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Katja Kullmann


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    Botox a go-go

    December 28th, 2009 — 2:45am

    Erschienen in EMMA, 2008

    Brazil Plastic Surgery QueenPo-Backen aus Plastik, Botox im Abo, Beine brechen in Russland. Katja Kullmann hat sich in der Beauty-Branche umgesehen und stellt fest: Nie war so viel Selbst-Ekel wie heute.

    Berlin, Frühling 2008: Die Sonne scheint, die Frisur sitzt. Und die Brüste – sitzen die auch? Hüpfen sie beim Gehen sportlich wie Cheerleader-Pompons auf und ab – oder baumeln sie doch eher schlapp unter dem formlosen T-Shirt? Was ist mit den Augenlidern? Schlupfen die etwa? Sind die Pobacken stramm, die Hüften schmal, die Oberschenkel fest genug? Ein flüchtiger Blick auf das eigene Spiegelbild in einem Sonnen beschienenen Schaufenster – und die bange Frage: “Will ich so bleiben wie ich bin?”

    “Botox to go”, schreit es den Passanten in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms entgegen. Der Werbeslogan klebt in übergroßen Lettern an der Schaufensterfront eines Hightech-Kosmetiksalons. Zwischen Designer-Boutiquen und einer Filiale der Parfümerie Douglas, unweit des Salons von Prominenten-Friseur Udo Walz, bietet der Oberflächen-Dienstleister “Shape & Beauty” (zu Deutsch: “Form und Schönheit”) die Giftspritze im Vorbeigehen an. Sogar ein Botox- Abonnement ist zu haben: “Unsere Flatrate gegen Falten” verspricht ein Jahr lang die Behandlung mit dem Botox-Präparat Vistabel, “so oft Sie wollen”, und das für sagenhaft günstige 600 Euro.

    Rund fünf Jahre nachdem das Nervengift in Deutschland auf den Markt kam, wird es nun also wie ein Latte Macchiato im take away-Service angeboten, quasi für die kleine Pause vom Shoppingbummel, zwischen Pumps-Anprobe und Handtaschen-Vergleich. Brancheninternen Schätzungen zufolge wird bundesweit rund 15.000 Mal im Jahr Botox gespritzt. Der Shape & Beauty-Shop ist eine publikumsnahe Filiale der Potsdamer Privatklinik Sanssouci, als beratender Experte fungiert der medienbekannte Arzt Dr. Michael Krüger. Auch Laserbehandlungen und andere unblutige, so genannte minimal-invasive Eingriffe sind bei Shape&Beauty buchbar. Und wenn die frisch aufgepumpten Schlauchbootlippen später den Latte-Genuss in einer der umliegenden Kaffeebars behindern, muss der Milchschaum eben durch einen Strohhalm geschlürft werden.

    Zugegeben, der Witz über die Schlauchbootlippen ist nicht mehr taufrisch, könnte mal ein Lifting vertragen, auch wenn er doch immer wieder zieht. Zwei Sommer ist es her, dass Chiara Ohoven, die Tochter von Unesco-Botschafterin Ute Ohoven, mit ihrem ästhetischen Faux-pas durch die Boulevardpresse geisterte. Von einem Fernsehteam auf ihren markant angeschwollenen Labialbereich angesprochen, antwortete die ewig Um-die-20-Jährige, sie habe da nichts machen lassen – nur die Haare etwas aufgehellt, und der neue Haarton wirke sich auch auf ihren Gesichtausdruck aus. Armes Blondie. Ein Leben lang wird Chiara O. das Mädchen mit der dicken Lippe bleiben, gleich welche Charity-Leistungen sie noch erbringen mag. Eindringlich hat sich mit ihr das Zerrbild künstlicher Körper-Gestaltung ins öffentliche Bewusstsein eingegraben, als Karikatur einer verzweifelt überhöhten F***-mich-Ästhetik.

    Und doch ist die Sache mittlerweile nicht mehr gar so witzig, und längst kein reines Prominentenproblem mehr. In Deutschland geht die Angst um, und sie nimmt stetig zu. Angst, dem Standard nicht zu entsprechen, dem Image-Druck nicht zu genügen. Ein Rechercheblick über die aktuelle Markt- und Meinungslage zum Thema “Beauty” führt unweigerlich zum Eindruck: So viel Selbsthass war nie. Die Zahl so genannter Schönheits-Operationen hat sich binnen der vergangenen zehn Jahre beinahe verfünffacht. Zählte die Branche Mitte der Neunziger Jahre noch rund 150.000 “Beauty”-relevante Eingriffe jährlich, so wird mittlerweile rund 700.000 Mal im Jahr geschnippelt, geraspelt, gehobelt, gesaugt und wieder zugenäht.

    Etwa eine Milliarde Euro geben die Deutschen jährlich für Eingriffe und Behandlungen aus, die über das gewöhnliche Mimikry mit Schminke und Haarspray hinausgehen, heißt es in der ersten umfassenden staatlichen zum Thema, die das Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft vorgelegt hat. Als typische Berufsgruppen weiblicher Patientinnen werden etwa “Verkäuferin”, “Regierungsbeamtin” und “Psychologin” genannt, bei den Männern “Journalist”, “Elektriker” und “Versicherungskaufmann”. Es zeigt sich: Der Selbst-Ekel zieht sich, unabhängig von Einkommen und Bildung, durch alle Schichten.

    Eine Beauty-Studie, ausgerechnet aus dem Landwirtschaftsressort? Die Quelle mag verwundern, verweist aber anschaulich auf die rechtliche Grauzone, in der sich die Schönheits-Chirurgie noch immer bewegt. Trotz massiv steigender Kundenzahlen ist bislang weitgehend ungeklärt, ob die Behandelten als Patientinnen oder Verbraucherinnen zu sehen sind, ob es sich um medizinische oder rein kosmetische Dienstleistungen handelt. Spätestens bei Behandlungsfehlern ist dies von Bedeutung, es kommt darauf an, wer für Schäden an Leib und Leben haftet, nach welchen Maßgaben und in welchem Umfang. Ist ein Patientenanwalt der richtige Ansprechpartner? Oder doch eher die Stiftung Warentest? Besonders gefährlich ist die Absaugung von Körperfett, die so genannte Liposuktion. Internationalen Studien zufolge kommen zwei bis 20 Todesfälle auf je 100.000 Fettabsaugungen. In einer Entscheidung des Berliner Kammergerichts aus dem Jahr 2007 heißt es, dass “der Begriff ‘plastischästhetische Chirurgie’ zwar zu dem gewerblichen Bereich bloßer Schönheitschirurgie tendiert”, dass aber “eine Abgrenzung zur medizinisch indizierten ‘Wiederherstellungschirurgie’ nicht hinreichend deutlich” wird. Anders ausgedrückt: Der Titel “Schönheitschirurg” ist nicht geschützt, auch Zahnärzte können per Wochenend-Fortbildung zum Fett-Absauger oder Nasenhöckerzertrümmerer werden.

    Eine Handvoll Vereinigungen und Gesellschaften nehmen für sich in Anspruch, im Namen ihrer Zunft zu sprechen, etwa die Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen (DGPRÄC) und die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC). Fast ebenso viel Publicity erfährt aber auch der umstrittene Deutsche Ärzte Service (DÄS), der im Internet brachial mit Dumping-Preisen wirbt: Dank Mengenrabatten beim Einkauf von Implantaten seien Brustvergrößerungen zum halben Tarif möglich, kosteten statt der üblichen rund 6000 nur knapp 3000 Euro, heißt es da. Die konkurrierenden Chirurgen-Verbände beklagen hier eine “Aldisierung” des Marktes und haben, nach Angaben aus dem Bundesamt für Verbraucherfragen, die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs eingeschaltet. Für die Kundin ergibt sich aus all dem ein einziges Wirrwarr. An welches Gütesiegel soll sie sich halten? Im Zweifelsfall soll es natürlich auch günstig sein.

