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Klimawandel – Can you feel it?

Als ich vor einigen Wochen, am Samstag, dem 17. September, in Manhattan durch die Wall Street spazieren wollte, um als Touristin hier und da arglos ein paar Fotos zu machen – absichtlich samstags, wenn weniger los ist -, kam ich nicht durch. Gerade erst hatte ich den Ground Zero besucht und irgendwie abzulichten versucht, und einige Hundert Meter weiter … da ging es nicht weiter. Die berühmte Straße war abgesperrt, von fern waren ein paar Sprechchöre zu hören, ziemlich dünn, ein kleines Grüppchen, das sich irgendwo hinter einem der umliegenden Blocks versammelt hatte, offenbar um sich der sagenumwobenen Straße zu nähern, man konnte die Leute hören, aber niemand war vorerst zu sehen, nur eben diese Stimmchen waren zu vernehmen, und zwei, drei Polizisten in Hell- und Dunkelblau grinsten an den Absperrgittern zur Wall Street, die übersetzt ja praktisch Mauerstraße heißt. Ich fragte: “Was ist hier los, wieso kommt man nicht rein, in die weltberühmte Straße?” – “Wir haben eine Demonstration, die kommen gleich um die Ecke.” – “Worum geht es bei der Demonstration, wer protestiert da?” – “Naja … es geht wohl irgendwie um den Kapitalismus”, sagte einer der Cops, und seine zwei Kollegen lachten. “Aha”, sagte ich, und ich glaube, ich lachte auch ein wenig, weil die Cops eigentlich ganz sympathisch wirkten, und ein bisschen süß war es ja schon: an der Mauerstraße gegen den Kapitalismus zu protestieren. Wie originell! Und ich wanderte um den Block, um das Grüppchen mal anzusehen, wanderte erst in die falsche Richtung, dann in die richtige, und sah also die Leutchen. Es waren vielleicht 120, 200, die meisten sehr jung und absolut studentisch aussehend. Ich hielt es für den Ausflug eines politikwissenschaftlichen Proseminars, ich hielt sie für wohlerzogene, grundsätzlich wohlmeinende, vielleicht bisschen gelangweilte New Yorker College-Kids und dachte kurz an Hackney/London zurück. Und als ich ein paar Tage später nach Cleveland/Ohio weitergereist war, posteten ein paar Facebook-Bekannte (aus Deutschland) plötzlich etwas über “Brooklyn Riots”, was mich dann schon interessierte, denn kurz zuvor war ich auch in Brooklyn gewesen und hatte mir eine Taxifahrt über die ebenfalls weltberühmte Brooklyn-Bridge geleistet. Und als ich dann, wiederum ein paar Tage später, nach Detroit/Michigan weitergefahren war, waren aus den paar Hundert Demonstranten an der Mauerstraße ein paar Tausend geworden. Und nun, einige Wochen nach der kleinen Wall-Street-Episode, da ich nun also (leider) ganz frisch zurück in Deutschland bin (lieber wäre ich noch ein Weilchen in Detroit geblieben, to be honest), bringen es auch hierzulande alle Nachrichten: Dass sich in den USA womöglich gerade eine große Protestbewegung formiert, eventuell eine Anti-Tea-Party-Party. Und ich weiß nun also, dass ich die erste Demonstration dieser Bewegung bezeugen kann, denn der besagte Samstag, der 17. September, wird jetzt schon als historisches Datum gehandelt, als Auftakt eines neuen gesellschaftlichen Aufbruchs in den USA. Und wissen Sie was? Ich halte das für möglich – dass es ein Aufbruch sein könnte. Und noch etwas möchte ich kurz festhalten: Es verändert sich – alles und überall. Sie haben es bestimmt auch schon gemerkt. Dass diese Zeit … eine sehr spannende ist. Dass die Welt sich tatsächlich in einen neuen Aggregatzustand begibt. Dass etwas zusammenbricht, sich erledigt, sich überholt hat – und etwas Neues geschieht. Dass das BürgerInsein sich mit einem Mal doch sehr, sehr anders anfühlt als in all den Jahren zuvor – und das augenscheinlich für viele, viele Menschen from all walks of life und in allen möglichen Ländern. Um es mal typisch amerikanisch (also einigermaßen pathetisch) auszudrücken: I love being alive. Und nun fühlt sich auch die Zeit, in der ich zufällig lebe, auf einmal so an: alive. Und ich bin dankbar (wem auch immer), ein paar Fotos zu machen und ein wenig mitschreiben zu dürfen. Und meine Hoffnung wäre und interessieren tät’ es mich auch: Ob es sich auch für Sie anders anfühlt, wenn Sie so die Nachrichten hören, dieser Tage, und die dazu gehörigen Bilder betrachten. Ich glaube nicht, dass das Internet die große Revolution war, die meine Alterskohorte (manche nennen es “Generation”) erlebt haben wird (Ruhe in Frieden, Steve Jobs). Ich glaube tatsächlich: Das Internet war nur die kleine.
Foto: AP/Jason DeCrow
The School of Pulp

