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Alice Schwarzer – eine Würdigung

Die Heldin mit dem Monopol

Erschienen 2002 in der taz anlässlich Alice Schwarzers 60. Geburtstags

Als Elvis Presley im August 1977 starb, hatte mein Vater Tränen in den Augen, und ich war sieben Jahre alt. Bald darauf entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, und meine Eltern versuchten mir zu erklären, was das zu bedeuten hat. Im selben Jahr erschien die erste Emma. Ungefähr in dieser Zeit muss ich das Wort “Emanzipation” aufgeschnappt haben. Es klang interessant, denn es gehörte in die Erwachsenenwelt, so wie die Begriffe “Notstandsgesetze” und “Ölkrise”, unter denen ich mir lange Zeit nichts vorstellen konnte. Das Wort “Emanzipation” war auf Anhieb plastischer: Es ging um Frauen, die nicht mehr putzen, kochen und Wäsche waschen wollten, so viel verstand ich. Und es gab ein Gesicht zum Wort: Alice Schwarzer.

Schwarzer war damals öfters im Fernsehen zu sehen, sie diskutierte mit Männern, die rauchten, sie sprach sehr viel und schnell, und immer wenn im privaten Rahmen ihr Name fiel, schmunzelten die Erwachsenen seltsam, Männer wie Frauen. Stets war da dieses belustigte bis verschwörerische Grinsen. Irgendwie war es ja auch zu komisch. Ich kannte damals in den Siebzigern nur Mütter, die genau das taten, was Alice Schwarzer offenbar verbieten wollte, vom Putzen bis zum Popoabwischen. Ich kannte keinen Vater, der das alles tat.

Heute, exakt ein Vierteljahrhundert später, wird Alice Schwarzer 60, ich bin 32, und noch immer ist mir kein Mann begegnet, der sich der Hausarbeit im Hauptberuf verpflichtet hat. Bekannt sind mir dagegen zig junge Frauen, die doppelt und dreifach belastet zwischen Büro und Kinderzimmer hin und her hetzen und trotz guter Ausbildung und festen Willens auf den unteren Hierarchieebenen hängen bleiben; oder solche, die Fortpflanzung und Partnerschaft lieber verschieben beziehungsweise dankend abwinken. Derweil turnen ausgestopfte Luder durch die Öffentlichkeit und schürzen ihre allzeit bereiten “Leck mich”-Lippen. Das alles hat zu tun mit dem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein der “Frau von heute”, die lieber bonbonfarbene “Zicken”-T-Shirts trägt als lila Latzhosen und lieber Cosmopolitan liest als Emma.

Fast scheint das Schmunzeln über Schwarzer berechtigt zu sein. Wie ein Kuriosum aus längst vergangenen Zeiten wirkt sie inmitten der silikonhügeligen, fiebrig-flexiblen Landschaft. Wer für Schwarzer schwärmt, tut dies besser heimlich. Anachronistisch erschien schon ihre PorNO!-Kampagne in den 80er-Jahren, rührend altmodisch wirkt ihr stets aufs Neue vorgebrachter Appell, auf stöckeliges Schuhwerk zu verzichten, weil Stilettos den Beckenboden senken und die Frau am Wegrennen hindern, wenn ein Vergewaltiger hinter ihr her ist. Da spricht die Mutter zur Tochter, ach was, die Großmutter spricht zur Enkelin, könnte man meinen. Und die Enkelin winkt ab, denn es muss ja weitergehen mit der Geschichte. Sie will Stilettos tragen und trotzdem stark sein dürfen und ernst genommen werden. Einige kriegen das ja auch hin. Was will dann eigentlich so eine wie Schwarzer, die sich herausnimmt, “für alle” zu sprechen, wo sich die postmoderne Frau doch längst als freigesetztes Individuum begreift?

