinem Namen und schickten mir den Link. Es war kalt, leer, unbespielt. Kein Foto, kein einziger Freund bei der neuen „Katja Kullmann“, der Identity-Hijackerin. Und mir schien, dass es hier ums Prinzip gehen könnte, sozusagen ums Überleben, auch um einen Restbestand meiner Verbraucher- und Staatsbürgerinnenrechte, ganz abgesehen von meiner Ehre. Also beschloss ich zu handeln.

Als Erstes meldete ich mich aus Trotz bei Google+ an. Aber nur, um schnell zu merken, dass es dasselbe ist wie Facebook, bloß ohne Menschen. Bei Google+ ist niemand außer Sascha Lobo. Es ist wirklich schrecklich einsam dort.

Dann nutzte ich Google, um nach Facebook zu suchen, nach Louisa, einer Telefonnummer, nach irgendeinem Weg, vernünftig ins Gespräch zu kommen, von Mensch zu Maschine. Und tatsächlich: Seit Anfang dieses Jahres gibt es ein Facebook-Büro in Deutschland. Es befindet sich in Hamburg, fand ich mühsam heraus, und Hamburg ist zufällig mein ordnungsgemäß gemeldeter Wohnort. Nur wo genau? Drei verschiedene Postadressen fand ich im Netz. „Alles, was wir verzeichnet haben, ist eine Nummer in Amerika“, erklärte die Telefonauskunft. Schließlich fiel mir das Amtsgericht ein, das Handelsregister. Dort war, ganz frisch, erst seit Juni, wiederum eine ganz andere Adresse angegeben. Ein investigativer Schauer lief mir über den Rücken. Und ich nahm mir vor, am nächsten Tag persönlich bei meiner Identitätsverwaltung vorzusprechen.

Am nächsten Tag stehe ich vor einem schmalen, schmucklosen Business-Portal. Eine fest verschlossene Glastür. Kein Namens- oder Firmenschild, kein Klingelknopf. Nur eine kleine Tastatur, in die man einen Code eingeben muss. Während ich überlege, ob ich es mit meinem Facebook-Passwort versuchen soll, rumpelt ein Handwerker mit einem Wägelchen heran und öffnet die Tür. Ich drängele mich hinterher und frage: „Entschuldigung, sitzt hier im Haus die Firma Facebook?“ Ja, im zweiten Stock, soweit er wisse.

Ich schleiche nach oben. Nach etwa vierzig Stufen leuchtet es mir von der Wand entgegen: das blauweiße Logo. Daneben wieder eine Glastür, wieder verschlossen. Ich sehe den Ausschnitt eines gewöhnlichen Büroflurs, kahle weiße Wände, keine Tischtennisplatte, kein Flipper, nichts. Ich winke, falls irgendwo eine Kamera installiert ist, aber sie sehen mich nicht. Dann entdecke ich den Klingelknopf, Weiß auf Weiß, und drücke drauf.

Eine blonde Frau, höchstens 23, eilt über den Flur und öffnet strahlend die Tür. „Louisa“, denke ich, „du bist aber hübsch.“ „Ja bitte?“, fragt sie. „Guten Tag, ich bin bei Facebook. Also als Mitglied. Und nun haben Sie mich schon wieder rausgeworfen. Weil ich angeblich ein Fake bin. Aber es gibt mich wirklich, und ich bin hier, um das zu beweisen.“ Louisas freundlicher Blick zerfließt binnen Sekunden zu etwas anderem. Ich rede weiter und sehe genau, was sie gerade sieht: Eine ältere Frau, die mit den Nutzungsbestimmungen nicht klarkommt. Eine bekloppte Userin, die nervt. „Ich habe vier Ausweise dabei“, sage ich, „Personal, Presse, Führerschein und Rückenschule, und ich wüsste gern, was hier los ist.“ Sie lächelt falsch, aber milde und sagt, während sie die Tür wieder zuschiebt: „Moment, ich hole jemanden.“

