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ECHTLEBEN in Dresden

Donnerstag, 17. November, 19 Uhr: ECHTLEBEN-Lesung beim CYNETART Festival for computer based Art im Festspielhaus Hellerau / Trans-Media-Akademie Hellerau, Karl-Liebknecht-Strasse 56, 01109 Dresden.

Die Vinylista spricht

Foto (C): dontparty.co.za

“Wie viele Leute, die auf gute Musik stehen, habe ich schon mein ganzes Leben lang in Archiven herumgewühlt. Ich hatte nie das Gefühl, in eine vergangene Ära einzutauchen. (…) Auch wenn Vinyl immer weniger alltäglich wird, wirkt es noch sehr lebendig. Je weiter wir uns in eine digitale Welt bewegen, umso mehr braucht man physische Dinge, die einen glücklich machen” – sagt der britische Filmemacher, Grafiker und Schallplatten-Liebhaber Jony Lyle. Einen 90minütigen Film hat er über das Vinyl gedreht, über dessen Hersteller, Verkäufer, Sammler, Gestalter, Anhänger. To Have & to hold heißt das Werk, das “im Laufe des Jahres” in die Kinos kommen soll. So berichtet es jedenfalls das Magazin für elektronische Musik und Clubkultur GROOVE in seiner aktuellen Ausgabe. (Aus GROOVE stammt auch der Interview-Auszug.) Einen immerhin acht Minuten langen Film-Trailer gibt’s hier zu sehen. Und Ich-Ich-Ich werde zahlender Gast sein, sobald sich ein Kino in meiner Umgebung bereit erklärt, den Film zu zeigen.

Gekauft habe ich GROOVE einmal wieder (zum ersten Mal seit etwa 58 Jahren) wegen der Titelschlagzeile “Generation Vinyl” – und erfreulicherweise geht es weder im Magazin, noch offenbar im Film To Have & to hold um eine Retro-Nostalgie im klaustrophobischen Sinne – also nicht um einen bestimmten geschlossenen Stil-Kosmos, wie Spartensammler ihn natürlich gern betreiben (etwa “Sixties-Nazis”, “Bossanova-Junkies” oder andere) – sondern, Genre-übergreifend, eher um den Stoff, das Material, den Gegenstand “Schallplatte”, Haptik, Optik, und so weiter. Und um die identitätsstiftende Wirkung des Mediums. “It’s the soundtrack of my life”, sagt jemand im Film – was sehr, sehr abgedroschen klingt, aber ja doch wahr ist für jede(n) Sammler(in). Eine blonde Vinylista von vielleicht 45 oder 50 Jahren sagt: “The records are my children.” Das alte Nick-Hornby-Ding eben – und doch bin ich immer wieder aufs Neue gerührt, interessiert und … etwas erschüttert. Denn “die Schallplatte” als solche erzählt einer 40-Jährigen (wie mir) eben schon auch übers Älterwerden.

Ja: Manchmal erscheint es mir noch immer merkwürdig, dass die Schallplatte als Ding tatsächlich jenen unwiderruflichen Exoten-Status erreicht hat – dass Sonderhefte dazu produziert und Filme darüber gedreht werden. Ich bin eben damit aufgewachsen. Und ich weiß natürlich, dass die gesamt-menschliche Ingenieursleistung längst schon drei Folge-Medien hervorgebracht hat, das Tonband, die CD und den/das mp3-file. Aber, bitte: Was soll ein Mensch mit einem Medium, über dessen grammatikalisches Geschlecht er/sie sich nicht einmal sicher ist? “Demokratisierung der Produktionsmittel und Vertriebswege” – ja, ja – schon gut – ich spreche hier ja aber als Konsumentin, nicht als Produzentin, ich spreche als Fetischistin.