Viele Schwarzer-Sätze enthalten Formulierungen wie: “Drei von vier Frauen meinen ” Immer wieder bemüht sie die Statistik, um den Einzelfall im Licht der Gesamtheit zu sehen. So hält es auch die Emma. In anderen so genannten Frauenzeitschriften geht es eher um die Kunst der individuellen work life balance, das liest sich natürlich leichter. Wut über die Verhältnisse ist anstrengender als Entertainment, und mit dem Mobilitätsdruck und der Altersvorsorge hat man schließlich schon genug um die Ohren. Auch deshalb taugt Alice Schwarzer nicht zur Heldin.

Dabei könnte sie genau das sein: eine Heldin. Warum eigentlich nicht? Heldentum ist ein genügsames Ding, es braucht nicht viel dafür, und es wird sowieso sehr schlampig umgegangen mit diesem Begriff. Gert Müller zum Beispiel gilt als Held, weil er vor 30 Jahren ein paar entscheidende Tore schoss. Joschka Fischer hat das Zeug zum Helden oder wenigstens zum Antihelden, weil er sich vom Straßenkämpfer zum Außenminister wandelte.

Alice Schwarzer hingegen ist eine Frau. Sie hat jahrelang gegen den Paragrafen 218 gekämpft, weshalb die nachfolgende Generation nach einer Abtreibung kein Verbluten und keinen Prozess mehr befürchten muss. Sie hat mit ihrem 1975 erschienenen Buch “Der Kleine Unterschied” am patriarchalisch geprägten Privatleben von Millionen Frauen gerührt. Sie hat – vergeblich – den Stern wegen frauenfeindlicher Titelbilder verklagt. Alice Schwarzer hat all das getan in einem Land, in dem der Ehemann seiner Ehefrau den Job verbieten konnte, und zwar bis 1976, zu dem Jahr meiner Einschulung. Schwarzer prangerte die frauenfeindliche Praxis des Scharia-Rechts in islamischen Ländern schon an, während andere noch gar nicht sicher waren, ob das politisch korrekt ist. Alice Schwarzer ist eine Frau. Hätte sie Tore geschossen, wäre sie auch eine Heldin. Vorausgesetzt natürlich, Frauenfußball hätte jemals interessiert.

Das Aufeinandertreffen von Alice Schwarzer und Verona Feldbusch in der viel besprochenen “Johannes B. Kerner Show” im Juni 2001 – von Bild angekündigt als Duell zwischen Geist und Körper – geriet zum schmerzhaften Aneinandervorbeireden. Feldbusch wurde aggressiv, Schwarzer zynisch. Der Spiegel schrieb danach ironisch vom “Punktsieg für Pumps”. Aufschlussreich am Schwarzer-Feldbusch-Treff war vor allen Dingen eines: Es ist dem Kerner-Stab offenbar niemand Besseres als Feldbusch eingefallen. Aber wer wüsste schon eine, die als ernst zu nehmende Sparringspartnerin taugte, auf Anhieb, meine ich? Feldbusch sollte in der TV-Dramaturgie die Rolle der aufmüpfigen Epigonin übernehmen und äußerte erwartungsgemäß nur Quatsch mit Soße.

Es gibt im Grunde keinen Anlass zur Verklärung. Weder war Alice Schwarzer jemals aktiv in der Politik, noch hat sie irgendjemands Schwanz abgeschnitten oder im Knast gesessen. Sie hat das Bundesverdienstkreuz erhalten, was Skepsis durchaus rechtfertigen könnte, und das Illegalste, was ihre Biografie hergibt, ist eine Verwarnung der Kölner Verkehrsbetriebe wegen Schwarzfahrens. Schwarzer ist Journalistin, Buchautorin, Verlegerin, nicht mehr und nicht weniger. Sie macht als Publizistin Werbung für die Sache der Frau, unermüdlich und auf hohem agitatorischem Niveau. Sie verdient damit gutes Geld. Sie ist etabliert und hat stets mit dem Promi-Status geflirtet. Und sie hat für vieles und viele den Kopf hinhalten müssen.