Eine halbe Minute später jagt eine zweite Frau auf die Glastür zu. Sie ist etwa in meinem Alter, trägt einen Kurzhaarschnitt und eine blauweiß gestreifte Bluse. Zackig reißt sie die Tür auf. „Ich bin die Sprecherin Deutschland, worum geht es?“ Ich begreife: Die Große Schwester steht vor mir, und sie hat wenig Zeit. „Ich will nicht stören, ich heiße Katja Kullmann und möchte gern wieder mitmachen. Da ist jemand, der meinen Namen geklaut hat, und ich frage mich . . .“ Sie schnaubt verächtlich, versucht aber, freundlich-verbindlich dabei auszusehen. „Ja und? Mein Bruder heißt Stefan Müller, was glauben Sie, wie viele Namensdoppelgänger der hat?“ Mit einem Schnell-Scanner-Blick fliegt sie über meine mickrige Statur, von unten nach oben. „Journalistin sind Sie?“ Ich nicke. Sie wedelt mit einer Visitenkarte. „Wir werden Ihr Anliegen prüfen, hier mein Kontakt.“ Ich nehme die Karte, und sie wedelt mit der leeren Hand weiter. „Tut mir leid, ich kann jetzt nicht.“ Sie schließt die Tür. Und ich trolle mich nach Hause.

Vier Stunden später schreibt die Große Schwester mir eine E-Mail. Die Prüfung meiner Identität werde schnellstmöglich erfolgen, sie werde persönlich dafür sorgen, dass ich keine Probleme mehr bekäme. Und dass eindeutig „ein Dritter“ mein Profil mehrfach als gefälscht gemeldet habe. Ich schreibe ihr zurück. Bedanke mich für die Bemühungen. Sage ihr, dass ich vielleicht einen Artikel über das kleine Abenteuer verfassen wolle und stelle ihr fünf Fragen. Wie man sich gegen Identitätsdiebstahl schützen könne, zum Beispiel. Warum es keine Hotline gebe. Und ob sie mir verrate, wer da mein digitales Selbst an sich reißen will. „Wenn nicht den Namen, vielleicht das Geschlecht oder den Ort?“

Doch die Große Schwester ist verstummt. Tags drauf meldet sich eine PR-Agentur, „im Auftrag von Facebook“. Die PR-Agentur hat ein paar belanglose Standardsätze aus den Facebook-AGB in die E-Mail kopiert, teils auf Englisch. Jenes Material dürfe ich jederzeit zitieren, aber bitte ohne die PR-Agentur zu erwähnen. „Gerne können Sie die Aussagen allgemein einem Facebook-Sprecher zuordnen.“

Noch am selben Tag wird mein Profil wieder freigeschaltet. Die Hijackerin ist gelöscht. Ich überlege, was ich jetzt in meine Statuszeile schreiben könnte, und entscheide mich für das Wort „Verbrecherverein!“. Ich sehe fünf ungelesene E-Mails. Nehme zwei neue Freunde auf. Poste ein Video, was sonst. Und tue vor mir selber so, als freute ich mich kein bisschen, dass ich wieder da bin.

Die Vinylista spricht

Foto (C): dontparty.co.za

“Wie viele Leute, die auf gute Musik stehen, habe ich schon mein ganzes Leben lang in Archiven herumgewühlt. Ich hatte nie das Gefühl, in eine vergangene Ära einzutauchen. (…) Auch wenn Vinyl immer weniger alltäglich wird, wirkt es noch sehr lebendig. Je weiter wir uns in eine digitale Welt bewegen, umso mehr braucht man physische Dinge, die einen glücklich machen” – sagt der britische Filmemacher, Grafiker und Schallplatten-Liebhaber Jony Lyle. Einen 90minütigen Film hat er über das Vinyl gedreht, über dessen Hersteller, Verkäufer, Sammler, Gestalter, Anhänger. To Have & to hold heißt das Werk, das “im Laufe des Jahres” in die Kinos kommen soll. So berichtet es jedenfalls das Magazin für elektronische Musik und Clubkultur GROOVE in seiner aktuellen Ausgabe. (Aus GROOVE stammt auch der Interview-Auszug.) Einen immerhin acht Minuten langen Film-Trailer gibt’s hier zu sehen. Und Ich-Ich-Ich werde zahlender Gast sein, sobald sich ein Kino in meiner Umgebung bereit erklärt, den Film zu zeigen.