Oft ruft der Besitz und Gebrauch von Schallplatten, gerade im privaten, häuslichen Bereich, heute ja tatsächlich Verwunderung hervor – vor allem, weil Du doch eine Frau bist – und noch nicht einmal DJane. Das große Missverständnis, jedenfalls was meine bescheidene Plattensammlung angeht: Es handelt sich keineswegs um ein “Statement”, eine bestimmte populärkulturelle “Strategie” oder gar “Stil-Aussage” – ich bin da einfach stecken geblieben. Ich liebe das 30x30cm-Cover-Format und den Charme der kleinen Schwarzen, die auf 45 Umdrehungen in der Minute laufen. Daran hat sich seit meinem siebten Lebensjahr schlicht nichts geändert. Es macht mir nichts, wenn eine Hülle ein wenig verknickert, verkritzelt oder fleckig ist, auch nicht, wenn der Sound spratzt und knistert, zum “Musikhören” gehört für mich die Tätigkeit des “Auflegens” dazu, auch zu Hause: Scheibe aus der Papier-Innen-Hülle gleiten lassen, auf den Teller legen, eventuell den Staub abnehmen, den Tornarm drauf setzen und so weiter. Der Vorgang ist ein Element des Genießens (der Rezeption), es ist gekoppelt bei mir, ganz tief unten, im dunklen Innendrin, sozusagen habituell aufs Engste verknotet.

“Hast Du gar keine CDs?”, fragen Erstbesucher meiner Wohnung manchmal. Dann sage ich “doch” und öffne die Schiebetür eines Sideboards, das vollgestopft ist mit öden Silberlingen in hässlich leichtgewichtigen Plastikhüllen, es sind ebenfalls mehrere Hundert Exemplare – sie lagern unsortiert, kreuz und quer und weitgehend unbeachtet in dem Möbel, ich mag mich einfach nicht weiter mit ihnen befassen. Und auch, wenn die CD ja erst in den 90ern ihren Durchbruch fand, so lautet einer meiner liebsten selbsterfundenen Alltags-Sätze: CDs sind voll Achtziger. In GROOVE ist an anderer Stelle lustigerweise ein früherer Frankfurter Kumpel aus den späten 80ern/frühen 90ern erwähnt, Daniel Haaksman, Produzent, DJ und Gründer des Labels Man Recordings - und es heißt über ihn: “Obwohl er mittlerweile mit CDs auflegt, hat er sich von seinen etwa 5000 Alben und Maxis bisher nicht trennen wollen.”

Aktuell schüttelt mich schon die Vorfreude. Demnächst werde ich nämlich wieder einmal das größte Dorf besuchen, das dieses Land zu bieten hat, und dort meinen supergeheimen Extrem-Schallplatten-Laden im Westen der Stadt aufsuchen und sicher wieder deutlich zu viel Geld für sehr seltsame Aufnahmen ausgeben. Dass Schallplatten nicht zwingend die bessere Musik liefern, ist klar. Man sieht es an der Scheibe auf dem Foto hier unten, die ich vergangenen Samstag hier in Hamburg auf dem Flohmarkt zum absolut fairen Preis von 50 Cent erworben habe. Ich wollte sie immer haben, im Großformat, mit Originalcover und Pipapo.

Elektro-Frauen Teil 1:
Techno-Ahnin Delia Derbyshire

Nach einiger Zeit und zufällig bin ich wieder einmal auf Delia Derbyshire (1937 – 2001) gestoßen – die britische “Godmother of Electronic Dance Music”, wie die TIMES einmal schrieb. Sie war eine Pionierin des analogen Synthesizersounds und anderer klangtechnischer Experimente, außerdem – und das trifft bekanntermaßen auf fast alle Frauen in fast allen Sparten der Musik zu – eine der ganz wenigen weiblichen anerkannten Größen in jenem Genre. Im Video oben erklärt sie Mitte der 60er Jahre, wie sie arbeitet. Nach einem Studium der Musik und Mathematik hatte sie sich Ende der 50er als Ton-Ingenieurin beim legendären Decca-Label beworben, war jedoch abgelehnt worden, mit der Begründung, Frauen würden für die Studios generell nicht eingestellt. Später stieß sie zum Radiophonic Workshop der BBC und entwickelte unter anderem die Musik für die Science Fiction Serie Dr. Who, die sich um einen Zeitreisenden dreht, einen so genannten Timelord. Im großen Delia Derbyshire-Archiv erfährt man (natürlich) alles über sie und kann sich auch einige Soundfiles anhören. Das Video direkt hier unten drunter ist unterlegt mit einem Stück aus Derbyshires “Electrosonic”-Aufnahmen von 1972. Schließlich folgt das berühmte “Dr. No”-Theme.

→ Hier geht’s zu Elektro-Frauen Teil 2