    “Ich habe schon einige Jahre über die Veränderung meines Körpers durch einen chirurgischen Eingriff nachgedacht und war auch fest entschlossen dieses zu tun, wenn ich einmal das Geld dafür habe. Sogar mein Verlobter wollte in absehbarer Zeit einen Kredit aufnehmen um mir solch eine Veränderung zu ermöglichen”, schreibt Patientin Felicitas D. an die private Schönheits-Klinik Dr. Kozlowski in München. Auf der Klinik-Homepage sind gut ein Dutzend solcher Dankesschreiben an Kozlowski nachzulesen, der in der märchenhaft klingenden Frau-Holle-Straße operiert, und der Herr Doktor kommentiert die Begeisterung seiner Schäfchen mit den warmen Worten: “Viele, viele Hunderte von Dankschreiben bereichern das Leben eines jeden Chirurgen.”

    Damit auch das weniger gut verdienende Schäfchen sich einen solchen Service erlauben kann, ist inzwischen ein ganzer Sekundärmarkt an Finanzdienstleistern entstanden – Kreditinstitute, die sich auf die Vergabe von Schönheits-Vorschüssen spezialisiert haben. Im Fachblatt “Beauty News” lesen sich einschlägige Werbeanzeigen etwa so: “Wir machen Schönheit bezahlbar. (Mit uns) können Sie jede Behandlung schon ab 99 / mtl. finanzieren. Bei einer Laufzeit von 72 Monaten, einem eff. Jahreszins von 9,9% und Behandlungskosten von ca. 5900 Euro.”

    Mitten in das Haftungs- und Finanzierungs-Wirrwarr hinein hat die Regierungskoalition aus SPD und CDU unlängst einen Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht, nach dem Schönheits-Operationen zumindest an Minderjährigen verboten werden sollen. “Wir möchten Jugendliche auch vor dem Gruppendruck schützen”, sagte Gesundheitssekretärin Marion Caspers-Merck (SPD). Der Kinder- und Jugendärzteverband (BVKJ) schloss sogleich die Forderung an, auch Piercings und Tätowierungen bei Jugendlichen zu verbieten, während die beiden einflussreichsten Chirurgen-Verbände darauf hinwiesen, dass Eingriffe bei Jugendlichen in “verschwindend geringer” Fallzahl aufträten. Je nach Schätzung, auch aus der Bundesbehörde, machen Minderjährige tatsächlich höchstens zehn Prozent der Behandelten aus, zudem handelt es sich bei den meisten Eingriffen lediglich um das Anlegen abstehender Ohren, was, wegen des anerkannten psychischen Leidensdrucks, überwiegend medizinisch indiziert ist. In der Studie des Bundesverbraucheramts heißt es explizit: “Es ist kein Trend zu einer sich ausweitenden Inanspruchnahme von ästhetischen Operationen bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu erkennen.”

    So ist der Gesetzesentwurf der Regierungsfraktionen vor allem als ethisch-moralischer Vorstoß zu werten – und die Fokussierung auf Jugendliche als (potenzielle) Opfer ist dabei besonders medienwirksam. Immerhin hat eine Repräsentativerhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2006 ergeben, dass fast zehn Prozent der Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren der Aussage zustimmen: “Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich eine Schönheitsoperation machen lassen.” Der aktuelle Gesetzesvorstoß bezieht sich unter anderem auf ebendiese Zahl, überhöht zwar die Faktenlage, verweist aber markant auf ein gesellschaftliches Dilemma, das weit tiefer liegt als die Risiken, die vom Skalpell als solchem ausgehen: Die Standardisierung des Menschen schreitet voran, trotz allen Individualisierungs-Gefasels der spätkapitalistischen Optimierungs-Gesellschaft, und so wie, nach einschlägigem Politik-Jargon, “die Lebensrisiken privatisiert” werden, so nimmt auch die Entfremdung von aller authentischer Körperlichkeit zu. Rund 17 Prozent der Befragten zeigten bedenkliche Tendenzen zu einer psychologisch auffälligen Körperbildstörung, Tendenz steigend, heißt es in der Bundesstudie. Die Menschen sind traurig und verwirrt, und die Entwicklung zum Baukasten-Body ist offenbar längst nicht mehr aufzuhalten.

    Frauen, es dürfte kaum jemanden verwundern, stehen im Zentrum dieses Sogs. Was den Schönheitsdruck angeht, gilt noch ganz die klassische Geschlechterverteilung. Der Männeranteil liege konstant bei lediglich rund zwölf Prozent. Die auffälligste, weil eifrigste Patientinnengruppe sind demnach Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, und der am häufigsten nachgefragte Eingriff bleibt die Brustvergrößerung. Da Brust-Implantate höchstens 15 Jahre lang halten, was sie versprechen, müssten diese Frauen über kurz oder lang zur Nachbehandlung antreten und begännen somit eine absehbare lebenslange “Operationskarriere”, heißt es. Andere Quellen verzeichnen eine zunehmende Beliebtheit von Po-Aufpolsterungen mit Plastikkissen sowie eine erhöhte Nachfrage an – man möchte es sich nicht näher vorstellen – so genannter Schamlippenstraffung.

    Notfalls lässt man sich kostengünstig im Ausland behandeln. Der Beauty-Tourismus ist, neben dem Beauty-Kreditwesen, der am meisten florierende Sekundärmarkt der Branche, und der neueste Trend in diesem Segment heißt: Beine brechen lassen in Russland. Im sibirischen Kurgan zertrümmern Experten jährlich Hunderten junger Russinnen die Beine, auf dass die Unterschenkel verlängert wieder zusammenwachsen und die Kundin nachher bis zu fünfzehn Zentimeter größer ist als vorher. Seit der Öffnung Russlands steigt auch die Zahl westlicher Patientinnen, und mehrere deutsche Medien haben bereits mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken über die “Beine aus Kurgan” berichtet.

    Entwickelt wurde die martialische Methode vor einem halben Jahrhundert vom sibirischen Orthopäden Gavril Ilizarov. Demnach wird nach dem Beinbruch eine Metallkonstruktion aus Drähten, Schrauben und Schienen um die geschundene Extremität geschnallt. Dies soll verhindern, dass sich der Knochenspalt zu schnell schließt, so dass der Körper neue Knochenmasse produziert, die die entstandene, über Monate absichtlich immer wieder vergrößerte Lücke ausfüllt, auf dass die Patientin möglichst zur Modelhöhe aufschießt. Etwa 200 Tage Schmerzen seien, neben mehreren tausend Dollar, der Preis für diesen Eingriff, sagen die russischen Doktoren. Wer glaubt, dass solch ein mittelalterlich anmutender Horror nur im eiskalten Sibirien möglich ist, der irrt. Mittlerweile bietet auch das Zentrum für korrigierende und rekonstruktive Extremitäten-Chirurgie in München gebrochene Haxen auf freiwilliger Basis an. Rund 100.000 Euro schlügen für einen solchen Eingriff zu Buche, gab der ausführende Professor Dr. Rainer Baumgart dem STERN zu Protokoll. Bislang seien es aber nur “sehr wenige” der jährlich rund 100 Münchner Patienten, die sich ihre Beine aus rein kosmetischen Zwecken zertrümmern ließen.

    Von der künstlichen “Erzeugung von Bedürfnissen, Erwartungen und Nichtbefriedigungen” in der Schönheitsindustrie sprach der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) vorausschauend schon vor zwanzig Jahren. “Verkäufer von Diäterzeugnissen, Ärzte und Ernährungswissenschaftler, die kraft wissenschaftlicher Autorität ihre Definition von Normalität durchsetzen, Couturiers, die den unmöglichen Körpermaßen von Mannequins die Weihe des guten Geschmacks verleihen, Werbefachleute, die in den neuen Formen des Umgangs mit dem Körper Gelegenheit zu mannigfachen Ermahnungen sehen (’kontrollieren sie ihr Gewicht!’, etc.), Journalisten, die in einschlägigen Frauenzeitschriften und Magazinen für Jungmanager ihre eigene Lebensform exponieren und zur Geltung bringen“ – sie alle trügen dazu bei, “neue Formen des Umgangs mit dem Körper zur Norm zu erheben.” Der TV-erprobte Schönheits-Chirurg Dr. Afschim Fatemi und seine Kollegen von den S-Thetic-Kliniken in Düsseldorf, Hamburg, Unna und München, veranstalten auf der dazugehörigen Webseite ganz unverhohlen ein Patientinnen-Casting: “Bei uns bietet sich Ihnen die Möglichkeit in einer Magazin- oder Reportagesendung über Ihre Beweggründe zu einer Schönheitsoperation zu sprechen. (Es) werden immer wieder Patienten gesucht, die bereit sind, ihre OP von einem Kamerateam begleiten zulassen.”