Heute werden die Zeitungen wieder einmal voll von Schwarzer-Porträts sein, und nicht wenige Schreiber werden sich in Hohn und Häme versuchen, wofür in Porträts über männliche Jubilare nur selten Platz ist. Auch diese Zeitung hat ihre Probleme mit Frau Schwarzer. Die Bild schrieb einst von “Miss Hängetitt”, die taz vom “feministischen Funkenmariechen”. Zum Weltfrauentag 1996 durften ehemalige Emma-Mitarbeiterinnen hier unter der Überschrift “Retten Sie sich vor Alice” verbreiten, wie herrisch Frau Schwarzer sich mitunter benimmt. Noch nie habe ich in der taz oder sonstwo einen Exmitarbeiter von Ron Sommer, Friedrich Küppersbusch, Gerhard Schröder oder einem anderen Herrn entdeckt, der namentlich zitiert über seinen Exchef lästert. Bei Alice Schwarzer hingegen lässt man Fünfe gerade sein und schickt noch eins hinterher. Ein “borniertes Bewegungsblatt” sei die Emma, weiter nichts.

Ja, es wäre wirklich toll, wenn es neben der Emma noch andere Magazine gäbe, die Frauen nicht nur als Konsumentinnen-Zielgruppe behandeln, und wenn es neben Schwarzer noch andere gäbe, die die Ungerechtigkeit und die Gefahr des Backlash mit solcher Ausdauer thematisierten. Es wäre prima, wenn es verschiedene Stimmen, Tonfälle, Dialekte gäbe, die die Idee des Feminismus weitertragen, nicht nur den Schwarzer-Tenor. Mag sein, dass Schwarzer die Boxhandschuhe angezogen hat, um sich den Platz zu erkämpfen, den sie heute hat. Schade, dass andere Frauen sie zur Monopolistin werden ließen und nicht ebenso kampflustig in den Ring stiegen. Gäbe es viele verschiedene Vorstreiterinnen, die sich Gehör verschafft hätten wie Schwarzer und auch die Niederungen der Massenmedien nicht gescheut hätten, könnte jede junge Frau sich heute eine aussuchen und wäre empathischer an die Zeitgeschichte angebunden. Und würde vielleicht lautstark protestieren, wenn die Chancengleichheit rücklings wieder bedroht ist.

Alice Schwarzer wird heute 60. Es gibt nur eine, und es sei ihr gratuliert.

Wütender wohnen


♫ Hans Unstern, remixed von Viktor Marek: Be my parachute

Neulich habe ich etwas entdeckt: die Yuppies gegen Gentrification, kurz YGG. Es handelt sich um eine (spaßpolitische Internet-)Kampagne, die ihre Wurzeln im Hamburger Sigmund-Lachs-Institut für Nuklearakrobatik hat.  Auf der YGG-Internetseite kann man eine ganze Serie von Fotos und Slogans bestaunen, wie das obige von  “Finn, 25, Mediendesigner”. Nicht alle Motive bestechen mit Subtilität, manche kommen eher holzhammer-ironisch daher. Interessant finde ich es dennoch, beschäftigte ich mich doch seit Jahren mit besagten Themenfeldern – so genannten Yuppies, so genannter Gentrification und wer wo wie und warum wohl was genau dazu sagt.

“Was ist noch mal Gentrification?” Ein pfiffiger Mensch (ich vergaß, wer) hat es einmal ungefähr so umschrieben: “Spätestens wenn der dritte Laden für Filz-Design in Deiner Nachbarschaft aufmacht, ist es Zeit zu gehen.”  Vergessen wird manchmal, dass es für andere Menschen, die Ur-Uranwohner, dann schon viel früher “Zeit gewesen ist”, meist schon mit dem ersten Zipfelmützenshop. Ziemlich klug erklärt es der Hamburger Journalist Christoph Twickel in seinem Buch Gentrifidingsbums. Oder: Eine Stadt für alle.

