“This is a very competitive place.”
Ich war in Miami/Florida. Zum ersten Mal in den frühen 90ern, zum zweiten Mal jetzt. Man kann sagen: Ich bin gerade erst zurück. Miami ist sehr berechenbar. Eigentlich war es jetzt genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, nach all der Zeit, nach all den Bildern aus den Prominenten-, Starlet- und Glitzerfashion-Gazetten. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hat es mich etwas verstört. Also: der Ort, wie er so ist. Er ist nur partiell für Menschen gebaut, überwiegend doch für Autos. Die Häuser und Straßen haben mich mehr verstört als etwa die Strände oder das Klima. Zum Klima zum Beispiel lässt sich recht übersichtlich folgendes berichten: Steigst Du aus dem mitteleuropäisch temperierten Flugzeug auf ein Miami-er Rollfeld, macht es “boom”, Du läufst gegen einen feuchtwarmen Ge-gen-stand wie gegen eine schlierige Duschtrennwand aus leicht verschabtem Plexiglas der späten Siebziger Jahre. Die Luftfeuchtigkeit lag jetzt konstant zwischen 75 und 85 Prozent, die Temperaturen zwischen 74 ° und 90° Fahrenheit (roundabout 30 ° Celcius). Schnell gewöhnt man sich dran. Das an Wahnsinn grenzende Airconditioning überall ist hingegen die Pest. Interessante Menschen habe ich getroffen, etwa Mister Illinois, Vorname Chicago, also: Mister Chicago Illinois. Auch mit dem Medium Bianca schloss ich Bekanntschaft, sie dauerte ein halbstündiges wahrsagerisches Beratungsgespräch und kostete mich 50 $. Außerdem lernte ich Hector kennen, den ambitionierten Limousinenfahrer aus der Dominikanischen Republik, der Vater von sechs bis neun Kindern ist, so genau weiß er es auch nicht. Und schließlich und vor allem: Jill K., die Bassistin der Garagepunk-Band “Psycho Daisies”, die in den späten 80ern und 90ern auf der Sixties-Punk-Revival-Welle ein wenig mitschwammen, wie etwa die Stomachaches (<<< Stomach MOUTHS!!! Ein aufmerksamer Leser hat's verbessert - via Leserbrief, unten) und später die Creeps, beide aus Schweden. Damals war Jill noch nicht als Bandmitglied dabei, obwohl sie es längst schon hätte sein können. Mit Jills Auto, äh, cruisten wir ein wenig durch die Gegend. Das Auto ist fantastisch. Ein rotmetallicfarbener Ford Mustang (irgendwo unten sehen Sie auf einem Foto das grau-beige Armaturenbrett), ich schätze der Wagen stammt aus den mittleren 80ern. In jenem legendären Fabrikat (wenn es auch das falsche Baujahr hat) schaukelte Jill uns unter anderem nach Little Havanna, wo wir kubanische Dominospieler im Spätherbst deren Lebens beobachteten, und später brachte sie mich dazu, zwei "Lady cigars" zu kaufen. Etwa an die 14 Kurzgeschichten, 9 Reportagen und 2,5 Romane stecken insgesamt in dieser Reise, und natürlich eine Hölle von zivilisationskritischen, opulenzverwirrten, zutiefst alt-europäischen Gedanken. Doch aus verschiedenen Gründen darf und will ich an dieser Stelle nichts von den wirklich interessanten Dingen erzählen. Zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht, oder irgendwann andernorts, mal sehen. Ein paar Bilder hänge ich hier aber mal hin. Es ist nur eine kleine Auswahl von weit über 100 Fotos, die ich in knapp einer Woche schoss. Und - natürlich - spiele ich ein Miami-Lied. Zwar stammt es gar nicht aus Miami, zwar ist es weder besonders neu, noch besonders alt, schon gar nicht sonderlich originell. Es ist von 2002, es ist bloß eines dieser wummernden Unterleibslieder, von denen manche mir gefallen. Deshalb passt es zu Miami. Denn Miami ist tatsächlich ein ziemlich körperbetonter Ort, mehr oder weniger wohl das Mallorca der Vereinigten Staaten, und wie es für ein Mallorca üblich ist, hat es seine brutalen Plastik-, aber auch ein paar "schöne Ecken". Vor allem ist es und ist fast alles darin riesengroß, die Gebäude, die Portionen, das Meer. Sogar die Schaufensterpuppen haben fake boobs (auch das sehen Sie unten). Ein Freund sagte über den Ort – und er sagte es auf Englisch, obgleich Englisch weder seine, noch meine Muttersprache ist -, der Freund also sagte, während wir im Schatten einer Shopping Mall einige Stücke extrem überdekorierter Pizza aßen, er sagte über Miami: “This is a very competitive place.” Und damit ist das Wesentliche auch schon ausgesprochen.
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