    Auch der amerikanische Stylist Bruce Darnell, bekannt als Jury-Mitglied aus der Casting-Show “Germanys Next Top Model”, ist ein Vertreter der sich selbst generierenden Lifestyle-Zunft. In diesem Frühjahr verhalf Darnell in seiner Typ-Beratungs-Sendung “Bruce” im ARD-Vorabendprogramm Kandidatinnen vom “Vorher” zum “Nachher”. Der Sender beschreibt das Konzept wie folgt: “Als Moderator einer eigenen Show bekommt Bruce Darnell die Gelegenheit, seine Vorstellung von Selbstbewusstsein, Ausstrahlung und Authentizität den Kandidatinnen und Kandidaten in seiner Sendung nahe zu bringen.” Bruces “Vorstellungen” treffen also auf die Durchschnittsnachbarin von nebenan, und so wird aus der unscheinbaren “Raupe” Madeleine, 30, Kurierfahrerin, flugs ein “schöner Schmetterling”, während Stefanie, 40, einige Folgen später die Metamorphose von der “Bäuerin zur Ballkönigin” druchläuft – mit fast demselben Haarschnitt, den zuvor Madeleine verpasst bekam.

    Unterdessen wagt sich auf so genannten Kennenlern-Portalen im Internet wie Facebook, Myspace, Parship kaum noch ein User mit unbearbeiteten Privatfotos in die Öffentlichkeit. “Photoshop” heißt das Zauberwort, ein Softwareprogramm, mit dem sich der Teint aufhellen, die Falten und Augenringe wegretuschieren lassen. Obwohl alle wissen, dass Fotografie heute mit “Dokumentation” praktisch nichts mehr zu tun hat, obwohl alle wissen, dass die Bilder, erst Recht in der Mode- und Werbefotografie, durchweg bearbeitet, geschönt, computerisiert sind, obwohl oder weil also jeder weiß, dass jedes Bild eine Lüge ist, kann niemand sich diesem Sog entziehen, so scheint es.

    Längst hat eine Digitalisierung der Wahrnehmung eingesetzt, unter der das reale Leben, der reale Körper nur noch als minderwertig empfunden werden kann. Im Online-Magazin Technology Review beschreibt der Schriftsteller Peter Glaser in seiner Kolumne “Verriss des Monats” ein amerikanisches Computerprogramm namens “LiftMagic”: Die Benutzerin kann ihr eigenes Konterfeit einscannen und vom Computer eine Vorschau, im Internet-Jargon “Preview” genannt, erstellen lassen, wie sie nach einem Schönheits-Eingriff aussehen könnte. “Software, Software an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?”, fragt Glaser voller Grusel sich und seine Leser.

    Derweil stellt “Tatort”-Kommissarin Maria Furtwängler in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ihrem Publikum eine ganz andere Frage: “Operieren – warum nicht?” Gerade hat die 41-Jährige einen Werbevertrag mit einem Kosmetikkonzern unterschrieben, und aus diesem Grund, und auch weil Schauspielerinnen einem besonders hohen Attraktivitätsdruck unterliegen, ist es schlicht naheliegend, wenn Furtwängler Sätze wie diesen sagt: “Wenn man Tränensäcke hat, dann finde ich das hochgradig legitim und gut.” So ist es nun mal: Die Frau hat nicht nur Tränensäcke, sondern auch einen Marktwert zu verlieren. Wie wir alle.

    Nach vorne mag man da eigentlich kaum noch schauen, nicht in eine Zukunft, in der die Tränensäcke naturgemäß tatsä¤chlich sackiger werden, die Implantate renovierungsbedürftig und in der womöglich auch die Schamlippen noch an Spannkraft verlieren. Wer den Zukunftsblick dennoch wagt, der sieht einige neue Züge im Schönheits-Terror sich abzeichnen. Eine vorsichtige Prognose könnte lauten: Skalpell ist out, Tinktur ist in. Von der Milliarde Euro, die die Bundesbüger jährlich für forcierte Schönheitsmaßnahmen ausgeben, entfallen bislang nur 30 Prozent auf so genannte Anti-Aging-Produkte, auf Kosmetika, die mit allerlei Wirkstoffen über den dekorativen oder bloß pflegenden Faktor hinausgehen. In der Studie heißt es: “noch”. Zaghaft deutet sich ein Umschwingen weg vom blutigen OP-Geschäft, hin zu schonenderen und appetitlicheren Bio- und Chemo-Tech-Verfahren an. Offenbar reagiert die Branche damit auch auf ein Image-Problem.

    Patientinnen wie die anfangs genannte Chiara O. sind Teil dieses Image-Problems. Auch Victoria Beckham und US-Schauspielerin Lindsay Lohan machen den Doktoren Sorgen. Denn: Man sieht den Damen die Bearbeitung zu deutlich an. Boulevard-Bläter wie GALA oder OK machen sich längst einen Spaß daraus, mit dem Finger -  graphisch häufig als roter Pfeil auf einem Paparazo-Foto dargestellt – auf missglückte oder übertriebene Eingriffe zu deuten. “Seht mal, wie dellenhaft der Bauch von Courtney Love geliftet wurde!”

    Spontan mag sich bei der Leserin Schadenfreude einstellen, vielleicht ein sekundenlanger Trost, dass die da oben auf nur mit Wasser kochen. Aufklärung oder gar eine Absage an die Künstlichkeit ist jedoch weder Absicht, noch Effekt solch hämischer Berichte. Letztlich bedeutet diese Art von Denunziation nichts anderes als die Bestätigung des eigentlichen Standards – und der lautet: Es muss gut gemacht sein, darf aber nicht “gemacht” aussehen.

    Und so experimentiert die Beauty-Zunft zunehmend mit neuen, vermeintlich schonenderen Materialien wie Gold, Goretex und Polymilchsäuren, Falten werden seltener weg-geliftet sondern mit Wirkstoffen wie Kollagen oder Eigenfett aufgepolstert, und besonders en vogue ist der zeit das Thermo-Lifting, bei dem Radiofrequenzen die angeknitterter Haut mit “Tiefenwärme” versorgen und dessen Wirkung sich schleichend, erst mehrere Monate nach der Behandlung zeigt. Selbst in einfachen Drogeriemäkten sind heute High-Tech-Gels mit Kaviar-Extrakten oder Hyaluronsäure zu haben, Wirkstoffe, die vor kurzem nur den Experten zur Verfügung standen. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Botox für den Hausgebrauch gibt.

    Ein ästhetisches Paradoxon vollzieht sich unterdessen am Rand des gesellschaftlichen Mainstreams, in der Subkultur des Porno-Geschäfts. Immer stärker wird die Nachfrage nach verwackelten Heimaufnahmen mit Schlüssellocheffekt, am besten mit Laien-Darstellern produziert, die eben nicht aussehen wie aus dem Labor gezüchtet. Und in den einschlägigen 0190-Werbespots im Nachtprogramm von Männerkanälen wie DSF oder Eurosport machen “normale Nachbarinnen”, “erfahrene Frauen über 40″ und “geile Omas” den “willigen Studentinnen” zunehmend Konkurrenz.