Gekauft habe ich GROOVE einmal wieder (zum ersten Mal seit etwa 58 Jahren) wegen der Titelschlagzeile “Generation Vinyl” – und erfreulicherweise geht es weder im Magazin, noch offenbar im Film To Have & to hold um eine Retro-Nostalgie im klaustrophobischen Sinne – also nicht um einen bestimmten geschlossenen Stil-Kosmos, wie Spartensammler ihn natürlich gern betreiben (etwa “Sixties-Nazis”, “Bossanova-Junkies” oder andere) – sondern, Genre-übergreifend, eher um den Stoff, das Material, den Gegenstand “Schallplatte”, Haptik, Optik, und so weiter. Und um die identitätsstiftende Wirkung des Mediums. “It’s the soundtrack of my life”, sagt jemand im Film – was sehr, sehr abgedroschen klingt, aber ja doch wahr ist für jede(n) Sammler(in). Eine blonde Vinylista von vielleicht 45 oder 50 Jahren sagt: “The records are my children.” Das alte Nick-Hornby-Ding eben – und doch bin ich immer wieder aufs Neue gerührt, interessiert und … etwas erschüttert. Denn “die Schallplatte” als solche erzählt einer 40-Jährigen (wie mir) eben schon auch übers Älterwerden.

Ja: Manchmal erscheint es mir noch immer merkwürdig, dass die Schallplatte als Ding tatsächlich jenen unwiderruflichen Exoten-Status erreicht hat – dass Sonderhefte dazu produziert und Filme darüber gedreht werden. Ich bin eben damit aufgewachsen. Und ich weiß natürlich, dass die gesamt-menschliche Ingenieursleistung längst schon drei Folge-Medien hervorgebracht hat, das Tonband, die CD und den/das mp3-file. Aber, bitte: Was soll ein Mensch mit einem Medium, über dessen grammatikalisches Geschlecht er/sie sich nicht einmal sicher ist? “Demokratisierung der Produktionsmittel und Vertriebswege” – ja, ja – schon gut – ich spreche hier ja aber als Konsumentin, nicht als Produzentin, ich spreche als Fetischistin.

Oft ruft der Besitz und Gebrauch von Schallplatten, gerade im privaten, häuslichen Bereich, heute ja tatsächlich Verwunderung hervor – vor allem, weil Du doch eine Frau bist – und noch nicht einmal DJane. Das große Missverständnis, jedenfalls was meine bescheidene Plattensammlung angeht: Es handelt sich keineswegs um ein “Statement”, eine bestimmte populärkulturelle “Strategie” oder gar “Stil-Aussage” – ich bin da einfach stecken geblieben. Ich liebe das 30x30cm-Cover-Format und den Charme der kleinen Schwarzen, die auf 45 Umdrehungen in der Minute laufen. Daran hat sich seit meinem siebten Lebensjahr schlicht nichts geändert. Es macht mir nichts, wenn eine Hülle ein wenig verknickert, verkritzelt oder fleckig ist, auch nicht, wenn der Sound spratzt und knistert, zum “Musikhören” gehört für mich die Tätigkeit des “Auflegens” dazu, auch zu Hause: Scheibe aus der Papier-Innen-Hülle gleiten lassen, auf den Teller legen, eventuell den Staub abnehmen, den Tornarm drauf setzen und so weiter. Der Vorgang ist ein Element des Genießens (der Rezeption), es ist gekoppelt bei mir, ganz tief unten, im dunklen Innendrin, sozusagen habituell aufs Engste verknotet.

“Hast Du gar keine CDs?”, fragen Erstbesucher meiner Wohnung manchmal. Dann sage ich “doch” und öffne die Schiebetür eines Sideboards, das vollgestopft ist mit öden Silberlingen in hässlich leichtgewichtigen Plastikhüllen, es sind ebenfalls mehrere Hundert Exemplare – sie lagern unsortiert, kreuz und quer und weitgehend unbeachtet in dem Möbel, ich mag mich einfach nicht weiter mit ihnen befassen. Und auch, wenn die CD ja erst in den 90ern ihren Durchbruch fand, so lautet einer meiner liebsten selbsterfundenen Alltags-Sätze: CDs sind voll Achtziger. In GROOVE ist an anderer Stelle lustigerweise ein früherer Frankfurter Kumpel aus den späten 80ern/frühen 90ern erwähnt, Daniel Haaksman, Produzent, DJ und Gründer des Labels Man Recordings - und es heißt über ihn: “Obwohl er mittlerweile mit CDs auflegt, hat er sich von seinen etwa 5000 Alben und Maxis bisher nicht trennen wollen.”

