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Katja Kullmann


Satzgranaten & Gerüchte

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    “This is a very competitive place.”

    June 18th, 2010 — 12:15am

    Ich war in Miami/Florida. Zum ersten Mal in den frühen 90ern, zum zweiten Mal jetzt. Man kann sagen: Ich bin gerade erst zurück. Miami ist sehr berechenbar. Eigentlich war es jetzt genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, nach all der Zeit, nach all den Bildern aus den Prominenten-, Starlet- und Glitzerfashion-Gazetten. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hat es mich etwas verstört. Also: der Ort, wie er so ist. Er ist nur partiell für Menschen gebaut, überwiegend doch für Autos. Die Häuser und Straßen haben mich mehr verstört als etwa die Strände oder das Klima. Zum Klima zum Beispiel lässt sich recht übersichtlich folgendes berichten: Steigst Du aus dem mitteleuropäisch temperierten Flugzeug auf ein Miami-er Rollfeld, macht es “boom”, Du läufst gegen einen feuchtwarmen Ge-gen-stand wie gegen eine schlierige Duschtrennwand aus leicht verschabtem Plexiglas der späten Siebziger Jahre. Die Luftfeuchtigkeit lag jetzt konstant zwischen 75 und 85 Prozent, die Temperaturen zwischen 74 ° und 90° Fahrenheit (roundabout 30 ° Celcius). Schnell gewöhnt man sich dran. Das an Wahnsinn grenzende Airconditioning überall ist hingegen die Pest. Interessante Menschen habe ich getroffen, etwa Mister Illinois, Vorname Chicago, also: Mister Chicago Illinois. Auch mit dem Medium Bianca schloss ich Bekanntschaft, sie dauerte ein halbstündiges wahrsagerisches Beratungsgespräch und kostete mich 50 $. Außerdem lernte ich Hector kennen, den ambitionierten Limousinenfahrer aus der Dominikanischen Republik, der Vater von sechs bis neun Kindern ist, so genau weiß er es auch nicht. Und schließlich und vor allem: Jill K., die Bassistin der Garagepunk-Band “Psycho Daisies”, die in den späten 80ern und 90ern auf der Sixties-Punk-Revival-Welle ein wenig mitschwammen, wie etwa die Stomachaches (<<< Stomach MOUTHS!!! Ein aufmerksamer Leser hat's verbessert - via Leserbrief, unten) und später die Creeps, beide aus Schweden. Damals war Jill noch nicht als Bandmitglied dabei, obwohl sie es längst schon hätte sein können. Mit Jills Auto, äh, cruisten wir ein wenig durch die Gegend. Das Auto ist fantastisch. Ein rotmetallicfarbener Ford Mustang (irgendwo unten sehen Sie auf einem Foto das grau-beige Armaturenbrett), ich schätze der Wagen stammt aus den mittleren 80ern. In jenem legendären Fabrikat (wenn es auch das falsche Baujahr hat) schaukelte Jill uns unter anderem nach Little Havanna, wo wir kubanische Dominospieler im Spätherbst deren Lebens beobachteten, und später brachte sie mich dazu, zwei "Lady cigars" zu kaufen. Etwa an die 14 Kurzgeschichten, 9 Reportagen und 2,5 Romane stecken insgesamt in dieser Reise, und natürlich eine Hölle von zivilisationskritischen, opulenzverwirrten, zutiefst alt-europäischen Gedanken. Doch aus verschiedenen Gründen darf und will ich an dieser Stelle nichts von den wirklich interessanten Dingen erzählen. Zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht, oder irgendwann andernorts, mal sehen. Ein paar Bilder hänge ich hier aber mal hin. Es ist nur eine kleine Auswahl von weit über 100 Fotos, die ich in knapp einer Woche schoss. Und - natürlich - spiele ich ein Miami-Lied. Zwar stammt es gar nicht aus Miami, zwar ist es weder besonders neu, noch besonders alt, schon gar nicht sonderlich originell. Es ist von 2002, es ist bloß eines dieser wummernden Unterleibslieder, von denen manche mir gefallen. Deshalb passt es zu Miami. Denn Miami ist tatsächlich ein ziemlich körperbetonter Ort, mehr oder weniger wohl das Mallorca der Vereinigten Staaten, und wie es für ein Mallorca üblich ist, hat es seine brutalen Plastik-, aber auch ein paar "schöne Ecken". Vor allem ist es und ist fast alles darin riesengroß, die Gebäude, die Portionen, das Meer. Sogar die Schaufensterpuppen haben fake boobs (auch das sehen Sie unten). Ein Freund sagte über den Ort – und er sagte es auf Englisch, obgleich Englisch weder seine, noch meine Muttersprache ist -, der Freund also sagte, während wir im Schatten einer Shopping Mall einige Stücke extrem überdekorierter Pizza aßen, er sagte über Miami: “This is a very competitive place.” Und damit ist das Wesentliche auch schon ausgesprochen.