    Nicht, dass darin im Grundsatz ein Fortschritt läge. Aber es scheint so, als ob beim Porno-Konsumenten, wenn wir ihn für einen Moment ausnahmsweise einmal ganz emotionslos und unvoreingenommen als forciert glotzenden Rand-Akteur der Gesellschaft betrachten, als Zeitgenosse mit stark verengtem Gesichtsfeld, als routinierten Voyeur des Fleisches, wenn wir uns einmal seinen zugespitzten Tunnelblick für einen Moment ausborgen, als ob bei diesem speziellen Typus Mitbürger eine gewisse Sattheit eingesetzt hat, eine gewaltige Langeweile – als ob er, der aufs Glotzen spezialisiert ist, “pralle Titten” und â”dicke Lippen” einfach nicht mehr sehen kann – als ob er ihnen nicht mehr glaubt.

    Eine Gesellschaft verhandelt über “Schönheit”. Leistungsdruck und Optimierungs-Glaube schwirren durch die Seelen, Fantasien von “Individualität” korrelieren mit Standardisierungs-Wahn, Moral und Denunziation gehen Hand in Hand. Frühling 2008 in Deutschland – halten wir fest: Das eigene Gesicht ist stets zu hässlich, das Höchstmaß an Unfreiheit so gut wie erreicht.

    Das Foto stammt von AP und zeigt die brasilianische Samba-Tänzerin Angela Bismarchi, die bislang 41 Schönheits-Eingriffe an sich hat vornehmen lassen.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Schönheit (1)

    Surf-Sex-Click-Date

    December 28th, 2009 — 1:00am

    Diese Reportage  über Internet-Sex im Selbstversuch ist 2009 in EMMA erschienen. Die zitierten E-Mails sind in Original-Orthographie und Zeichensetzung wiedergegeben; die Namen der Absender wurden geändert, sind jedoch den tatsächlichen Internet-Namen angelehnt.

    Schwüle E-Mails, 400 Euro-Angebote und Fesselspiele zum Nulltarif: Katja Kullmann hat sich beim Internet-Portal  poppen.de angemeldet – und den schmalen Grat zwischen Online-Flirt und Hobby-Prostitution kennen gelernt.

    „ScorpioBaby“ ist mein Name. Ich bin 35 Jahre alt, 1,65 m groß, wiege 50 Kilogramm, habe Körbchengröße A, dunkles, langes Haar und stehe auf „Poppen, Oralsex, Outdoor, Rollenspiele, Devot, Reizwäsche“. Was mir nicht so liegt, ist „Natursekt, Kaviar, SadoMaso, Parkplatz, Porno-Kinos“. Ganz oben links auf meiner Profilseite steht „In einer Beziehung“. Mit voller Absicht habe ich das dort angekreuzt. Damit es jeder gleich sehen kann. Damit keine falschen Hoffnungen aufkommen. Damit am Ende kein Herz zerbrochen geht. Damit von Anfang an klar ist: Ich will Sex – sonst nichts.

    ;)hey. hallo… …na du, hast du heute auch frei? klopf klopf klopf, darf ich denn mal eintreten? oh, sag bloß ich bin schon drin. achtung, bin auch bald für ein paar wochen in deiner nähe. bengel69 aus Baden-Württemberg

    Seit knapp zwei Monaten unterhalte ich einen Web-Account bei poppen.de. Es  ist eines dieser so genannten Kennenlern-Portale im Internet. Kostenlos und unter falschem Namen habe ich mir dort eine Profilseite eingerichtet, auf der steckbriefartige Angaben zu meiner Person nachzulesen sind, vielmehr: zu der Person, als die ich mich ausgebe. Auch ein Bild habe ich dort veröffentlicht, denn ohne Bild werden die anderen User früher oder später misstrauisch. Das Foto ist per Selbstauslöser aufgenommen und zeigt meinen Hintern in Großaufnahme. Ich strecke der Welt meinen Arsch entgegen – aber die Welt, wie sie bei poppen.de funktioniert, versteht diese Geste nicht. Das Bild sagt: „Leckt mich!“ Bloß schreckt das dort niemanden ab. Im Gegenteil: Nur zu gern wollen die mich lecken – alle und alles an mir.

    :D Einladend sieht es ja aus was du da von HINTEN zu bieten hast. dann komm doch einfach langsam rüchwärts und spüre. LG Kurt

    Jeden Tag erhalte ich zwischen 25 und 120 Zuschriften. Schnell  hat es sich auf rund 400 E-Mails pro Woche eingependelt. Die ersten Kontaktanfragen gingen schon in der ersten Stunde nach meiner Anmeldung ein – als ich mich zunächst noch inkognito dort umschauen wollte, noch keinerlei persönliche Angaben gemacht, mein Alter noch mit fantastischen „106“ angegeben und auch noch kein Bild hochgeladen hatte. „Hallo Schöne“, begann die erste Zuschrift, die inzwischen leider verloren gegangen ist. Das liegt daran, dass „Scorpiobabys“ Postfach überquillt und das Programm die ältesten E-Mails nach einer Weile automatisch löscht, um Speicherplatz für neue zu schaffen. „Hallo Schöne, siehst sexy aus.“ Nie werde ich diese Zeilen vergessen, denn außer der standardisiert dunkelgrauen Webseitenoberfläche war noch nichts, aber auch gar nichts unter „Scorpiobabys“ Account zu sehen.

    Heute bin ich schlauer, heute weiß ich: Es war eine im copy&paste-Verfahren vervielfältigte Standard-Nachricht von einem Verzweifelten, der unbesehen alles anschreibt, was nicht bei fünf auf den Bäumen ist, vermutlich in der Hoffnung, einen kostenlosen Erotik-Chat hinzubekommen, vielleicht ein Real Life-Treffen. Es war einer von denen, die auf Neuanmeldungen spitzen, um vielleicht eine poppen.de-Anfängerin fix herumzukriegen, bevor alle anderen sich auf sie stürzen. Mittlerweile habe ich weit Bemerkenswerteres gelesen, Orthographisches, Zwischenmenschliches, Genitales.

    In jenem ersten Moment aber, gleich zu Anfang, als ich noch sehr unsicher und verwirrt in dieser speziellen online-Welt herumstakste und, mit Herzklopfen, glaube ich, meine erste Nachricht öffnete, hat die Öde dieser Zeilen mich überwältigt. „Hallo Schöne, siehst sexy aus“, hatte jener Mensch einer unsichtbaren 106-Jährigen geschrieben. Es war eine der einsamsten, seelenlosesten Minuten, die ich seit langem vor dem Computer verbracht habe. Heute weiß ich: In ebendiesem Moment mechanischer Kälte verbirgt sich das ganze Drama von poppen.de, und von allem, was damit in Zusammenhang steht.

    :ohi, gerne würde ich mal mit dir in die “pilze” fahren  lg paule

    Porno ist die Einheitstapete im zeitgenössischen Standardleben; ist der Horizont hinter der eigenen Duschtrennwand; die milchige Perspektive am leise vor sich hin rödelnden Heimcomputer; das Bürofrühstück für den kleinen Hunger zwischendurch. Porno ist so alt wie ein lila angelaufenes Schnitzel. Neu ist: Nun machen auch die Erfolgreichen mit. „Ich bin die beste Nutte, die es gibt“, schrie unlängst Charlotte Roche vom Titel des Schweizer Magazins „Weltwoche“ und läutete damit die alpenländische Werbekampagne für ihre „Feuchtgebiete“ ein. Unterdessen avancieren die Prostitutions-Reports finanzknapper Studentinnen zum Top-Thema der Feuilletons, und beim Fernsehsender ProSieben darf Oswalt Kolle noch einmal den abgeklärten Aufklärer geben: „Der große ProSieben Sex-Report“ verrät in mehreren Sendefolgen, wie, wo, wann die Deutschen „es“ am liebsten mögen. Wer eine oder zwei Folgen gesehen hat, weiß, was er oder sie auch schon vorher wusste: „Handschellen“ und „Krankenschwesteruniformen“ sind unabdingbare Zutaten für das geordnete fleischliche Vergnügen. In jedem Larry ein Flint, in jeder Teresa eine Orlowski. Im Grunde ist es toll: Rein, raus, abspritzen und wegputzen. Alle wissen jetzt, wie’s geht. Wenn wir schon keine Vollbeschäftigung mehr haben: Ficken geht immer. Kannst Du mitmachen auch ohne Abi. Kannst Du Deine Dissertation schreiben, und trotzdem auf den Strich gehen. Alles kann, nichts muss.