Einen interessanten Blog-Beitrag zum Thema hat unlängst Dummy-Herausgeber Oliver Gehrs veröffentlicht, Titel: Vom Argwohn gegenüber der eigenen Saturiertheit. Ähnliches ging mir 2009 durch den Kopf, als ich gerade von Berlin nach Hamburg gezogen war, in den – so sagt man hier – hardcore-gentrifizierten Stadtteil Altona-Ottensen. Ungefähr das Folgende  hatte ich damals (in meinem leider abgestürzten Vorläufer-Blog) notiert: “Ich hoffe wirklich, dass nicht noch mehr Leute von meiner Sorte hierherziehen. Allerhöchstens noch ungefähr 14, vielleicht.” Ebendies ist ein gewisser Grundschmerz, um den auch Oliver Gehrs’ Überlegungen kreisen.

Der wohl berühmteste einheimische Schnellkochtopf der Gentrifizierung liegt natürlich an der Kastanienallee am Prenzlauer Berg in Berlin. Derzeit brodelt es dort besonders wütend, links und rechts der Straße. Zahlreiche Anwohner wehren sich gegen eine soeben gestartete verkehrsbezogene Sanierung – in Erwartung eines weiteren “Aufwertungs”-Schubs. (Es geht unter anderem um neue Parkbuchten und Radwege – die die Anwohner verhindern wollen – womöglich geht es also auch um so called Wutbürgertum.)  In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtete Tobias Rüther vor einigen Wochen, ein “Schlichter” sei für den Fall bestellt worden, und der heiße tatsächlich “Heiner” mit Vornamen. (Leider ist der Text online nicht verfügbar). Recht hämisch äußerte sich der örtliche (grüne) Bezirksstadtdrat Jens-Holger Kirchner in dem Artikel, er sagte: “Die Leute leben in Designerwohnungen, 150 Quadratmeter abgezogene  Dielen, aber die Straße vor dem Fenster soll schön verranzt aussehen.” Die Allee ganz gut kennend, mittlerweile aber von fern behaupte ich: Der Protest kann tatsächlich nur symbolischen Charakter haben – das Areal ist bekanntermaßen weitgehend verloren.  Für das Schlagwort “Casting Allee” sind mir inzwischen übrigens drei angebliche Urheber(innen) bekannt: 1) Ein selbstbewusster Privatkumpel, der von sich behauptet, er habe es schon 1999 erfunden 2.) Kerstin Grether 3.) die Betreiber des Café 103 an der Ecke Kastanienallee/Zionskirchstraße (< so schreibt es Peter Richter in diesem Buch).

Um eine etwas anders gelagerte “Aufwertung” handelt es sich bei den Vorgängen rund um die Zürcher Langstraße. Durch diese Eiterbeule fließt Blut heißt eine Reportage, die ich 2008 für die dpa geschrieben habe – über das von Künstlern invadierte Junkie- und Huren-Areal der heimlichen Hauptstadt der Schweiz. (Später hat man hat mir erklärt, dass das biologisch-medizinisch unmöglich ist: ein Blutfluss durch einen Eiter, dass es eine völlig schiefe Metapher sei.) Ob die Langstraßen-Geschichte jetzt, zwei, drei Jahre später, in Tonfall oder Gestaltung anders ausfallen würde … ? Möglich wär’s.

Erstmals sprangen die “Yuppies gegen Gentrification” mir übrigens ein paar Tage vor Weihnachten in den Blick, bei der Operation Pudel Gala, einer feierlichen Festveranstaltung zum 21jährigen Bestehen des Golden Pudel Club. Dort hatten die zornigen Yuppies ein Transparent aufgehängt, das mich unmittelbar in seinen Bann zog, mittlerweile hat die taz über die YGG berichtet. Auf nämlicher Gala habe ich auch die jüngste Pudel-Productions-Compilation, “Operation Pudel 2010″, erworben, die bei Staatsakt erschienen ist, mit dem Schwerpunkt auf Electronica – und von der der oben eingeblendete Track stammt. (Eigentlich sage ich ja immer noch “das Lied” statt Track, wohlwissend, dass man von mir erwartet, dass ich es mir endlich abgewöhne.)