So muss man schreiben. Genau so. Siehe das Text-Sampling, das hier unten gleich folgt – es ist aus Loren d. Estlemans Kriminalroman “Lady Detroit” (“Lady Yesterday”, 1987) zusammengebaut.
Vorab dies: Mit Kriminalromanen kenne ich mich nicht aus. Nicht mein Genre, sozusagen. Aber nun habe ich, aus gewissen Gründen, doch mal wieder einen in die Hand genommen: Lady Detroit (Lady Yesterday,1987) von Loren D. Estleman – in der 1988er Ullstein-Übersetzung von Sibylle Bayer. Es ist einer von fünf, sechs oder sieben Romanen, in denen Estleman seinen Helden, den fiktiven Privatdetektiv Amos Walker, auf Ermittlungen in den Schmutz der Großstadt schickt – und die Sprache hat mich an vielen Stellen umgehauen (wie der Held, Amos Walker, es vielleicht ausdrücken würde). “Anti-lyrisch” nenne ich es, weil mir im Moment keine bessere Beschreibung einfällt und weil “lakonisch” oder “konkret” es allein nicht treffen. Jedenfalls gefällt es mir wahnsinnig gut. Loren D. Estleman ist in den USA ein angesehener Publikums-Autor und kümmert sich nebenbei, etwa mit Anthologien, auch um das Vermächtnis der Pulp Fiction - der amerikanischen “Schund-Lektüre” für kleine Leute, Sex’n'Crime-Romanheftchen, solche Dinge. In einem Interview beschrieb Estleman seinen Romanhelden Amos Walker mal mit den Attributen “ein Typ von spöttischer Güte” und “ein romantischer Realist”, und ein bisschen liest sich das im Interview-Zusammenhang so, als ob der Schriftsteller auch sich selbst damit meint.
Wie auch immer: Literaturkurse sind eh ein Quatsch. Man sollte sie abschaffen. Man muss ja nur ab und zu etwas wie dieses kleine, schmierige, hier unten zitierte Büchlein lesen. Oder etwas anderes. Irgendwas. In jedem Fall: lesen und zuhören. Und sich merken, wie die guten Sätze klingen. Was ist ein guter Satz? Ein Satz, der stimmt. Ein Satz, der alles enthält, was man, zum Zeitpunkt, da er fällt, wissen muss. Ein Satz, der für sich schon eine kleine Geschichte ist.
Loren D. Estleman bzw. Amos Walker – kleines Best-of-Sampling – von einer Lernenden mit Liebe erstellt (hoffentlich hat niemand etwas dagegen):
Sie war zweiundvierzig und sah danach aus, aber auf keine schlechte Art ● Das Haus sah so leer aus wie das Gesicht eines Idioten. ● “Ein großes, saftiges Stück Neunzehnhundertfünfundfünfzig”, sagte er. “Das kannste mir ranschaffen. Hab’s zu schnell gegessen beim ersten Mal.” ● Der Pickup lief immer noch nicht, als ich den Hörer einhängte. Er klang wie ein Schwein, das an einer Ananas vorbeischürft. ● Und danach fing ich wieder an zu denken. Nichts, wofür ich einen Preis bekommen hätte. ● “Er war der typische kleine Mex frisch vom Bananenboot, kannte gerade mal sechs englische Wörter, drei davon waren ,Mama’. Er las mich in ‘nem Bumsladen am Fluss auf, und wir gingen in seine Rattenfalle von Hotel. Er bot mir fünfhundert für sechs Wochen Ehe mit ihm. Ich schaute mir das Bündel an und ihn und sagte: , Mach tausend draus, und wir lassen uns morgen scheiden.’” ● “Name?” Der Ton des Portiers war nicht hundertprozentig freundlich. ● “Überall in Europa rasen Terroristen in Bettlaken durch die Gegend und murksen Leute ab, weil sie amerikanisch aussehen, und in jeder Hemisphäre lagert genug Sprengstoff, um die Welt ein paar mal in die Luft zu jagen. Die Sonne brennt aus, und was der Gouverneur für den Friseur ausgibt, würde ein Drittweltland ein Jahr lang am Leben erhalten.” ● Auf das Klingeln hin kam eine Frau an die Tür, die ich nicht kannte, ein starkes Stück mit einem mörderischen Kliff spröder blonder Haare vor der Stirn, löffelförmigem Gesicht, Lippen, die aussahen wie nach einem Bienenstich, und einer Nase, die heftig bearbeitet worden sein musste, damit sie wie ein Knöpfchen in der Mitte ihres Gesichts wirkte. Sie trug einen orange geblümten Hausmantel, den sie in der Taille mit einem Plastikgürtel festgeschnallt hatte, und roch nach der Art Parfum, die etwa so viel kostet wie Diesel und sich ähnlich bemerkbar macht.” ● Eine böse Schönheit lag in seinem Gang. ● “Die Kinder kriegten ein Lager auf dem Boden im Wohnzimmer, und ich musste in ‘nem Bett mit Miami-Vice-Wäsche schlafen.”
If so then yes
♫ Junior Parker: Mystery Train
Foto gefunden bei schiffe-maxim.de


































Die Autorin