    ;)Hallo bin der Bernd und 43 j alt  Also Ich bin sehr offen und für fast alle Spielarten, ob an ungewöhnlichen Orten über Frivoles ausgehen  rollen spiele, Sex in der Öffentlichkeit und habe fast keine Tabus .Bin neuem gegenüber sehr offen, also wie gesagt ich mag es sehr zärtlich bis hin zu wild hemmungslos Frivol und grenzen kenn ich dabei fast keine außer das was ins Klo gehört und Kinder und Tiere sonst bin ich sehr offen und auch für neue Sachen zu begeistern Ich mag es auch Dom / Dev spiele mit Augen verbinden Hände und Füße und so weiter. Auch rollen spiele sprechen mich sehr an ob verrucht oder harmlose wie freier und hure oder Lehrer /in Schüller oder auch einfach mal nur verkleiden und in eine andere rolle schlüpfen. bernd_schleswig

    Natürlich will auch ich Sex, da bin ich ganz Mensch, da bin ganz Tier. Eine Frau und ein Mann aus meinem engeren Freundeskreis, beide derzeit ebenso partnerlos herumstolpernd wie ich, beide Personen meines Vertrauens, haben mich auf die Idee mit poppen.de gebracht, ganz unabhängig voneinander. Mit beiden hatte ich einzeln, kurz hintereinander, eines jener Freunde-Gespräche geführt, in denen es um Frauen und Männer geht. Beide hatten bei einem gewissen Intimitätsgrad der Unterhaltung ihre Stimme gesenkt: „Ich bin jetzt übrigens bei poppen.de angemeldet.“

    Hätte nur Er, Akademiker aus dem Westfälischen, mir das erzählt, ich hätte es vielleicht abgetan, hätte Witze darüber gemacht, hätte es damit zu erklären versucht, dass er vielleicht einfach, wie heißt das noch, „Druck“ hat. So als Mann. „Sag’ mir Jochen, hast Du Dich da etwa schon mit Frauen getroffen?“, habe ich ihn gefragt. „Und zeigst Du da etwa Dein Geschlechtsteil im Internet herum?“ Ja und nein, antwortete er. Sein Geschlechtsteil sei zu groß, als dass es auf ein Foto passe. Aber getroffen habe er sich durchaus schon mit der einen oder anderen. Passiert sei allerdings nur einmal etwas, und das sei seltsam gewesen, weil diese Frau, erstens, ganz anders ausgesehen habe als er sich von ihren Fotos versprochen habe und weil sie, zweitens, auf dominant gemacht habe. „Und das fand ich etwas merkwürdig, so eine Fremde, die mir Befehle erteilt, da habe ich das abgebrochen.“

    Als einige Wochen später auch meine Hauptstadt-Freundin mir diese www-Sache zuflüsterte, wurde mir heiß und kalt. „Du also auch?“, fragte ich. „Aber ja“, sagte sie. Es gehe dort nur um „das Eine“, um die reine Materie, und sie finde das erfrischend, erleichternd. Alles funktioniere schnell und einfach, ohne viel Trara – „Ideal! Gerade für die Frau! Gerade auch für Dich!“ Man müsse ankreuzen, ob man „professionell“ oder „privat“ auf der Suche sei, dann checke man die Fotos der Typen ab und mache zunächst ein kurzes „Schnupperdate“ mit etwaigen Kandidaten aus. Schließlich überlege man sich, ob man den wiedersehen wolle. „Ich habe da schon Typen für eine Viertelstunde auf eine Parkbank bestellt, habe die von oben bis unten gemustert und wieder weggeschickt. Die machen alles, was Du willst. Glaub’ mir, das ist fantastisch.“ Mit einer Handvoll Typen habe sie sich schon getroffen, mit zweien sei auch etwas gelaufen.

    Nie hätte ich das gedacht. Dass meine Freundin so etwas macht. „Darfst natürlich nie Deine Nummer herausgeben, ist ja klar. Und Du musst Fotos von Dir veröffentlichen. Aber ohne Gesicht, würde ich raten. Tittenbilder halt.“ Es mache Spaß, und für  Romantik sei heute einfach nicht die Zeit, ich sähe ja selbst, wie weit ich damit gekommen sei.

    Und so war es eine Mischung aus Neugierde und Neid, oder sagen wir: eine Mischung aus Sozial-Voyeurismus und dem Gefühl, zu kurz zu kommen, die mich sodann ebenfalls zu poppen.de trieb. Wo war ich eigentlich abgeblieben, die letzten Jahre über? Womit habe ich meine Zeit vertändelt? Warum war ich nicht einfach fickenfickenficken? Wie der Rest der Welt?

    :cool:ich stehe vor dir, sehe deinen tollen körper. mein schwanz richtet sich langsam auf, mit daumen und zeigefinger beginne ich meine vorhaut langsam zurück und wieder vor zu schieben…….du bist total geilgeilgeil… ich sehe wie dein blick auf meinem immer weiter wachsenden ständer ruht und dann wie du deinen slip mit leisem stöhnen zur seite schiebst, sehe deine pralle nasse muschi, deine harte clit und wie deine finger diese tolle pussy beginnen zu massieren. ich habe einen ständer so dick und hart wie noch nie, meine vorhaut rollt zurück und ich zeige dir wie dick und glänzend meine eichel herausragt. ErwinX, 39, aus dem Rhein-Main-Gebiet

    Ich entwarf einige hohle Eckdaten, machte mich 35, obwohl ich 38 bin, und 1,65m groß, obwohl in Wahrheit zwei Zentimeter kleiner. Ansonsten blieb ich weitgehend bei der Wahrheit. Es bringt ja nichts, sich auf 23 oder auf Doppel-D zu schummeln, wenn man ein Treffen mit einem Mann ins Auge fasst. Gegebenenfalls soll er dann ja können, nicht vor Enttäuschung schlapp machen, wie mein Kumpel aus dem Westfälischen. In die Rubrik „Selbstbeschreibung“ notierte ich: „Küssen kann ich nur, wenn ich verliebt bin.“ Das entspricht nicht nur meiner persönlichen, tatsächlich sträflich romantischen Wahrheit, es ist in gewisser Weise auch genau gegenteilig zu deuten, als sehr „nuttig“. Ich klickte durch die Profile der anderen Teilnehmer, sah gespreizte Frauenschenkel auf pastellfarbenen Ikea-Sofas, Männerrücken mit Totenkopf-Tattoos, faltige Dekolletees aus der Vogelperspektive, skurrile Bäuche von der Seite, Schamhaare, Achselhaare, Glatzen, glänzende Sixpacks und knatschrote Schmollmünder. Und irgendwo in diese Galaxie hatte ich jetzt meinen Hintern gehängt, quasi als Vollmond über die Weide. Es war von Anfang an sehr unwirklich und sehr unentschieden von mir, um nicht zu sagen: halbgar.

    Als ich das nächste Mal mein Sex-Mailfach öffnete, geschah, was ich so nicht erwartet hatte: Ich geriet in einen Rausch. Beinahe 240 Zuschriften hatte ich seit der Veröffentlichung meines Popo-Fotos erhalten. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich schmeckte: Macht.