Aktuell schüttelt mich schon die Vorfreude. Demnächst werde ich nämlich wieder einmal das größte Dorf besuchen, das dieses Land zu bieten hat, und dort meinen supergeheimen Extrem-Schallplatten-Laden im Westen der Stadt aufsuchen und sicher wieder deutlich zu viel Geld für sehr seltsame Aufnahmen ausgeben. Dass Schallplatten nicht zwingend die bessere Musik liefern, ist klar. Man sieht es an der Scheibe auf dem Foto hier unten, die ich vergangenen Samstag hier in Hamburg auf dem Flohmarkt zum absolut fairen Preis von 50 Cent erworben habe. Ich wollte sie immer haben, im Großformat, mit Originalcover und Pipapo.

Psycho-Profiling – ein Selbstversuch

Akte “Ich”

Erschienen in PETRA 2010

Mit Psycho-Methoden wie aus TV-Krimis durchleuchten Arbeitgeber heute ihre Angestellten. Katja Kullmann ließ sich einmal von einer Job-Profilerin analysieren – und stutzte.

Natürlich komme ich zu spät. Murphys Gesetz. Zwar bloß 15 Minuten – aber so abgehetzt, wie ich in den Konferenzraum platze, vor Scham schwitzend, schwer keuchend, sehe ich mich sofort enttarnt, komplett durchschaut: eine Versagerin, Verliererin, Träumerin – was für eine Null! Tja: Zwei, drei Mal im Monat geschieht es eben, dass ich verschlafe oder „rote Welle“ bei allen Fußgängerampeln habe. In der Redaktion kennt man das schon, die Chefin hat das Schimpfen aufgegeben. Heute ist es jedoch wirklich schlimm. Denn heute bin ich mit einer Profilerin verabredet.

Sie wissen nicht, was eine Profilerin ist? Stellen Sie sich eine Mischung aus Kriminalkommissarin und gestrenger Psychologin vor. Jemanden, dem Sie nichts vormachen können und der Sie bis auf die Knochen durchanalysiert. Auf VOX lief einst die US-Krimi-Serie „Profiler“. Und auch Jodie Foster wendete als FBI-Ermittlerin in „Das Schweigen der Lämmer“ Profiling-Methoden an, um dem Serienmörder Hannibal Lecter auf die Spur zu kommen. Aus Bewegungsmustern, handschriftlichen Spuren und anderen Fundstücken basteln die Spezialermittler Täterprofile. Nicht für die Polizei, sondern im Dienst der freien Marktwirtschaft arbeitet Top-Profilerin Suzanne Grieger-Langer. Ursprünglich eine rein kriminalistische Methode, werden Profiling-Techniken nun nämlich auch in der Arbeitswelt angewandt. Gut 50 Prozent britischer und skandinavischer Arbeitgeber lassen Bewerbungsunterlagen nach dem Ermittlungs-Prinzip durchleuchten – meist, ohne dass der Betroffene davon weiß. In Deutschland greifen Schätzungen zufolge schon zehn Prozent der Firmen auf Krimi-Methoden zurück, Tendenz steigend. Sie beauftragen Experten wie Grieger-Langer mit einem Psychogramm des oder der Job-Suchenden.

Was verraten meine arglos herausgegebenen Daten wirklich über mich? Und: Wäre es mir recht, wenn fremde Menschen Faktor X und Tatsache Y über mich erführen? Tapfer stelle ich mich einem Selbstversuch und melde mich bei der Expertin an. Wie verlangt, sende ich ein Foto ein, nenne mein Geburtsdatum – und gebe meinen Namen zum Googeln frei. Ich erwarte ein unbestechliches Spiegelbild, einen erleuchtenden Blick auf meine Performance als Weltbürgerin, Frau und Arbeitskraft, ein Gesamt-Zeugnis für mich als Mensch. Kurz: Ich rechne mit dem Schlimmsten.

