Der diskrete Absturz der Bourgeoisie
Erschienen im Herbst 2011 in Hawaii, dem Magazin des Schauspielhauses Hamburg
Sie wahren den Schein, das Sein ist längst dritter Klasse. Die Stücke des Anton Pawlowitsch Tschechow sind bevölkert von stolzen Figuren, deren Attitüde nicht mehr ihrer sozialen Lage entspricht. Katja Kullmann erinnern die Tschechow-Charaktere an das heutige Freiberufler-Prekariat, über das sie in ihrem Buch „Echtleben“ schreibt: Pleite, aber immer vollendet angezogen, überarbeitet vom Unterbeschäftigtsein und ziemlich clever darin, dem Bruch in der eigenen Biografie ein Schnippchen zu schlagen.
Der Mann ist Mitte 30, ziemlich klug, ziemlich dünn und als kreativer Freelancer voll auf der Höhe seiner Zeit. Er trägt eine Nerd-Brille, einen Jesus-Bart, schmale Hosen, hat ein paar Metropolen von innen gesehen und ist über Kultur und Politik bestens informiert. Sein Liebesleben: wechselhaft bis frustrierend. Ein launischer Langzeitsingle – mit großen Ambitionen. Seine Eltern waren schlichte Provinz-Kaufleute; er, der Sohn, ist ein filigraner Akademiker geworden. Ein teures, elendig langes Medizinstudium hat er abgeschlossen. Aber viel lieber noch als Arzt wäre er: ein Künstler.
Anton Pawlowitsch Tschechow heißt er. Während er seine Stücke und Erzählungen verfasste und darauf hoffte, irgendwann auch mal etwas damit zu verdienen, tobten um ihn herum Studentenunruhen, Massenstreiks und Großdemos: die erste große Industriekrise. Zu seiner Zeit, in den 1890er Jahren, galt jemand wie Tschechow als „Rasnotschinez“. So nannte man im zaristischen Russland einen „Vertreter der aus den nichtprivilegierten Volksschichten hervorgegangenen demokratischen Intelligenz.“1) „Prekariat“ nennen wir solche Menschen heute. Wir treffen sie auf der Hamburger Schanze, quer über Berlin verstreut, in Brooklyn, Tel Aviv, Athen, Madrid: eine stetig wachsende Gruppe oft sehr gut ausgebildeter einstiger Mittelschichtbewohner, die treu an das traditionelle Aufsteiger-Märchen geglaubt haben – und sich nun verblüfft bis verbittert auf den sozialen Absturz vorbereiten.
Ein freies, emanzipiertes, weltoffenes Leben wollten sie führen, diejenigen, die heute in ihren besten Jahren sind. Zwar irgendwie individueller als die Vorgänger, aber eigentlich doch ganz fügsam und letztlich genau wie das System es fordert: „Sei Deines Glückes Schmied – sei Deine eigene AG – sei kreativ!“. Die quasi-künstlerischen Selbstentwürfe allerdings zerschellen zu Tausenden an den Amtstüren des Sozialhilfeverwaltungsapparats. Und es zeigt sich: Das Geldverdienen ist und bleibt das eigentliche Kunststück – das größte von allen.
„Träumereien von einer Tätigkeit, rastloses Analysieren“: Tschechow kennt diese Leute
„Ich habe einmal fröhlich gelebt, wie ein Kind: wenn ich aufwachte, begann ich den Morgen mit einem Lied; ich liebte Sie, ich träumte vom Ruhm, und jetzt? Morgen muss ich in aller Frühe nach Jelez, dritter Klasse … mit Bauern zusammen. Das Leben ist rau!“, sagt Nina Michailovna Zarečnaya in Tschechows „Möwe“ 2). Sie ist eine sorgenfrei aufgewachsene höhere Tochter, die unbedingt Schauspielerin werden will. Heute säße sie womöglich, nach sechs bis siebzehn unbezahlten Praktika und unwürdigen Castings, mit freiberuflichen Fensterputzern und Fahrradkurieren in einem Zugabteil.