    :ohi scorpiobaby. also erstmal wow.  habe dir für dein bild die 10 punkte verteilt und dein profil als sexy bewertet. so nun zum text. ich bin ulf 28 aus berlin. bin 189 cm groß sportliche 89 kg schwer, habe blaue augen und kurzes haar. so das nun zu mir. ich habe dich hier gesehen und auch alles gelesen. ich bin der meinung, das du echt gut gelungen bist. wulfman

    „Bitte, bitte schreib’ mir“, bettelten manche. Eine „Lustbombe“ wie ich bekäme sicherlich sehr viel Post, vermutete ein anderer. Mehrere widmeten sich ausführlich meiner dargebotenen Rückseite, und ich gebe zu: Ich fühlte mich unerwartet geschmeichelt und wollte mehr davon. Ein sexueller Größenwahn bemächtigte sich meiner, eine irre Machbarkeits-Fantasie: Fast die Hälfte der Männer hatte eine „wahre“ E-Mail-Adresse dazugeschrieben. Etwa 30 waren sogar so wahnsinnig, mir auf Anhieb ihre Handynummer anzudienen. Ich hätte eine Stalkerin sein können. Eine Massenmörderin. Die eigene Ehefrau.

    Der Jüngste war 19, der älteste 57, die Kerngruppe zwischen 26 und 43. Während die einen fürs erste ein gepflegtes Glas Wein vorschlugen, stellten die anderen mir direkt ihren Onkel Willie vor. So wie Frauen bei poppen.de ihre Körbchengröße angeben müssen, sind die männlichen Teilnehmer verpflichtet, eine Penislänge zu nennen, und unter 20 Zentimetern war kaum einer dabei. Meinen Vorurteilen entgegen kommend, war etwa ein Drittel der poppen-Männer der Grammatik und Rechtschreibung nur ansatzweise mächtig, schwärmte von meinem „Profiel“ oder schrieb nur das Nötigste, etwa: „Na? Poppen?“ Viele sahen scheußlich aus, schmerbäuchige Idioten in Tangalips.

    Andere aber wussten sich erstaunlich gut auszudrücken und hatten beeindruckend ansprechende Fotos von sich hochgeladen. Dass 24jährige Dreamboys mir ihre Urlaubsfotos zur Verfügung stellten, ihre tadellos trainierten Casting-Körper zu meiner freien gedanklichen Verfügung, und mir ihre Fantasien von der „erfahrenen Frau, die weiß, was sie will“ schenkten – ich gebe zu, das brachte mich kurzzeitig auf Ideen. Einer, angeblich 21, dem Bild nach höchstens 17, bat mich gar um seine „Entjungferung“. Etwa zwei Drittel gaben sich als Single aus, ein Drittel räumte ein, gebunden zu sein wie „Scorpiobaby“. Manche suchten nur „eine Frau“, andere suchten gleichzeitig auch „Paare“ oder „Transsexuelle.“ Und noch während ich diese ersten zwanzig Dutzend Zuschriften überflog, trudelten neue ein.

    :DEine Frau die ich erst kurz kenne, finger ich viel lieber und wenn sie soweit ist, macht es von hinten eh am meisten Spass. Schau einfach mal bei mir vorbei und dann sieht Du ja ob passen könnte. Wenn Du Fragen hast immer raus damit… scharfinberlin, 32

    So ging das etwa ein, zwei Wochen lang. Ich war kaum noch für anderes ansprechbar und schaltete nach 19 Uhr oft den Anrufbeantworter ein. Fast jeden Abend war ich online, ließ mich virtuell umgarnen, umwerben, umschleimen, betatschen, begatten. Einerseits gab es mich, „ScorpioBaby“, in Wirklichkeit gar nicht – andererseits war ich unglaublich beliebt. Weder war „ScorpioBaby“ witzig, originell, schlagfertig, schlau, noch war mit Sicherheit zu sagen, ob sie ein hübsches Gesicht hatte. Sie hätte hängende Mundwinkel haben können, fehlende Schneidezähne und keinen einzigen geraden Satz sprechen können. Aber das war ihren Verehrern egal. Allein drei Dinge zählten: Pobacke Eins, Pobacke Zwei und die halterlosen Strümpfe.

    Selten meldete ich mich bei einem der Männer zurück, und wenn, dann nur sehr kurz. „Danke für Deine freundlichen Zeilen“, antwortete ich auf einige besonders explizite E-Mails, und stellte ein niedliches Smiley mit Sonnenbrille dazu – quasi als Konter auf all das Vorhautgeplapper. Doch für Subtilitäten wie diese ist bei poppen.de nicht das passende Klima. Ich sei zu „schüchtern“, beschwerte sich einer. Ab und an schickte ich auch eine Andeutung wie: „Männer in Anzügen sind ein Schlüsselreiz für mich…“ Belanglose Buchstaben sendete ich ab und an hinüber, ans andere Ende der Leitung. Was hätte ich auch sonst schreiben sollen? Und wem von diesen Männern? Es waren zu viele. Unmöglich, den Überblick zu behalten. Schwierig auch, auf all dem Speichel nicht auszurutschen. Anhand der „RE:“’s in den Betreffzeilen konnte ich sehen, wem ich schon geantwortet hatte und wer nun erneut zurückschrieb. Manchmal las ich eine solche neuerliche Antwort, manchmal klickte ich nur die neuen Bewerber durch. Niemand konnte mich sehen, niemand wusste, wer ich war, ich konnte die zappeln lassen oder locken, ich war Gott, ich war Venus, und eine Körperteilelawine rollte über mich hinweg. Beim Einschlafen sah ich blinkende Smileys vor meinem inneren Auge, im Internetdeutsch „Emoticons“ genannt. Und Penisse natürlich. Viele.

    Etwas an mir enttäuschte mich. Einiges wunderte mich. Erstaunt hat mich zum Beispiel meine eigene Kühle. Es war tatsächlich meine eigene Macht als „ScorpioBaby“, die mich eine Weile lang an diesem Spiel faszinierte. Etwa „BomberJoe“ hinzuhalten, mit wohldosierten E-Mail-Häppchen zu füttern, indem ich andeutete, dass ich Ganzkörperstrumpfhosen mit Loch trage, „Du weißt schon an welcher Stelle“. Solche billigen Tricks genügten, und „Bomberjoe“ schrieb bald dreimal täglich und immer weinerlicher: Warum ich mich so selten melden würde? Ich wisse doch, dass er nur werktags vom Büro aus Zugang zu seinem Account habe. Erst las ich seine E-Mails nicht mehr. Dann löschte ich seinen Zugang zu meinem Profil.

    In Sachen Mindfuck entwickelte ich mich rasend schnell zur Domina und gerierte mich so gemein und brutal wie ich es im realen Leben nie fertig brächte. Auch entwickelte ich rasch einen gewissen Ehrgeiz, die Geilste auf diesem Portal zu sein und stellte mit Befriedigung fest, dass mein Hintern zu den Top Drei in seiner Altersklasse gehörte. Dass ich so zutiefst zynisch und so ungeheuer romantisch zugleich sein konnte: Für eine Weile faszinierte mich das ungemein. Zynisch, weil ich mehr und mehr mit den Sehnsüchten anderer Leute spielte. Romantisch, weil meine eigene Sehnsucht nach etwas Echtem, Großem mir jeden weiterführenden, gar körperlichen Kontakt mit einer solchen Bekanntschaft verwehren würde. Von Anfang an ahnte ich: So konnte ich keinen Sex haben. Nie würde etwas daraus werden. Ich fühlt mich gleichzeitig überlegen und als Versagerin. Schrecklich kompliziert kam ich mir selbst vor. Kurz: Für eine Weile kegelte poppen.de mich aus dem Gleichgewicht.

    :cool:Hallo Scorpio, ich finde dein Profil sehr ansprechend. Auch ich bin gebunden und suche einen Blick über den Tellerrand meiner Beziehung, bei Gefallen gerne längerfristig. Mad Max, 33, Berlin

    Erstaunlich, wie schnell der eigene Blickwinkel sich verändern kann: Im Busfahrer, im Postboten, in meinem Nachbarn sah ich mit einem Mal willige Stücke Fleisch. Eine Frau mit Pumps tippelte vorbei, und ich dachte „Schlampe, Luder, Miststück, Sau“. Ausgerechnet in jener heißen poppen.de-Phase begann im echten Leben ein recht sympathischer Mann mit mir zu flirten. Bloß war ich seltsam drauf, in jenen Wochen, und habe es wohl verdorben, mit furchterregenden Sprüchen, die niemand witzig finden konnte außer „ScorpioBaby, 35 – Oralsex ja bitte“.