„Schön, dass Sie auch noch erschienen sind, Frau Kullmann“, begrüßt mich die Profilerin nachsichtig lächelnd, als ich mich kleinlaut auf meinen Platz schleiche. Vorwurfsvoll blitzen mich die rund 20 (pünktlich erschienenen!) Teilnehmerinnen an, gestandene Chefsekretärin nen und Marketingfrauen. Fast möchte ich rufen: „Glotzt nicht so! Ich habe andere Talente. Mit dem rechten Ohr wackeln. Nur zum Beispiel.“ Mittlerweile ist das „Profiling“ tatsächlich auch von Einzelpersonen buchbar, zum Beispiel in einschlägigen Seminaren. Zwischen 250 und 1.000 Euro kostet die Analyse des eigenen (Bewerbungs-) Materials. „Es hilft zu wissen, welche Tätigkeit am erfüllendsten wäre, wie Sie sich im Beruf einbringen und ausleben können“, sagt Grieger-Langer. Etwas kritischer könnte man es auch so betrachten: Druck erzeugt Gegendruck. Während die einen Profiler im Auftrag von Firmen potenzielle Angestellte ausleuchten, helfen andere Profiler den Bewerbern, sich selbst möglichst gut zu präsentieren und etwaige Schwächen zu verschleiern. Ein wechselseitiger Spionage-Wahn – fast schon albern.

Ich weiß, dass die Expertin und ihr Team vor unserer Begegnung den Abstand meiner Augen, die Form meiner Ohrläppchen und den Wölbungsgrad meiner Stirn vermessen haben. Dass sie meine Unterschrift nach grafologischen Auffälligkeiten untersucht haben. Auch die Formulierungen in meiner Anmeldung wurden interpretiert, nach mir unbekannten Kriterien. Und meine Geburtsdaten brauchen die bloß durch ein gängiges Online-Astro-Programm zu jagen, um zu erfahren: Sternzeichen Krebs, Aszendent Skorpion – Wasserbetonung, „ein tiefgründiger Gefühlsmensch“.

Auf dem Fußboden in der Mitte des Seminarraums klebt der Umriss eines Hauses mit sechs Zimmern und einem Dach – mit sieben Feldern also, es ähnelt einem mit Kreide aufgemalten „Himmel und Hölle“-Kinderhüpfspiel. Die sieben „Räume“, vom Keller über die Belle Etage bis zum Dachboden, stünden für die sieben Persönlichkeitsbereiche, die jeder in sich trage, erklärt Grieger-Langer. Ich muss sagen: eine sehr sympathische, lebendige Person. Mit ihrem sportlichen Kurzhaarschnitt könnte man sie sich gut als „Tatort“-Ersatzbesetzung für Ulrike Folkerts vorstellen. Ganz unten, im „Keller“, befänden sich die Schattenbereiche, die andere nur selten zu Gesicht bekämen, erklärt sie, und ich notiere: „Achtung – Leichen im Keller!“ In der Belle Etage liegt die seelische Haustür samt Entree – wie man sich nach außen zeigt, sein Gegenüber empfängt. Dann noch das Wohnzimmer, der Bereich, in dem man sich rundum sicher fühlt. Und im Dachstübchen ganz oben hause das übergeordnete Talent, mit dem ein Mensch die darunterliegenden Eigenschaften auslebe. Das alles klingt spielerisch, und in den Gesichtern der Teilnehmerinnen lese ich, was auch in mir selbst vorgeht: „Wo wohnt wohl meine Warmherzigkeit?“ Oder: „Ich wette, es kommt heraus, dass ich ein Genie der Zwischenmenschlichkeit und des Wagemuts bin.“