Und bestimmt wüsste sie sich einzufügen in die schlau frustrierte „Neue Mitte“, die sich neuerdings als „99 Prozent“ begreift, eventuell die Piratenpartei wählt und sich 24 Stunden am Tag die Seele aus dem Leib facebooket – um die Empörung über die Verhältnisse irgendwie in den Griff zu kriegen. Tschechow kennt diese Leute ganz genau: „Physische Schwäche, Nervosität, frühe Pubertät, leidenschaftliche Gier nach Leben und Wahrheit, Träumereien von einer Tätigkeit, ausgedehnt wie die Steppe, rastloses Analysieren, armselige Kenntnisse neben hohem Gedankenflug.“3)
Heute haben etwaige Abstürze meist diskreten Charakter. Zehntausendfaches, annähernd baugleiches Individualversagen findet statt. Doch macht es jeder artig mit sich alleine aus. Auch ist bislang kaum jemand daran gestorben. Deshalb wirkt alles so friedlich. Wenn wieder einmal ein Lebensentwurf reif fürs Recycling ist, gibt es selten einen lauten Knall, eher geht ihm langsam und leise die Luft aus, wie einem Ballon, der sich ausseufzt, bis nur noch ein lasches Behältnis aus verletztem Blähgummi übrig bleibt, ein fisseliges, klebriges Häutchen.
„Zwischen zwei Projekten“: Der Ausspruch war längst zum geflügelten Wort geworden.
Länger als ein Jahr dauerte es, bis eine Berliner Freundin es ausspuckte: „Na, ich bin auf Hartz, was glaubst Du denn?“ Tatsächlich hatte ihr letzter Job als Landschaftsgärtnerin bei einer Filmproduktion in den Herrengärten von Potsdam schon Monate zurück gelegen, als wir uns kennen lernten. Sie drückte mir eine Visitenkarte in die Hand, die sie als „Natur-Designerin“ auswies, und sagte: „Ich bin gerade zwischen zwei Projekten“, worauf wir lachten, denn jener Ausspruch war längst schon zum geflügelten Wort geworden. Dass sie knapp bei Kasse war, verstand ich sofort. Auf Hartz IV kam ich in unserer Kennenlernphase noch nicht. Nie hätte ich damals geglaubt, dass es so nah an mir dran war.
Vor allem ist die Landschaftsgärtnerin ein beeindruckender Up-to-date-Mensch. Stets weiß sie genau Bescheid, wer wann wo mit wem gewesen ist, welche Vernissage gerade ansteht, wann und wo die nächste Premierenparty brummt. Kurios fand ich gleich zu Beginn: Sie sammelt die Plastikbändchen, die man bei manchen Veranstaltungen ums Handgelenk gepetzt bekommt, und sie kennt einen Trick, wie diese Dinger schadlos und verletzungsfrei vom Handgelenk abzunehmen sind und wie man sie jederzeit wieder dran bekommt, so dass es ganz echt aussieht, was es dann ja beinahe auch ist. Man muss nur schauen, welche Farbe die anderen gerade tragen, an dem Ort, den man invadieren möchte, Blitzblau, Magenta oder Neongelb, und ruck zuck ist man drinnen – Gästeliste hin, Türsteher her -, beim Empfang, auf der Party, im Kongress und kann sich am Buffet laben.
Einmal schlug ich vor: „So lange Du auf ein neues Projekt wartest, kannst Du doch mal in einer Boutique Sachen verkaufen oder in einer Bar Getränke ausschenken, da hängen doch überall Zettel.“ Worauf sie zu Bedenken gab: „Glaubst Du im Ernst, die stellen eine 41jährige Gescheiterte ein, wenn sie hier lauter 21jährige model-like Austausch-Studentinnen für zwei Euro in der Stunde für ihre arm, aber sexy-Theken haben können? Und glaubst Du im Ernst, dass ich irgendwo einen Bürojob kriege, wenn ich denen erzähle, dass ich mein Leben lang Bambusse gestutzt und Torfsäcke geschleppt habe und nun schon im zweiten Jahr durchhänge? Und glaubst Du im Ernst, dass es irgendeine Scheißfabrik gibt, die mich mitmachen lässt, ohne, dass ich ungefähr fürs selbe Geld am Wochenende auch noch schlagskaputt bin und gar nicht mehr ausgehen kann, ohne dass es sich herumspricht, ohne dass ich damit den letzten Anschluss an mein Leben verliere?“ Anfangs hielt ich sie für ein bisschen arg wählerisch.