    ♫ Tweet: Oops (oh my)

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    3 Leserbriefe | Euphorie im Alltag

    Menschen mit dem gewissen Extra
    Heute: Miranda July

    March 7th, 2010 — 8:40pm

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    Im Englischen klingt es besser: “that certain something”. Bei uns heißt es “das gewisse Etwas”. Doch neige ich dazu, versehentlich immer  “das gewisse Extra” zu sagen. Inzwischen ist “das gewisse Extra” eine eigenständige Rubrik, eine eigene Speicherabteilung in meinem Gehirn  Unter dem “gewissen Extra” verstehe ich eine Sache, ein Ding, ein Kunstwerk, eine fixe Idee, die/das jemand in die Welt gesetzt hat. Leben an sich ist eine Leistung. Eingesehen. Wenn en passant interessante, schöne, verstörende oder beflügelnde Sachen dabei anfallen und abfallen, dann haben wir es mit einem “gewissen Extra” zu tun. Capisce?

    Miranda July (geboren am 15. Februar 1974 in Vermont/USA) ist ein solcher Mensch mit gewissem Extra. Manche kennen sie vielleicht als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin des Films “Ich und Du und alle, die wir kennen”. Sie schreibt Kurzgeschichten und macht Kunstsachen, denkt sich spezielle Sätze aus, fotografiert die Sätze und/oder dreht Videos davon. Bei Wikipedia und anderswo findet sich eine Menge Material über sie, einen ganz unmittelbaren Eindruck gibt natürlich Miranda Julys Homepage. Achtung: Um die Homepage besichtigen zu können, müssen Sie ein geheimes Passwort eingeben. Ebendies macht Miranda July mir so sympathisch: Auch Sie hat, so scheint’s, ein Faible für Gerüchte und weiß, wie man sie nicht nur streut, sondern sogleich auch eine Fährte legt, die mal mehr, mal weniger sachte darauf hinweist, dass es nicht zwingend richtig ist, was gerade behauptet wird. Hier oben sehen sie eine Aufnahme von Julys Website, das selbe Buch in zwei Farben, in Gelb und in Pink. Das Foto ist Teil der persönlich von ihr gestalteten Werbekampagne für das Buch. (Ich wünschte, ich wäre auf diese Idee gekommen.) Auf Deutsch heißt es  “Zehn Wahrheiten” und ist 2008 im Diogenes Verlag erschienen. Julys Kurzgeschichten sind voll von “guten Stellen”, der ganze Short Story-Band ist eine einzige “gute Stelle”, und hier stelle ich Ihnen meine fünf liebsten guten Stellen vor:

    Diese Geschichte wird nicht sehr lang, das Erstaunliche an meinem Jahr in Belvedere ist nämlich, dass so gut wie nichts passierte.”
    (Aus: “Das Schwimmteam”)

    Im Allgemeinen mögen die Menschen einander nicht. Und das gilt auch für Freunde. Manchmal liege ich im Bett und überlege, an welchen meiner Freunde mir wirklich etwas liegt, und immer komme ich zum selben Schluss: an keinem. Ich hatte sie mir eigentlich als vorläufige Freunde gedacht, später sollten dann die echten Freunde kommen. Aber nein. Das sind meine echten Freunde. Es sind Menschen mit Berufen, die ihren Neigungen entsprechen. (…) Ich dachte immer, ich würde mich irgendwann mit einer Berufssängerin anfreunden. Einer Jazzsängerin. Eine beste Freundin, die Jazzsängerin und außerdem eine verwegene, aber verlässliche Autofahrerin war. Ich hatte mir eher sowas für mich ausgemalt.”
    (Aus “Der Mann auf der Treppe”)

    Wir hatten einmal Hallo in den Hexenkessel Welt hineingerufen und waren schnell weggerannt, ehe jemand antworten konnte.
    (Aus “Es war Romantik”)

    Es gab nichts auf der Welt, das kein Trick war, das verstand ich plötzlich.
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    “Ich hasste meinen Job, aber es gefiel mir, dass ich ihn machen konnte.”
    (Aus “Etwas, das nichts braucht”)

    Das Foto mit der Künstlerin selbst stammt übrigens von der Webseite der Universität von Berkeley/Kalifornien. Und für die Multimedialität, um das Gesamtpaket Miranda July rund zu machen, kommt hier noch ein vierminütiger Kurzfilm voller, nun ja, voller Intelligenz & Wärme, wie ich finde. “Are you the favourite person of anybody?”, heißt er, “Sind Sie jemandes Lieblingsmensch?”

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