    Rasch stellte sich ein gewisser E-Mail-Rhythmus heraus: Montags und dienstags, wenn die Bürowoche gerade erst anfängt, wenn die Schreibtische voll sind und die Laune im Keller, wenn es viel zu tun gibt in den Büros, kommen etwas weniger Zuschriften. Mittwochs steigt die Kurve merklich an. Donnerstags und freitags, wenn es aufs Gute-Laune-Wochenende zugeht, rappelte eine Zuschrift nach der anderen in „ScorpioBabys“ Postfach. Sonntags bricht es dann rapide ab. Sonntags müssen die meisten en famille machen, die Kinder in einen Märchenpark oder auf einen Ponyhof schleppen, mit der Freundin Komödien anschauen oder gemeinsam Ratatouille kochen und Rotwein trinken, der Beziehungshygiene wegen, damit es einmal wieder ein Gemeinschaftserlebnis gibt. Trübsal heißt der Fluss, auf dem die poppen.de-Flotte segelt.

    Üblicherweise weiß ich mir als alleinstehende Frau zu helfen. In meinen poppen.de-Wochen aber ging bald gar nichts mehr. Meine Libido tendierte gen null. „Weißt Du was: Je mehr Bums- und Rammel-Mails ich lese, desto ungeiler werde ich“, gestand ich meiner Freundin. „Nun triff Dich halt mal mit einem, so wie ich“, hielt sie dagegen. Und so suchte ich mir eben zwei heraus, denn doppelt gemoppelt hält besser.

    Als ersten traf ich „Dauerficker“, 38, und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, hatte ich mir einen gewählt, der nicht einmal ein Bild von sich hochgeladen hatte. Das Entscheidende aber, was für „Dauerficker“ sprach: Er kam nicht aus Berlin, sondern wohnte weit weg im Fränkischen. Vielleicht hatte ich insgeheim gehofft, dass es ihn gar nicht gibt. Mit folgenden Worten hatte er sich bei mir empfohlen:

    ;)Hi!Dein Profil/Deine Beschreibung macht mich an!Könnte dir einen One Night Stand anbieten,am 24./25.Sept.bin ich in Berlin.Schau dir doch mal meines an,vielleicht sagt es dir ja zu.Würde mich freuen von dir zu höhren. LG …. Dauerficker

    Nichtssagend, mit zwei, drei Rechtschreibfehlern und einem unmissverständlichen Angebot: Überschaubarer ging es nicht. Was konnte mir da schon passieren? Wir verabredeten uns für den frühen Mittwochabend. Er schlug das Brandenburger Tor als Treffpunkt vor, und zuerst dachte ich, der wolle mich veräppeln. Aber dann sendete er mir seine Handynummer, ich rief ihn an und war beinahe gerührt von seinem unbedarft wirkenden Akzent. Er kannte sich offenbar nicht aus in Berlin, das Brandenburger Tor war das einzige, was ihm eingefallen war. Schließlich einigten wir uns auf die Gedächtniskirche am Kudamm, 18 Uhr. Mit meiner Freundin hatte ich ausgemacht, dass sie gegen 19 Uhr auf meinem Handy anruft – damit ich gegebenenfalls eine Ausrede für einen eiligen Aufbruch hätte. Wie ein Schwein kam ich mir vor, wie ein Psycho. Es gab keinen Grund, diesen Mann zu treffen. Außer, dass ich irgendetwas testen wollte, von dem mir selbst nicht ganz klar war, was das sein sollte.

    Am frühen Nachmittag begann ich, nervös zu werden. Hatte ich mich als Natascha oder als Natalie am Telefon ausgegeben? Auch war ich unsicher, was ich anziehen sollte. Alles mögliche probierte ich aus und entschied mich schließlich, warum zur Hölle auch immer, für mein Lieblingskleid. Vermutlich ist es eine Art Ur-Situation, fest programmiert: Frau trifft Mann und will gut aussehen.

    Als ich durch den Nieselregen zum Treffpunkt stakste, hätte ich mich für die Kleiderwahl jedoch ohrfeigen können. Mir fiel ein, dass ich in jenem Kleid einmal einen bedeutenden Preis überreicht bekommen hatte, und dass ich jenes Kleid auch bei der ersten Verabredung mit meinem letzten Freund getragen hatte, als ich wirklich, wirklich verliebt war, und ich fühlte mich unendlich schmutzig und verkommen, als ich an der Gedächtniskirche ankam, um dort: auf Cliff Richard zu treffen. „Dauerficker“ sah tatsächlich aus wie jener Schnulzensänger, seine Jeans schienen gebügelt, seine Windjacke auch. Ja, wir fanden uns beide wohl auf Anhieb komplett unsexy.

    In einem überteuerten Touristenlokal bestellten wir etwas zu essen. Er wirkte routiniert und etwas angestrengt, als er, wie bei einem Vorstellungsgespräch vielleicht, einige Eckdaten von sich zum Besten gab: Freiberuflicher Raumausstatter sei er. Seit acht Jahren mit seiner Freundin zusammen. Da laufe nicht mehr viel. Bloß hätten sie ein Haus zusammen gekauft, und jetzt hänge man da fest. Furchtbar eifersüchtig sei sie außerdem. Er gönne sich ab und an etwas Freiraum. Das sei alles. Dann war ich dran, bedeutete mir sein Blick. Nun, bei mir war es so: Mein Freund war in der Rockkonzertorganisationsbranche tätig, oft unterwegs, und sicher sehr untreu. Das wolle ich mir nicht länger bieten lassen. Ab und an würde ich mir meine Freiräume gönnen, zitierte ich den „Dauerficker“ selbst, und er nickte und schien einverstanden mit meiner Geschichte.

    Nach geschätzten vier Minuten hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Das Wetter war kurz ein Thema. Der Berliner Verkehr. „Eigentlich bin ich gar nicht der Typ fürs Fremdgehen“, warf ich schließlich ein. Worauf er eilig sagte: „Ich auch nicht! Ich war immer treu! Du bist die erste Frau, die ich auf diese Art treffe!“ Klar, Cliffi, dachte ich, deshalb firmierst Du auch als „Dauerficker“. Sein Schweinesteak kam, und meine Pfifferlingspfanne, und wir kauten stumm. „Schmeckt’s?“, fragte ich. „Nein“, sagte er. So aßen wir weiter.

    „Was machst Du eigentlich gerade in Berlin?“ Da taute er wieder etwas auf, erzählte von einem Freund, den er besuche, mit dem sei er öfter schon in Belzig gewesen, ob ich das kenne, das sei so eine Art Sex-Camp vor den Toren Berlins, freie Liebe und so weiter, ziemlich geil, da habe er schon ein paar Mal… „Nein, kenne ich nicht“, unterbrach ich ihn aufs Höflichste, um ihm die Peinlichkeit seiner Lüge zu ersparen, von wegen er sei noch nie fremdgegangen und so weiter. Wie doof kann ein Cliff Richard eigentlich sein, so ein „Dauerficker“-Dummlack, so ein dammischer? Ob man sich darunter etwas Ähnliches vorstellen müsse wie die Sex-Kommunen in den Houellebecq-Büchern, wollte ich wissen. „Was?“ fragte er zurück, seine Raumausstatterfratze fror wieder ein, und  sein Blick sagte: „Diese Tante da ist doch unfickbar.“ Ich strahlte ihn an, und was ich damit sagen wollte war: „Right Sir, diese Tante hier wirst Du niemals ficken.“

    Ich wollte weg aus diesem schrecklich faden, verlogenen Raumausstatterleben, weg von der missgelaunten Freundin auf dem Eigenheimsofa, weg vom Gruppensex in gebügelten Jeanshosen, weg von allem, was meine Säfte früher oder später für immer versiegen lassen würde, und als mein Handy endlich, endlich klingelte, roch ich die Freiheit und sagte: „Tut mir leid, das ist mein Freund, der ist noch eifersüchtiger als Deine Freundin, und jetzt muss ich gehen.“

    :cool:Ein René Lezard-Anzug ist hoffentlich nach Deinem Geschmack? Cliffhanger

    Ein zweites Treffen mit einem Berliner Mann hatte ich für zwei Tage später vereinbart. Nach der „Dauerficker“-Begegnung hätte ich es beinahe abgesagt. Im Nachhinein bin ich aber dankbar für den Film, den jener 43-Jährige „Cliffhanger“ mir dann noch geschenkt hat. Ich nenne ihn lieber FAZ-Boy, „FAZ“ wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, denn das war die Zeitung, die er las, als ich an einem Freitagnachmittag ins Café Einstein kam, wo wir verabredet waren, und wo sich sonst Verleger und Chefredakteure treffen, Malerinnen und Mode-Designerinnen.