Das Shopping betrachtete sie als Investition in ihre Marke “Ich”
Auch mit einem vorhersehbaren Insolvenzfall verbringe ich seit Jahren unterhaltsame Stunden. Es handelt sich um die schönste Frau, die mir je abseits eines Bildschirms begegnet ist, eine aufgestiegene Einwanderertochter, die in den Ausläufern der Mode-Industrie ein fest-freies Auskommen gefunden hat. Ständig ist sie unterwegs, überall Presse-Empfänge, hier eine Gala, dort ein Award. Zwei, drei Mal ist sie auf einem Roten Teppich zufällig mitfotografiert worden und als Randfigur in ein People-Magazin gerutscht. Anders als die wichtigen People in den People-Magazinen wirtschaftet die unwichtige Bekannte ohne Sponsoren-Vertrag, sieht sich aber dennoch gezwungen, ihre Firma angemessen zu repräsentieren, und so verschuldet sie sich sehenden Auges für sogenannte fashion statements.
Als wir uns eines Abends wieder einmal bei einer Vernissage begegneten, einem der üblichen Show-off-Termine in mittelgroßem Kreis, sah sie wie immer perfekt aus. Ihr Blick flirrte, wir versuchten, Quatsch zu machen, und plötzlich sagte sie: „Scheiße, ich bin broke. War heute bei der Bank, die machen Ärger. Ich wusste nicht, dass ich insgesamt 9.000 Miese habe, ich dachte, es sei weniger. Jetzt muss irgendwas passieren, hat der Bankfuzzi gesagt. Was soll ich tun?“
Das einzige, was mir einfiel, war: „Kauf’ nicht immer so viel Chichi-Mist.“ Aber das sagte ich nicht. Sie wusste ja selbst, dass sie ihre Finanzkraft beharrlich überschätzte. Sie war die erste in ihrer Familie, die es in die Luxuslounges eines Neunziger-Jahre-Traums geschafft hatte, sie war das Vorzeigekind der weiträumig verzweigten Einwandererfamilie, die Hoffnungen eines rechtschaffenen Handwerker- und Kioskbesitzer-Konsortiums lasteten auf ihr – und in ihrem Anpassungswillen hatte sie sich komplett über den Tisch ziehen lassen vom schönen Schein. Einer Menge autochthoner Einwohner des Landes ging es ja genauso. Ich konnte mir ausmalen, wie das zwischen ihren Synapsen zusammenhing: Das Shopping betrachtete sie als Investition in ihre Zukunft, in ihre Marke „Ich“, ihr Chiffon-Kleid war ihr Arbeitsgerät, sie malochte in einer mit Botox zurechtgezurrten Grinsekatzenbranche und hielt sich an deren Standards.
„Ich dachte immer, Du verdienst ganz gut…?“
„Pffff“, machte sie.
„Vielleicht solltest Du Dir einen anderen Job suchen, vielleicht etwas Handfeste-re-re-res“, schlug ich vorsichtig vor. „Oder Du musst ein paar Schuhe und Taschen verkaufen, es gibt doch diese Second-Hand-Läden für Designerware, das werden doch immer mehr?“
Ein Flehen oder etwas anderes Beunruhigendes lag in dem Blick, mit dem sich mich fixierte. „9.000 Euro, und am Ende des Monats werden es zehn sein.“
Etwa eine Minute standen wir wortlos noch so da.
Dann trat sie die ausgerauchte Kräuterkippe mit ihren verboten teuren Softleder-Ballerinas von Balenciaga, Tod’s oder einer anderen bescheuerten Fabrik aus. „Gehen wir wieder rein?“
Deine Biographie – ein Schmierentheater
Beide, die abgehängte Landschaftsgärtnerin und die verstrickte PR-Kraft, sind selbst schuld an ihrer Lage – oder etwa nicht? Sind das etwa echte Opfer, bitteschön? Warum verharren sie, wie funkelnde, blitzschnelle Eidechsen es aus unerklärlichen Gründen manchmal tun, in Schockstarre? Sie sind Menschen, sie haben ein Gehirn! Sollten sie sich nicht dazu durchringen, schnellstmöglich jemand anderes zu werden? Sollten sie ihre Ideen von sich selbst, ihrem Beruf und ihrer Lebenswelt nicht aufgeben, besser heute als morgen? Wie bei einer abgelaufenen Fahrkarte den „entwertet“-Stempel akzeptieren, zügig aus- und umsteigen, statt sich im Zugklo zu verstecken, in der Hoffnung, der Kontrolleur zieht noch einmal vorbei? Biograficus interruptus – und die Hoffnung, dass es eines Tages doch noch einmal funktioniert: Wann ist der richtige Zeitpunkt, sie aufzugeben? Hat man ein Meeresrauschen im Ohr, wenn es so weit ist?
