Nicht alle “Bestseller” sind automatisch junk. Auch nicht dieser hier. Was für ein großartiges Buch! Eines jener Bücher, die einen fertig machen können. Weil alles Wesentliche, was es augenblicklich zur Gegenwart noch zu sagen, zu vermuten, zu unken gäbe, womöglich schon drin steht. Lese ich etwas dieses Kalibers (und das geschieht nicht allzu oft), denke ich: Okay – hiermit kannst Du Deine Bemühungen einstellen – es ist alles längst aufgeschrieben. Lesen Sie Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story (Rowohlt) – und bedauern schon bald auch Sie, dass die Geschichte ein (solches) Ende haben muss. Zur Einstimmung taugt ein interessantes Interview in der FAS, das Johanna Adorjan mit dem Autor geführt hat.
Es geht um ein zu Tode gebeuteltes Amerika – um ein von Verschuldung und allerlei gesellschaftlicher Degeneration abgewürgtes, Smiley-krankes, irr in den Abgrund trudelndes Land – um die Apokalypse des Hier und Heute – um Social Networks, Disziplin & Gruppenzwang, durchsichtige Size-Zero-Jeans, plattgewalzte Träume, sittsam nachgeplapperte Win-Win-Ideale, um blutige Gentrifizierung, verzweifeltes Altern, die Angst vor China, müffelnde Bücher, Rassenhass und Kreditlinien, um Distinktion via Maschinengewehr, um Kampf- und Lügen-Shopping, um den heftigsten und zugleich belanglosesten Sex, den man sich vorstellen kann, und um irritierend reale, nach ungewaschenen Haaren duftende Liebe – die, selbstverständlich, schief geht. Und das alles ist so dermaßen schnell, scharf und unterhaltsam aufgeschrieben, dass ich die 460 Seiten in zwei Tagen weggerissen und das zwischenzeitliche Schlafenmüssen einigermaßen bedauert habe.
Vielleicht lese ich, nach der deutschen Übersetzung von Ingo Herzke, doch noch mal das Original. Die Wortschöpfungen und Fantasie-Firmennamen sind genial, ich möchte wissen, wie das alles auf Englisch klingt. Das, was wir heute gemeinhin “Smartphones” nennen, heißt im Buch Äppäräte. Jeder im Roman trägt seinen Äppärät stets bei sich, fast jeder streamt quasi rund um die Uhr seinen Alltag, 24/7, und die Geräte ermitteln und vermelden auch den Charakter und den Fickfaktor von allen Menschen, denen man begegnet. Das digitale Rating-Verfahren wird als FECen bezeichnet. Das, was wir “Facebook” nennen (manche ziehen gerade ja zu “Google+” um), heißt bei Shteyngart Global Teen Network und wird auch von Berufsjugendlichen im Seniorenalter (70 +) eifrigst betrieben. Und da, wo wir vielleicht rufen würden “Mensch, ist das cool!”, jubeln die Figuren im Roman: “Hey, das ist ja voll medien!”
Falsch wäre es jedoch, nur von der spaßigen Vokabel-Satire zu berichten. Es wird gemordet und gestorben in diesem Roman, das Amerika, das hier untergeht, ist ein psychokapitalistischer Terrorstaat. Zu seinem Instrumentarium zählen allerlei Orwell’sch anmutende Überwachungseinrichtungen und Ermahnungen – wie etwa der überall immer wieder auftauchende Satz: “Es ist verboten, die Existenz dieses Objekts zur Kenntnis zu nehmen, indem Sie dieses Schild lesen, leugnen Sie die Existenz des Objekts und stimmen dieser Vereinbarung zu.”
Mehr zur Faszination, die von amerikanischen Ruinen und Restbeständen ausgeht, hier: zum Beispiel über Detroit – und über den Ford Mustang.
Außerdem auf meiner Leseliste in diesem merkwürdig trüben, stinkfaulen und zugleich arg beschäftigten Juli:
Der Terror der Selbstverständlichkeit. Widerstand und Utopien im Neo-Individualliberalismus vom Berliner Kulturarchäologen Matthias Mergl (Unrast Verlag). Das Wort-Ungetüm “Neo-Individualliberalismus” kürzt Mergl mit N.I.L. ab – und meint damit den naiven Glauben an die Formel “Jeder ist seines Glückes Schmied”. Mergl untersucht einen weit verbreiteten Ellenbogen-Dogmatismus, mit dem ich mich zuletzt ja auch stark beschäftigt habe. Der Künstler und Aktivist Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) hat das von Mergl entworfene N.I.L.-Prinzip einmal ziemlich anschaulich erklärt
Noch völlig fasziniert von Shteyngarts “Fickfaktor”, blättere ich auch sehr interessiert in dem Sachbuch Die intellektuelle Liebe. Der Plan vom Leben als Paar von Hannelore Schlaffer (Hanser). Simone de Bauvoir und Jean-Paul Sartre sind auf dem Cover zu sehen – sie lächeln klug – und blicken in entgegengesetzte Richtungen. Besonders gespannt bin ich auf das Kapitel “Sexualität und Intelligenz”.
Auch freue ich mich auf den bislang noch nicht aus seiner Folie geschälten Roman Das Buch Gabriel von DBC Pierre (Eichborn). Oh – ich glaube, das Buch ist noch gar nicht im Handel – aber ich unterhalte eben gewisse Beziehungen in das Verlagshaus mit der Fliege. In der Ankündigung heißt es: “In seinem neuen Roman zeigt uns der Träger des Booker Prize DBC Pierre unsere Gegenwart, als hätten Burroughs, de Sade und David Foster Wallace sich zusammengetan: als letztes großes Gelage.” Das klingt doch ganz vielversprechend.
Und schließlich habe ich gerade auch mal wieder die Romantrilogie Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe von Wolfgang Welt (Suhrkamp) in die Hand genommen. Denn in ein paar Tagen wird Wolfgang Welt, der Musikkritiker, Fußballfan, Alltagschronist, Psychiatrie-Kunde, Schriftsteller und Nachtportier in Hamburg lesen – musikalisch begleitet vom fantastischen Knarf Rellöm, der übrigens im ganz wahrhaftig echten Leben mein geschätzter Nachbar ist. Aber das klingt wirklich unglaubwürdig und führt jetzt außerdem zu weit.
ALWAYS REMEMBER: THE MORE YOU READ, THE BETTER YOUR SEX-LIFE.
Hier geht’s zu einer Lese-Liste aus dem Herbst.





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