    FAZ-Boy hatte mächtig dick aufgetragen in seinen E-Mails. Dass er mittags oft im Borchardt speise, einem der wichtigsten Promi-Lokale Berlins, wo auch Joschka Fischers und Boris Beckers lunchen. Dass es schade sei, dass jetzt schon der Herbst komme, im Sommer hätten wir mit seinem Cabrio einen Ausflug nach Potsdam zu seinem Wochenendhaus machen können. Dass er donnerstags leider keine Zeit habe, drei Vernissagen und so weiter. „Poser, Angeber, Lügner“, hatte ich gedacht und eine schmale Nadelstreifenhose angezogen, die Hosenbeine in hohe schwarze Schaftstiefel gesteckt, eine seidig glänzende Bluse als Oberteil, von einem corsage-artigen Gürtel auf Wespentaille eingeschnürt: Reitherrinnenlook, um dem Angeber ein Mindestmaß an Respekt abzunötigen.

    Als ich ihn dann von Weitem sehe, erkenne ich jedoch: Er hat nicht gelogen, mit keinem Wort, er ist genau so, wie er sich beschrieben hat: Blond, braun gebrannt, dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, goldener Ehering, ebensolche Manschettenknöpfe, eine atemberaubende Aura von Geld und Gesundheit, ein Upperclass-Sunnyboy wie aus einem Brett Easton Ellis-Roman. Mir wird etwas mulmig zumute. Obwohl die Sonne scheint und das Café voll besetzt ist, voller potenzieller Zeugen für ein etwaiges Verbrechen, sagt mir mein Instinkt, dass hier oberflächlich besehen zwar alles stimmt, aber dennoch Vorsicht angebracht ist.

    Glücklicherweise muss ich zunächst nicht viel reden. FAZ-Boy macht die Show ganz alleine. Hält mir als erstes seinen Ehering unter die Nase, sagt: „Du kannst mich erpressen. Niemand macht sich so leicht erpressbar wie ich.“ Handelt mit Kunst, „in großem Stil“. Ist verheiratet, Haus in Zehlendorf, zwei Kinder. Die Ehe am Ende. Also macht er, was er will. Trifft drei bis fünf Frauen im Monat. „Da waren schon Hartz-IV-Empfängerinnen dabei, au weia, ich kann Dir sagen“, lacht er. Auf Anhieb sieht er mich als Verbündete, das ist unverkennbar, und lobt zügig meine Intelligenz, womit er zwar recht hat, aber wie er darauf kommt, ist mir ein Rätsel, denn außer „Aha“ und „Soso“ konnte ich bis dahin noch nicht viel anbringen. Erzählt, dass es bei den letzten drei, vier Malen immer gleich zur Sache gegangen sei, „eine halbe Stunde, und schon war meine Hose offen, haha.“ Hihi, fast freue ich mich mit ihm, so ansteckend ist seine Euphorie. Erzählt mir von Amsterdamer Kunstkollegen, dass er die zum Spaß stets ins Hotel Hilton führe, in dessen Lobby „die Russinnen“ sich aufhielten. „Die Russinnen wollen natürlich 1.500 Euro für die Nacht – ha, da gucken die Amsterdamer immer und sagen: Wir dachten, Berlin sei so günstig“, lacht der FAZ-Boy, und ich schwöre, er hat die weißesten Zähne der Welt. Erzählt mir dann, dass das natürlich nur „eine Show-Nummer“ von ihm sei, und dass er ausländische Geschäftspartner dann meist in ein bestimmtes „Haus“ führe, „da kann man die Nacht wesentlich günstiger verbringen, da habe ich Kontakte.“ Dann, dass er beim Laternenumzug mit seinem kleinen Sohn neulich eine alleinerziehende Mutter kennen gelernt habe, „gleich Nummern getauscht, he-he.“ Gibt mir seine Visitenkarte, seine echte und wahre Visitenkarte, ich habe das später überprüft, seine Galerie gibt es wirklich, und sein Name ist leicht zu googeln.

    Er berichtet von Treffen mit Sponsoren und Kuratoren, stellt Dutzende Namen der Berliner Lokalprominenz in den Raum und erwähnt, dass er durchaus gern einmal fester zupacke. Natürlich nur, wenn die Frau das auch wolle. Weist immer wieder darauf hin, wie erpressbar er sei, „was man mir alles kaputt machen könnte, das ist der helle Wahnsinn“, und sieht bei all dem viel jünger aus als er ist. Ob er auf Koks ist, möchte ich ihn fragen, erkundige mich stattdessen aber, ob er wirklich schon 43 ist. Da freut er sich sichtlich. „Doch doch, 65, guter Jahrgang!“ Sagt mir, ich sei etwas „Besonderes“, das habe er gleich gemerkt, wir hätten viel gemeinsam, und ich habe keinen Schimmer, was er meinen könnte. Seine Augen quietschen so hellblau wie ich noch keine gesehen habe und ich spüre: FAZ-Boy braucht Hilfe. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich habe Politologie studiert, nicht Psychologie. Also sage ich, dass ich gehen muss, dringende Geschäfte, Filmproduktion, Werbung, unregelmäßige Arbeitszeiten. „Und Dein Freund?“ will er wissen. Wohnt in Wien, sage ich. „Schöne Stadt“, meint er. Während er mir in den Mantel hilft: Ob ich mir Fesselspiele vorstellen könne? „Mal sehen“, sage ich und hole mein Portemonnaie heraus, um meinen Kaffee zu bezahlen. Doch FAZ-Boy legt seine Goldjungenhand auf meinen beunruhigt zitternden Unterarm und signalisiert, dass er bezahlen wird.

    Am nächsten Morgen kommt eine E-Mail:

    :)Es war schön mit Dir. Du bist wirklich eine besondere Frau und sehr sexy. Brenne darauf, Dich wiederzusehen. Kuss, L.

    Ich antworte nicht. Montags eine weitere E-Mail:

    :o Bin auf dem Oktoberfest in München. An solchen Tagen fühle ich mich frei. Will frei sein mit Dir. Lass’ uns mal wegfahren. Ich lade Dich ein. L.“

    Ob er mir danach noch einmal geschrieben hat – ich weiß es nicht. Es wird das letzte Mal sein, dass ich mich bei poppen.de eingeloggt habe. Noch einmal überfliege ich die zuletzt eingegangenen Bewerber-E-Mails, und mein Blick bleibt an einer Betreffzeile mit drei Dollarzeichen hängen: $$$. Ich klicke auf „Lesen“ und sehe dies:

    :cool:Hi… sind 400 € interessant? ladornado, 40, Hannover

    Für eine Hundertstel Sekunde blitzt der Gedanke in mir auf: „Ja, genau. Wenn überhaupt, dann gegen Geld. Warum umsonst mit einem etwas anfangen, wenn es andere gibt, die dafür zahlen?“

    Ich denke, dass es ja wohl nicht sein kann, dass ich das denke, was ich da denke, aber ich denke es tatsächlich, denke ich und erschrecke bei diesem Gedanken. Dann schalte ich die Maschine ab.

    Kein Leserbrief | Das Ressort Verbrechen (3)

         

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