„Sie geben sich als distinguierte Menschen. Sie sprechen exakte Sätze, machen knappe Handbewegungen dazu und tragen sorgsam ausgewählte Kleidung – nicht affig, sondern hochwertig in Grau, Anthrazit und Schwarz.“ So beschrieb eine deutsche Tageszeitung einige Monate nach der Lehman-Krise ein junges Unternehmer-Paar aus, na von wo schon, Berlin. 32 und 34 Jahre jung sind die Existenzgründer, eine junge Frau und ein junger Mann, und Ihre Geschäftsidee ist schlicht, aber erfolgreich: Mit ihrem Catering-Service liefern sie solventen Hauptstadt-Kunden Drei-Sterne-Food nach Hause, einem gewöhnlichen Pizza-Bringdienst ähnlich, nur dass es sich um Ware aus renommierten Restaurants handelt, deren zierlichste Vorspeisen vermutlich in etwa so viel kosten wie beim Lupo-Express eine Familien-Pizza XXL mit Double Cheese und fett Bacon für alle.
Mit einer gar nicht knappen, vielmehr etwas unkoordinierten Handbewegung schob ich das 6,99 Euro günstige Standard-Sofakissen schwedischen Fabrikats in meinem Rücken zurecht, griff in die Tüte anspruchslosen Zuckerspecks, die neben mir auf dem nicht eben sorgsam ausgewählten Couchtisch lag, strich mit den klebrigen Fingern meiner unlackierten rechten Hand eine Strähne liederlichen Post-Enddreißigerinnenhaars aus meinem Touristenklassen-Gesicht und las fasziniert weiter: „Sie (die Gründer) sehen nicht angesagt aus, sondern wie Menschen, die genau wissen, was sie wollen.“ Welch Ungeduld da in den Zeitungszeilen mitschwang: Endlich wieder einmal zwei junge Leute, die einen Plan haben! Endlich ein Entwurf, der durchdacht ist! Genau zu wissen, was man will: Dahinter steckt bestimmt der Wille zur Macht, überlegte ich. Und noch etwas fiel mir auf: „Sie geben sich als distinguierte Menschen“, stand in dem Artikel, und: „Sie sehen aus wie Menschen, die genau wissen, was sie wollen.“
Da war sie wieder: diese ungeheure Sehnsucht nach Eindeutigkeit, die allenthalben in der Luft zu hängen scheint. Die Skepsis, ob überhaupt irgendeinem sozialen Signal heutzutage zu trauen ist. Die Erfahrung, dass jeder Oberfläche eine ganz andere Bedeutung zu Grunde liegen könnte. Der Zweifel, ob man die Signale des Gegenübers richtig interpretiert oder vielleicht der eigenen Gutgläubigkeit aufsitzt, einer gelungenen Inszenierung oder einem mutwilligen Ablenkungsmanöver. Die Unsicherheit über die wahren Motive des anderen und die Sorge, dass alles, alles, alles tatsächlich nur ein großes Schmierentheater ist.
Katja Kullmann, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet als Journalistin und Autorin in Hamburg-Altona. Ihr Essay basiert auf einem Kapitel ihres Buches „Echtleben“, in welchem sie anhand ihrer eigenen Achterbahn-Karriere von den verblassten Versprechungen des kreativen Zeitalters erzählt – und von der Kunst, mit einem Toastbrot das Monatsende zu erreichen. „Ein wichtiges soziologisches, politisches Buch, das man immer amüsiert liest“ schrieb die FAZ, „obwohl es eigentlich eine traurige Geschichte erzählt.“ Echtleben. Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben. Frankfurt a.M. 2011, 256 Seiten, Euro 17,95 €
Die Möwe
von Anton Tschechow
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Martina Küster
Musik: Stefan Paul Goetsch.
Es spielen Johanna Falckner, Johannes Flachmeyer, Tim Grobe, Ute Hannig, Markus John, Janning Kahnert, Irene Kugler, Martin Pawlowsky, Franziska Schubert, Sören Wunderlich
Die Autorin