Doch dann grätscht erst mal ein ziemlich wissenschaftlicher Tonfall in unsere Ego-Fantasien: „Psychogenetik“ lautet der Überbegriff für die Methode. Gearbeitet werde mit 50 Persönlichkeits- oder auch „Kompetenz-Clustern“, referiert Grieger-Langer. Diese Cluster hießen zum Beispiel „Tatkraft“, „Expansion“ oder „Emotionalität“. Jeder Mensch lebe nur sieben der 50 möglichen Cluster aus. Und diese sieben seien wiederum verteilt auf sieben Persönlichkeits-Areale – die „Zimmer“ im „Haus“. Atemlos schreibe ich mit: „Sieben Haupt-Cluster pro Mensch, in sieben Zimmern“ – und sehe mich im Grundkurs Mathe wieder, Jahrgangsstufe 12: Kullmann kommt kaum mit. Berechnet man alle möglichen Kombinationen aus sieben von 50 Clustern – verteilt auf sieben „Räume“ und auf unterschiedliche Ausprägungsgrade –, so ergeben sich 350 Millionen denkbare Varianten, höre ich. Anders ausgedrückt: Jedes Psycho-Profil kommt weltweit im Schnitt 19,5 Mal vor. „Das heißt“, sagt die Profilerin und macht eine Kunstpause, „das heißt also: Jede von uns hat, statistisch gesehen, 18,5 psycho-mentale Doppelgänger.“ Ein Raunen geht durch den Raum, und auch mir entfährt ein ungläubiges „Boah, echt?“ 18,5 Kullmann-Klone laufen irgendwo frei herum. Wie absolut unheimlich und erschreckend!

Ein Sparpotenzial in Milliardenhöhe ergäbe sich für die Unternehmen, wenn Arbeitnehmer „stärker entsprechend ihren Neigungen und Fähigkeiten eingesetzt werden“ – sagt Prof. Dr. Manfred Amelang von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Nach dieser Logik ist ein Angestellter vor allem Menschenmaterial, in das der Arbeitgeber investiert. Und diese Investition soll sich lohnen. Nicht nur das Profiling, auch andere „Auswahlverfahren“, die einiges Misstrauen erwecken und einen üblen Beigeschmack haben, sind beliebt. Zuletzt gerieten der Stuttgarter Autokonzern Daimler und der Hamburger Sender NDR mit Bluttests von Bewerbern in die Presse. Es gehe bloß um die gesundheitliche Eignung der Mitarbeiter, hieß es. Was ist mit den Persönlichkeitsrechten und dem Datenschutz, fragt man sich da unweigerlich. „Juristisch gesehen, geben Sie die Informationen mit Ihrer Bewerbungsmappe freiwillig heraus. Es obliegt dem Arbeitgeber, sich seinen Reim darauf zu machen“, so nüchtern erklärt es jedenfalls die Profilerin. Fest steht: Jede(r) Job-Bewerber(in) muss heute damit rechnen, einmal durch den Psycho-Scanner gejagt zu werden – Zeugnisse hin, Schulnoten her. Das gefällt mir nicht.

Ich möchte nicht als „Potenzial“ gesehen werden, auch nicht als fleißige Ameise. Das wird mir immer klarer, je länger ich zuhöre. Am Ende des Seminars werden die Analyse-Ergebnisse der Teilnehmerinnen präsentiert – und ich muss zugeben: Ich stutze. Denn mein stärkster Charakterzug sei eine „stark ausgeprägte Urteilskraft“, erfahre ich. Also doch ein Kopfmensch? Ja, sagt Grieger-Langer. Mein Seelen-Wohnzimmer sei mit „Kommunikation“ eingerichtet, auf dem Dachboden lagere meine „Kreativität“. Und nach außen träte ich als „Machtmensch“ auf. Ich? Ausgerechnet ich superzartes, niedliches, nachgerade liebliches Geschöpf?

„Alles in allem sind Sie ein extremer Typus“, fügt die Profilerin noch hinzu – und ich überschlage, was ich mit dieser Nachricht anfangen soll. Urteilskraft, Kommunikation, ein starkes Macht-Bedürfnis – alles in extremer Ausprägung: Hochgerechnet auf die kriminelle Branche, stünde einer Karriere in den Bereichen Anlagebetrug, Erpressung und Heiratsschwindel nichts entgegen.